Archiv der Kategorie: Gesellschaft

Ein stilles Haus am Rhein

Der Rhein bei Unkel, Foto von Bettina Johl

Der Rhein bei Unkel, Foto von Bettina Johl

Immer wieder wird er Mensch geboren
Spricht zu frommen, spricht zu tauben Ohren,
Kommt uns nah und geht uns neu verloren…

Hermann Hesse (Aus: Der Heiland)

Immer wieder um diese Zeit: Zuflucht nehmen zu Dichtern, die sich dazu bekannten, Weihnachtsmuffel zu sein, wie mein geschätzter Hermann Hesse, der nach eigenen Worten die „verlogene Sentimentalität“ als unerträglich empfand, nicht ohne jedoch aus dieser Haltung heraus immer wieder den Blick auf dennoch Bleibendes zu richten: Winzige Momentaufnahmen oft nur, – Augenblicke des Innehaltens, des Auffindens so manchen Edelsteins im allgemeinen Lametta-Flimmern, – wie das empfundene Glück des Anteilhabens an der Verzauberung kleiner Kinder, deren Blick noch ungetrübt ist, die noch nicht erfasst wurden vom allgemeinen Sog des Sich-verstellen-Müssens und des Überdrusses.

Meine eigenen Rückzugsversuche, immer wieder tageweise: Ein stilles Haus in Unkel am Rhein, an einem Ort, in welchen seit einigen Wochen winterliche Ruhe Einzug gehalten hat, – vorüber die lärmende Herbstsaison weinseliger Ausflugstouristen, – die sich allerdings in diese alt-ehrwürdigen Mauern ohnehin nicht zu verirren drohen; hier ziehen sich allenfalls Geistliche zur Erholung zurück, und kleinere Gemeindegruppen treffen sich zu Exerzitien und Einkehrtagen. Mein Blick aus dem Fenster geht hinaus auf den ewigen Strom; ein Zimmer zum Rhein hin ist in diesen Tagen ohne Schwierigkeiten zu bekommen, obwohl auch die andere Seite ihre Vorzüge hat. Sie wiederum ist die ruhigere, mit Ausblick auf einen parkähnlichen Garten, von einer hohen Mauer mit schmiedeeisernem Tor gegen ein wenig befahrenes Gässchen abgeschirmt. Hier gedeihen prächtige Rosen, die auch noch jetzt im Dezember vereinzelt blühen; es gibt einen beleuchteten Brunnen, der an wärmeren Tagen für akustische Untermalung sorgt, Sitzbänke und ein kleines Kiesrondell, in dessen Mitte eine zierliche weiße Skulptur des Heiligen Jakobus uns daran gemahnt, dass wir Pilger sind. Mehrere Katzen pflegen dort herumzustreichen; eine von ihnen, mit mehr weiß als schwarz geflecktem Fell und einer lustigen Gesichtszeichnung, begrüßt mich stets nach Katzenart mit Nasenkuss, was ich mir als besondere Ehre verbuche. Ihren Namen kenne ich nicht, nenne sie seit längerem nur „die Klosterkatze“, obwohl sie, wie die Nonnenschwestern, die sie offensichtlich ins Herz geschlossen haben, mir erzählten, irgendwo in der Nachbarschaft ihr Zuhause hat. Zu bestimmten Tageszeiten findet sie sich regelmäßig ein; sie kommt einfach über die angrenzenden Dächer oder springt elegant durch die Gitterstäbe des Tors, sonnt sich an wärmeren Tagen im Rosenbeet, hierbei stets wachsamen Auges die Küchentür im Blick behaltend, – wohl wissend, dass diese sich zur gegebenen Zeit öffnen wird, um den dort versammelten schnurrenden Mäusefängern ihren Anteil an dem zukommen zu lassen, was in einer Küche so an Übrigem anfällt.

Die Seite zum Rhein ist lauter als jene zum Garten, betriebsam, – viel Schiffsverkehr auch um diese Zeit, welcher jedoch nicht stört. Der uralte Strom ist nun einmal lebendig, – dies gehört sich so für ihn -, er bietet dem Auge stets neue Bilder und erzählt seine eigenen Geschichten. Die alten Mauer zittern spürbar beim Stampfen der Motoren stromaufwärts fahrender Lastschiffe, die vom Wellengang bewegte Schiffslandebrücke unmittelbar unter dem Fenster gibt quietschende Geräusche von sich, – aber das alles muss so sein, verleiht mir das Gefühl, selbst Anteil an dieser Lebendigkeit zu haben, wie selbstverständlich in diesem großen Ganzen aufzugehen.

Das Haus mit den ehrwürdig anmutenden, hohen Räumen hingegen versetzt in eigentümliche Stimmung, – fast vermittelt es den Eindruck, aus der Zeit gefallen zu sein: Das Knarren der hölzernen, weitläufigen Wendeltreppe, Lichtspiegelungen der bunten Glasfenster auf den Stufen, die Eingangshalle und die hohen Flure mit den mächtigen alten Möbeln und Gemälden, Schilder, die noch aus früheren Tagen stammen, bezeichnen die Räume: Speisesaal, Konveniat, Bibliothek, – ja, es gibt wahrhaftig eine Bibliothek! -, das Herzstück des Hauses, gut bestückt, keineswegs nur mit geistlicher Literatur; ein Raum, der zum ruhigen Arbeiten wie geschaffen wäre, zöge der Blick aus dem Fenster mich nicht alsbald hinaus.

Hier springe ich über meinen Schatten und genieße die Morgenstunden, die ich nirgendwo so sehr als hier schätze: Den kühlen, dieser Tage schlicht adventlich geschmückten Frühstücksraum betreten und die Stille in sich aufnehmen. Kaum Gäste sonst, Kaffee steht bereit, – von den Ordensfrauen ist keine zu sehen; die Stunde, die mir früh erscheint, ist für sie eine fortgeschrittene, – längst sind sie in der Heiligen Messe. Wer in dieser Zeit ein Anliegen hat, wartet eben, bis der Gottesdienst vorüber ist, – so ist das hier. Gedämpfter Gesang ist von der Hauskapelle im obersten Stock her zu vernehmen, ansonsten wird das Schweigen, in welches das Haus sich hüllt wie in einen schützenden Mantel, nur hin und wieder vom Viertelstundenschlag der alten Standuhr im Gemeinschaftsraum unterbrochen. In Ruhe die erste Tasse Kaffee trinken und dabei durch ein Erkerfenster auf das Siebengebirge und den Fluss schauen. Das Kreisen der Möwen beobachten, die sich spielerisch vom Wind tragen lassen, um dann wieder ihre Lieblingsplätze auf der Landebrücke einzunehmen, den majestätischen Flug der Kormorane, die sich irgendwann auf dem Wasser niederlassen, um sich auf ihre ausgedehnten Tauchgänge zu begeben, über deren lange Dauer sie uns Beobachtende stets aufs Neue zu verblüffen verstehen. Später werden sie sich auf dem Felsgestein auf Inseln im Fluss oder am Ufer niederlassen und mit ausgebreitet hängenden Flügeln ihr Gefieder trocknen, was ihnen ein drolliges Aussehen verleiht. Sie sind mir ans Herz gewachsen und haben die Anfeindungen mancher Zeitgenossen gewiss nicht verdient; die Probleme; für die sie zuweilen verantwortlich gemacht werden, sind – wie vieles – menschengemacht.

Etwas Gebietendes und zugleich  Beruhigendes hat er, der Strom, der in Wirklichkeit unbezähmbare, der uns mit seiner Urgewalt immer wieder die Grenzen unserer Möglichkeiten, unseres menschlich und technisch Machbaren aufzeigt. Wir fühlen: Es muss so sein. Die Farben an seinen Ufern sind verblasst, – Winterruhe -, dennoch wechselt er beständig sein Bild, zeigt sich mit dem dahinter liegenden Gebirge zu jeder Tageszeit in anderem Licht, – mal in trübem Grau, mal leuchtend blau, dann wieder in Rot und Gold, mit gleißender Oberfläche durch Spiegelungen von Morgen- oder Abendsonne, manchmal auch gänzlich nebelverhangen oder in Regenschleier gehüllt. Zuweilen noch zieht ein Trupp verspäteter Wildgänse in typischer Flugformation mit lauten Rufen vorüber, – selten glückliche Zufallsmomente.

Andere haben vor mir hier Zuflucht gesucht, unter ihnen Konrad Adenauer, als er zu Zeiten des Nazi-Regimes aus dem Regierungsbezirk Köln ausgewiesen war und im selben Haus Aufnahme fand. Saß er womöglich hier an diesem Platz, schaute so wie wir aus dem Fenster auf den Rhein? Es liegt nahe, aber wir wissen es nicht. Überhaupt, – was wissen wir später Geborenen, vor nichts Bedrohlicherem auf der Flucht als vor Alltags-Überdruss und gelegentlich vor uns selbst, von wirklicher Verfolgung und Exil? Nichts. Nichts – oder wenig – vom Ausgegrenzt- und Eingeschränkt-sein durch äußere Zwänge bis hin zur Bedrohung von Leib und Leben, vom Bangen und Hoffen in einer hoffnungslos anmutenden Situation mit ungewissem Ausgang. Die Zwänge, gegen die wir heute kämpfen, sind anderer Natur. Das Schwierige an ihnen ist: Nicht immer lassen sie sich klar benennen, – dennoch sind sie da und machen uns nicht wenig zu schaffen. Sie kommen aus größtenteils unerforschten Regionen, – aus unserem eigenen Inneren. Der Kampf, den wir gegen sie zu führen versuchen, gerät uns manchmal zum Kampf gegen uns selbst.

