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Wem gehört Anne Frank? Oder: Was kann und darf Erinnerung?

Von Bettina Johl

AnneFrankSchoolPhoto

Wirbel um Anne Franks Tagebuch: In Frankreich hatten zu Beginn des Jahres die grüne Abgeordnete Isabelle Attard und der Informationswissenschaftler Olivier Ertzscheid von der Universität Nantes das niederländische Original erstmals für alle frei zugänglich ins Internet gestellt. Ihr Argument: Mit dem Ablauf des Jahres 2015, Annes 70. Todesjahr, sei die Urheberrechts-Schutzfrist des Textes verstrichen und es gelte nun, den „Kampf seiner Befreiung zu führen“. Ganz anders sieht dies der Anne Frank Fonds in Basel als Inhaber der Urheberrechte. Dessen Argument lautet, bei Franks Tagebüchern handle es sich um ein posthum veröffentlichtes Werk, das 1986 erstmals ungekürzt aufgelegt wurde und für das sich daraus ab diesem Zeitpunkt eine Schutzfrist von 50 Jahren ableiten ließe. Die rechtliche Auseinandersetzung darüber wird andauern.

Aufregung ganz anderer Art löste vor drei Jahren ein Eintrag im Gästebuch des Anne-Frank-Hauses in Amsterdam aus. Der zu dieser Zeit noch nicht 20-jährige kanadische Popsänger Justin Bieber hatte sich nach einem Besuch – wie das Haus berichtete –  „beeindruckt“ gezeigt, sich mit den Worten „Anne war ein tolles Mädchen“ verewigt und im Weiteren geschrieben, er hoffe, sie wäre auch ein Fan – er verwendete das unter solchen gebräuchliche Kunstwort „belieber“ – von ihm gewesen. Die darauf folgende Woge der Belustigung und Empörung, die in Presse und sozialen Netzwerken hochschlug, schien zu dem flapsigen und sicher nicht eben geistreichen Spruch des Teenie-Stars kaum im Verhältnis zu stehen. Anders als zu früheren, weniger vernetzten Zeiten erreichte und beschäftigte er weite Personenkreise, auch solche, die dem „Belieber“-Alter entwachsen sein dürften. Das wirft bei näherer Betrachtung Fragen auf. Geht es hier noch um das heranwachsende jüdische Mädchen Anne, das mit seiner und einer weiteren Familie fast zwei Jahre in Amsterdam im Versteck lebte? Das sich dort mit außergewöhnlichem Talent unter extremen Bedingungen dem Schreiben widmete, wobei unter anderem ein beeindruckendes Tagebuch entstand, von dem seine Autorin nicht wissen konnte, dass dieses später um die Welt gehen würde? Ein „tolles Mädchen“ – eine tolle Geschichte? Gewiss, so hätte es sich im Rückblick wohl sagen lassen. Wenn Anne unversehrt überlebt und womöglich als heute 87-jährige Schriftstellerin ihren Enkelkindern davon hätte berichten können. Wir wissen, dass es anders kam.

Wie unzählige andere ihrer Leidensgenossinnen und Leidensgenossen wurde Anne Frank letztlich verraten, verschleppt, gedemütigt, gequält und schließlich ermordet. Nach kurzem Aufenthalt im Lager Westerbork in den Niederlanden wurde Anne mit ihrer Familie nach Auschwitz in Polen deportiert. Sie entging den Gaskammern, weil sie jung war und damit noch für Zwangsarbeit in Betracht kam. Sie wurde mit ihrer Schwester Margot zurückgeschickt, westwärts, nach Bergen-Belsen. Ihre Mutter starb in Auschwitz-Birkenau. Bergen-Belsen in der Lüneburger Heide war kein Vernichtungslager – wenigstens das nicht –, dort herrschten ‚nur‘ Überfüllung, die übliche Brutalität, Hunger, unsägliche hygienische Bedingungen und infolge dessen Krankheit und Seuchen. Anne starb dort infolge von Entkräftung an Fleckfieber, wenige Tage nach ihrer Schwester Margot. Über ihr genaues Todesdatum herrscht bis heute Unklarheit; inzwischen wird von März oder gar Februar 1945 ausgegangen, jedenfalls – und das macht es besonders bitter – nur wenige Monate, bevor der unvorstellbar grausame Nazi-Spuk ein Ende fand. Die Leichname der Mädchen landeten in einem Massengrab. Von den ehemals im Hinterhaus der Prinsengracht 263 in Amsterdam Untergetauchten überlebte allein ihr Vater. Otto Frank verdankte dies einzig dem Umstand, dass er sich beim Herannahen der Roten Armee in Auschwitz in der Krankenbarracke befand und so den berüchtigten Todesmärschen knapp entging. Letzte Erschießungen hatten bereits begonnen. Kurz darauf waren jedoch auch die letzten Folterknechte so sehr mit ihrer eigenen Flucht beschäftigt, dass sie schließlich ihr bestialisches Mordhandwerk einstellen mussten.

Anne war es nicht mehr vergönnt, die Befreiung der Konzentrationslager zu erleben. Letzte Zeitzeugen schildern sie als „Skelett“ und „Schatten ihrer selbst“. Sie selbst war überzeugt, alle ihre Angehörigen verloren zu haben. Dass ihr Vater noch lebte, konnte sie nicht wissen. Ob ihr dies, hätte sie es gewusst, noch ausreichend Kraft verliehen hätte, länger durchzuhalten, lässt sich nicht sagen. Irgendwann ist ein Mensch physisch am Ende. Anne wurde keine 16 Jahre alt.

Eben diese bittere Tatsache, dass Anne Frank den beispiellosen Völkermord der Nazis nicht überlebte, und ihr Tagebuch, das erhalten blieb und schon kurze Zeit nach ihrem Tod weltweit zum Symbol für Auflehnung gegen Unterdrückung und Unmenschlichkeit erhoben wurde, hatten sie selbst schließlich zu einer Symbolfigur werden lassen. Zunächst für die Opfer der Shoah. Und schließlich mehr und mehr für alle Opfer von Unterdrückung und Völkermord in der Welt. Mediale Verarbeitungen des Tagebuchs sorgten für weitere Zuschreibungen. Anne stand schließlich für den „Glauben an das Gute im Menschen“, ein etwas aus dem Zusammenhang gerissenes Zitat aus ihrem Tagebuch, mit dem das 1955 am New Yorker Broadway uraufgeführte Theaterstück The Diary of Anne Frank von Frances Goodrich und Albert Hackett endete. Der originale Tagebucheintrag vom 15. Juli 1944 lautete: „Es ist ein Wunder, daß ich all meine Hoffnungen noch nicht aufgegeben habe, denn sie erscheinen absurd und unerfüllbar. Doch ich halte daran fest, trotz allem, weil ich noch stets an das Gute im Menschen glaube.“ Das Mädchen Anne Frank: Eine Ikone. Fortan unantastbar. Tatsächlich? Und für wen gilt das – und für wen nicht?

Biebers Gästebucheintrag mag unglücklich formuliert gewesen sein. Es war weder die erste, noch die letzte Selbstdarstellungsinszenierung, mit der er Unmut erregte – im Verlauf seines fortdauernden Teeniestar-Höhenflugs, mit dem einer, der selbst noch dabei ist, sich aus dem Teeniealter herauszuwursteln, auch erst einmal zurechtkommen muss. Aber: Wäre es denn grundsätzlich verwerflich, mit vielleicht etwas anderen Worten zu fragen: „Wenn wir uns denn – zu einer anderen Zeit – begegnet wären, hättest du meine Musik gemocht? Hätten wir uns womöglich gegenseitig etwas geben können?“ Denn es ist ja im Grunde der Wunsch eines jeden jungen Menschen, der soeben seine Talente entfaltet: gehört zu werden, wahrgenommen zu werden, fortzuwirken, Spuren zu hinterlassen im Gedächtnis und Wirken anderer. Gar bewundert zu werden. Eine Sehnsucht, die in jungen Jahren – und nicht nur – mit dem Bewundern anderer in Wechselwirkung steht. Anne, die sich übrigens, wie nahezu jeder Teenager, Starfotos aus Zeitschriften an die Wände pinnte, hatte dies selbst mehrfach ausformuliert. Es war ihr eigener großer Wunsch, journalistisch und schriftstellerisch fortzuwirken. Immer wieder werden andererseits auf Ausstellungen verschiedener Anne-Frank-Gedenkstätten oder auch im Schulunterricht, wo Annes Tagebuch didaktisch eingesetzt wird, junge Leute aufgefordert, fiktive Briefe an sie zu schreiben, um ihre Gedanken und Empfindungen auszudrücken. Auch hier zeigt man sich nicht immer glücklich über die Eigendynamik, die sich mit einem solchen Versuch entwickeln kann, entspricht doch die Art der Identifikation der jungen Menschen nicht immer der vom Bildungsplan angestrebten Richtung. Abhängig von der jeweiligen Entwicklungsphase haben junge Menschen nun einmal ihre eigenen Gedanken und Anliegen, die ihnen oftmals näher stehen als die pädagogisch gewollten. Sie identifizieren sich mit Anne, fühlen sich ihr nahe – gewiss, aber ihre eigentlichen Themen sind die Heranwachsender in einer Entwicklungsphase, die sie naturgegeben stark beschäftigt: körperliche Veränderungen, Gefühlswirrungen, Rollen- und Identitätsfindung, Abgrenzung von den Eltern, Zukunftspläne, die Suche nach einem eigenen Weg.

Was darf Erinnerung? Oder: Gibt es ‚richtige‘ Formen des Erinnerns und wer legt fest, welche das sind? Die anhaltende Aufregung um Anne Frank zeigt es. Sie dokumentiert das Ringen um die ‚richtige‘ Form der Erinnerung, um die ,richtige‘ Verwendung von Geld für die ,richtigen‘ Zwecke, und immer wieder um Urheber- und Deutungsrechte. Im Jahr 2014 scheiterte ein vom ZDF geplantes Filmprojekt, das der Sender schließlich auf Betreiben des Anne Frank Fonds in Basel einstellen musste. Bei dieser von Otto Frank 1963 gegründeten Stiftung – nicht zu verwechseln mit der sechs Jahre älteren, 1957 ebenfalls durch ihn ins Leben gerufenen Anne-Frank-Stiftung, die das Anne-Frank-Haus in Amsterdem als Gedenk- und Begegnungsstätte unterhält – handelt es sich um eine gemeinnützige Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Einnahmen aus dem Erlös von Urheberrechten gezielt Projekten der Bildung, der Aufklärung und des Gedenkens zugute kommen zu lassen. Des Weiteren macht sie sich weltweit für Kinderrechte stark. Aus nachvollziehbaren Gründen wendet sie sich gegen eine Kommerzialisierung des Namens Anne Frank durch Dritte. Um ein vom Fonds unterstütztes Projekt handelt es sich hingegen bei der deutschen Literaturverfilmung Das Tagebuch der Anne Frank unter der Regie von Hans Steinbichler, die Anfang des Jahres in deutschen Kinos anlief. Diese stammt, ebenso wie das ein Jahr zuvor von der ARD ausgestrahlte, sehr sehenswerte Doku-Drama Meine Tochter Anne Frank unter Regie von Raymond Ley, aus der Produktion von Walid Nakschbandi, der sich als aus Afghanistan eingewanderter Vierzehnjähriger erstmals mit Anne Franks Tagebuch beschäftigt hatte. Dessen Firma, inzwischen Inhaberin der exklusiven Filmrechte, gehört wiederum wie der S. Fischer Verlag, in dem seither alle Anne Frank-Bücher, einschließlich der 2013 aufgelegten Gesamtausgabe, erschienen sind, zur Holtzbrink Verlagsgruppe. Steht dahinter der Wunsch, möglichst ,alles unter einem Dach‘ haben zu wollen? Auf jeden Fall wurde großer Wert auf eine authentische ,Film-Anne‘ gelegt. In beiden Inszenierungen überzeugen mit Mala Emde und Lea van Acken sorgfältig ausgewählte, starke Hauptdarstellerinnen, die bis zu diesem Zeitpunkt keine Berufsschauspielerinnen waren.

Der Schweizer Fonds und die Niederländische Stiftung wiederum haben sich in den letzten Jahrzehnten – von der Öffentlichkeit eher unbemerkt – stark auseinandergelebt. Das mag auch damit einhergehen, dass die meisten der Menschen, die Anne noch persönlich gekannt hatten, inzwischen nicht mehr am Leben sind. Nach Otto Frank im Jahr 1980 verstarb 2010 in den Niederlanden 100-jährig Miep Gies, die berühmte Helferin im Versteck und Bewahrerin der Tagebücher. Mit ihr verließ uns eine überaus wichtige Zeitzeugin, die noch in hohem Alter die Ereignisse aus ihrer Sicht in ihrem Buch Meine Zeit mit Anne Frank veröffentlichte. Dieses liest sich – auch für Menschen, die überzeugt sind, die ganze Geschichte bereits in- und auswendig zu kennen – packender als jeder Thriller, umso mehr, als in ihm die immer drückendere Atmosphäre, die das Geschehen begleitet, sehr intensiv zu spüren ist und lange nachwirkt. Im März 2015 schließlich verstarb der Schweizer Schauspieler Buddy Elias, jener Cousin Anne Franks, der in ihr einst die Begeisterung für das Eislaufen geweckt hatte. Eine neue Generation steht nun hier wie dort vor der Aufgabe, sich mit dem Erbe Anne Franks und dessen ‚richtiger‘ Verwendung zu beschäftigen. Nicht einfacher wird dies durch den Umstand, dass alle Tagebücher, Fotos und anderen Aufzeichnungen Anne Franks durch ihren Vater per Testament weder der einen noch der anderen Stiftung, sondern vielmehr dem Niederländischen Institut für Kriegsforschung (NIOD – Nederlands Instituut voor Oorlogsdocumentatie) vermacht wurden. Zu dieser Entscheidung mögen rein praktische Beweggründe geführt haben, wie der Wunsch, die Dokumente einem staatlichen Institut, das übrigens später auch die Echtheit der Tagebücher untersuchen und belegen sollte, zu Forschungszwecken zur Verfügung zu stellen, als auch der Umstand, dass das Anne-Frank-Haus selbst damals noch nicht über geeignete klimatisierte Räumlichkeiten verfügte. Die Vermutung liegt nahe, dass Anne selbst es wohl für richtig befunden hätte, ihren Nachlass dem Niederländischen Staat anzuvertrauen, da es ihre eigene – durch Radio Oranje inspirierte – Idee war, ihr Tagebuch später unter anderem als Kriegsdokument zur Verfügung zu stellen. Bei dem im Anne-Frank-Haus zu besichtigenden Original-Tagebuch handelt es sich somit um eine dauerhafte Leihgabe des Instituts.

Inzwischen wurde Anne Frank, das jüdische Mädchen aus Frankfurt, von vielen geradezu selbstverständlich als Niederländerin angesehen und wahrgenommen. Als im Jahr 2004 ein holländischer Fernsehsender sie gar auf die Kandidatenliste seiner Show Größte Niederländer aller Zeiten setzte, fiel dann doch manchem auf, dass Anne nie wirklich Niederländerin war. Gewiss war sie in ihrem Herzen Niederländerin und schrieb auf Niederländisch. Sie war Deutsche von Geburt, doch das ‚Deutschsein‘ war ihr schließlich allzu gründlich ausgetrieben worden. Durch die Aberkennung der Staatsbürgerschaft als Jüdin infolge der Nürnberger Rassengesetze von 1935 galt sie fortan als staatenlos. Eine postume Einbürgerung konnte nach niederländischem Gesetz nicht erfolgen, während das deutsche Bundesinnenministerium sich wiederum beeilte, die Ausbürgerung durch die Nazis für nichtig, da nicht rechtens, und Anne somit zur Deutschen zu erklären. Einige Jahre später hätten auch die USA, in die der Familie Frank zu Lebzeiten keine Einwanderung mehr möglich war, Anne gern rückwirkend die amerikanische Staatsangehörigkeit verliehen. Doch solcherlei Versuche, die Geschichte nachträglich zu glätten, bleiben fragwürdig.