Als wenn es diesem Ort bestimmt wäre, die These zu untermauern, dass sich Dynamik aus der Wechselwirkung von Gegensätzlichem ergibt, verbrachte auch Willy Brandt seine letzten Lebensjahre ganz in der Nähe. Adenauer und Brandt, – Persönlichkeiten, wie sie sich unterschiedlicher nicht denken ließen, – und doch verbindet sie, dass sie große Staatsmänner waren, herausragende Politiker, die sich in keinen Rahmen, kein Muster pressen ließen, die den Mut hatten, auch ungewöhnliche Wege zu gehen, – mit großen Visionen, derer viele sich über ihre Lebenszeit hinaus als tragfähig erwiesen.

Wand an Wand steht das Haus Freiligraths, des großen Dichters des Vormärz, welcher hier sein Leben als freier Schriftsteller begründet haben soll. Manchmal ertappe ich mich beim nächtlichen Lauschen auf dem kleinen Balkon, – im Lärm der Schiffe genügt nur ein wenig Phantasie, um sich im Nebenhaus Stimmen aus Unterhaltungen längst vergangener Zeiten einzubilden. Große Namen, die hier verkehrten: Levin Schücking, Annette von Droste-Hülshoff,  Johanna und Adele Schopenhauer, vielleicht auch Goethe. Ihnen mag sich kein sehr viel anderes Bild als heute geboten haben, wenn man sich die Straßen und die Bahnlinie wegdenkt, – der Strom ist hier wenig gezähmt und trotz aller Bewegung und Lebendigkeit immer derselbe, – der uralte, ewiggleiche, der noch fließen wird, wenn sich unserer längst niemand mehr erinnert, – noch weniger unserer Vorhaben und Projekte, von denen zu unseren Lebzeiten für uns so vieles abhängen will. Diese Erkenntnis erschreckt – und hat zugleich doch wieder etwas Beruhigendes, denn wohl sehen wir vor diesem Hintergrund die Bedeutung unserer Anliegen verblassen,  aber gleichermaßen sehen wir auch deren Bedrohungen ins Nichtige und Kümmerliche zusammenschrumpfen. Dies wäre eigentlich ein Grund zu heiterer Gelassenheit, welche auch den Ordensschwestern hier eigen ist. Aus dem fernen Indien hat es sie hierher verschlagen, – heute hier, in ein paar Jahren vielleicht wieder ganz woanders im Einsatz, – was tut es? Gott, – nennen wir ihn so, in tiefem Respekt vor diesem Ort -, ist überall und kann überall Menschen für seine Sache brauchen; so viel ist sicher, – unabhängig davon, in welcher Gestalt er sich den Menschen, welchen Glaubens und wo auch immer, offenbaren mag.
Frieden ist ein Bedürfnis, welches viele Menschen aller Religionen teilen. Die Weihnachtsbotschaft ist eine Botschaft des Friedens. Sie stößt auf viele fromme, – leider auch auf noch mehr taube Ohren. Und sie geht schnell flüchtig, wo sie nicht sorgsam bewahrt wird. „Das Licht scheint in der Finsternis, doch die Finsternis hat’s nicht ergriffen“, wusste der Prophet Jesaja bereits in alttestamentarischen Zeiten vorauszusagen. „Kommt uns nah und geht uns neu verloren“, sagt unser Dichter Hermann Hesse viele Jahrhunderte später. Er bringt unser Dilemma auf den Punkt. Das Verlorengehen bereits vorweggenommen im Nahe-kommen, Sich-Annähern, – vielleicht ist es dieses Wissen, das es uns so schwer macht, der Botschaft Glauben zu schenken? Nichts festhalten können! Aber was wäre die Alternative? Sie deshalb gar nicht mehr an uns heranzulassen? Aus Angst vor der Flüchtigkeit, dem Wieder-verloren-gehen, ihr den Zugang verweigern? Uns ihr verschließen? – Es wäre schlimm, – wir ahnen es! Und genau deshalb geht es nicht.

„Wir machen dieses Fest nicht“, hörte ich vor Jahren einmal den Pfarrer meines damaligen Wohnortes in der Christmette sagen, „wir sind Eingeladene.“ – Im Erinnern denke ich, es könnte etwas dran sein.

Bettina Johl

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Die Lütte – Eine Kurzgeschichte

von Bettina Johl

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Das Land verschließt sich die ersten Tage, immer, auch bei jährlicher Wiederkehr. Fremd liegen die Hügel, dunkel und verschwiegen die Kiefernwälder, – selbst ihren Duft – Inbegriff des mecklenburgischen Sommers, auf den du dich das Jahr über freutest, wie auf nichts sonst – scheinen sie zurückzuhalten. Jeder Grashalm scheint dich abzuweisen, dir die Frage zu stellen: „Was willst Du hier? Was suchst Du?“ Und du bleibst die Antwort schuldig, stehst ratlos, weißt nur, dass dir die Zeit weglaufen will, – drei Wochen sind verdammt kurz, ja, aber was will ich denn eigentlich hier?

Und es hilft nichts, – erst wenn du aufgehört hast, dir den Zugang mit Macht erkämpfen zu wollen, wenn du aufhörst, alles auf die gewohnte Art an dich reißen zu wollen, wenn du akzeptiert hast, dass diese Natur in ihrer weitgehenden Ursprünglichkeit ohne dich auskommt, sich zu Recht verschließt, dich nicht braucht, – und wenn du die Trauer darüber erneut zulassen kannst, dann erst merkst du, wie sich der Rhythmus zu verändern beginnt – oder bist es du selbst? Du beginnst, unmerklich einzutauchen, mit der Gegend zu verwachsen, wirst ein Teil von ihr, bis du merkst, dass es am Ende der dir hier verbleibenden Zeit für eine schmerzlose Trennung längst wieder einmal zu spät ist.

In flirrender Mittagshitze die schattigen Alleen entlang gehen, barfuß über sandigen Boden, ohne bestimmtes Ziel, einfach nur zu dem Selbstzweck des Unter-Bäumen-entlang-Laufens. Überhaupt: Solche Bäume! Mächtige Riesen, von denen jeder einzelne zuhause locker als Naturdenkmal durchginge. Hier bilden sie lange Tunnels, grün überwölbte Säulengänge, jede Art auf ihre Weise. Lindenalleen, im Sommer dunkel, geheimnisvoll, zugleich Schutz und Schatten gewährend. Höher, imposanter noch die Kastanienalleen, – immer wolltest du auch einmal ihre Blütezeit in dieser Gegend erleben, nie kam es dazu. Eichenalleen, majestätisch erhaben – beinahe unwirklich -, an gotische Kathedralen erinnernd. Gotisch, mit sehr viel Oberlicht, die hohen Eschenalleen, – eintauchen in flirrendes Hellgrün. Heller und unbeschwerter noch die Birkenalleen, trotz hohen Alters der Bäume Jugend und Fröhlichkeit ausstrahlend. Auch Obstbaumalleen fandet ihr hin und wieder: Eine Allee von alten Apfelbäumen entlang einer Nebenstrecke, die ihr oft nahmt, um auf dem Weg zu Freunden abzukürzen. Immer wieder Birnbaumalleen, einmal sogar eine kleine Allee von Pflaumenbäumen, meist an entlegeneren Straßen, auf denen euch auf rumpelndem Kopfsteinpflaster kaum ein Fahrzeug begegnete. Wenn doch, musste eines der Enge wegen auf den sandigen Seitenstreifen ausweichen, Staub wirbelte an trockenen Tagen auf; mit dem Weiterfahren musste gewartet werden, bis die Sicht wieder frei war. Straßen, die ins Nichts zu führen schienen, an deren Ende schließlich aber immer doch noch ein letztes, ein allerletztes Dorf lag, manchmal nur aus fünf Häusern bestehend, wo Scharen frei laufender Hühner und aufgeregt schnatternder Gänse mitten auf dem Weg dich am Vorankommen hinderten, was dich nie störte, solange kein Einheimischer von hinten Hupkonzerte veranstaltete und zu halsbrecherischen Überholmanövern ansetzte. Ende der Welt? Wohl doch nicht, denn auf dem Schild saht ihr die Vorsilbe „Groß-“ dem Ortsnamen vorangestellt; ein weiteres Schild am Ortsende, an einer Straße, die eigentlich nur mehr noch ein Sandweg war, verwies auf den nächsten mit „Klein-“ beginnend, und es bereitete euch gewisses Vergnügen, euch vorzustellen, wie klein dann erst dieser sein mochte.