Aus dem NIOD wiederum meldet sich mit dem Historiker David Barnouw ein Insider zu Wort, der sich mit Anne beschäftigt hat, seit ihre Dokumente in den Besitz seines Instituts übergingen. Sei es, dass er während der ersten Jahre persönlich im Anne-Frank-Haus einmal im Quartal die Tagebuchseiten umwendete, um ihrem Ausbleichen entgegenzuwirken, oder dass er später Mitherausgeber der wissenschaftlichen Ausgabe der Tagebuchtexte werden sollte. Rückblickend erscheint es, als sei er in der Vergangenheit immer dann zu Stelle gewesen, wenn der Hype um Anne sich einmal wieder zu überschlagen drohte; sei es, als immer wieder – vor allem von Seiten rechter Gruppierungen – versucht wurde, die Echtheit der Tagebücher anzufechten, oder auch, als es um die Frage ging, wer die Familie Frank letztlich verriet. Mit einer Veröffentlichung unter dem Titel Wer verriet Anne Frank? erläuterte er 2006 alle bis dahin vorliegenden Fakten, verwies den Rest ins Reich der Phantasie und machte damit mancher wilden und unfruchtbaren Spekulation ein Ende. Unfruchtbar deshalb, weil die nachträgliche Suche nach Sündenböcken kontraproduktiv ist. Wer immer die Bewohner des Hinterhauses, die durch Annes Tagebücher allgemein bekannt wurden, verriet, ist kein schlimmerer und kein besserer Verräter, als jeder andere miese Denunziant aus jener Zeit, der andere Menschen auf dem Gewissen hat, an die sich zu deren Unglück nur niemand mehr erinnert. Vielmehr gilt es, der Frage nachzugehen, wie eine menschliche Gesellschaft überhaupt in die Situation geraten kann, mehrheitlich zu einem Volk der Mitläufer, Denunzianten und Mittäter zu werden, und nach Wegen zu suchen, dies künftig dauerhaft zu verhindern, umso dringender angesichts der jüngsten gesellschaftlichen Entwicklungen und des zunehmenden Rechtspopulismus in Europa. Um es mit Theodor W. Adorno zu sagen: „Man muß die Mechanismen erkennen, die die Menschen so machen, daß sie solcher Taten fähig werden, muß ihnen selbst diese Mechanismen aufzeigen und zu verhindern trachten, daß sie abermals so werden, indem man ein allgemeines Bewußtsein jener Mechanismen erweckt.“

Davids Barnouws jüngstes Buch Das Phänomen Anne Frank, das uns eine chronologische Darstellung der historischen Ereignisse und zugleich eine ausführliche Rezeptionsgeschichte der Texte Anne Franks sowie deren medialen Verarbeitungen liefert, erschien erstmals 2012 in den Niederlanden unter dem Titel Het fenomeen Anne Frank. Seit letztem Jahr liegt es in überarbeiteter Form nun auch in deutscher Sprache vor. Es bietet allen, die sich näher mit Anne Frank beschäftigen möchten, eine gute und umfassende Übersicht über alle Ereignisse, inklusive der Medienereignisse vom Beginn bis in die Gegenwart, nicht ohne die Instrumentalisierung und Vermarktung des Namens Anne Frank kritisch zu beleuchten. Dies wiederum trug dem Autor – auch und gerade bei der Anne-Frank-Stiftung – nicht nur Freunde ein. Mit ihrer unbeirrt sachlichen Haltung steht seine Veröffentlichung jedoch einmal mehr als ruhender Fels in der Brandung aller mehr oder weniger hitzig geführten Debatten.

Inwieweit ein Name, eine Person oder auch ein Stoff bei der Umsetzung in ein mediales Format der Gefahr der Instrumentalisierung, im schlimmeren Fall auch der Trivialisierung, ausgesetzt ist, bleibt eine spannende Frage. Dies zeigt eine Sammlung von Aufsätzen, die vorletztes Jahr unter dem Titel Anne Frank – Mediengeschichten erschien. Verschiedene Autorinnen und Autoren, die sich im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit oder Lehrtätigkeit mit unterschiedlichen Medialisierungen von Anne Franks Geschichte beschäftigten, kommen hier zu Wort und gehen vor allem der Frage nach, inwieweit eine Geschichte durch eine andere mediale Verarbeitung neu erzählt oder auch umerzählt wird. Angefangen beim unbewegten Medium, beispielsweise der Fotografie oder dem Denkmal, und der Botschaft, die es transportiert – einmal durch das, was es erzählt und zum anderen auch durch das, was es nicht erzählt – über die vielfältigen szenischen Umsetzungen des Stoffes für Bühne oder Film, bis hin zu Übertragungen der Geschichte in modernere Formen, zum Beispiel die der Graphic Novel oder des japanischen Mangas, und schließlich den Möglichkeiten, die neue, interaktive Medien wie das Internet und die sozialen Netzwerke bieten, zeigt sich hier ein weites Spektrum an unterschiedlichsten Erzählformen. Als jüngstes Beispiel sei hier noch das neue Theaterstück ANNE von Leon de Winter und Jessica Durlacher angefügt, 2014 uraufgeführt in einem eigens zu diesem Zweck neu erbauten Theater in Amsterdam.

Die diversen Erzählformen wiederum können, abhängig von der Motivation des Senders, der Art und Weise der Übermittlung und nicht zuletzt von Alter, Persönlichkeit, Vorbildung und Vorerfahrungen der Empfänger innerhalb einer Zielgruppe sehr unterschiedliche Auslegungen und Deutungen hervorbringen. Neue Medien schaffen überdies Möglichkeiten des Zugangs, an die früher niemand auch nur zu denken gewagt hätte. Zum Beispiel bietet das Anne-Frank-Haus auf seiner Homepage einen virtuellen Rundgang durch das gesamte Haus in der Prinsengracht, welcher auch Menschen, denen keine Besichtigung vor Ort möglich ist, erlaubt, sich einen Eindruck der Räume und des ehemaligen Verstecks im Hinterhaus zu verschaffen. Als eine originelle Idee ist auch der „Anne-Frank-Tree“ zu nennen, ein virtueller Kastanienbaum anstelle des echten, den Anne in ihrem Tagebuch erwähnt. Jener war leider aus Altersgründen letztlich nicht mehr zu retten und stürzte trotz aufwändiger Sanierungsaktionen im Jahr 2010 endgültig um, während dafür Setzlinge von ihm um die ganze Welt gingen. An seinem im Internet verewigten Abbild ist es nun möglich, mit dem Anheften virtueller Gedenk-Blätter eigenen Gedanken Ausdruck zu verleihen und sich mit Menschen desselben Anliegens zu verbinden. Mit „Anne Frank im Land der Mangas“, ein Thema, dem im Buch ebenfalls ein eigener Aufsatz gewidmet ist, gestaltete ein Team belgisch-französischer Künstler auf der Internet-Seite des Senders Arte ein „begehbares Manga“. Ein interaktiver Comic – in der in Japan bei Kindern und Erwachsenen äußerst beliebten Form des Mangas – begleitet nachträglich eine Reise der Autoren auf der Suche nach Spuren Anne Franks im fernen Osten. Er beleuchtet mit gewissem Augenzwinkern ein Land der Widersprüche, das Anne einerseits hoch verehrt, ihr gar eine Kirche geweiht und eine Rosensorte gewidmet hat und sich mit ihr gleichsam als Weltkriegsopfer – Holocaust und Hiroshima wurden im selben Atemzug genannt – identifiziert, dem andererseits die Auseinandersetzung mit der anderen, dunklen Seite der eigenen Täterrolle bei Kriegsverbrechen ähnlich schwer fallen will, wie dem einst verbündeten Deutschland. Es handelt sich um ein geradezu erschreckendes Beispiel dafür, wie die Instrumentalisierung ausgerechnet des Namens Anne Frank Verzerrungen in der Wahrnehmung historischer Ereignisse befördern kann.

Hingegen lohnt es sich in der Tat, näher zu betrachten, inwieweit die fiktive Präsenz einer Ikone wie Anne Frank in einem sozialen Netzwerk – nehmen wir beispielsweise Facebook –  einerseits neue Möglichkeiten der Identifikation und Erinnerung schaffen, jedoch andererseits zur Trivialisierung der Erinnerung an die Opfer der Nazi-Verbrechen zum Zweck der Unterhaltung um jeden Preis führen kann. Seit Erscheinen des Beitrags „Meine Freundin Anne Frank – Die Medialisierung Anne Franks zur Facebook-Ikone“ hat sich die Situation nochmals verändert. Die Verantwortlichen von Facebook haben in der jüngsten Zeit darauf hingearbeitet, fiktive Personenprofile zu löschen, beziehungsweise diese in Seiten umzuwandeln. Das heutige Anne-Frank-Profil suggeriert somit Nutzerinnen und Nutzern nicht mehr, mit Anne ‚befreundet‘ zu sein. Vielmehr handelt es sich um eine Fan-Seite, die von diesen mit „Gefällt mir“ markiert werden kann und ihnen – wie jede andere Facebook-Seite – Einstellungen anbietet, um neue Postings an erster Stelle der persönlichen Timeline angezeigt zu bekommen. So ist auf der vom Anne-Frank-Haus in Amsterdam betreuten Anne-Frank-Seite ein Einblick in Ausstellungen und Veranstaltungen des Museums sowie ein Weiterverbreiten dieser Meldungen über die „Teilen“-Option möglich, was der Stiftung und ihren Projekten zunehmend größere Bekanntheit verschafft. Das ist in diesem Falle nur wünschenswert, da sich die Organisation Zielen wie Aufklärung, Bildung, Begegnung und internationalem Austausch junger Leute verschrieben hat, die anzustreben heute wichtiger ist denn je. Natürlich muss sich eine Seite, die auf Interaktion setzt, unter anderem mit unpassenden und destruktiven Kommentaren auseinandersetzen, und leider verwenden auch rechtsextreme Kreise die sozialen Netzwerke sehr intensiv als Plattform für ihre Zwecke. Denn mehr als jedes andere Medium kann Social Media nun einmal auf sehr unterschiedliche Weise genutzt werden. Gerade deshalb wäre es jedoch der falsche Ansatz, Plattformen wie Facebook pauschal abzuwerten oder gar schlecht zu reden – und geradezu fatal, wenn Einrichtungen und Organisationen, die auf Bildung und Aufklärung setzen, sich aus ihnen zurückziehen würden. Für diese gilt es umso mehr, soziale Netzwerke und deren Möglichkeiten intensiv zu nutzen, ihre Präsenz dort sorgfältig und aktuell zu pflegen und sich mit gleich und ähnlich gesinnten Seiten zu vernetzen, um im Prozess der öffentlichen Meinungsbildung deutlich Position zu zeigen. Dass der Basler Anne-Frank-Fonds die Aktivitäten auf seiner eigenen Facebook-Seite seit Herbst 2015 offensichtlich komplett eingestellt hat, ist zu bedauern und tut dessen Bildungszielen keinen guten Dienst. Die von der Anne-Frank-Stiftung in den Niederlanden sehr sorgfältig gepflegte Präsenz Anne Franks auf Facebook wiederum zeigt das facettenreiche Profil einer Autorin, die als Opfer der Shoah vielen anderen Opfern stellvertretend eine Stimme gab, die weiter fortwirkt. Somit gewinnt diese Seite zugleich den Charakter einer wichtigen Bildungsinstanz.

Hingegen nehmen junge Menschen Anne vor allem als eine der ihren wahr, identifizieren sich mit ihr als einer Gleichaltrigen, die sich traute, ihre Gedanken und Gefühle zu Papier zu bringen, auch viele heikle Dinge beim Namen zu nennen, die Jugendliche zu allen Zeiten beschäftigen. Sie identifizieren sich jedoch eher nicht – so sehr auch Lehrerinnen und Lehrer, Museumspädagoginnen und Museumspädagogen sich darum bemühen mögen – mit Anne als Opfer der Shoah. Dies können sie vermutlich auch nicht. Zu allen Zeiten dürfte es jungen Menschen widerstrebt haben, sich mit Opfern zu identifizieren, eine Abneigung, die sehr viel mit Selbstschutz zu tun hat – und die gegenwärtig auch in der gängigen, abwertenden Schimpfwortbezeichnung „Du Opfer!“ ihren Ausdruck findet. Zum Opfer werden, das kann niemand wollen, daran mögen wir noch nicht einmal denken! Und es lässt sich auch nicht sagen, ob Identifikation mit den Opfern tatsächlich verhindern kann, nicht eines Tages doch zu Tätern oder Mittätern zu werden. Denn gerade dies entwickelt sich ja oft aus dem – freilich simplen – Entweder-Oder-Glauben, andernfalls womöglich selbst Opfer zu werden. Mechanismen, über die nachzudenken Unbehagen bereiten muss. Bedeutet es für uns als Deutsche schließlich auch, uns damit zu konfrontieren, dass – Tatsachen und Wahrscheinlichkeitsrechnungen zufolge – in den Reihen der eigenen, mehrheitlich schweigenden Vorfahren seltenst Widerstandskämpfer, wohl aber Täter, Mittäter und feige Mitläufer gewesen sein müssen. Und notwendigerweise erfordert es im nächsten Schritt, sich mit der noch dringenderen Frage auseinanderzusetzen, wozu wir denn selbst fähig wären, vor die Wahl gestellt: In Aussicht gestellte Teilhabe an der Macht bei Mitlaufen und Mittun – oder Ausgrenzung bis hin zur Verfolgung bei Widerstand? Dies ist ein schmerzhafter Prozess; er lässt sich durch nichts abmildern, und nicht ganz zu Unrecht empfinden junge Menschen ihn als Zumutung, denn ihre Vorfahren, die es eigentlich betraf, haben diesen Prozess mehrheitlich umgangen, sich unfähig gezeigt, sich mit eigener Schuld und Mitschuld auseinanderzusetzen. Wie sollen ihnen das die nächsten Generationen abnehmen? So ganz ohne Vorbilder? Schuld, die sich einfach weitervererben lässt, nach dem Motto: Sollen sich die Nachgeborenen doch damit herumschlagen!? Wer kann es diesen verdenken, wenn sie ein solches Erbe ausschlagen? Bleibt das Erbe der Verantwortung, welches nicht ausgeschlagen werden kann: Wie lässt sich das an junge Menschen herantragen? Vielleicht bedarf es hier nicht gar so vieler Verrenkungen. Möglicherweise reichen Denkimpulse aus. Es kann – nicht nur für junge Menschen – immer wieder ein einfacher erster Schritt sein, festzustellen: Hier war jemand, der wegen angeblichen Andersseins ausgegrenzt wurde und doch ähnlich dachte und fühlte wie ich, obwohl er oder sie zu einer ganz anderen Zeit lebte. Und dann darauf zu vertrauen, dass junge Menschen durchaus zum Selbstdenken und Weiterdenken in der Lage sind, wenn dies vielleicht auch in ganz anderen, als in den von Didaktik und Methodik vorgesehenen Bahnen geschehen mag.

Was darf Erinnerung? Wie schön, wenn wir uns darauf einigen könnten, zu sagen: Alles, was dem offenen Austausch, der Begegnung und Friedensbemühungen in aller Welt dient. Alles, was hilft, künftige Barbarei zu verhindern. Um es nochmals mit den Worten Adornos zu sagen: „Die Forderung, daß Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung.“ Das Vorwort von Miep Gies in ihrem Erinnerungsbuch Meine Zeit mit Anne Frank, das vor zwei Jahren zum dritten Mal aufgelegt wurde, endet mit den Worten: „Meine Geschichte handelt von ganz gewöhnlichen Menschen in außergewöhnlich dunklen Zeiten – Zeiten, von denen ich nur inständig hoffen kann, dass sie sich nie wiederholen mögen. Niemals. Es ist an uns, den einfachen Menschen in aller Welt, dafür zu sorgen, dass dies nicht geschieht.“

Was machte Miep Gies zu einem Menschen, der anders handelte? Welche Erfahrungen in ihrer Jugend befähigten sie zu ihrer so ganz anderen Haltung? In Wien geboren, wurde sie als Elfjährige nach dem Ersten Weltkrieg im Rahmen eines Hilfsprogramms für hungernde österreichische Kinder zu einer ihr zuvor unbekannten Pflegefamilie in die Niederlande verschickt. Diese hatte bereits mehrere eigene Kinder und war keineswegs reich – der Vater ein Arbeiter –, aber der festen Überzeugung, dass dort, wo schon so viele satt werden, es auf einen mehr nicht ankomme. Wenn Miep Gies ihre Lebensbedingungen in dieser Familie beschreibt, so entbehrt dies völlig Schilderungen, wie sie aus dieser Zeit normalerweise erwartet werden, womöglich von Entbehrungen, harter Disziplin oder gar Schlägen, die angeblich „noch keinem geschadet haben“, und ähnlichem, das unseren Ohren aus Berichten unserer eigenen Vorfahren vertraut ist. Vielmehr entsteht das Bild von einer freundlich umsorgenden Atmosphäre liebevoller Akzeptanz und Wärme, die ganz offensichtlich auch von Mieps neuen Geschwistern so erfahren und weitergegeben wurde, von uneingeschränkter Hilfsbereitschaft auch von Kindern in der Umgebung, die offenbar unter ähnlichen Bedingungen aufwuchsen, und schließlich von einem insgesamt geistig aufgeschlossenen und bildungsfreundlichen Klima, in dem Heranwachsende unter anderem angehalten wurden, Zeitung zu lesen und sich eine eigene Meinung zu bilden. Hier scheint sich ganz schlicht das spätere Astrid-Lindgren-Zitat zu bestätigen: „Gebt den Kindern Liebe, mehr Liebe und noch mehr Liebe, dann stellen sich die guten Manieren ganz von selbst ein.“ Dies nur, um eine Ahnung davon entstehen zu lassen, wie die theoretisch viel diskutierte Erziehung nach Auschwitz in der Praxis aussehen könnte. Denn leider sieht es immer noch so aus, als hätten wir in dieser Hinsicht gar keinen Plan, während eine neue Generation in Teilen der Anziehungskraft des Barbarischen neu zu erliegen droht.

Und wem gehört nun Anne Frank? Einerseits zur unantastbaren Ikone verklärt, andererseits im selben Zug – oft auch gerade von den Menschen, die sie dazu erklären – nach Belieben für die unterschiedlichsten Belange herangezogen? Sie, die sich schon immer sehr darüber wunderte, „dass erwachsene Menschen so schnell, so viel und über alle möglichen Kleinigkeiten Streit anfangen“, wie es einem Tagebuch-Eintrag vom 28. September 1942 zu entnehmen ist? Wäre es nicht an der Zeit, sie ein wenig sich selbst zurückzugeben? Am ehesten kann dies gelingen, indem wir ihr eigenes Werk lesen. Unter dem Titel Denn schreiben will ich!, ein Ausruf, mit dem ein selbstkritischer Eintrag vom 5. April 1944 endet, erschien in diesem Jahr in neuer Übersetzung bei Reclam eine handliche, leinengebundene Ausgabe. Sie enthält Annes wichtigste Tagebuchauszüge, eigene Erzählungen aus ihrem „Geschichtenbuch“ und einen Auszug aus ihrem begonnenen und unvollendeten Roman Aus Cadys Leben. Hier entsteht anschaulich das Bild eines jungen Mädchens mit ungewöhnlicher schriftstellerischer Begabung, scharfer Beobachtungsgabe und herzlichem Humor, das sich das „Dennoch“ zum Motto ihres kurzen Lebens gemacht hatte, welches ihr – und mit ihr vielen anderen, die Rede ist von mehreren Millionen, darunter geschätzte eineinhalb Millionen Kinder – schließlich auf denkbar schlimmste Weise genommen wurde. Uns, die wir angesichts dieser kaum vorstellbaren Fakten immer wieder sprachlos verharren, bleibt im Grunde nur, dieses „Dennoch“ zu übernehmen, es uns zu eigen zu machen und weiterzutragen. In jeder Hinsicht.

 

Dieser Beitrag erschien am 17.08.2016 in Rezensionsforum literaturkritik.de.

 

 

Miep Gies Anne Frank

Miep Gies:
Meine Zeit mit Anne Frank.
Der Bericht jener Frau,
die Anne Frank und ihre Familie in ihrem Versteck versorgte,
sie lange Zeit vor der Deportation bewahrte –
und sie doch nicht retten konnte.
Übersetzt aus dem Englischen von Liselotte Julius.
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 2009.
256 Seiten, 9,95 EUR.
ISBN-13: 9783596183678

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Peter Seibert / Jana Piper / Alfonso Meoli (Hg.):
Anne Frank. Mediengeschichten.
Metropol Verlag, Berlin 2014.
272 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783863311995

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Anne Frank_14.8.2015.inddDavid Barnouw:
Das Phänomen Anne Frank.
Aus dem Niederländischen
von Simone Schroth.
Klartext Verlagsgesellschaft, Essen 2015.
180 Seiten, 14,95 EUR.
ISBN-13: 9783837512465

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Denn schreiben will ichAnne Frank:
Denn schreiben will ich!
Aus den Tagebüchern und anderen Werken.
Reclam Verlag, Stuttgart 2016.
262 Seiten, 19,95 EUR.
ISBN-13: 9783150110553

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Eingeordnet unter Autor, Bücher, Bettina Johl, Buchbesprechung, Essay, Gesellschaft, Rezension

Prinzessin ohne Land – Lukas Hartmanns west-östliche Familiensaga „Abschied von Sansibar“

BildMerkwürdig verhält es sich von jeher mit Geschichten, die von Prinzessinnen handeln. Zu allen Zeiten haben sie unsere Phantasie beflügelt, und das märchenhafte Flair, das sie umgibt, hält zuweilen selbst nüchternster Realität stand. Als 1886 ein Buch mit dem Titel „Memoiren einer arabischen Prinzessin“ in einem Berliner Verlag erschien, erregte dies entsprechend Aufsehen und wäre aus heutiger Sicht durchaus dazu angetan gewesen, Bestsellerlisten zu stürmen, – allein solche gab es in dieser Form zu jenen Zeiten noch nicht. Es wurde in mehrere Sprachen übersetzt und musste innerhalb eines Jahres gleich viermal nachgedruckt werden. Seiner Leserschaft bot es Einblick in eine exotische Welt und faszinierte einmal mehr durch den Umstand, dass es sich bei der Autorin Emily Ruete um eine wirkliche Prinzessin, Sayidda Salme bint Sayd, eine Tochter des Sultans, des regierenden Herrschers über Sansibar und Oman, und einer seiner Nebenfrauen handelte. Als Witwe des Hamburger Kaufmanns Heinrich Ruete, dem sie zwanzig Jahre zuvor nach Deutschland gefolgt war, lebte sie dort in gänzlich anderen als prunkvollen Verhältnissen. Ruete, mit dem sie zunächst in einem repräsentativen Haus in Hamburg auf der Uhlenhorst gewohnt und drei Jahre lang – abgesehen von Heimweh – ein durchaus glücklich zu nennendes Familienleben geführt hatte, wurde eines Tages beim Abspringen von einer Pferdebahn überrollt und verunglückte tödlich. Sie blieb mit drei Kindern in der Fremde zurück, – nahezu mittellos, da man sie nach Hamburger Recht von Amts wegen unter Vormundschaft stellte, ihr nur einen geringen monatlichen Betrag zubilligte und das Vermögen ihres Mannes recht bald anderweitig durchbrachte, so dass weder sie noch ihre Kinder je viel davon zu sehen bekommen sollten.

Dies alles hatte nun längst nichts Märchenhaftes mehr an sich und passte wenig in das Bild von Tausendundeiner Nacht in den Köpfen der Gesellschaft. Emily Ruete hatte gerade in den ersten Jahren, da ihre Rolle als Kaufmannsgattin die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben der Hamburger Handelsleute vorsah, mit deren Ressentiments hinreichend Bekanntschaft gemacht, – bestaunt, beargwöhnt, täglich neugierig starrenden Blicken ausgesetzt. Hinter vorgehaltener Hand verbreitete Gerüchte von der „Haremsdame“ und der „Negerprinzessin“. Schilderungen von Erlebnissen solcher Art finden sich in ihrem zweiten Buch, einer nach ihrem Tod erschienen Sammlung nie abgesandter „Briefe nach der Heimat“. Sie selbst hatte diese nicht zur Veröffentlichung vorgesehen, anders als ihre Memoiren, mit denen sie gezielt ihr Anliegen, dem gängigen europäischen Bild vom Leben der Frauen in der arabischen Gesellschaft etwas entgegenzusetzen, verwirklichte.

„Ihr Buch erhellt eindrucksvoll die Frage der Stellung der Frau im Orient, und zeigt, dass vieles, was über dieses Thema geschrieben worden ist, gänzlich unzutreffend ist. […] Niemand, der sich für die gesellschaftliche Stellung der Frau im Orient interessiert, sollte es unterlassen, diese angenehm geschriebenen Memoiren zu lesen. Die Prinzessin selbst ist eine Frau von hoher Kultur und ihre Lebensgeschichte ist ebenso lehrreich wie die Historie und ebenso faszinierend wie Fiktion.“

So lautete eine Rezension zu ihren Memoiren, von keinem Geringeren geschrieben als Oscar Wilde, von 1887 bis 1889 Redakteur der viktorianischen Frauenzeitschrift „The Woman’s World“, in der er regelmäßig „literarische Aufzeichnungen“ verfasste. Prinzessin Salmes Lebensgeschichte, die als erste Autobiographie einer arabischen Frau in die Literaturgeschichte einging, beschreibt eine weitgehend unbeschwerte Jugend im Sultanspalast, während derer sie viele Freiheiten genoss, Lesen lernte, sich das Schreiben selbst beibrachte, während ihr Bruder sie im Reiten und Schießen unterwies. Sie schildert das Leben einer selbstbewussten jungen Frau, die früh eigene Ländereien besaß und diese selbst verwaltete und bewirtschaftete. Lange blieb sie von jeglichem Heiratsdiktat verschont. Als sie Rudolph Heinrich Ruete kennenlernte, war sie zweiundzwanzig Jahre alt.

Die Schattenseiten: Als Kind ihrer Zeit und Gesellschaft, obwohl selbst Tochter einer als Kind verschleppten, tscherkessischen Sklavin aus dem Kaukasus, verteidigte sie die Sklaverei, bezeichnete diese als notwendige Institution. Das Palastleben hingegen wurde – wie wohl in Palästen weltweit üblich ­– bestimmt von Intrigen, in die auch sie entscheidend verwickelt war.

Sansibar – Zauberwort, Zauberort. Die Insel im Indischen Ozean, Wunschziel vieler ungestillter Sehnsüchte. Wer es sich leistete, in der Schule den Geographie- und Geschichtsunterricht zu verschlafen, benötigt zur genauen Bestimmung ihrer Lage einen Atlas. Erinnerungen an den exotischen Namen im Zusammenhang mit einer Lektüre aus lange zurückliegenden Deutschstunden: „Sansibar oder der letzte Grund“ von Alfred Andersch. Angestrengtes Durchforsten des Gedächtnisses, was es in jener Schilderung einer Flucht aus Nazi-Deutschland über die Ostsee eigentlich mit Sansibar auf sich hatte. Ein Anlass zum erneuten Lesen. In diesem Roman steht die Gewürzinsel vor der ostafrikanischen Küste stellvertretend für alles Fernweh und alle Reise- und Abenteuerlust, die einen jungen Menschen befallen kann, in jenem Fall den unter der Eintönigkeit des Lebens in einer unbedeutenden kleinen Hafenstadt und dem Fehlen jeglicher Perspektive leidenden Fischerjungen, der sich plötzlich in der Rolle eines Fluchthelfers wiederfindet.

Das Interesse europäischer Regierungen an Sansibar, insbesondere derer des gründerzeitlichen Deutschlands und des viktorianischen Englands, richtete sich jedoch auf ganz andere als rein touristische Abenteuer. Sansibar als Sitz der omanischen Dynastie der Al-Bu-Said, deren Macht und Einfluss bis nach Somalia, Uganda, Zaire und Malawi reichte, bildete sozusagen das Tor zu Afrika. Um es genauer zu sagen: Zu jenem begehrten Teil Afrikas, in dem Handelsgüter und Bodenschätze winkten und die Ökonomie auf der Arbeitskraft von Sklaven basierte, was man zwar begonnen hatte, vornehm zu kritisieren, aber billigend in Kauf nahm, solange es dem eigenen Profit diente. Jenes Afrika, welches durch die Erreichbarkeit auf dem Seeweg über das Mittelmeer durch den 1869 fertiggestellten Suezkanal in verlockende Nähe rückte. Keine umständlichen und beschwerlichen Landwege mehr, keine Wüstendurchquerungen, nicht länger das zeitraubende, gefährliche Umschiffen des riesigen Kontinents um das Kap der Guten Hoffnung, – sofern man sich den Kanalzoll leisten konnte. Auf Sansibar trafen sich Afrika und der Orient; die erträumten Reichtümer aus Tausendundeiner Nacht schienen nur darauf zu warten, gehoben zu werden, und hierbei wollte – wie üblich – jeder der Erste sein.

Einer der ersten Deutschen, die auf Sansibar bereits vor Fertigstellung des Kanals Handel trieben, war nun jener Kaufmann Ruete, Agent des Handelshauses Hansing & Co aus Hamburg. Über die Anfänge der ungewöhnlichen Liebesgeschichte, die sich zwischen ihm und der Prinzessin anbahnte, weiß man wenig. So wenig, wie sich feststellen lässt, ob sie tatsächlich romantisch-märchenhafte Züge trug. Weder erwähnte Salme etwas davon in ihren Memoiren, welche ursprünglich ihren Kindern zugedacht waren, die ohnehin spät von ihrer königlichen Herkunft erfahren hatten, noch sprach sie je darüber. So wie sie über vieles niemals sprach. Kein Wort über ihr erstes Kind, welches für ihre einstige Entscheidung, das Land zu verlassen, letztlich den Ausschlag gab. Schwanger von einem Ungläubigen, den ihre königliche Familie nie akzeptiert hätte, blieb ihr keine andere Wahl als die Flucht. Diese gelang ihr mit Hilfe des britischen Konsuls auf dem Kriegsschiff „H.M.S. Highflyer“, welches sie zunächst ins jemenitische Aden brachte, wo sie mehrere Monate auf den nicht sofort abkömmlichen, da in zahlreiche Geschäfte verwickelten Heinrich warten musste und zwischenzeitlich ihren Sohn zur Welt brachte. Nachdem sie durch Taufe das Christentum angenommen hatte, ließ das Paar sich trauen, um schließlich per Schiff und Bahn nach Europa weiterzureisen.