Wenige, die sich in selbige entlegene Gegend verirrten. Es war gerade die Ruhe fernab der touristisch bereits erschlossenen Orte, die euch anzog. Hin und wieder suchtet ihr natürlich auch die äußerlich attraktiveren Plätze auf, – um hernach stets wieder gern in die Stille dieses zurückgezogenen Landstrichs abzutauchen. Eine Stille – Balsam für euch, für viele der hier Lebenden jedoch – ihr wusstet es, bekamt es in Gesprächen mit – nervenzehrend, Friedhofsruhe bedeutend. Die Ortschaften ähnelten sich: Ein verfallener Gutshof, umstanden von teilweise genutzten Genossenschaftsgebäuden, einige schlichte, kleine Häuser, dazwischen ein, zwei große Plattenwohnbauten. Sandige Wäscheleinenplätze, mehrere Reihen kleiner Doppeltüren-Garagen. Dazwischen ungehindert wachsendes Gras, Königskerzen und halbwild wachsende Stockmalven, hohe Bäume. Nirgendwo die geringsten Symptome zwangsverhaltensartigen Heckenschneidens und Rasenmähens. Idylle in der Unaufgeräumtheit; – an die Hässlichkeit sozialistischer Bauvergangenheit und der dem Verfall preisgegebenen Häuser aus Zeiten davor gewöhntet ihr euch, – auch Ruinen lässt sich mancher Charme abgewinnen -, freutet euch an der Natur, die hier überall dazwischen Raum fand, – nahezu grenzenlosen Raum.

So auch das Dorf, in dem ihr des Öfteren bei einer Freundin zu der einen oder anderen Tasse Kaffee Station machtet. Sie besaß ein Grundstück unmittelbar gegenüber dem  Plattenbau gelegen, in dem sie wohnte; dazwischen eine Durchgangsstraße mit weißem Mittelstreifen, auf der es sich niemand einfallen ließ, auf etwaige Geschwindigkeitsbeschränkungen zu achten. Kein Überweg. Überqueren ein tägliches Abenteuer, wenn nicht ein Alptraum. Sie bewirtschaftete auf dem jenseitigen Grundstück Stall und Garten, während sie, nachdem ihr Mann nicht lange nach der politischen Wende plötzlich bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war, das neu gebaute Haus darauf vollständig der Tochter überlassen hatte. Auf dem Hof tummelte sich stets eine Vielzahl an Tieren, nebst Hühnern, Tauben und einem betagten Pony, einige Hunde und Katzen, die sie zum Teil verletzt auf jener Straße aufgesammelt und unter Einsatz ihrer Liebe und ihrer Ersparnisse, die für die teuren Tierkliniken draufgingen, aufgepäppelt hatte. Das Ganze hatte bei allem eine tragische Komik, und einen ihrer berühmten Sätze: „Die Katze war halb tot! Mindestens!“ zitiert ihr bis heute immer wieder gern; er wurde gewissermaßen zum Running Gag. Jene Katze, von der er handelte, war eine vielbewunderte Schönheit, dreifarbig – Glückskatze! -, mit glänzendem Fell, die noch ein recht langes Leben haben sollte. Ihre schlimme Vorgeschichte war ihr fast nicht anzusehen, außer, dass sie in der Bewegung etwas trudelte, ihre Hinterbeine beim Gehen ein wenig in eine andere Richtung steuerten. Dies schien sie jedoch kaum zu stören; sie schaffte es sogar, ohne Hilfe auf die Fensterbank zu springen. Sie teilte die Wohnung und den Platz im Herzen ihrer Retterin mit einem kleinen, ebenfalls einst zugelaufenen Hund unbekannter Rasse, der sich stets buchstäblich vor Freude überschlug, wenn er euch nach einem Jahr wiedersah, keinem von euch mehr von der Seite weichen wollte und euch häufig bei euren Streifzügen begleitete, auch zum Baden an einem versteckt gelegenen See, an den man gelangte, wenn man ein kleines Kiefernwaldstück durchquerte.

Es gibt in der Gegend ungezählte Seen; auch sie liegen still und unaufdringlich, man nimmt erst nach und nach wahr, wie viele ihrer sind. Diesen mochtet ihr besonders; er wurde fast nur von Kindern aus dem Ort und aus einem nahegelegenen Ferienlager für Stadtkinder aus Berlin aufgesucht. Jene bildeten eine fröhliche, angenehme Gesellschaft, und sowie sie zur nächsten Unternehmung aufbrachen, hattet ihr die Wiese und Steg wieder für euch, konntet am Ufer im klaren, seichten Wasser die kleinen, transparent schimmernden Fische beobachten, die sich, sobald Ruhe eingekehrt war, wieder aus dem Schilf wagten.  Die Wassertiefe war so beschaffen, dass man in Ufernähe überall stehen konnte, und nahm bis fast zur Mitte des Sees auch nicht weiter zu, so dass sich selbst diejenigen hinein trauten, die offenen Gewässern größten Respekt entgegenbrachten. Es gab ein kleines Strandcafé, in einer winzigen Hütte mit nur zwei Tischen auf der engen Holzterrasse, die jedoch selten belegt waren. Dort gab es stets Getränke, Eis und guten Kaffee, – was wolltet ihr mehr?

Manchmal kehrtet ihr auf dem Rückweg im einzigen Gasthof des Ortes ein, der gleich am Wald lag, wo eine kleine, stillgelegte Bahnstrecke verlief. Das Gebäude mochte früher zum Bahnhof gehört haben, als dieser noch in Betrieb war. Der Pächter schien das Restaurant, das vermutlich zuvor längere Zeit leer stand, noch nicht allzu lange zu betreiben; die Einrichtung wirkte neu. Tatsächlich fanden sich hier zuweilen einige Feriengäste ein. Das hiesige ehemalige Gutshaus war frisch renoviert und beherbergte Ferienwohnungen, welche zur Saison recht gut besucht waren, oft genutzt von Familien, die in Begleitung ihrer Hunde Urlaub machten. In dieser Gegend waren Haustiere noch willkommen. Eure Freundin allerdings geriet zuweilen an den Rand einer Krise, da ihr kleiner, vierbeiniger Schützling – sein Name war Rudi! -, so sanft er sonst war, die Macke hatte, mit jedem hinzukommenden Rüden unverzüglich Streit anzufangen, und zwar ohne sich um desselben Größe und eventuelle körperliche Überlegenheit zu scheren. Restaurantbesuche fielen demzufolge immer ähnlich aus: Ängstliches Umsehen bereits in der Tür, – ist da ein Hund – nein? – gut! Wenn ja – Hund oder Hündin? Hündin? Alles okay! Hund? „Nee, ich glaube, wir drehen noch eine Runde und kommen später wieder!“  War diese Hürde überwunden, der kleine Raufbold an kurzer Leine unterm Tisch verstaut, konnte sich die einstweilen entspannte Situation jederzeit ändern, sobald eine neue Familie das Lokal betrat. Argwöhnisches Beäugen. Hund dabei? – Nein. Erleichtertes Aufatmen. – Ja! – Hund oder Hündin? – Hündin? Okay. – Hund? „Ich muss hier raus!“ Sie traue sich, erzählte sie, ohnehin kaum noch, mit ihm Gassi zu gehen, da draußen sehr viele unangeleinte Tiere von Kampfhundeformat herumliefen, manchmal ohne Begleitung, und wenn in Begleitung, dann sähen die Zweibeiner oft noch weniger vertrauenerweckend aus. Die meisten seien wohl ganz harmlos, aber wer könne das wissen? – „Die fühlen sich stark, weil alles Angst vor ihnen hat, und – wie gesagt, mein Hund fängt mit den größten Tölen Streit an. Neulich blieb mir fast das Herz stehen, – saß da so ein Typ – Glatze, Springerstiefel, Tattoo – was sonst? – mit einem Riesen-Pitbull auf der Stufe mitten in der Haustür. Ich kam vom Hof drüben zurück und hatte die Katze dabei, weil sie nicht gern allein oben bleibt; da saß er da und versperrte mir den Weg. Was tun? Ich hatte keine Wahl. Ich sagte zu ihm: ‚Halten Sie bitte den Hund fest, ich muss mit der Katze hier durch.‘ Glotzt er mich blöde an, grinst und sagt: ‚Na klar, die macht meiner hier sonst mit einem Happs alle!‘ – Wisst ihr, was ich dem gesagt habe? Hey, ich hatte so eine Wut! ‚Ja, das werden wir sehen, – dann mach ich SIE alle!‘, hab ich zu ihm gesagt, ja, wirklich, – ihr lacht! Wenn ihr wüsstet, was ich für eine Angst hatte! Aber wütend war ich noch mehr. Und der? Glotzte noch blöder! Ich sagte: ‚Ja, Sie haben vollkommen richtig gehört. SIE mach ich dann alle! Nicht Ihren Hund, – der Hund kann nix dafür! Tiere können nie was dafür. Ihr Hund ist ganz in Ordnung, was wetten wir? Ich mag Hunde, ich hab selbst welche, und die kommen auch mit Katzen klar. Die Verantwortung hat immer der Mensch! Ich sage Ihnen: Sorgen Sie gut für ihn, Sie tragen die Verantwortung! Schauen Sie: Sie sitzen hier mit dem Tier ewig in der prallen Sonne auf der Treppe herum. Der Hund hechelt! Hat er die letzten Stunden mal Wasser bekommen? Natürlich nicht, – was frage ich! Lassen Sie mich durch und bleiben Sie hier!  Ich bring die Katze hoch und hol ihm Wasser.‘ – Stellt Euch vor“, sagte sie, schwankend zwischen Schaudern und Lachen, „der sagte wirklich keinen Ton und hielt den Hund am Halsband fest. Ich ging nach oben, hab erst mal die Katze abgesetzt, die nur noch aus gesträubtem Fell bestand, hab Wasser in eine Schale rein und mich gefragt, ob er wirklich warten würde. Ich kam runter, und er war noch da. Sein Hund hat die Schüssel – kaum hingestellt – in ein paar Sekunden leergetrunken. – ‚Sehen Sie, wie der Hund Durst hat‘, hab ich gesagt, ’nächstes Mal, wenn Sie wieder so lange hier sind, klingeln Sie, und ich bring ihm Wasser, verstanden? Dabei vergeben Sie sich nix! Und ich sag’s Ihnen nochmal: Sorgen Sie mir gut für das Tier! Sonst gibt das Ärger!‘ – Ich weiß nicht, ob er sich’s gemerkt hat, jedenfalls grüßt er jetzt neuerdings, wenn er da unten mit dem Hund rumläuft und mich sieht.“ – Ihr hattet euch gekugelt vor Vergnügen bei der Vorstellung, wie eure Freundin, ein eher grundängstlicher Mensch, ihren letzten Mut zusammenraffte und diesem Typen die Meinung geigte. Es war ihr jedoch durchaus zuzutrauen; sie wurde ohne Weiteres zur Löwin, wenn es um die Tiere ging.

An diesem Abend dämmerte es draußen bereits, – der Spätsommer ließ die schnell kürzer werdenden Tage erahnen -, das Restaurant hatte sich geleert. An den Tischen wart ihr die einzigen Gäste, nur am Tresen saßen noch zwei jüngere Männer. Es schien sich um Einheimische zu handeln, die öfters hier verkehrten; sie duzten die Kellnerin, ließen sich ein Bier nach dem anderen bringen und sprachen sonst wenig. Ihrer Gestik und Mimik ließ sich jene Mischung aus Erschöpfung und Resignation ablesen, die du während jener Sommeraufenthalte oft bei Menschen dieses Landstrichs beobachtet hattest.  Der eine von ihnen blickte die meiste Zeit stumm vor sich hin, während der andere zwischendurch kurze Worte mit der Kellnerin wechselte. Immerhin: Dass die beiden ihr Bier am Tresen tranken, ließ darauf schließen, dass sie  Arbeit hatten, – längst nichts Selbstverständliches in dieser Gegend. Mehrmals saht ihr im Laufe eines Abends Menschen, deren Aufzug nicht darauf deuten ließ, dass sie in Lohn und Brot standen, hereinkommen, um am Tresen Geld für den Zigarettenautomaten zu wechseln und wieder gingen, sich noch in der Tür mit zitternden Händen die Zigarette anzündend, am Arm Discountertüten, an deren Ausbuchtungen sich deutlich die Form der darin befindlichen Bierdosen abzeichnete.

Zwei Frauen betraten den Gastraum, eine schon älter, die andere sehr jung, im Gesicht allerdings deutliche Spuren zu frühen Alterns. Sie wirkten beide nachlässig frisiert, steckten in unförmigen Trainingshosen und Kapuzenshirts, die farblich nicht zueinander passten, und waren in Begleitung eines winzig kleinen Mädchens in einem schmutziggrauen, sackförmigen Hängerkleidchen, von dem schwer zu sagen war, ob es sich angesichts der Uhrzeit hierbei bereits um ein Nachthemd oder noch um Tagesoutfit handelte. Die beiden Männer am Tresen grüßten sie kurz – offenbar kannten sie sich, wechselten jedoch nur wenige Worte. Die Kleine wirkte seltsam unbeteiligt, tapste unbeholfen herum, streichelte den Hund beiläufig und wurde von den Frauen, die mit dem Wechseln von Geld und dem Bedienen des Zigarettenautomaten beansprucht waren, nicht weiter beachtet. „Magst ’nen Lolli haben?“ fragte die Kellnerin. Die Kleine sah sie verunsichert an, nickte dann. Der Automat schien zu streiken, die Frauen wurden hektisch, die Kellnerin musste zur Hilfe kommen. Eine längere Prozedur. Das Mädchen lutschte einstweilen gedankenverloren an ihrem Lolli, der rötliche Farbspuren auf Gesicht und Kleid hinterließ und beobachtete den Hund. Schließlich schienen die technischen Probleme behoben, die jüngere Frau riss ihre Zigarettenschachtel auf, kaum dass sie diese in der Hand hielt und wandte sich an den einen der beiden Burschen. „Haste mal Feuer?“ – „Klar, hier!“ – Er ließ sein Feuerzeug aufflammen. Die Frau nickte ihm kurz zu und wandte sich zum Gehen. – „Hey, vergesst die Lütte nicht!“ rief er den beiden hinterher. Die Ältere war bereits durch die Tür. Die Jüngere drehte kaum den Kopf:  „Kathy, komm!“ Es klang gleichgültig. Von der Kleinen war nichts zu sehen. „Wo ist sie überhaupt? Ist sie mal wieder hinten raus? – Ach nee, da unterm Tisch! Was machst ’n da wieder? Ach so, der Hund, – alles klar!“ Sie seufzte. „Immer mit den Hunden… Nun komm, lass den Hund, wir gehen!“ Sie verließ den Raum. Die Kleine reagierte nicht. Der junge Mann wandte sich ihr zu: „Na, komm, Kleine, du musst schon mitgehen; hier kannste ja nicht bleiben!“ Von draußen rief es zum zweiten Mal: „Kathy, komm, – lass den Hund!“ – „Kommst ja wieder!“, meinte der Bursche aufmunternd. Das Mädchen sah ihn an und lief zögernd hinaus. „Nun sieh dir das an!“ rief er, als sie verschwunden waren, „Echt, ich fass es nicht!“ – „Was ’n los?“ brummte sein Kumpel. „Die Lütte! Haste gesehen, wie der die rumlaufen lässt? Ey, ich fass es nicht, – wie kann der die Lütte so rumlaufen lassen! Ist nicht mal imstande, seine Tochter ordentlich anzuziehen, der Drecksack!“ – „Wen meinste denn?“ fragte der andere irritiert, der nichts begriff.  „Na, die Lütte – die Kleine eben -, das ist doch dem Fiete seine! Wie der die rumlaufen lässt! Würdest du Deine Tochter in so ’nem Aufzug rumrennen lassen?“ Der andere zuckte mit den Schultern. Die Aufregung seines Kumpanen blieb ihm unverständlich. „Dass der sich nicht schämt! MEINE Tochter würde SO NICHT rumlaufen, das kann ich dir flüstern, und wenn ich mir die Butter vom Brot kratzen müsste, aber DIE bekäme was Gescheites anzuziehen! Saufen, das kann er! Und seine Tochter läuft in den letzten Fetzen rum! – Hey, Jule, sei so gut, mach mir noch ´n Pils! – Ey, ich fass es nicht, – nee! – die Lütte so rumlaufen lassen…“ Er schaute zu euch herüber: „Stimmt doch, oder nicht? Ihr seid nicht von hier, oder?“ Ihr schütteltet die Köpfe. „Woher?“ Du machtest eine unbestimmte Bewegung. „Südwesten.“ Froh, darüber, das sagen zu können. „Westen“ allein hätte komisch geklungen; das sagte längst keiner mehr. Orte nennen jedoch war meist zwecklos. Sie sagten hier keinem etwas. Ihm schon. – „Kenn ich,“ – sagt er, „war ich schon ganz in der Nähe auf Montage. Ist ’ne Weile her. Hatte eigentlich Glück; Arbeit hatte ich immer…“ Er schnaubt verächtlich. „Glück, ja, – was heißt Glück?! War halt immer unterwegs auf Montage. Als ich dann eines Tages heimkam, fand ich meine Freundin mit meinem besten Kumpel im Bett, das war’s dann. So war das. Dumm gelaufen. Wenigstens keine Kinder. – Aber der Fiete! Da hat er nun die Tochter und lässt sie so ‚rumlaufen!“ Er schüttelte den Kopf, schaute wieder vor sich hin. Vor der Tür regte sich Tumult. Die beiden Frauen waren nochmals zurückgekommen, schienen in Aufregung.  „Hey, habt ihr der Kleinen ihren Schuh gesehen?“ Zwischen ihnen stand das Mädchen, am abgekauten Stiel ihres Lolli knabbernd. Einer seiner Füße steckte in einer Sandalette, den anderen zog es bloß hinter sich her.  „Oh nee, – ihr seid ja schon wieder da! Was? Den Schuh verloren? Nee, wirklich!“ Der Bursche begab sich auf seufzend alle Viere und zog schließlich eine Sandalette unter dem Tisch hervor. „Da haben wir ihn ja, – hier ist das flotte Teil!“ Er warf sie der Mutter zu. „Bei DER Kostümierung hätt‘ ich meinen Schuh allerdings auch weggeworfen! Sag Deinem Alten ’nen Gruß von mir: Er soll weniger saufen und seiner Tochter lieber anständige Sachen kaufen! Die Lütte so rumlaufen lassen, – nee!“ Die Frau machte nur eine wegwerfende Handbewegung. „Kathy komm, lass den Hund, – willste noch den andern Schuh verlieren? Jetzt ab nach Hause, komm!“ -„Ja, so kann man das auch nennen! DAS Zuhause, das stell ich mir lieber nicht vor!“ knurrte er vor sich hin. „Die Lütte so rumlaufen lassen, – nee!“ Er setzte sich, noch immer kopfschüttelnd, wieder an den Tresen.