Wäre sie auch unter anderen als diesen Umständen mit nach Deutschland gegangen? Wir wissen es nicht. Die Trauer um den Sohn Heinrich jr., der die beschwerliche Reise nicht überstand und noch als Säugling starb, trug sie tief in sich verschlossen. Ihre weiteren Kinder, zwei Töchter und ein Sohn, wurden in Deutschland geboren und europäisch erzogen. Sie sollten ganz im Sinne ihres Vaters als Deutsche aufwachsen; dies stand für sie außer Frage, und so zog sie auch später als Witwe eine endgültige Rückkehr nie ernstlich in Betracht. Allerdings kämpfte sie einen mehrjährigen zähen, erfolglosen Kampf um ihr väterliches und mütterliches Erbe, das man ihr nach dem Verlassen des Landes enteignet hatte, denn der Tod ihres Mannes sowie die Verweigerung der Behörden, über dessen Vermögen verfügen zu können, stürzte sie in erhebliche wirtschaftliche Bedrängnis. Sie zog mit ihren Kindern mehrmals um, lebte in verschiedenen deutschen Städten, darunter Dresden, Rudolstadt, Berlin und Köln, in zunehmend dürftigen Verhältnissen, nur gelegentlich aufgebessert durch das Erteilen arabischen Sprachunterrichts oder durch Zuwendungen vereinzelter Vertreter des deutschen Adels, denen ihr Schicksal naheging. Ihren Sohn gab sie alsbald in eine Kadettenanstalt; so war zunächst für dessen Unterhalt gesorgt, und mit der Aussicht auf eine militärische Laufbahn auch für seine Zukunft, wovon man im säbelrasselnden Europa des späten neunzehnten Jahrhunderts überzeugt war. Dass der als sensibel geltende Junge unter der Trennung von der Familie, der leidlichen Versorgung und dem in jenen Einrichtungen üblichen harten Drill litt, mag ihr schmerzlich bewusst gewesen sein; eine Wahl hatte sie jedoch auch hier nicht.

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1885 reiste sie erstmals in Begleitung ihrer drei Kinder nach Sansibar, eine Aktion, die in Begleitung deutscher Kriegsschiffe, unter Wahrung strenger Geheimhaltung stattfand. Die Unterstützung Bismarcks dürfte kaum darauf zurückzuführen gewesen sein, dass man sich allzu sehr für Prinzessin Salmes persönliches Schicksal interessierte. Vielmehr instrumentalisierte man sie angesichts schwelender Gebietsstreitigkeiten für deutsche Kolonialinteressen. Wäre ihr als deutscher Staatsbürgerin bei dem Versuch, ihre Erbansprüche durchzusetzen, etwas zugestoßen, hätte man dies als willkommenen Vorwand für ein militärisches Eingreifen Deutschlands angesehen. Dies jedoch geschah nun nicht; die Prinzessin wurde von ihrem regierenden Halbbruder schlicht nicht empfangen. Auch eine zweite Reise 1888, auf der nur noch ihre jüngste Tochter sie begleitete, blieb ohne Erfolg. Infolge des Helgoland-Sansibar-Vertrages, in dem Deutschland 1890 endgültig auf Gebietsansprüche, Sansibar betreffend, verzichtete, verebbte das deutsche Interesse an der Prinzessin. Von britischer Seite hingegen war ebenfalls keine Unterstützung zu erwarten, vereitelte man ihr bereits 1875 einen Versuch der Kontaktaufnahme anlässlich eines Staatsbesuchs ihres Bruders in London, ohne je die im Gegenzug versprochenen Unterhaltszahlungen zu leisten. Eine Rückkehr zum islamischen Glauben, die einzige Möglichkeit zur Wiederaufnahme in die königliche Familie, stand für sie, die sich selbst als „schlechte Christin“ bezeichnete, außer Frage. Erst ein Jahr vor ihrem Tod wurde ihr seitens eines Neffen des Sultans eine kleine Rente in britischen Pfund zugebilligt, verbunden mit der Auflage, auf alle weiteren Ansprüche endgültig zu verzichten.

Emily Ruete kehrte nach der zweiten Fahrt in die Heimat nicht nach Deutschland zurück, reiste stattdessen durch den Nahen Osten und ließ sich im Libanon nieder. Schließlich lebte sie für längere Zeit in Beirut. Auch hier war sie eine Fremde, jedoch eine unter vielen anderen in der belebten Mittelmeerhafenstadt. Dies ermöglichte ihr, der mit der orientalischen Lebensweise ohnehin Vertrauten, ein ungezwungeneres Leben, als ihr dies in Deutschland mit dessen gesellschaftlichen Zwängen möglich gewesen wäre. Ein Leben, welches sie sich nun aufgrund der Einkünfte aus ihrem zwischenzeitlich erschienenen, sehr erfolgreichen Buch, vielleicht auch mittels zusätzlicher Unterstützung ihres Sohnes, leisten konnte.

Aus der Sicht und späten Rückschau der Kinder schaut nun der Roman des Schweizer Autors Lukas Hartmann, „Abschied von Sansibar“, auf die damaligen Ereignisse. Kinder, deren Leben früh geprägt wurde von der Zerrissenheit zwischen grundverschiedenen Welten. Kinder, deren Welt, in die sie hineingeboren wurden, sich als Pulverfass erweisen sollte, dessen Explosion in zwei verheerenden Weltkriegen unmittelbar bevorstand. Kinder, die lebenslang unter dem bedrückenden Schweigen ihrer Mutter litten, die als Erwachsene versuchen, aus Momentaufnahmen der Erinnerung das Bild ihres ungewöhnlichen Lebens zu rekonstruieren. Geschwister, einst unzertrennlich im gemeinsamen Bewusstsein des „Anders-Seins“ ihrer Familie. Nach dem Tod des Vaters auf Zusammenhalt angewiesen in Zeiten, da die Mutter krank vor Heimweh, Kälte und Isolation manchmal tagelang das Bett nicht verließ und andere Kinder ihnen auf dem Schulweg auflauerten, um sie auszufragen und zu verhöhnen. Verbunden durch die gemeinsam erlebten Eindrücke der ersten Sansibar-Reise. Und dennoch trennen sich ihre Wege später infolge der unruhigen Zeiten und politischen Verhältnisse, welche die Familie spalteten.

Die älteste Tochter Antonie Thawka lebt lange mit der Mutter in Beirut, heiratet spät, mit dreißig Jahren, den Kolonialbeamten Eugen Brandeis, mit dem sie mehrere Jahre auf den mikronesischen Marshallinseln im westlichen Pazifischen Ozean lebt, wo auch ihre beiden Töchter zur Welt kommen. Auch sie betätigt sich schriftstellerisch, verfasst ein „Kochbuch für die Tropen“ für Frauen der Kolonisten. Die Härte und Grausamkeit ihres Mannes gegenüber der einheimischen Inselbevölkerung, die ihm letztlich sogar seitens seiner gewiss nicht zimperlichen Vorgesetzten eine frühzeitige Versetzung in den Ruhestand einträgt, erträgt sie nur schwer. Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland engagiert sie sich im Frauenbund der Deutschen Kolonialgesellschaft und wirkt an der Gründung einer Frauenkolonialschule und an der Internationalen Ausstellung für Hygiene 1911 in Dresden mit. Von Brandeis entfremdet sie sich zunehmend. In späten Ehejahren erwirkt sie die Trennung.

Die jüngste Tochter Rosalie Ghaza heiratet ebenfalls spät den patriotisch gesinnten Offizier Martin Troemer, der es zum Rang eines Generalmajors bringen wird, um nach dem Ersten Weltkrieg als Überlebender der Schlachtfeldhölle Verdun als in sich gekehrter, schweigsamer Mensch zurückzukehren. Eine ihrer beiden Töchter wird den berüchtigten nationalsozialistischen Militärjuristen Erich Schwinge ehelichen.

Der Sohn Said, der später den zusätzlichen Namen Rudolph tragen wird, schlägt die militärische Laufbahn ein, in deren Verlauf er, den es in den Orient zieht, Bismarck persönlich mit Erfolg um Versetzung ins Konsulat nach Beirut ersucht. Als fast Dreißigjähriger gibt er die Offizierskarriere jedoch unvermittelt auf, wird zunächst Eisenbahninspektor in Ägypten, betätigt sich danach als Bankier, angetrieben von der Idee, durch Förderung von entsprechenden, auf Ausgleich und Verständigung ausgerichteten Projekten dem Frieden dienen zu können. Zuletzt wird er mit seiner Frau, der aus begüterter Familie stammenden Jüdin Therese Matthias, mit der er einen Sohn und eine Tochter hat, abwechselnd in London und in der Schweiz leben. 1906 erhält er vom Hamburger Senat die Erlaubnis zum Führen des Doppelnamens Said-Ruete.

Die Katastrophe des Ersten Weltkrieges bringt zahllose Verwirrungen und Veränderungen mit sich. Emily Ruete, die sich bei dessen Ausbruch zu Besuch bei ihrer Tochter Rosalie in Bromberg in der damaligen Provinz Posen, heute Bydgosc in Polen, befindet, wird nicht in den Nahen Osten zurückkehren. Sie lässt sich zunächst an Ort und Stelle nieder und zieht später mit Familie Troemer nach Jena, wo sie 1924 plötzlich schwer erkrankt und stirbt, ohne ihre Heimat nochmals gesehen zu haben. Ihre Kinder setzen ihre Urne im Familiengrab der Ruetes auf dem Hamburger Friedhof Ohlsdorf bei. Danach werden sich die Wege der Geschwister nur noch selten kreuzen.

Rudolph-Said wandelt sich mehr und mehr zum Pazifisten. Er, der während seiner im Nahen Osten verbrachten Jahre unter anderem auch versucht hat, zwischen Palästinensern und Zionisten zu vermitteln, vermag in diesem Krieg nichts anderes als eine verheerende Katastrophe zu sehen und macht sich in Leserbriefen an die Neue Züricher Zeitung für schnellstmögliche Friedensschlüsse zwischen den Nationen stark, was ihm in Deutschland den Ruf eines Landesverräters einträgt. Auch er wird seiner Heimat den Rücken kehren. 1934 gelingt es ihm schließlich, die britische Staatsbürgerschaft zu erlangen, was ihn und vor allem seine jüdische Frau vor Nachstellungen durch die Nationalsozialisten bewahrt. Beide leben während des Zweiten Weltkrieges in London und versuchen, jüdischen Emigranten zu helfen. Nach Ende des Krieges sucht Therese aufgrund eines Lungenleidens ein Sanatorium in Luzern auf, während Rudolph sich unterdessen im Hotel Schweizerhof in Luzern einquartiert. Dort erreicht ihn eine Nachricht mit der Sterbeurkunde seiner Schwester Antonie, die in Bad Oldesloe in den letzten Kriegstagen infolge britischer Bombardierungen der Stadt ums Leben gekommen ist. In die schmerzhafte Erkenntnis, dass es die Bomben seiner Wahl-Landsleute waren, die seine Schwester töteten, mischt sich nochmals das Bewusstsein des Absurden, der bitteren Ironie unseliger Zeiten. Mithilfe von eigenen Erinnerungen und Brieffragmenten der Geschwister versucht Said, die vergangenen Ereignisse im Nachhinein zu ordnen und zu verstehen, wobei viele Fragen offen bleiben.

Im Roman kommen die Geschwister im Wechsel zu Wort, wenngleich Rudolph die Hauptfigur der Handlung bleibt. Die einzelnen Kapitel beginnen mit Auszügen aus einem Brief,  den Prinzessin Salme 1883 in arabischer Sprache an ihren Bruder, Sultan Bargash von Sansibar, mit der Bitte um Aussöhnung sandte. Auf der Grundlage intensiver Nachforschungen zeichnet Lukas Hartmann fernab jeglichen Prinzessinnenkitsches ein berührendes Bild des ungewöhnlichen Lebens einer ungewöhnlichen Frau und Schriftstellerin, auf deren Grabplatte zuletzt ein Vers Theodor Fontanes aus der Ballade „Archibald Douglas“ stehen wird: „Der ist in tiefster Seele treu, wer die Heimat liebt wie Du.“ Die Zerrissenheit ihrer Familie hingegen spiegelt auf beklemmende Weise die Zerrissenheit der menschlichen Gesellschaft während eines unruhigen Jahrhunderts mit all seinen nur schwer durchschaubaren Verwicklungen wider. Der Aktualität des Erzählten, auch hundert Jahre später, wird sich deutlich bewusst, wer sich mit den Konflikten unserer eigenen Zeit konfrontiert sieht und diese nicht allzu verschieden von den früheren findet. Verworrener noch als ehedem, von einer friedlichen Beilegung in vielen Fällen weiter entfernt als je zuvor, beunruhigender allemal im Hinblick auf die Existenz von Massenvernichtungswaffen, deren Gefahrenpotenzial unsere Vorstellungskraft übersteigt. Wir Nachgeborenen, die wir aufgefordert sind, das Erbe der Verantwortung für eine friedlichere Welt anzutreten, keine Wahl haben, es auszuschlagen, werden uns dem nicht stellen können, ohne uns mit der Geschichte auseinanderzusetzen. Historische Daten, Zahlen und Fakten beschreiben das beobachtete und dokumentierte äußerliche Geschehen. Was die einzelnen Menschen jeweils zu ihren Zeiten in ihrem Inneren bewegte, bleibt jedoch im Verborgenen. Nachgelassene persönliche Aufzeichnungen helfen, Licht in dieses Dunkel zu bringen. Sie gilt es wiederum zu deuten und zu interpretieren. Nicht jeder lässt hierbei die Sorgfalt walten, die geboten wäre. Lukas Hartmann hingegen bringt uns die Akteure der Handlung auf sehr glaubwürdige Weise nahe. Er zeichnet klar umrissene Charaktere mit Stärken und Schwächen, räumt ihnen das Recht ein, zu scheitern und lässt sie davon Gebrauch machen, ohne deshalb je ihre Würde in Zweifel zu ziehen. Der Roman stimmt nachdenklich, traurig zuweilen, ohne jedoch zu deprimieren. Er redet nicht der Kapitulation vor dem Leiden an den Verhältnissen das Wort, vielmehr – bei aller Tragik – einer unerschütterlichen Zukunftshoffnung, die über alle Zeitlichkeit hinauszureichen vermag.

Bettina Johl

Lukas Hartmann: Abschied von Sansibar, Roman. Diogenes Verlag, Zürich 2013.
336 Seiten, 22.90 €. ISBN 978-3-257-06867-2

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Glückliche Entfremdung – „Mein Frankreich“ von Peter Sloterdijk

English: German philosopher Peter Sloterdijk r...

„Mein Frankreich“ heißt ein neues Buch des Karlsruher Philosophen Peter Sloterdijk, dem am 16. Juni in der Frankfurter Paulskirche der mit 20.000 Euro dotierte Ludwig-Börne-Preis verliehen wird.

Am 22. Januar 1963 wurde in Paris der als „Elysée-Vertrag“ bezeichnete deutsch-französische Freundschaftsvertrag von den beiden Staatsmännern Charles de Gaulle und Konrad Adenauer unterzeichnet. Einen Tag vor dem diesjährigen geschichtsträchtigen 50-jährigen Jubiläum des Ereignisses, an das auf beiden Seiten des Rheins in zahlreichen Veranstaltungen und Publikationen erinnert wurde , veröffentlichte auch Peter Sloterdijk sein Buch „Mein Frankreich“, in dem er seine Betrachtungen, Essays, Reden, Notizen und Interviews zur französischen Geschichte, Politik und Philosophie vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart zusammenfügt, von Descartes, Voltaire, Rousseau bis hin zu Cioran und Derrida, von der Französischen Revolution bis in unsere Tage hinein. Peter Sloterdijk zählt zu den nicht sehr zahlreichen deutschen Intellektuellen, die sich für Frankreich interessieren und auch dort einen größeren Leserkreis finden.