Die drei schienen endgültig von dannen gezogen. Auch wir waren bereit zum Aufbruch. „Dann macht’s mal gut“, sagte er zu uns. „Kommt ihr noch mal, habt ihr noch paar Tage?“ – „Wir müssen morgen zurück.“ – „Schade. Grüßt mir den Süden! Es war ganz nett dort. Vielleicht verschlägt ’s mich ja mal wieder hin.“ Wir verabschiedeten uns. Am Parkplatz standen die beiden Frauen und rauchten. Sie sprachen kein Wort. Von der Kleinen war nichts mehr zu sehen.

Copyright Bettina Johl

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„In Zagheit Mut! In Freiheit doch gefangen“ – Über Karoline von Günderrode­

Karoline von Günderrode Anonymous Painter, cir...

Karoline von Günderrode

Über sie schreiben bedeutet zunächst, innere Bedenken über Bord zu werfen und das Wissen um die eigene Unzulänglichkeit –  wenigstens vorübergehend – zum Schweigen zu bringen, denn nicht nur, dass dies viele bereits lange vor mir unternommen hätten, – daran ist nichts Ungewöhnliches  -, jedoch gelang dies – Schreiben über Karoline von Günderrode – einer der ganz großen Autorinnen – Christa Wolf – Jahre zuvor in ihrem Essay „Der Schatten eines Traums“ – wie mit jedem Stoff, dessen sie sich annimmt – auf solch vollendete Weise, die es allen Nachfolgenden schwer macht, dem weiteres hinzuzufügen. Ich hatte lange gezögert, jenen großartigen Essay mehrmals gelesen, – wie alles von Christa Wolf es verdient, mehrmals gelesen zu werden, schon weil sich der darin enthaltene Gedankenreichtum schwerlich mit einem Male erfassen lässt -, nicht nur mit Interesse, auch mit gewissem Vergnügen, wie immer, wenn ich meine eigenen Sympathien oder auch Antipathien für einzelne Charaktere durch andere geteilt weiß.

Die Günderrode. Ein tragisches Leben, ein tragisches Schaffen und ein tragisches Ende, welches uns zweihundert Jahre später Lebende, Schaffende,  das Ende zumeist noch nicht ins Auge Fassende, nicht unberührt lassen kann, – nicht unberührt lassen darf.  Die wohlmeinende Warnung im Gedächtnis, sich als Autorin, die sich ihren Weg erst suchen muss, möglichst nicht gerade diejenigen zu  Vorbildern zu wählen, die ihrem Leben vorzeitig selbst ein Ende setzten, mich jedoch zu jenen zählend, die ihre Inspiration von vielerlei Seiten beziehen, worunter sich – die zahlreichen noch Lebenden ausgenommen – die Zahl derer, die den Freitod wählten, zumindest die Waage hält mit der jener, die allem trotzend mitunter steinalt wurden -, wollte ich eigentlich zunächst über die Bettine schreiben.

Bettine, die für mich immer den erfrischenden Gegenpol bildete, – Bettine, die Unkonventionelle, die sich bereits zu Zeiten, in denen solches bedeutend mehr Mut erforderte  als heute, keinen Deut um die Ansichten und Vorurteile ihrer Kreise scherte, die sich das freie Denken als Letzte hätte verbieten lassen, und die dies unumwunden kundtat, auch auf die Gefahr hin, zu nerven, – und sie nervte so manchen Zeitgenossen! -, Bettine, die es sich nicht hätte einfallen lassen, zu kapitulieren, die jedem Rückschlag und jeder Zurückweisung  nach kürzester Zeit ein Jetzt-erst-recht! entgegenzusetzen wusste. Ihre vorübergehende Kapitulation vor den Erwartungen der bürgerlichen Gesellschaft war nur eine vermeintliche, – eine Zeit, in der sie sich regelrecht in jener Rolle eingerichtet zu haben schien, die ihr von eben dieser Gesellschaft zugemessen wurde, in der sie mit beachtlicher Energie ein Gut bewirtschaftete, sieben Kinder gebar und aufzog, die alle – nicht selbstverständlich in jenen Jahren! – das Erwachsenenalter erreichten, – um sich danach unversehrt zurückzumelden und in der Verfolgung ihrer sich selbst gesetzten Lebensziele dort fortzufahren, wo sie sich in jungen Jahren zur Unterbrechung derselben genötigt sah. Bettine, unbeirrt den Faden wieder aufnehmend, schreibend, veröffentlichend, das Berliner Salonleben prägend und in ihrem sozialen und politischen Engagement geradezu Kopf und Kragen riskierend. An sie habe ich mich stets geklammert, sie hervor gezerrt, – abergläubisch die Namensgleichheit beschwörend, – mit deren Mut, deren Unerschrockenheit ausgestattet sein, damit wäre gut leben!  Wenn die Welt nicht passt, in die man hineingeboren wurde, sich einfach eine neue schaffen, – ob diese anderen nun gefällt oder nicht, – ein vorstellbarer Weg.

Sich hingegen mit ihrer um fünf Jahre älteren Freundin Karoline, der vermeintlich Gescheiterten, die so ganz anderen Gemütes war, zu befassen, kostet Überwindung. Da ist die Trauer, die einen verstummen lassen möchte. Eine junge Dichterin und Philosophin beendet ihr Leben – sechsundzwanzigjährig – aus freiem Willen.

Als ich auf dem weitläufigen Friedhof in Winkel am Rhein den Weg zu ihrem Grab erfrage, weist mir eine sichtlich belesene Frau die Richtung, – es liegt etwas abseits an der Mauer -, ja, sie habe viel von der Günderrode gelesen, sie spricht über die Ereignisse, als habe sich alles erst vor Kurzem zugetragen; es scheint sie persönlich sehr zu beschäftigen. Ihr sei auch lange nicht klar gewesen, bekennt sie, dass die Günderrode sich ja gar nicht ertränkt habe, wie manche annähmen, da man sie unten am Rhein, halb im Wasser liegend, gefunden hatte, – stattdessen ein gezielter, mit Präzision von eigener Hand durchgeführter Dolchstoß, der zum Tode führte. Keine sehr weibliche Art, sich umzubringen, – in der Tat! Mit einem Dolch, über lange Zeit stets in der Handtasche mit sich geführt, – auch nicht gerade ein typisch weibliches Utensil.

Vor dem Gedenkstein stehend, stellt sich auch bei mir ein Gefühl von fassungsloser Betroffenheit ein. Der lange Zeitraum scheint sich zusammenzuziehen, keine Rolle mehr zu spielen. Lese die Inschrift:

Erde, du meine Mutter, und du mein Ernährer, der Lufthauch,
Heilges Feuer mir Freund, und du, o Bruder, der Bergstrom,
Und mein Vater der Äther, ich sage euch allen mit Ehrfurcht
Freundlichen Dank; mit euch hab‘ ich hienieden gelebt,
Und ich gehe zur andern Welt, euch gerne verlassend,
Lebt wohl denn, Bruder und Freund, Vater und Mutter, lebt wohl!

Ihre letzten Worte, – nicht ganz ihre eigenen -, vielmehr  Verse aus  „Abschied des Einsiedlers“  von Herder, welche sie, so nimmt man an, aus dem Gedächtnis aufgeschrieben hatte. Auf einem Blatt Papier, in ihrem Zimmer zurückgelassen, in welchem sie sich während eines Besuchs bei einer Freundin in Winkel aufhielt. Endstation eines Lebens, in dem, um es mit heutigen Worten auszudrücken, nichts mehr stimmte. Eines an äußeren und inneren Beschränkungen wundgestoßenen Lebens. Als Frau und Dichterin keine Chance auf eine von Gunst und Wohlwollen anderer unabhängige Existenz. Weder in ihrem Leben, noch in ihrem Schaffen. Von der Liebe ganz zu schweigen. Betrogen um ihr Erbe, – zwar ausreichend versorgt, allerdings nicht so, als dass es zu einer Mitgift für eine Ehe gereicht hätte -, stets in dem erniedrigenden Bewusstsein, letztlich von Almosen abhängig zu sein. Von Freunden verehrt, jedoch selten verstanden, in entscheidenden Momenten entweder zur Ikone stilisiert oder mit gönnerhafter Herablassung bedacht. Das „Günderrödchen“. Ihr beachtliches dichterisches und philosophisches Schaffen gleichermaßen schmeichelnd bewundert und neidvoll heruntergespielt. Anerkennung hatte es glücklicherweise bereits gefunden, bevor sie als Autorin persönlich öffentlich in Erscheinung trat. Sie hatte zunächst unter dem Pseudonym Tian veröffentlicht, was auf einen männlichen Verfasser schließen ließ, hinter dem niemand so ohne weiteres gerade sie, die Sanfte, die schüchtern Wirkende, vermutete.

Als es schließlich bekannt wurde, kam, was kommen musste: Man neidete ihr das Talent, zerriss sich die Mäuler, versuchte ihr Werk kleinzureden, – aber man hatte ja bereits zugegeben, zugeben müssen, dass ihre Lyrik beachtlich war, reich an gedanklicher Fülle und sprachlicher Schönheit, – also umschmeichelte man sie, ließ sich gerne mit ihr sehen, schätzte sie als kluge Gesellschafterin, Unterhalterin, Ratgeberin und Freundin, sonnte sich in ihrer Gegenwart, – wusste man sich im schlimmsten Fall gar nicht mehr zu helfen, überhöhte man sie zur Heiligen, die sie nicht sein wollte. Als Frau mit allen Bedürfnissen einer Frau wollte man sie nicht sehen, – sie, die sich selbst unbestimmt zerrissen zwischen Mann und Frau wiederfand, keiner Seite wirklich zugehörig. Auch hiermit setzte sie sich auseinander, – sprach es offen aus. Sich verstellen, sich verstecken hinter Lügen und faulen Kompromissen war ihre Sache nicht. Voraussetzung für ein lebbares Leben bedeutete ihr ein Streben nach größtmöglicher Authentizität, nach höchstmöglicher Übereinstimmung von Denken, Fühlen, Handeln und Schaffen. Ein Anspruch, an dem sie letztlich zerbrach.

Die Erfahrung von Vergeblichkeit und Entfremdung, wie Christa Wolf es ausdrückte:
„Kein Ort. Nirgends“. Die fiktive Begegnung Karoline von Günderrodes mit Heinrich von Kleist. Schauplatz: Winkel, im Sommerhaus der Brentanos. Ich suche es auf. Ein langgezogener Barockbau, Eingang zur Hofseite, in der Toreinfahrt eines jener inzwischen veralteten, dreieckig-rotumrandeten Warnschilder, auf dem ein schwarzer Mann mit Hut auf weißem Grund  den Zebrastreifen überquert,  ein Glas in der Hand hinzu gezeichnet – Symbol des Weingutbesitzers! –  darunter eine Tafel mit dem Aufdruck: „Baron kreuzt!“ Man scheint im Hause Brentano mit Humor ausgestattet. Vom Hof aus erstreckt sich in Richtung Rhein ein parkähnlicher Garten mit Kletterspalieren, einem Brunnen und steinernen Skulpturen. Alles wirkt still und verwunschen, – eine Oase, aus alter Zeit hinübergerettet, inmitten des vom Verkehrslärm reichlich gebeutelten Ortes. „Besichtigung nach Anfrage möglich“, steht auf dem Schild an der Tür, aber ich weiß nicht, ob ich anfragen, ob ich es wirklich besichtigen möchte, oder ob ich mir nicht lieber die Bilder aus meiner Vorstellungskraft bewahren will. Mit etwas Phantasie wäre es denkbar, dass sich sogleich die Tür öffnet und die Gesellschaft aus jenen Tagen heraustritt, um sich auf ihren Spaziergang zu begeben. Clemens Brentano und Sophie Mereau, Friedrich Karl von Savigny und Gunda Brentano, Christian Nees von Esenbeck und dessen Frau Lisette, geborene Mettingh, Karolines Freundin aus Frankfurter Stiftstagen. Allen voran die quirlige Bettine. Kleist, von dem nicht gewiss überliefert ist, ob er diesen Ort in Wirklichkeit je besuchte. Und nicht zuletzt Karoline von Günderrode, des Öfteren in Winkel zu Gast.

Der Rheingau, – die Sommerfrische der Frankfurter Gesellschaft und was sich so dafür hielt. Von Charakter und Schönheit der Umgebung, die ich aus Bettines brieflichen Schilderungen so lebendig vor Augen habe, scheint weniges erhalten. Das Ufer verbaut, Ortschaft reiht sich an Ortschaft, – Lärm durch Industrie und Verkehr erschlägt alle Bemühungen, sich vorzustellen, wie es hier vor zwei Jahrhunderten ausgesehen haben mag. Die Orte selbst sind touristisch überlaufene, Übelkeit erzeugende Albträume; durch die als malerisch bezeichneten Gassen von Eltville, Rüdesheim und Assmannshausen wälzen sich Tag für Tag grölende Horden wein- und schunkelseliger Busreisender, offensichtlich im Bemühen, sich die verflossene Rheinromantik mittels Promille zurückzuholen. Erst etwas weiter nördlich, bei Lorch und Kaub, wo das Mittlere Rheintal sich zunehmend verengt, die Berge zum Ufer hin steiler abfallen, weniger Bausünden zulassend, lässt sich auf Wanderwegen wie dem Rheingauer Rieslingpfad zwischen altem Weinland, Gärten und jungen Eichenwäldern eine Ahnung der einstigen Beschaulichkeit wiederbeleben, finden sich noch stille Seitentäler und Schluchten mit den munteren Bächen, die den Felsen des Taunus entspringen, erschließen sich immer wieder verträumte Aussichten auf den Strom und dessen andere Uferseite mit den bewaldeten Höhenzügen des Hunsrücks und auf stolze Burgen als stumme Zeugen alter, jedoch selten friedlicherer Tage.

Bedeutend schwieriger noch, das alte Frankfurt, wo Karoline von Günderrode aus Gründen ihrer Mittellosigkeit in einem Stift für unverheiratete, adelige Fräulein lebte, inmitten seiner Bankenviertel und Wolkenkratzer auszumachen. Grotesk mutet selbst das wiedererrichtete Goethehaus zwischen den ansonsten unsäglich hässlichen Betonklötzen an, – die ganze Stadt traurig überspitztes Symbol für die Gesellschaft, unter der gerade Karoline unsäglich litt, eine Gesellschaft, die sich das Bereichere-dich- um-jeden-Preis bereits zweihundert Jahre vor unserer Zeit auf ihre restaurativen Fahnen geschrieben hatte. Und es will uns gruseln im Bewusstsein, wie richtig die Dichterin lag mit der Einschätzung dieser Gesellschaft und der Fortentwicklung der Verhältnisse, durch alle geschichtlichen Um- und Einbrüche hindurch, bis in unsere Tage.

Das Cronstetten-Hynspergische Damenstift, – es stieß an seiner Gartenseite an diejenige des Anwesens der Bankiersfamilie Gontard, bei welcher Friedrich Hölderlin – einige Jahre vor Karolines Einzug im Stift – seine Hauslehrerstelle inne hatte und dort die Tragik seiner unglücklichen Liebe zur Hausherrin Susette Gontard durchlebte. Auch er ein vermeintlich Gescheiterter, – von der Gesellschaft zum Gescheiterten erklärt -, auch hier eine unglückliche Liebe, die ihren Teil zum weiteren dramatischen Lebensverlauf beitrug.

Verhängnisvolles  Jahr 1806 – für beide. Karoline von Günderrode nimmt sich im Sommer, am 26. Juli, das Leben, Hölderlin wird am 11. September gegen seinen erbitterten Widerstand von Bad Homburg in das Authenriethsche Klinikum in Tübingen gebracht, wo man ihn Monate später als „unheilbar wahnsinnig“ – Glück im Unglück! – in die Obhut des Schreinermeisters Zimmer entlässt, wo er  – wenn auch verloren für die Welt – noch weitere sechsunddreißig Jahre leben wird. Hälfte des Lebens.

Die Günderrode, sie verehrte Hölderlin und seine Dichtung, – von einer Begegnung jedoch ist nichts überliefert. Angenommen, sie wären sich begegnet? Es würde dies besser in meine Vorstellungswelt passen, da er mir – es mag etwas mit dem gemeinsamen Geburtsort zu tun haben – näher steht als Kleist, welcher mir stets fremd geblieben ist.

Die Günderrode und Hölderlin. Gewisse Gemeinsamkeiten fallen auf. In ihrer Dichtung, in ihrer Philosophie. In den Vorurteilen der Gesellschaft, die beide umgab. Abgedrängt in die Ecke der verträumten Phantasten und Spinner, – die ohnehin keiner versteht, – kein Wunder, da muss sich einer ja umbringen oder verrückt werden.  Beide arbeiteten mit größtem Ernst, stets am Rande der physischen und psychischen Verausgabung. Beide waren reich an Bildung, allerdings stand diese bei ihm als Mann und ältesten Sohn einer Familie, die zur damaligen württembergisch-protestantischen „Ehrbarkeit“ zählte, die für ihn der Tradition gemäß ein Pfarramt vorgesehen hatte, von Jugend an auf dem Plan, während ihr als Frau ohne Mittel kein Weg blieb, als sich alles an Wissen unter beträchtlichen Mühen selbst oder mit Unterstützung von Freunden anzueignen.

Beider unglückliche Liebe wiederum ist nur die jeweils eine Seite der Tragik, – „nur die Form“, wie es bei Karolines Freundin Lisette recht treffend in einem Brief zu lesen ist, während ihre weiteren Erklärungsversuche sich in unerträglichem Moralisieren ergehen, – die fassbare Seite. Dahinter wird es bodenlos, müssen Erklärungsversuche vor der Tiefe der Verzweiflung kapitulieren. Eine unglückliche Liebe als Katalysator für den Ausbruch dieser Verzweiflung? Zumindest steht hier einmal mehr die Unmöglichkeit, ohne Liebe leben zu können, gegenüber der unmenschlichen Forderung, ohne Liebe leben zu müssen. Sie durchlebte dies zweimal.