Zwei Texte aus „Mein Frankreich“, die bereits separat erschienen sind, nehmen darin einen besonderen Stellenwert ein: Die Rede „Theorie der Nachkriegszeiten“ aus dem Jahre 2008 und der Essay „Derrida ein Ägypter. Über das Problem der jüdischen Pyramide“, 2005 ein Jahr nach dem Tod des französischen Philosophen erschienen. Beide Texte exemplifizieren auffallend den besonderen Modus der Philosophie des Peter Sloterdijk, der sich selber als „philosophierender Schriftsteller“ beschreibt und so die Symbiose von Literatur und Philosophie markiert, die sein schriftstellerisches Œuvre auszeichnet. Philososophieren im literarischen Modus hat für Sloterdijk seinen Grund in der frühen Hinwendung zur französischen Kultur: „Frankreich war kulturell gesehen meine erste Liebe.“ Der französische Typus des Philosophierens hat eine Form von öffentlichem Vernunftgebrauch geprägt, die eine „tiefe Liaison mit der Literatur“ eingegangen ist. Durch seine frühe Lektüre französischer Autoren wie Voltaire, Camus und Sartre wird „Philosophie auf der Grenze zur Sprachkunst“ erfahren, und an diesem „geometrischen Ort“ siedelt Sloterdijk auch seine eigene deutsche Schreibweise an.

Von einem „deutschen Beobachtungsstandpunkt“ aus, so formuliert Sloterdijk zu Beginn seiner Prolegomena zu einer „Theorie der Nachkriegszeit“, müsste zusammengefasst gesagt werden: Die „posthistorischen“ Europäer haben sich angesichts ihrer traumatischen Erfahrungen in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts von „geschichtlichen Passionen“ abgewendet und im „Katastrophenschatten“ einen „nach-geschichtlichen modus vivendi“ entwickelt; für sie ist „‘Geschichte‘ eine abgelegte Option.“ Die Europäer, und damit Franzosen und Deutsche, haben nach dem Zweiten Weltkrieg den „militärischen Göttern abgeschworen und eine Bekehrung vom Heroismus zum Konsumismus vollzogen.“ Den Deutschen attestiert der Philosoph ein „Syndrom der anmaßenden Schwäche“: „Sie neigen zu der Überzeugung, sie hätten aufgrund ihrer vergangenen Verbrechen einen höheren Anspruch darauf erworben, in einer Welt zu leben, in der es keinen Krieg gibt.“ Das Frankreich des Jahres 1940 vergleicht er mit Italien von 1917. Die Niederlage von 1940 wurde als Sieg umgedeutet und Gaullisten und Kommunisten, so Sloterdijk, glaubten gemeinsam an diese Lebenslüge. Frankreichs Linke habe zudem eine „zweite Fälschungsfront“ eröffnet, indem sie sich an der Seite der Roten Armee zu Siegern kürten.

Aufgrund dieser stark voneinander abweichenden Nachkriegsprozesse mit ihren unterschiedlichen Bewältigungs- und Illusionssystemen im Dienste der Zivilisationstauglichkeit („Metanoia“ und „Affirmation“) könne es keine „Beziehungen“ zwischen Deutschen und Franzosen geben, und ihr Verhältnis, das zwar offiziell als durch einen Freundschaftsvertrag kodifiziert gilt, ließe sich günstigstenfalls als „wohlwollende gegenseitige Nicht-Beachtung und benigne Entfremdung“ deuten. „Der jetzige abgekühlte Zustand ist ein Fortschritt“, resümiert Sloterdijk mit dem Blick des Therapeuten auf die alten Rivalitäten und Feindschaften zwischen den beiden Nationen.

Von „glücklich Getrennten“ und von „entfaszinierter Nachbarschaft“ kann dann nicht die Rede sein, wenn Sloterdijk sich gelehrt und luzide, wenn auch zuweilen in forciert hohem Ton, den Philosophen und Schriftstellern Frankreichs zuwendet, vor allem Valery, Cioran, Derrida und Latour. Der französische Philosoph Alain Badiou hat, wenn auch mit subtil-ironischer Note, darauf hingewiesen, wie sehr sich „die französischen Philosophen von der deutschen Sprache, dem deutschen Denken eingeschüchtert fühlen“. Sloterdijk spricht von einem „Seriositätskomplex, sie starren von Frankreich aus über den Rhein und glauben, dass rechts des Rheins die Tiefe und die systematische Präzision beheimatet sei.“ Die deutsche Philosophie sei „eine unglückliche Liebe der französischen Intellektuellen“, für die Franzosen sei er selber eine „erfreuliche Überraschung“, weil sie „in meiner Schriftstellerei etwas wiederfinden, was sie ohnedies kennen.“

Die beiden Notizen Sloterdijks über Cioran sind vielleicht das Subtilste und Eleganteste, was je über den französischen Philosophen und Kulturkritiker und den Einfluss, den Nietzsche und der Buddhismus auf ihn ausgeübt haben,  geschrieben wurde. Ciorans abgründige Essays und Aphorismen zählen zu den Gipfeln französischer Stilistik und Essayistik im 20. Jahrhundert. Sloterdijk verortet Ciorans Platz untern den Anachoreten, jenen frühen Wüstenvätern und Eremiten, den „Athleten der Verzweiflung“, den „Zurückgezogenen und vom Irdischen Abgeschnittenen“, er sei ein „dunkler Doppelgänger“ Heideggers, „ein Theologe der reaktiven Wut, der dem Schöpfergott sein Scheitern und der geschaffenen Welt ihre Unfähigkeit, ihn für das Leben einzunehmen, vorrechnet.“ In Cioran habe das 20. Jahrhundert unter den Lehrern des Rückzugs und des Desengagements keinen entschiedeneren gekannt.

Zum ersten Todestag Derridas im Jahre 2005 hielt Sloterdijk in Paris eine Rede, die als Vorlage für seinen Essay „Derrida eine Ägypter“ diente und als Einführung in das Denken der Dekonstruktion und deren Ambivalenzen gelesen werden darf. Sloterdijk nähert sich dem Denker mit Hilfe einer Äußerung Derridas in der letzten Phase seines Lebens, die von seiner unheilbaren Krebserkrankung überschattet war. Dort gebe Derrida „zu Protokoll“, so Sloterdijk, dass er hinsichtlich seiner „posthumen“ Existenz von zwei gegensätzlichen Überzeugungen durchdrungen sei, zum einen von der Gewissheit, von seinem Tode an vollständig vergessen zu werden, und zum anderen von der Gewissheit, das kulturelle Gedächtnis werde etwas von seinem Werk aufbewahren. Derrida selbst sprach im Juni 2004 in Straßburg, wie in Benoit Peeters neu erschienener Biographie leicht nachzulesen ist, von seinem „Verhältnis zum kommenden Tod“, davon, dass er wisse, „dass er mich vollständig zerstören und vernichten wird“, und von einem Gefühl, von einem untergründigen „testamentarischen Wunsch, das heißt de[m] Wunsch, dass etwas überlebt, übrig bleibt, übermittelt wird, ein Erbe oder etwas, wonach ich nicht trachte, das mir nicht zufallen wird, das jedoch, vielleicht bleiben wird.“

Sloterdijk jedenfalls erkennt in diesem „Bekenntnis“ Derridas, kraft seiner „zwei alternierend gültigen Feststellungen, eine expressive Funktion“, die eine „Grundstellung“ verrate, eine Feststellung über sich als Philosophen, in dem „das nicht zur Einheit führende Zusammentreffen von miteinander unverträglichen Evidenzen stattfand“, der sich selber als „Sammelstelle von Oppositionen erlebte“, die sich zu keiner höheren Synthesis mehr zusammenfügten. Daher resultiere seine „konstitutionelle Schwankung“, das Beharren Derridas auf Doppelbödigkeiten und Mehrdeutigkeiten könne auf seine Sorge zurückgeführt werden, auf eine konkrete Identität und damit Vereinseitigung festgelegt zu werden. Sloterdijks Verfahren, ein distanziertes Urteil über Derridas singuläre Stellung in der zeitgenössischen Theorie zu erhalten, stellt den Denker in einen größeren Zusammenhang, in einen „überpersönlichen Horizont“, da an werkimmanenten hagiographischen Derrida-Lektüren ohnehin kein Mangel herrsche. Entstanden sind sieben grandiose „Vignetten“, in denen der französische Philosoph zu den Autoren Niklas Luhmann, Sigmund Freud, Thomas Mann, Franz Borkenau, Régis Debray, Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Boris Groys in Beziehung gesetzt wird. Der Karlsruher  Philosoph geht in ihnen der Frage nach, ob nicht noch ein metaphysischer Impuls in Derridas Dekonstruktivismus liege, und zwar in der Herstellung einer „undekonstruierbaren Überlebensmaschine“. Insbesondere in der „Vignette“ zu Freud und dessen späte Formulierung „Moses, ein Ägypter“ wird Derridas jüdische Herkunft in Relation gesetzt zu dem, was Sloterdijk das Überleben des „radikalsten Ägyptizismus“ im Judentum nennt, die „Fortsetzung des Ägyptertums mit anderen Mitteln“, nämlich der Export des ägyptischen Monotheismus im echnatonischen Sinne durch den Mann Moses. Sloterdijk fragt, ob Derrida und sein Werk nicht auch als jüdisches „Hetero-Ägyptertum“ interpretiert werden könne, und zwar im Sinne des Pharao-Traumdeuters Joseph, wie er in der Vignette zu Thomas Mann schreibt. In der Konstellation „Hegel und Derrida“ wird dann noch eine weitere extreme Suggestion des französischen Denkers bedacht: Das Grabmal selbst, die Pyramide, wird transportabel. Ist Metaphysik denn etwas anderes als „die Fortführung des Pyramidenbaus mit den skripturalen Mitteln der Griechen und Deutschen.“ Für Sloterdijk deutet Derrida hier eine einzige Möglichkeit an, die „undekonstruierbare Pyramide zu dekonstruieren“: Sie muss den ganzen Weg zurücktransportiert werden, „den sie auf den Pfaden der Schriftlichkeit durchlaufen hat, von Kairo nach Berlin via Jerusalem, Athen und Rom.“

Diese Zurückführung des Individuellen auf typische Formen, so konzediert Sloterdijk, wäre wohl Derrida selbst zutiefst suspekt gewesen, hält jedoch dafür, „auch eine Reise in der Sänfte des Typus“ führe zuweilen ans Ziel , „ohne dabei den Interessen des Einzigartigen Unrecht zu tun.“

Als Sloterdijk im Oktober 2004 vom Tode Derridas erfuhr, so war es ihm, wie er in einer sehr persönlichen Notiz am Ende der Abhandlung formuliert, als ob ein Vorhang fiele: „Ich war allein mit dem Namen des Verstorbenen, allein mit einem Appell zur Treue, allein mit der Empfindung, die Welt sei plötzlich schwerer und ungerechter geworden, und mit dem Gefühl der Dankbarkeit für das, was dieser Mann gezeigt hatte.“ Diese Dankbarkeit besteht für Sloterdijk darin, „dass es noch möglich ist zu bewundern, ohne wieder zum Kind zu werden.“ Sie hat Sloterdijk nie verlassen. Die Bewunderung für den Mann, der die Methode der Dekonstruktion der Buchstaben entwickelt hat als „ein Verfahren zur Verteidigung der Intelligenz gegen die Folgen der Vereinseitigung“.

Dieter Kaltwasser

Peter Sloterdijk: Mein Frankreich. Suhrkamp Verlag, Berlin 2013. 249 Seiten, 19,90 €. ISBN: 978-3-518-46297-3

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Selbstvergewisserung des philosophischen Denkens

Jürgen Habermas during a discussion in the Mun...

Jürgen Habermas during a discussion in the Munich School of Philosophy (Photo credit: Wikipedia)

Jürgen Habermas veröffentlicht nach einem Vierteljahrhundert den zweiten Band „Nachmetaphysisches Denken“

Als Jürgen Habermas im Jahre 1988 seinen ersten Band mit Aufsätzen zur Thematik eines „nachmetaphysischen Denkens“ veröffentlichte, ging es ihm um eine „Selbstvergewisserung philosophischen Denkens“. An diesem Thema hat sich für ihn bis heute nichts geändert. Er will mit dieser Reflexionsfigur den Abstand deutlich machen, den die zeitgenössische Philosophie vor „bloßer Weltbildproduktion“ einzunehmen hat, wie er nun zu Beginn seines neu erschienenen Bandes betont. Doch wie kann ihr dies gelingen, ohne, so Habermas, „den Bezug zum Ganzen aufzugeben“? Ausdrücke wie „Weltbilder“ und „Weltanschauungen“, wenn sie nicht pejorativ gebraucht werden, sind seiner Einsicht nach vor allem auf die „starken Traditionen“ der Vergangenheit anzuwenden, auf die kosmologischen und theozentrischen Weltbilder der sogenannten Achsenzeit, wie Karl Jaspers sie einst nannte. Während einer relativ kurzen Zeitspanne um die Mitte des ersten vorchristlichen Jahrtausends vollzog sich in der Welt der Hochkulturen in Persien, Indien, China, Israel und Griechenland ein „kognitiver Durchbruch“. Zu den Leistungen dieser Weltepoche zählen für Habermas große Teile der griechischen Metaphysik, die im Verbund mit dem Monotheismus prägend für die europäische Philosophie werden sollte. Die aus solchen Ursprüngen entstandenen Weltreligionen haben über Jahrhunderte ihre einflussreiche Rolle gespielt, und diese auch heute nicht gänzlich verloren.

Habermas schrieb in seiner Aufsatzsammlung vor einem Vierteljahrhundert den berühmt gewordenen Satz: „Wir haben zum nachmetaphysischen Denken keine Alternative.“ Dieser Satz hat für den Philosophen auch heute noch uneingeschränkte Gültigkeit. Nachmetaphysisches Denken war zunächst eine Antwort auf die Krisis des europäischen Geistes, insbesondere des Hegelschen Denkens und mit ihm des gesamten deutschen Idealismus, dessen zentrale Denkfiguren durch gesellschaftliche, wissenschaftliche und philosophische Entwicklungen erschüttert wurden. Die Philosophie verlor ihr Privileg eines besonderen, extramundanen Zugangs zur Erkenntnis ebenso wie ihre Prinzipien, die detranszendentalisiert wurden. Einige Probleme, die ihr daraus erwuchsen, werden nun in zum Teil unveröffentlichten Texten des neuen Bandes „Nachmetaphysisches Denken II“ behandelt. Es geht wiederum um das Selbstverständnis zeitgenössischer Philosophie, vor allem in ihrer Beziehung zur religiösen Überlieferung.

Im ersten Teil des Buches wird der Perspektivenwechsel von „metaphysischen Weltbildern“ zur „Lebenswelt“ beschrieben, die Habermas als einen »Raum der Gründe« auffasst, – auch dort, wo eine grammatisch entwickelte Sprache nicht mehr hineinreicht, etwa in der gestischen Kommunikation und im Ritus. Im Rahmen einer Skizze über die Entstehung des nachmetaphysischen Denkens aus der im Okzident entstandenen Symbiose von Glauben und Wissen entwickelt Habermas die systematischen Grundbegriffe von »kommunikativem Handeln« und »symbolisch strukturierter Lebenswelt«. Er nimmt ein altes Thema wieder auf: Die Ursprünge der Sprache, die Verwendung von Symbolen, die dieselbe Bedeutung haben.