Ihre erste große Liebe galt Savigny, ihrem „Schatten eines Traumes“. Er ist von ihr fasziniert und bleibt es, aber noch mehr ist er ein ehrgeiziger, zielstrebiger Jurist, der nüchtern-praktische Überlegungen vor Gefühle stellt, – und eine mittellose Stiftsdame zu ehelichen wäre seiner Sache wenig dienlich. Er heiratet letztlich Gunda Brentano, – die bessere Partie! -, hält den intensiven Kontakt zu Karoline jedoch aufrecht, drängt sie, da er auf den geistigen Austausch mit ihr nicht verzichten will, in die Rolle der gemeinsamen Freundin, – eine Zumutung, die diese auf sich nimmt, denn auch sie ist auf diesen Austausch mehr als angewiesen.  Zugang zu Bildung, – für uns heute selbstverständlich, damals für Frauen nur über Umwege zu haben: über einflussreiche männliche Freunde, Förderer und Gönner. Dafür wollte vieles in Kauf genommen sein.

Geistiger Austausch, – gegenseitige Inspiration war es auch, der ihre spätere Beziehung zu dem unglücklich verheirateten Friedrich Creuzer entscheidend prägte. Selbst wenn es ihr gelungen wäre, sich gefühlsmäßig von ihm zu lösen, ihm, dem zaudernden, sich gern selbst bemitleidenden, von der Meinung seiner Freunde über das gesunde Maß hinaus abhängigen und in seinen Briefen sichtlich wenig auf ihre Gefühle und Empfindungen eingehenden Mann, der sie hinhält, über lange Zeit unfähig, sich für oder gegen sie zu entscheiden, und sie schließlich fallen lässt , – auf die geistige Zusammenarbeit, die sich entscheidend auf ihr literarisches Schaffen auswirkte, verzichten, war für sie unvorstellbar, – ja, letzten Endes: tödlich. Schwer nachzuvollziehen für jemanden, der solches nicht erfahren hat. Wem es nie gegeben war, für den gibt es nichts zu vermissen. Das Verständnis der Freunde bleibt auf der Strecke, – Stück um Stück.

Tödlich auch das Fehlen jeglicher Alternativen. Vor die Wahl gestellt sein, entweder auf freie Entfaltung oder auf Liebe zu verzichten. Das eine ohne das andere für ein lebbares Leben nicht zu denken. Eine grausame, unmenschliche Wahl! Liebe nur um den Preis, sich in die von der Gesellschaft vorgeschriebene Rolle einzufinden, – Entfaltung nur um den Preis des Außenseiterdaseins, der Vereinsamung. Auch Bettine musste dies im Verlaufe ihres recht langen Lebens mehrmals sehr bitter erfahren. Sie war robuster, widerstandsfähiger. Dies bedeutet nicht, dass sie nicht immens darunter litt.

Während der Zeit, die ihre Freundschaft währte, in der die beiden jungen Frauen sich eng aneinander angeschlossen hatten, inspirierten sie sich gegenseitig, in Gesprächen und durch gemeinsames Lernen, in ihrer Korrespondenz, wenn sie sich an getrennten Orten aufhielten, unternahmen Phantasiereisen und Gedankenflüge, erhoben sich geistig über die äußerlichen, beengenden Verhältnisse.

Es war Karoline, die sich letzten Endes zurückzog, – ob der Druck Creuzers, der gegen die Brentanos eine neidvolle Aversion hegte, dafür ausgereicht hatte, ist fraglich, fiel dies doch in eine Zeit, als der Entschluss, ihr Leben zu beenden, längst gereift war. Berichten Bettines zufolge gab es Zeichen hierfür, die in ihr selbst Verzweiflung und Ratlosigkeit auslösten, ohne dass sie zu der Freundin weiter hätte vordringen können, – auch die Ankündigung einer „Entzweiung“. Der Weg, den Karoline gewählt hatte, war ihr eigener, ein aus frei gefasstem Entschluss eingeschlagener Weg, auf den sie – so bitter es die Freunde ankommen mochte – niemand begleiten – und auf dem niemand sie zurückhalten konnte.

Zwei Frauenschicksale lange vor unserer Zeit, sehr unterschiedlich und doch sehr ähnlich in ihrer Verschiedenheit, eine Verschiedenheit, um die beide wussten. Karoline schrieb in einem Brief an Bettine, in dessen Verlauf sie dieser eine energischere Natur bescheinigte, als es ihr selbst beschieden war:

„… mir sind nicht allein durch meine Verhältnisse, sondern auch durch meine Natur engere Grenzen in meiner Handlungsweise gezogen, es könnte also leicht kommen, dass dir etwas möglich wäre, was es darum mir noch nicht sein könnte. Du musst dies bei deinen Blicken in die Zukunft auch bedenken.“

Das Lesen der Briefe, die der Nachwelt erhalten geblieben sind, macht betroffen, zieht mich in ihren Bann,  erschüttert mich, als läge all dies nur Tage zurück. Warum, frage ich mich? Sind wir doch die Vertreterinnen einer Zeit, in der diese Widersprüche überwunden zu sein scheinen, stehen uns doch heute alle Wege offen. Wirklich? Die Realität zeigt eine andere Seite. Das Scheitern ist auch uns nur zu vertraut. Nur: Woran scheitern wir?

Daran, dass wir zwar vermeintlich freie Wahl haben, jedoch die alten, überkommenen Rollenvorstellungen, von Generation zu Generation – bewusst oder unbewusst – weitergegeben, sich nach wie vor tief in uns eingefressen haben, so dass wir dennoch immer wieder versuchen, ihnen gerecht zu werden, – schlimmer noch: dass wir oft mehreren Rollenbildern völlig gegensätzlicher Ausrichtung entsprechen wollen, diese vergebens in uns zu vereinen versuchen, – eine Zerreißprobe, die wir auf Dauer nicht bestehen können?

Daran, dass wir trotz der angeblichen Fülle von Möglichkeiten Gefahr laufen, uns in der Beliebigkeit zu verlieren, zerstreuter, ablenkbarer sind, schwerer in der Lage, einen gewählten Weg zielstrebig und kontinuierlich zu verfolgen?

Daran, dass heute weniger die Gesellschaft oder eine bestimmte Gesellschaftsklasse die Rollenmodelle vorgibt, sondern zu einem beträchtlichen Anteil die Massenmedien, die uns Zerrbilder vermitteln, denen entsprechen zu wollen das Scheitern zwangsläufig mit sich bringen muss? Denn hier erschöpft es sich wahrlich nicht im Fleißig-sein-müssen und Brav-sein-müssen; hinzu kommen Schlank-sein-müssen, Schön-sein-müssen, Jugendlich-sein-müssen, Sich-alles-leisten-können-müssen, Stets-Power-haben-müssen… Endlosschleife! Und das Verurteilen unseres Selbst, sobald wir nicht dies alles zugleich schaffen, – und wir können und werden es nicht schaffen, die einen werden dies nur früher, die anderen später feststellen! -, das übernehmen wir auch gleich selbst. Denn wir sind emanzipiert!

So stehen uns unsere Vorkämpferinnen aus vergangenen Jahrhunderten näher denn je. Und es klingt uns nicht einmal unvertraut in den Ohren, wenn wir aus der Feder der Günderrode lesen:

Liebe

O reiche Armuth! Gebend, seliges Empfangen!
In Zagheit Muth! In Freiheit doch gefangen.
In Stummheit Sprache,
Schüchtern bei Tage,
Siegend mit zaghaftem Bangen.

Lebendiger Tod, im Einen sel’ges Leben
Schwelgend in Noth, im Widerstand ergeben,
Genießend schmachten,
Nie satt betrachten
Leben im Traum und doppelt Leben.

(Karoline von Günderrode)

© Bettina Johl

Empfohlene Literatur:

Karoline von Günderrode: Einstens lebt ich süßes Leben, Gedichte, Prosa und Briefe der Karoline von Günderrode. Eine neue Auswahl und Essay von Christa Wolf, 24.04.2006, insel taschenbuch 3191, Broschur, 407 Seiten, ISBN: 978-3-458-34891-7

Bettine von Arnim: Die Günderrode, Deutscher Klassiker Verlag, 2006, ISBN: 978-3-618-68009-3

Markus Hille: Karoline von Günderrode, Rowohlt-Monographie, 160 Seiten, ISBN 978-3-499-50441-9

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Das fehlende Recht auf Scheitern – Zur neuen alten Frauendebatte

Sylvia Plath (Quelle: Wikimedia Commons https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Sylvia_Plath.jpg)

»Warum kann ich nicht verschiedene Leben anprobieren wie Kleider, um zu sehen, was mir am besten steht und zu mir paßt?«

Sylvia Plath

Wie gut viele Worte aus alten Tagen immer wieder auch in die unseren passen! So auch die der großen Schriftstellerin Sylvia Plath, die 1963 den Freitod wählte. Die Möglichkeit, verschiedene Leben „anzuprobieren“, um ein für sie passendes zu finden – „eines, das mir […] steht“! – war ihr nicht gegeben. Solches kann, wie wir wissen, zu andauernden Spannungen und unlösbaren Konflikten führen, die ein Leben lang auszuhalten nicht jedem die Kraft gegeben ist.

Ihr Beispiel stimmt nachdenklich. Nachdenklich auch angesichts der immer neu angefachten Diskussionen in jüngster Zeit um die Stellung der Frau in der Gesellschaft. Mein ganz persönlicher Unwille, in Büchern, Zeitungsartikeln oder TV-Talkrunden Frauen, die sich selbst eine „Position an der Spitze“ erkämpfen konnten, von oben herab erzählen zu hören, was an der Sache mit den Frauen falsch gelaufen sei und wer daran Schuld habe.

Ein ganz wichtiger Aspekt wird hier außer Acht gelassen: Die Frauen, die sich darüber meinen, auslassen zu dürfen, mögen eine Ahnung davon haben, wie Erfolg geht. Es sei ihnen zugestanden. Jedoch das Scheitern, – das steht auf einem anderen Blatt, davon verstehen sie nichts! Über das Scheitern zu reden, kommt nur jenen zu, die das Scheitern kennen!

Warum scheitern Frauen auch in unseren Tagen, wenn ihnen doch gerade heute – wie es ohne Unterlass verkündet wird – mehr denn je alle Möglichkeiten offen stehen? Oder die alte Frage: Warum konkurrieren Frauen untereinander, statt zusammenzuhalten? Und warum sind Frauen teilweise so gar nicht von jenen Lebensmodellen, die doch ach so glücklich machen könnten, zu überzeugen? Treffen sie am Ende doch zu, – die Eigenschaften, die man ihnen unterstellt? „Dummheit“, „Faulheit“ und „Feigheit“?

Erinnerung an eine jüngere Bekannte, eine Pfarrerstochter, jedoch weitab vom Klischee, im Gegenteil ein sehr selbstbewusstes Mädchen, die sich vor Jahren auf einer Ausbildungsbörse mitleidig auslachen lassen musste, als sie etwas zu arglos den Wunsch geäußert hatte, einen Beruf ergreifen zu wollen, der ihr auch die Möglichkeit lasse, ihre Kinder einmal selbst großzuziehen. Von derlei Gedanken – so die emanzipierte Beraterin – müsse sie schleunigst „abkommen“! Es gäbe ja schließlich Tagesmütter!

Ein Gedanke, der sich damals in mir festgefressen hatte: Und die Tagesmütter? Was ist mit ihnen? Sind das etwa keine Frauen? Er lässt sich weiterspinnen: Und die „Putzfrauen“ – Verzeihung! – Raumpflegerinnen? Veränderte Namensgebungen helfen manchmal tatsächlich, für etwas mehr Respekt und Wertschätzung zu sorgen, ohne jedoch wirklich etwas am Charakter und an den Rahmenbedingungen der Tätigkeit und der zumeist mit ihr verbundenen ausbeuterischen Praxis zu ändern. Und die – wie wir wissen: in aller Regel unterbezahlten – Pflegekräfte?

Frauen, welche anderen Frauen, die möglicherweise Karriere machen, diejenigen Arbeiten abnehmen, die jene sonst darin behindern würden. Frauen, die, obwohl erwerbstätig, aus diesem Grund selbst auf keinen Fall Karriere machen werden. Frauen, denen selbst in aller Regel niemand diese Tätigkeiten, die ja auch im eigenen Bereich anfallen, abnimmt. Diese fallen nämlich zusätzlich an! Die Raumpflegerin, die zuhause noch die eigene Wohnung putzen muss. Die Altenpflegerin, die zuhause obendrein die pflegebedürftige Mutter oder Schwiegermutter zu betreuen hat. Die Tagesmutter, die kaum Zeit für die eigenen Kinder findet. Sehr viele Frauen, die schon deshalb keine Solidarität von den vergleichsweise wenigen anderen Frauen zu erwarten haben, weil deren Karriere sonst möglicherweise gefährdet wäre. Und hier liegt sprichwörtlich der Hase im Pfeffer: Die Karriere einiger – weniger! – Frauen geht auf Kosten – vieler! – anderer Frauen!

Verwunderlich ist dies nicht. Schon angesichts der früheren Kinder-oder-Karriere-Debatten wollte mir nie in den Kopf, warum Berufstätigsein stets in einem Zug mit „Karriere“ genannt wurde. Karriere bedeutete in meiner Begriffswelt immer etwas, das – auch in der Männerwelt – nur einige wenige „machen“. In meiner Familie gab es – wie in vielen anderen Familien auch – zahlreiche Frauen und Männer, die ihr Leben lang sehr tüchtig waren und hart arbeiteten, auch immer einmal wieder Erfolge zu verbuchen hatten; Karriere gemacht hatte aber deshalb noch lange niemand von ihnen.

Die Mehrheit der Menschheit ist nämlich, soweit frau sich umsieht, mit ganz gewöhnlicher Erwerbsarbeit beschäftigt, die dem simplen Zweck dient, den eigenen Unterhalt und den der Familie zu sichern. Meinetwegen auch, um im Bereich von Produktion oder Dienstleistung seinen Teil zum wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben beizutragen. Nicht mehr und nicht weniger! Ob diese Arbeit Sinn und Erfüllung bringt und somit möglicherweise zum Glück des Menschen beiträgt – oder ob sie ihn durch Entfremdung, Ausbeutung und Fremdbestimmtheit unglücklich und kaputt macht, hängt von sehr vielen Faktoren ab, nicht jedoch unbedingt und allein vom Vorhandensein der Möglichkeit, Karriere zu machen. Die Überzeugung, Glück hänge von Karriere ab, scheint mir ohnehin umgekehrt proportional zur Häufigkeit von Herzinfarkten und Burn-Out rückläufig zu sein!

Wenn das Karrieremodell sich bei Frauen nie so recht durchsetzen konnte, und, wo es dies doch konnte, nun inzwischen wieder aufhört, attraktiv zu sein, dann vielleicht einfach deshalb, – nicht, weil Frauen feige, faul und dumm wären, sondern weil sie allzu schnell erkannt haben, dass es nicht stimmig ist. Dass die Rechnung nicht aufgeht, solange es immer wieder neue VerliererInnen gibt. Dass die heutige Gesellschaft mit ihren Erfordernissen hierfür möglicherweise ganz anderer, neuer Modelle bedarf. Dass Platz und vor allem gesellschaftliche Akzeptanz für solche anderen, neuen, alternativen Lebensentwürfe entstehen muss. Möglicherweise für Lebensentwürfe mit dem Ziel, in dieser Gesellschaft in erster Linie Mensch zu werden – und zu bleiben! – und erst im zweiten Schritt uns als Frau oder Mann zu definieren.

Zum gleichberechtigten Mensch-Sein jedoch gehört auch eine Gleichberechtigung beim Recht auf Scheitern. Dass Frauen Möglichkeiten offen stehen, sobald sie mehr können und mehr leisten als der Durchschnitt, hat nicht unbedingt viel mit Gleichberechtigung zu tun. Besondere LeistungsträgerInnen fanden zu allen Zeiten ihren Platz in der Gesellschaft, auch wenn sie zuweilen, gerade wenn sie weiblich waren, sehr hart darum kämpfen mussten. Jede Gesellschaft bringt aber auch immer wieder Individuen hervor, die sich nicht anpassen, sich nicht einfügen, nicht konform gehen, – ja, sich nicht einmal mit irgendwelcher Leistung hervortun, die ihnen die Anerkennung der Gemeinschaft sichern könnte. Die einfach aus allen Rastern fallen. Die sich eigene Wege suchen müssen, weil schon in der Kindheit kein Schulsystem sie erreichen kann, sie sich im Zuge des Erwachsenwerdens nicht in die gängigen Rollenbilder hineinfinden können und Arbeitswelt und Gesellschaft keine Entfaltungsmöglichkeiten für sie parat haben. Also die sogenannten Taugenichtse!

Es gab sie zu allen Zeiten, und wo man – manchmal auch mit leisem Anflug von Anerkennung – über sie spricht, sind sie zumeist männlich. Sind es Frauen, finden sie in der Regel keine Erwähnung. Eher werden sie totgeschwiegen nach dem Motto: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Denn Frauen haben schließlich immer perfekt zu funktionieren. Gut in der Schule zu sein. Erfolgreich im Job. Gebärfähig sowieso. Allround-Managerin in Haushaltsdingen. Obendrein toll auszusehen. Schön, jung, schlank, fit und attraktiv, auch noch jenseits der Sechzig! Das fehlende Recht auf Scheitern.

Ein Verdrängungsmechanismus, der recht gut funktioniert, mit der sich die viel besungene, moderne Zivil-Informations-Arbeits-Konsum-Medien-Kommunikations-Wissens-Risiko-Gesellschaft täglich in die eigene Tasche lügt. Denn es gibt auch diese anderen Frauen. Und ich ahne, – nein, ich wette! – es sind ihrer mehr, als uns das von den Medien allgemein vermittelte Bild vorgaukeln will! Zum Glück. Es muss sie geben dürfen! Und es muss für sie Alternativen geben zu Schuldgefühlen, Verdrängung und Flucht in psychische oder psychosomatische Krankheit. Es muss Entfaltungsmöglichkeiten für sie geben jenseits der üblichen eingefahrenen Rollenmuster. Diese Gesellschaft wird erst eine wahrhaft gleichberechtigte Gesellschaft sein, wenn sie sich weibliche Taugenichtse leisten kann. Wenn sie sich gleichberechtigtes Scheitern leisten kann.

Sehr viele Fragen müssen neu gestellt werden. Wer geglaubt hat, die Diskussion um die Frauenfrage sei zu Ende, irrt sich. Sie fängt erst an!

Bettina Johl

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