Es spricht einiges dafür, dass der Ritus entwicklungsgeschichtlich älter ist als die mythische Erzählung, die bereits eine grammatische Sprache erfordert. Dieser sakrale Komplex ist für Habermas deshalb interessant, weil der Ritus in der gemeinschaftlich geübten Kultpraxis der Weltreligionen fortlebt. Den rituellen Praktiken legen wir den Sinn von Gefahrenabwehr und der Bewältigung von Krisen sowie der existentiellen Erfahrung des Todes bei, Begräbnisriten offenbar die Funktion, das Faktum der Endlichkeit des Menschen zu „beschwichtigen“. Die Bewältigung des Unverfügbaren findet im Ritus ihren Ausdruck.

Religionen überleben nicht ohne die kultischen Handlungen ihrer Gemeinde, gerade diese sind ihre „starken Traditionen“. Als Gestalt des Geistes verfügen allein Religionen noch über einen Zugang zur archaischen Erfahrungswelt des Ritus, die einst, so beschreibt es Habermas, eine Quelle gesellschaftlicher Solidarität und Normativität gewesen ist.

Im zweiten Teil ist das Verhältnis von Religion und nachmetaphysischem Denken thematisiert. Habermas greift auf eine Äußerung aus dem ersten Band zurück, wonach die »Philosophie auch in ihrer nachmetaphysischen Gestalt Religion weder ersetzen noch verdrängen« kann, und erörtert das wiedererwachte Interesse der Philosophie an der Religion. An dieser Stelle muss angemerkt werden, dass Habermas sich selbst zu den „religiös Unmusikalischen“ zählt, die sich „mit der hochsublimierten Ersatzform ästhetischer Erfahrungen“ begnügen müssen. Für ihn ist Kant der erste „nachmetaphysische“ Denker, denn er beendet in der „Kritik der reinen Vernunft“ den Fehler, die auf „innerweltliche Phänomene zugeschnittenen Verstandeskategorien auf die Welt als Ganzes“ anzuwenden, den Schritt über die Erfahrungswelt unerlaubt hinauszugehen. In der heutigen nachmetaphysischen Philosophie treten an die Stelle des „transzendentalen Subjekts“ die „nichthintergehbaren Strukturen der Lebenswelt“, dem neuzeitlichen wissenschaftlichen Denken sind die metaphysischen Ansprüche zum Opfer gefallen. Gegen eine „szientistische Verhärtung des Selbstverständnisses der Philosophie“, die sich zum Anwalt des wissenschaftlichen Weltbildes aufwirft, plädiert Habermas für einen „weichen Naturalismus“, wie er bereits im ersten Teil des Buches formuliert. Gerade der neue Naturalismusstreit bringt die Aspekte zum Vorschein, unter denen sich Philosophie als wissenschaftlich betriebene diskursive Form des Welt- und Selbstverständnisses von den objektivierenden Wissenschaften unterscheidet.

In das nachmetaphysische Denken, das sich als Resultat von Lernprozessen versteht, gehen die kritisch überwundenen Stufen der Genealogie des Geistes ein. Und in einem Satz, der an Benjamin, aber auch an Adorno und Horkheimer erinnert, formuliert Habermas: „Die bewusstmachende Kritik geht einher mit einer rettenden Erinnerung.“

Religion ist eine zeitgenössische Gestalt des Geistes geblieben, denn sie verfügt über semantische Potentiale, welche die Philosophie als „Hüterin der Rationalität“ seit der Spätantike in ihre eigene Sprache übersetzt. Genannt werden von Habermas die Bedeutungsinhalte von Begriffen wie Person und Individualität, Freiheit und Gerechtigkeit, Solidarität und Gemeinschaft. Es gibt kein Wissen darüber, ob diese Aneignung „aus einem im Kern unzugänglich bleibenden Diskurs“ bereits erschöpft ist oder ob sie fortgesetzt werden kann. In der Geschichtsphilosophie jedenfalls hat diese „Osmose“ Spuren hinterlassen, z.B. in den Begriffen Emanzipation, Fortschritt und Krise. Die Begriffsarbeit religiös beeinflusster Schriftsteller und Autoren, Habermas nennt den jungen Ernst Bloch und Walter Benjamin, aber auch Levinas und Derrida, sprechen eher für eine fortgesetzte Produktivität der philosophischen Anstrengungen. Dies legt eine lernbereite und dialogische Beziehung zur Religion nahe, gleichzeitig eine Reflexion auf die Stellung „nachmetaphysischen Denkens zwischen den Wissenschaften und der Religion“. Philosophie ist zwar eine wissenschaftliche Tätigkeit, aber sie geht nicht in Wissenschaft auf, ihr Königsweg ist und bleibt die Selbstreflexion, sie ist als nachmetaphysisches Philosophieren einer Formulierung Nietzsches folgend das „nicht festgestellte Denken“.

Den dritten und abschließenden Teil des Buches bilden Texte über die Rolle der Religion im politischen Kontext einer postsäkularen, liberalen Gesellschaft. Mit Rawls, der als erster der großen politischen Philosophen den weltanschaulichen Pluralismus ernst genommen und eine Debatte über die Stellung der Religion in der Öffentlichkeit eröffnet hat, betont Habermas die Relevanz, welche die Glaubensgemeinschaften für den säkularen Verfassungsstaat nach wie vor haben. Das kollektive Selbstverständnis eines demokratischen Gemeinwesens, so Habermas, darf von dieser Tatsache einer pluralistischen Zusammensetzung der Zivilgesellschaft nicht unberührt bleiben.

Es sollte sich eine politische Kultur herausbilden, die über die jeweilige „Mehrheitskultur“ hinauswächst, damit sich alle Bürger mit ihr identifizieren können. Für dieses Ziel muss eine Polyphonie der öffentlichen Stimmenvielfalt gewährleistet sein. Ein liberaler Staat, der seine Bürger ausdrücklich dazu ermächtigt, ein frommes Leben zu führen, darf religiöse Stimmen nicht schon an der zivilgesellschaftlichen Basis des demokratischen Prozesses zum Schweigen bringen. Den Bürgern in der politischen Öffentlichkeit steht es frei, eine religiöse Sprache zu verwenden, allerdings müssen sie akzeptieren, dass der semantische Gehalt ihrer Äußerungen in eine allgemein verständliche Sprache übersetzt wird, bevor er in die Verhandlungen und Entscheidungsprozesse der Parlamente, der Gerichte und der staatlichen Gremien Einlass finden kann. Habermas sagt in diesem Zusammenhang allerdings auch, dass säkulare Bürger aus fundamentalistischen Lehren, die mit dem Faktum der Pluralität nicht zurechtkommen, nichts lernen können, und dass es keinen Grund gibt, „gegen die neoliberale Entsolidarisierung der Gesellschaft nun blindlings auf die Motivationskräfte der Religionen zu setzen.“ Aber eine ihrer eigenen Grenzen bewusste Aufklärung muss sich nicht davor scheuen, den Prozess der „Übersetzung nicht eingelöster Potentiale aus den Weltreligionen“ in eine öffentlich zugängliche Sprache voranzutreiben.

Jürgen Habermas zeigt auch in seinem neuen Buch, welche singuläre Gestalt er für das zeitgenössische Denken ist. Er vermag es wie wohl kaum ein anderer Philosophie, Theologie, Anthropologie, Soziologie, Geschichte, Rechtswissenschaft und Politische Theorie in einen interdisziplinären Dialog einzubinden und sowohl neue wie verschüttete Denkwege aufzuzeigen. Gerade dies zeichnet philosophisches Denken aus.

Dieter Kaltwasser

Die Rezension erschien am 29. 11. 2012 in leicht geänderter Fassung auf literaturkritik.de und gekürzt am 4.12.2012 im General-Anzeiger.

Jürgen Habermas: Nachmetaphysisches Denken II, Aufsätze und Repliken. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012. Leinen, 335 Seiten, 34,95 EUR. ISBN-13: 9783518585818

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„By a Lady“ – Zum Tee mit Jane Austen

Portrait of Jane Austen, from the memoir by J....

Portrait of Jane Austen, from the memoir by J. E. Austen-Leigh

„Man trinkt Tee, damit man den Lärm der Welt vergisst“. Das bekannte chinesische Sprichwort sehe ich in meiner Erinnerung auf einem Schild über dem Ausschank meines während langer Jahre bevorzugten Teegeschäftes prangen. Jener befand sich im hinteren Teil des Ladens, der bereits beim Eintreten für sich selbst eine Oase von Düften, Klängen und dem herzerwärmenden Anblick glänzender Teebehälter, schönen Geschirrs und allerlei wundersamer Dinge bot. Beim Schließen der Tür blieben Lärm und das hektische Treiben der Großstadt draußen; man befand sich in einer anderen Welt. Wenn die nächsten Erledigungen nicht allzu sehr drängten, zog man sich nach Aufgabe seiner Bestellung in jenen hinteren Bereich zurück, um die schweren Einkaufstaschen abzustellen und in Ruhe eine Tasse heißen, dampfenden Tees zu sich zu nehmen. Ein Zimmerbrunnen plätscherte, der Samowar summte, hin und wieder war das melodische Türglockengeläut zu hören; es gab vieles zu betrachten und zu bestaunen, – und fast immer stellte man fest, dass man noch dies und jenes benötigte, gab zuweilen mehr Geld aus als geplant, ohne dies allerdings allzu sehr zu beklagen.

Vor einiger Zeit jedoch, als ich dort wie gewohnt einkaufen wollte, stand ich unvermittelt vor verschlossener Tür – und blickte durch die Scheibe in einen kahlen Raum. Ein Schild wies darauf hin, der Laden sei keineswegs aufgegeben, man stehe in zwei Kaufhausfilialen ganz in der Nähe  selbstverständlich weiterhin mit dem gewohnten Angebot zur Verfügung. Ich bin seither nur noch selten dort gewesen. Der Zauber ist dahin, – kein bisschen tröstlich das Wissen, dass mein Tee-Laden das Schicksal mit vielen alteingesessenen kleinen Läden teilt, die in den vergangenen Jahren schließen mussten, während die große Handelsketten die Städte mehr und mehr uniformieren. Der Gedanke, nun ins Warenhaus zu müssen, wo sich die Teeabteilung zwischen Wurst- und Käsetheke zwängt, schreckt mich; ebenso könnte ich gleich den Supermarkt aufsuchen. Der sprichwörtliche „Lärm der Welt“ hat inzwischen auch mein Teegeschäft heimgesucht.

Mein bestes Teeservice erstand ich dort in jungen Jahren und trug es mit Stolz nach Hause. Es ist noch vollständig erhalten, – kein Stück fehlt, nichts davon ging bislang zu Bruch. Ich habe es allerdings nicht so oft benutzt wie mein rustikales  Alltagsteegeschirr, welches deutlich mehr Gebrauchsspuren aufzeigt. Der Knauf am Deckel der in gestuften Brauntönen gehaltenen, bauchigen Steingutkanne ist geleimt, da er gleich in den ersten Jahren einmal hart zu Boden ging; er wackelt unter dem dampfendem Inhalt  der Kanne zuweilen bedenklich, hielt jedoch über die Jahre hinweg allen Belastungen stand. Es handelt sich hier um eine Teekanne der ersten Stunde einer wahren Teebegeisterungswelle, die in den achtziger Jahren Deutschland heimsuchte, während man zuvor, sofern man nicht in Küstengegenden wohnte, Teeblätter nur in Beutelform gepresst kannte. So gab es  plötzlich in Spezialgeschäften offene Tees aller Sorten – oft unsäglich aromatisiert, aber sie alle wollten von uns neugierigen jungen Leuten durchprobiert werden. In meinem Heimatort gab es plötzlich einen kleinen Laden, der nebst Tee allerlei Geschenk-Krimskrams und vor allem Scherzartikel vertrieb, so dass er uns als zu jedem Unsinn aufgelegte vierzehnjährige Schülerinnen ohnehin magisch anzog. Ich selbst jedoch hatte bald andere Sorgen: Dort in einem der Regale stand mein Teeservice! Es bestand nur aus jener Kanne, Stövchen und sechs schlichten Bechern, und es kostete für meine Verhältnisse ein Vermögen: das Taschengeld von eineinhalb Monaten! Ich weiß nicht, wie oft ich mich in den Wochen, während derer ich knickerte und knauserte wie der sprichwörtliche Geizhals, immer wieder zu diesem Laden schlich, um ängstlich nachzusehen, ob es noch an derselben Stelle stand, mir buchstäblich die Nase an der Schaufensterscheibe platt drückte. Ich hatte Glück, nach einiger Zeit war es glücklich in meinem Besitz und hat mich seither überall hin begleitet. Wo immer es im Schrank steht, bin auch ich zu finden, wo es hingegen verschwindet, ist zu Recht zu befürchten, dass auch ich das Weite gesucht habe, – und dass aus seiner Kanne – dieser meiner ältesten! – der Tee am besten schmeckt, ist ein offenes Geheimnis.

Von jeher umgab den Tee stets das Flair des Besonderen. Als im 17. Jahrhundert mit den Handelsschiffen, die zunehmend Ware aus fernen Kontinenten an Bord führten, die ersten Teeclipper vor der niederländischen Küste anlegten, ließ sich noch nicht vorhersehen, welchen Wandel in der europäischen Trinkkultur dies auf den Weg bringen würde. Die zuvor unbekannten Genussmittel Kaffee, Tee und Schokolade verbreiteten sich in Windeseile, wenngleich sie auch zunächst Kreisen vorbehalten waren, die sich diese leisten konnten. Während sich auf dem Kontinent vor allem der Kaffee etablierte, setzte sich der Tee vermehrt in Küstenregionen und auf den britischen Inseln durch. Zuvor kannte man in Europa nahezu ausschließlich alkoholische Getränke, die jahrhundertelang in beträchtlicher Menge konsumiert wurden. So trank man in England, dem Land, welches wir heute gedanklich ganz selbstverständlich mit Tee in Verbindung bringen, noch zu Zeiten von Königin Elisabeth I. bevorzugt – selbst zu früher Morgenstunde – Bier. Es sind nicht nur böse Zungen, die behaupten, die zunehmende Ernüchterung, die mit dem Siegeszug des Tees und Kaffees einsetzte, hätte der europäischen Aufklärung Vorschub geleistet!

Bevorzugt die Frauen waren es, die das neue Getränk schätzen und lieben lernten. Als erste soll Katharina von Braganza, die Frau König Charles II., den Tee auf der Insel eingeführt haben; nach der Glorious Revolution begann Queen Anne, die Bier auf nüchternen Magen offenbar nur schlecht vertrug, den Tee auch als Frühstücksgetränk populär zu machen. Im Laufe der Zeit wurde der Tee auch in bürgerlichen Kreisen erschwinglich. Insbesondere die Damenwelt schätzte ihn, weil er ihnen ermöglichte, eigene Einladungen zu Geselligkeiten auszusprechen, während derer ein edles und hochwertiges Getränk unter aller Wahrung von Schicklichkeit angeboten werden konnte. Während Frauen zu den damaligen Kaffeehäusern keinen Zutritt hatten, standen ihnen die Teegärten offen, welche sich bei beiden Geschlechtern zunehmender Beliebtheit erfreuten. Dem „Lärm der Welt“ entging man so freilich weniger, aber der Tee hatte einen entscheidenden Vorzug: Er galt – nachdem anfängliche Verteufelungsversuche von Tee-Gegnern kläglich gescheitert waren – als gesund und ermöglichte Erholung, Entspannung und Regenerierung bei einem Getränk, welches anregte, ohne jedoch zu berauschen.

Geselligkeiten bereicherten den Alltag, ermöglichten Austausch und lieferten nicht zuletzt Stoff für eine neue Literaturgattung, die sich im 19. Jahrhundert herausbildete: den Roman. Und so wird auch in den Romanen der großen Schriftstellerin Jane Austen, selbst einer großen Teekennerin und –liebhaberin, mit großer Leidenschaft Tee getrunken.

Jane Austen, die 1775 geborene Pfarrerstochter, die ihre Romane stets ohne Nennung ihres Namens, lediglich mit dem Vermerk „By a Lady“ veröffentlichte, brachte es sehr bald zu einer sprachlichen Formvollendung, die ihr bei der Literaturkritik einen mit dem Dramatiker Shakespeare vergleichbaren Rang eintrug. Der Versuch, eine deutsche Entsprechung für sie zu finden, will nicht gelingen. Ich rufe mir den Zeitraum ins Gedächtnis: Geboren fünf Jahre nach Hölderlin, fünf Jahre vor Karoline von Günderrode, zehn Jahre vor Bettine Brentano, spätere von Arnim. Beispiele für begabte junge Menschen aus dem Bürgertum, die sich allesamt schwer taten mit der Zeit und der Gesellschaft, in die sie hineingeboren waren, die oft außergewöhnliche Wege gingen, manchmal vermeintlich scheiterten, jedoch alle weit über ihre Zeit und die Grenzen ihres Landes hinaus wirkten. Der Versuch, in jenen Tagen literarisches Schaffen und ein lebbares Leben in Einklang zu bringen, wurde gerade für Frauen oftmals zur Zerreißprobe. Die sensible Karoline von Günderrode litt unsäglich darunter und wählte mit sechsundzwanzig Jahren den Freitod, die eher robustere Bettine verschwand für viele Jahre, während derer sie ein Gut bewirtschaftete und sieben Kinder gebar und großzog, mehr oder weniger in der Versenkung und veröffentlichte erst in späteren Jahren, in einem Alter, das viele Frauen ihrer Zeit oftmals gar nicht erreichten.

Auch Jane Austen war leider nur ein kurzes Leben beschieden, in dessen Verlauf sie unverheiratet und kinderlos blieb. Während in Deutschland manche gebildete Pfarrerstochter heiratete und zur Dichtermutter wurden – man nehme Johanna Christiana Hölderlin, geb. Heyn, und Charlotte Dorothea Mörike, geb. Bayer -, taten sich in England vermehrt Pfarrerstöchter hervor, die – zumeist weniger aus eigenem Antrieb, denn aus Mittellosigkeit – unverheiratet blieben und das Beste aus ihrer Situation machten, die Chance ergriffen, sich ein Minimum an persönlichem Freiraum zu erkämpfen und zu behaupten, – und – wie Jane Austen und die Schwestern Brontë – selbst zu Schriftstellerinnen wurden. Welche Rolle dem Tee bei solcher Entwicklung zugekommen sein könnte, – diese Frage bleibt natürlich wilde Spekulation!

Wie die üblichen Gesellschafts- und Sittenromane handeln auch die Werke Jane Austens zumeist vom Schicksal noch unverheirateter Frauen, die darum kämpfen, letztlich den geliebten Partner fürs Leben heiraten zu können. Allerdings verwandelt sie den romantischen Erzählstoff mit feinsinnigem Humor und spitzer Feder in ein Spiegelbild der Gesellschaft ihrer Zeit, kritisiert und karikiert treffend die herrschenden Verhältnisse und die Menschen, die sich in ihnen bewegen, samt all ihrer Schrullen und Befindlichkeiten, was ihre Bücher noch heute in aller Welt zur beliebten Lektüre macht. Bereits zu ihren Lebzeiten wurden einige ihrer Werke ins Französische und Deutsche übersetzt.

In dem liebevoll gestalteten Buch „Jane Austen bittet zum Tee“ der Amerikanerin Kim Wilson, welche sich als langjähriges Mitglied der Jane Austen Society of North America ausgiebig mit Leben und Werk der Schriftstellerin befasst hat, feiern wir Wiedersehen mit unvergessen gebliebenen Figuren wie Mr. Darcy in „Stolz und Vorurteil“ und Miss Bates in „Emma“. Es gewährt kurzweiligen Einblick in die gesellschaftlichen Verhältnisse, Gebräuche und Gepflogenheiten der Zeit, auf deren Schilderung Jane Austen sich mit ihrer scharfen Beobachtungsgabe wie keine andere verstand. Wir begleiten die Dichterin und ihre Protagonisten durch den Tag und erfahren eine Menge über den Einsatz von Tee vom Frühstück über den Fünf-Uhr-Tee bis zum abendlichen High-Tea, ebenso dessen Einsatz in kritischen oder anstrengenden Lebenssituationen wie bei Krankheit oder auf Reisen. Selbst die in Romanen jener Zeit beliebten entführten Heldinnen, über die Jane Austen sich bevorzugt lustig zu machen pflegte, kommen hier nicht zu kurz. Wir begleiten sie desweiteren zu Einladungen und Gastaufenthalten auf Godmersham, dem vornehmen Anwesen ihres Bruders Edward oder bei ihrem Cousin in der Abtei von Stoneleigh in Warwickshire- oder zu Einkaufstouren in nächstgelegene Städte und in die Londoner Geschäfte, erstehen mit ihr den Tee bei Twinings und das Porzellan selbstverständlich bei Wedgwood. Ferner erfahren wir Interessantes und Abenteuerliches über Teehandel und Teeschmuggel und bekommen aufgezeigt, warum selbst Hausherrinnen, die sich viel Personal leisten konnten, die Zubereitung des Tees lieber selbst in die Hand nahmen und diesen sorgfältig unter Verschluss hielten. Fotos aus dem Jane-Austen’s-House-Museum in Chawton sowie Detailansichten aus Gemälden, Zeichnungen und Stichen lassen die Zeit der Schriftstellerin vor unseren Augen lebendig werden. Auszüge aus ihren Briefen, von denen leider nur wenige erhalten sind, aber auch Dokumente von Zeitgenossen, helfen, das Bild zu vervollständigen.

Wer zum Tee köstliche Beigaben schätzt, kann sich darüber hinaus an allerlei alte Rezepte heranwagen oder diese in abgewandelter Form ausprobieren, vom üppigen Plumcake über Eiscreme, Syllabub und Orangengelee bis hin zum berühmt-berüchtigten Haferschleim, auf welchen Emmas Vater, Mr. Woodhouse, unter keinen Umständen verzichten mochte. Angenehm fällt auf: Bei den häufig sehr promillelastigen Zutaten der vorgestellten Rezepte fehlt niemals eine alkoholfreie Variante als Alternative. „Jane Austen bittet zum Tee“ ist eine vergnügliche, literarische wie informative Lektüre für die Tee-Bibliothek, aber ebenso für alle, die Jane Austens Werke kennen und schätzen – oder gerne noch kennenlernen möchten. Am besten natürlich bei einer guten Tasse Tee!

© Bettina Johl

Kim Wilson/Birgit Fricke (Übers.): Jane Austen bittet zum Tee
Gerstenberg Verlag, 128 Seiten, 19,95 €
ISBN 978-3-8369-2673-7

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Kassandras Vermächtnis

Bundesarchiv Bild 183-1989-0313-107, Leipzig, ...

Über Christa Wolfs „Rede, daß ich Dich sehe“

Ihre Stimme fehlt. Während die Zeit – wie es ihre Art ist – weitereilt. Ohne sie. Und nun doch noch ein letztes Buch von Christa Wolf, das sie vor ihrem Tod im Dezember vorigen Jahres noch zur Veröffentlichung bestimmt hat: Reden, Essays, Gespräche, von ihr selbst ausgewählt, manches davon bereits an früherer Stelle veröffentlicht, das meiste in Zeitungen. Texte, zu schade, um ins Vergessen zu geraten.

Um Vergessen und Erinnern mit allen dafür notwendigen Bedingungen und Voraussetzungen geht es im vorliegenden Buch unter dem Titel und Motto „Rede, daß ich dich sehe“. Eine Aufforderung, deren Ursprung sich bei Sokrates findet, im Weiteren bei dem Philosophen Johann Georg Hamann, der den Gedanken aufgriff, erweiterte und seinen Betrachtungen über die Einheit der Schöpfung und die „Poesie Gottes“ – Gott als Schriftsteller! – hinzufügte. Auch der deutsche Schriftsteller Johannes Bobrowski hat das Zitat in einem seiner Werke verwendet. Nach diesem gibt sich, wer redet – wer das Wort ergreift -, sich selbst zu erkennen, – auf welche Weise auch immer.

„Rede, dass wir dich sehen“ ist ein Vortrag von Christa Wolf, den sie auf dem Kongress „Wer redet, führt“ im Jahr 2000 in Berlin gehalten hat. Hier geht es anschaulich um den Zusammenhang von Rede und Führung, die Frage nach dem Wer und Wohin, auch um die Frage, warum Reden so oft in Sonntagsreden auslaufen, statt Nachdenken und konstruktiven Dialog zu fördern. Eine Rede, hinter der die Autorin selbst, die es auf ihrer unerbittlichen Wahrheitssuche weder sich noch ihren Leserinnen und Lesern je leicht gemacht hat, in Erscheinung tritt, sich zu erkennen gibt.

In Interviews und Vorträgen zu besonderen Anlässen findet sich im Weiteren manches lesenswerte Portrait von Zeit- und Weggenossen aus dem literarischen wie politischen Leben, – stellvertretend seien Uwe Johnson, Volker Braun, Egon Bahr genannt-, ferner aus den Reihen bildender Künstler. Erinnerungen an manches interessante gemeinsame Text-Bild-Projekt, auf das näheres Hinsehen lohnt. Nachdenklich stimmen Guenther Ueckers Bilder aus Asche, die in Auseinandersetzung  mit der Tschernobyl-Katastrophe entstanden und vor dem Hintergrund von Fukushima erneut beklemmende Aktualität erlangt haben. Es folgt mancher Denkanstoß zum Thema „Autobiografisches Schreiben“ in Anmerkungen zu „Beim Häuten der Zwiebel“ von Günter Grass. Schließlich Erinnerungen an das denkwürdige 11. Plenum der SED, welches für Christa Wolf unter dem Zeichen „Jetzt musst du reden!“ stand und einen entscheidenden Wendepunkt im Denken, Leben und Schaffen der Autorin bezeichnet. Wichtig in diesem Kontext auch ihr Vorwort zu Werner Bräunigs zu eben jener Zeit vom DDR-Regime verworfenen und 2007 posthum erschienenen Roman „Rummelplatz“.

Interessant vor diesem Hintergrund die Frage, die Thomas Manns „Dr. Faustus“ aufwirft: Welchen Preis zahlt der Künstler für sein Werk? Ihr widmete sie sich 2000 in ihrer Dankesrede anlässlich der Verleihung des Thomas-Mann-Preises. Schicksal und Werk des großen deutschen Schriftstellers, dem sein eigenes Land so fremd geworden war, dass er nicht mehr nach Deutschland zurückzog, beschäftigten sie besonders während ihres USA-Stipendium-Aufenthaltes in Los Angeles, dem sogenannten „Weimar unter Palmen“, so benannt, seit dort viele bedeutende deutsche Autoren während der NS-Diktatur Exil fanden. Im Aufsuchen der Orte, die diesen einst Zuflucht gewährten, wagt Christa Wolf manche Annäherung und den Versuch des Sich-hinein-Versetzens in eine Lage, die sich heute unserer Vorstellungskraft zumeist entzieht.

Schließlich widmet sie sich in ihrem bisher unveröffentlichten Essay „Nachdenken über den blinden Fleck“ unter Verweis auf historische Zusammenhänge ausführlicher der Frage nach Erinnern, Gewissen, Schuld und Verantwortung. Auch hier wieder Faust. Diesmal der klassische von Goethe. Die beklemmende Aktualität des Teufelspaktes. Welcher Preis ist zu zahlen für grenzenlosen Fortschritt? Und schließlich: Die Frage nach den Müttern. Die Verdrängung des Weiblichen in der Geschichte, „das Hinschwinden der Frau in der öffentlichen Wahrnehmung“. Kassandra. Die Mahnerin, deren Prophezeiungen man umso weniger hören will, je mehr sie sich bewahrheiten? Für deren Eintreffen sie vielmehr die Schuld aufgeladen bekommt, – weil eine Gesellschaft Sündenböcke braucht, um sich selbst der Verantwortung nicht stellen zu müssen? Der Bogen spannt sich zu Medea.

Wer einfache Antworten für komplexe Fragen unserer Zeit sucht, wird sie in diesem Buch nicht finden, – so wenig wie im gesamten Werk von Christa Wolf. Simplizitäten und Phrasen sind ihre Sache nicht, waren es nie. Nur Schwarz und Weiß Raum geben, Nuancen nicht gelten lassen, würde bedeuten, nie die volle Sehkraft zu erlangen, die zum Urteilen befähigt. Dann werden schnell aus Urteilen Vorurteile, – und daraus wiederum Verurteilungen, die dazu führen, dass sich wahre Erkenntnis verschließt, – wie die Autorin selbst in einem Interview 2010 deutlich aussagte.

Und daher müssen die großen Fragen unbeantwortet bleiben; vielmehr werden sie neu gestellt, – aufbereitet für kommende Generationen mit der unmissverständlichen Aufforderung, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Ein Vermächtnis. Können – mit Christa Wolfs Worten gefragt – die Kräfte, die Alternativen schaffen, schnell genug wachsen? Hierin sind wir Nachfolgenden gefordert. Und wir verstehen: Rede, daß ich dich sehe, – rede so, dass ich dich sehe! – meint eine reife Form von Reden, die als einzige zum notwendigen Austausch und verantwortlichem Handeln führen kann.

Bettina Johl

Der Artikel ist am 28. August 2012 im General-Anzeiger Bonn erschienen.

Christa Wolf: Rede, daß ich Dich sehe, Berlin 2012, Suhrkamp Verlag, 208 Seiten

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Über die zivilisierende Kraft der Demokratie

Deutsch: Jürgen Habermas bei einer Diskussion ...

Jürgen Habermas und Colin Crouch zur Verfassung Europas

Nach einem Wort Hegels erfasst allein die Philosophie ihre Zeit in Gedanken. Jürgen Habermas, einer der bedeutendsten Philosophen der Gegenwart, nimmt seit mehr als vier Jahrzehnten öffentlich Stellung zu europäischen Themen. Als Philosoph und Soziologe, dessen Ausführungen weltweit Aufmerksamkeit erregen, versucht er mit seinen Ideen zu Europa Einfluss zu nehmen auf die Mentalitätsgeschichte nicht nur der Deutschen. Anders als Hegel vermag Habermas allerdings in der Wirklichkeit kaum Vernünftiges zu erkennen, sondern sieht einen Primat der Ökonomie am Werk, dem ein „postdemokratischer Exekutivföderalismus“ der europäischen Staaten sich auszuliefern im Begriff ist.

Wie bei vielen seiner Generation, Habermas ist 1929 geboren, steht bei ihm von Anfang an die Überzeugung, dass nach der Katastrophe des Hitlerregimes die Idee des Nationalstaats einer grundsätzlichen Revision bedarf und ein geeintes Europa geschaffen werden muss. So ist beispielsweise für den Generationsgenossen Helmut Kohl die europäische Einigung „eine Frage von Krieg und Frieden“ und der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger hat seinen Unmut über das demokratieschwache Europa in seiner Streitschrift „Sanftes Monster Brüssel“ bekundet:„Politik hinter verschlossenen Türen. Geheimniskrämerei. Kabinettspolitik.“ Für den im Dezember letzten Jahres verstorbenen Psychoanalytiker und Vater der deutschen Friedensbewegung Horst-Eberhard Richter führt kein anderer Weg aus der gegenwärtigen Krise Europas als der Wille zur Einigung auf der Grundlage eines neuen moralischen Verantwortungsbewusstseins.

Habermas frühe Aversion gegen das Nationale verleitete ihn nicht zu einer unkritischen Sicht auf Europa, in dessen politischen Bestrebungen er während der Zeit der Pariser und Römischen Verträge nur eine Integration der kapitalistischen Marktwirtschaft zu erkennen vermochte. Selbst als die Europäische Gemeinschaft gegründet war, hielt er sich mit Stellungnahmen zur staatlichen Verfassung Europas zurück. Erst in den achtziger Jahren gab sich der Philosoph als überzeugter Europäer zu erkennen, und meldete sich vor allem dann zu Wort, wenn der politische Einigungsprozess stockte. Die anhaltende Euro-Krise sowie die halbherzigen, oft populistischen Reaktionen der Politik lassen ein Misslingen des europäischen Projekts derzeit als reale Möglichkeit erscheinen, so Jürgen Habermas in seinem neuen, seit langem erwarteten Essay „Zur Verfassung Europas“. Er wendet sich gegen eine seit dem Scheitern des Verfassungsentwurfs im Jahr 2004 verselbstständigende postdemokratische Macht des Europäischen Rates der Staats- und Regierungschefs.

Die Verwendung des Begriffs „Postdemokratie“ durch Habermas verweist auf Colin Crouch gleichnamiges Buch, das im Jahre 2003 eine subtile Diagnose des demokratischen status quo der europäischen Staaten lieferte  und zu dem Ergebnis gelangte, dass die demokratischen Institutionen  nur noch formal im politischen System existieren und von Politikern und Bürgern nicht mehr mit Leben gefüllt werden. Crouch bezeichnet dort die „Postdemokratie“ als ein Gemeinwesen, in dem zwar nach wie vor Wahlen abgehalten werden, „Wahlen, die  sogar, dazu führen, dass Regierungen ihren Abschied nehmen müssen, in dem allerdings konkurrierende Teams professioneller PR-Experten die öffentliche Debatte während der Wahlkämpfe so stark kontrollieren, dass sie zu einem reinen Spektakel verkommt, bei dem man nur über eine Reihe von Problemen diskutiert, die die Experten zuvor ausgewählt haben.“ Crouch bescheinigt den Bürgern der europäischen Länder eine weitgehend apathische und schweigende Rolle, in der sie nur noch auf zugeführte Reize reagieren. Im Hintergrund solcher politischen Inszenierung wird Politik hinter verschlossenen Türen gemacht, und zwar von den gewählten Regierungen im Verbund mit Eliten, die vor allem die Interessen  der Wirtschaft und des Finanzsektors vertreten. Sieht man sich die gegenwärtige Politik an, beispielsweise in Bezug auf Griechenland und das Euro-Rettungspaket, so können Crouchs Analysen der „Postdemokratie“ und Habermas  Bezeichnung „Exekutivföderalismus“ für das Agieren der europäischen Regierungen kaum noch die Zustimmung versagt werden.  Der wirtschaftlichen Globalisierung, so postulierte Habermas 2008 in einem Interview zur Finanzkrise, das Thomas Assheuer für die Wochenzeitschrift „Die Zeit“ mit ihm führte, hätte schon längst „eine weltweite politische Koordination und die weitere Verrechtlichung der internationalen Beziehungen folgen sollen“ – im Sinn eines „dezentrierten Universalismus der gleichen Achtung für jeden“.

„Zur Verfassung Europas“  enthält außer dem titelgebenden Kernessay zusätzlich den Aufsatz „Das Konzept der Menschenwürde und die realistische Utopie der Menschenrechte“ sowie drei Interventionen, die Habermas seit Ausbruch der Finanzkrise in Zeitungen veröffentlicht hat. Die changierende Doppelbedeutung des Buchtitels weist sowohl auf den gegenwärtigen defizitären Zustand Europas als auch auf ein „überzeugendes Narrativ“ für die Geschichte und vor allem die Zukunft der europäischen Union hin. Dabei versucht Habermas Denkblockaden bezüglich der Transnationalisierung Europas aus dem Weg zu räumen, indem er den Einigungsprozess in den langfristigen Zusammenhang der Verrechtlichung und Zivilisierung staatlicher Gewalt einordnet.

Die Chancen für ein demokratisch verfasstes Europa werden größer durch die Unterordnung der Nationalstaaten unter supranationales EU-Recht; die Einzelstaaten teilen sich die verfassungsgebende Gewalt des supranationalen Gemeinwesens zusammen mit der Gesamtheit der Unionsbürger. Die Volkssouveränität ist „ursprünglich geteilt“: Jeder Europäer ist zugleich Unionsbürger wie auch „Angehöriger eines europäischen Volkes“, eine „transnationale Demokratie“ entsteht erst dann, wenn Unionsbürger und Völker als gleichberechtigte Partner im Gesetzgebungsprozess auftreten. Diese transnationale Demokratie in Europa kann nur ein erster Schritt hin zu einer demokratisch verfassten Weltbürgergesellschaft mit einer globalen Verfassungsordnung sein, so die konkrete geschichtsphilosophische Utopie des Philosophen, mit der er bewußt an die mehr als zweihundert Jahre alte Schrift „Zum ewigen Frieden“ von Immanuel Kant und dessen Idee eines Weltbürgerrechts erinnert und anschließt. Deren Grundgedanke einer globalen Föderation von Republiken ist nicht erreicht und scheint es auf lange Sicht nicht. „Und gegenüber der Größenordnung dieser Probleme“, so schließt Habermas seine Überlegungen, „hat die Aufgabe, die wir in Europa lösen müssen, fast schon ein übersichtliches Format.“

Dieter Kaltwasser

Der Artikel erschien in gekürzter Fassung am 21. Februar 2012 im General-Anzeiger Bonn

Literatur zum Thema:

Jürgen Habermas: Zur Verfassung Europas – Ein Essay, Suhrkamp, Berlin 2011, 140 Seiten Bei OSIANDER bestellen

Colin Crouch: Postdemokratie, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2008, 159 Seiten

Horst-Eberhard Richter: Moral in Zeiten der Krise, Suhrkamp, Berlin 2010, 192 Seiten  Bei OSIANDER bestellen

Hans-Magnus Enzensberger: Sanftes Monstrum Brüssel oder Die Entmündigung Europas, Suhrkamp, Berlin 2011, 73 Seiten

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Ein stilles Haus am Rhein

Der Rhein bei Unkel, Foto von Bettina Johl

Der Rhein bei Unkel, Foto von Bettina Johl

Immer wieder wird er Mensch geboren
Spricht zu frommen, spricht zu tauben Ohren,
Kommt uns nah und geht uns neu verloren…

Hermann Hesse (Aus: Der Heiland)

Immer wieder um diese Zeit: Zuflucht nehmen zu Dichtern, die sich dazu bekannten, Weihnachtsmuffel zu sein, wie mein geschätzter Hermann Hesse, der nach eigenen Worten die „verlogene Sentimentalität“ als unerträglich empfand, nicht ohne jedoch aus dieser Haltung heraus immer wieder den Blick auf dennoch Bleibendes zu richten: Winzige Momentaufnahmen oft nur, – Augenblicke des Innehaltens, des Auffindens so manchen Edelsteins im allgemeinen Lametta-Flimmern, – wie das empfundene Glück des Anteilhabens an der Verzauberung kleiner Kinder, deren Blick noch ungetrübt ist, die noch nicht erfasst wurden vom allgemeinen Sog des Sich-verstellen-Müssens und des Überdrusses.

Meine eigenen Rückzugsversuche, immer wieder tageweise: Ein stilles Haus in Unkel am Rhein, an einem Ort, in welchen seit einigen Wochen winterliche Ruhe Einzug gehalten hat, – vorüber die lärmende Herbstsaison weinseliger Ausflugstouristen, – die sich allerdings in diese alt-ehrwürdigen Mauern ohnehin nicht zu verirren drohen; hier ziehen sich allenfalls Geistliche zur Erholung zurück, und kleinere Gemeindegruppen treffen sich zu Exerzitien und Einkehrtagen. Mein Blick aus dem Fenster geht hinaus auf den ewigen Strom; ein Zimmer zum Rhein hin ist in diesen Tagen ohne Schwierigkeiten zu bekommen, obwohl auch die andere Seite ihre Vorzüge hat. Sie wiederum ist die ruhigere, mit Ausblick auf einen parkähnlichen Garten, von einer hohen Mauer mit schmiedeeisernem Tor gegen ein wenig befahrenes Gässchen abgeschirmt. Hier gedeihen prächtige Rosen, die auch noch jetzt im Dezember vereinzelt blühen; es gibt einen beleuchteten Brunnen, der an wärmeren Tagen für akustische Untermalung sorgt, Sitzbänke und ein kleines Kiesrondell, in dessen Mitte eine zierliche weiße Skulptur des Heiligen Jakobus uns daran gemahnt, dass wir Pilger sind. Mehrere Katzen pflegen dort herumzustreichen; eine von ihnen, mit mehr weiß als schwarz geflecktem Fell und einer lustigen Gesichtszeichnung, begrüßt mich stets nach Katzenart mit Nasenkuss, was ich mir als besondere Ehre verbuche. Ihren Namen kenne ich nicht, nenne sie seit längerem nur „die Klosterkatze“, obwohl sie, wie die Nonnenschwestern, die sie offensichtlich ins Herz geschlossen haben, mir erzählten, irgendwo in der Nachbarschaft ihr Zuhause hat. Zu bestimmten Tageszeiten findet sie sich regelmäßig ein; sie kommt einfach über die angrenzenden Dächer oder springt elegant durch die Gitterstäbe des Tors, sonnt sich an wärmeren Tagen im Rosenbeet, hierbei stets wachsamen Auges die Küchentür im Blick behaltend, – wohl wissend, dass diese sich zur gegebenen Zeit öffnen wird, um den dort versammelten schnurrenden Mäusefängern ihren Anteil an dem zukommen zu lassen, was in einer Küche so an Übrigem anfällt.

Die Seite zum Rhein ist lauter als jene zum Garten, betriebsam, – viel Schiffsverkehr auch um diese Zeit, welcher jedoch nicht stört. Der uralte Strom ist nun einmal lebendig, – dies gehört sich so für ihn -, er bietet dem Auge stets neue Bilder und erzählt seine eigenen Geschichten. Die alten Mauer zittern spürbar beim Stampfen der Motoren stromaufwärts fahrender Lastschiffe, die vom Wellengang bewegte Schiffslandebrücke unmittelbar unter dem Fenster gibt quietschende Geräusche von sich, – aber das alles muss so sein, verleiht mir das Gefühl, selbst Anteil an dieser Lebendigkeit zu haben, wie selbstverständlich in diesem großen Ganzen aufzugehen.

Das Haus mit den ehrwürdig anmutenden, hohen Räumen hingegen versetzt in eigentümliche Stimmung, – fast vermittelt es den Eindruck, aus der Zeit gefallen zu sein: Das Knarren der hölzernen, weitläufigen Wendeltreppe, Lichtspiegelungen der bunten Glasfenster auf den Stufen, die Eingangshalle und die hohen Flure mit den mächtigen alten Möbeln und Gemälden, Schilder, die noch aus früheren Tagen stammen, bezeichnen die Räume: Speisesaal, Konveniat, Bibliothek, – ja, es gibt wahrhaftig eine Bibliothek! -, das Herzstück des Hauses, gut bestückt, keineswegs nur mit geistlicher Literatur; ein Raum, der zum ruhigen Arbeiten wie geschaffen wäre, zöge der Blick aus dem Fenster mich nicht alsbald hinaus.

Hier springe ich über meinen Schatten und genieße die Morgenstunden, die ich nirgendwo so sehr als hier schätze: Den kühlen, dieser Tage schlicht adventlich geschmückten Frühstücksraum betreten und die Stille in sich aufnehmen. Kaum Gäste sonst, Kaffee steht bereit, – von den Ordensfrauen ist keine zu sehen; die Stunde, die mir früh erscheint, ist für sie eine fortgeschrittene, – längst sind sie in der Heiligen Messe. Wer in dieser Zeit ein Anliegen hat, wartet eben, bis der Gottesdienst vorüber ist, – so ist das hier. Gedämpfter Gesang ist von der Hauskapelle im obersten Stock her zu vernehmen, ansonsten wird das Schweigen, in welches das Haus sich hüllt wie in einen schützenden Mantel, nur hin und wieder vom Viertelstundenschlag der alten Standuhr im Gemeinschaftsraum unterbrochen. In Ruhe die erste Tasse Kaffee trinken und dabei durch ein Erkerfenster auf das Siebengebirge und den Fluss schauen. Das Kreisen der Möwen beobachten, die sich spielerisch vom Wind tragen lassen, um dann wieder ihre Lieblingsplätze auf der Landebrücke einzunehmen, den majestätischen Flug der Kormorane, die sich irgendwann auf dem Wasser niederlassen, um sich auf ihre ausgedehnten Tauchgänge zu begeben, über deren lange Dauer sie uns Beobachtende stets aufs Neue zu verblüffen verstehen. Später werden sie sich auf dem Felsgestein auf Inseln im Fluss oder am Ufer niederlassen und mit ausgebreitet hängenden Flügeln ihr Gefieder trocknen, was ihnen ein drolliges Aussehen verleiht. Sie sind mir ans Herz gewachsen und haben die Anfeindungen mancher Zeitgenossen gewiss nicht verdient; die Probleme; für die sie zuweilen verantwortlich gemacht werden, sind – wie vieles – menschengemacht.

Etwas Gebietendes und zugleich  Beruhigendes hat er, der Strom, der in Wirklichkeit unbezähmbare, der uns mit seiner Urgewalt immer wieder die Grenzen unserer Möglichkeiten, unseres menschlich und technisch Machbaren aufzeigt. Wir fühlen: Es muss so sein. Die Farben an seinen Ufern sind verblasst, – Winterruhe -, dennoch wechselt er beständig sein Bild, zeigt sich mit dem dahinter liegenden Gebirge zu jeder Tageszeit in anderem Licht, – mal in trübem Grau, mal leuchtend blau, dann wieder in Rot und Gold, mit gleißender Oberfläche durch Spiegelungen von Morgen- oder Abendsonne, manchmal auch gänzlich nebelverhangen oder in Regenschleier gehüllt. Zuweilen noch zieht ein Trupp verspäteter Wildgänse in typischer Flugformation mit lauten Rufen vorüber, – selten glückliche Zufallsmomente.

Andere haben vor mir hier Zuflucht gesucht, unter ihnen Konrad Adenauer, als er zu Zeiten des Nazi-Regimes aus dem Regierungsbezirk Köln ausgewiesen war und im selben Haus Aufnahme fand. Saß er womöglich hier an diesem Platz, schaute so wie wir aus dem Fenster auf den Rhein? Es liegt nahe, aber wir wissen es nicht. Überhaupt, – was wissen wir später Geborenen, vor nichts Bedrohlicherem auf der Flucht als vor Alltags-Überdruss und gelegentlich vor uns selbst, von wirklicher Verfolgung und Exil? Nichts. Nichts – oder wenig – vom Ausgegrenzt- und Eingeschränkt-sein durch äußere Zwänge bis hin zur Bedrohung von Leib und Leben, vom Bangen und Hoffen in einer hoffnungslos anmutenden Situation mit ungewissem Ausgang. Die Zwänge, gegen die wir heute kämpfen, sind anderer Natur. Das Schwierige an ihnen ist: Nicht immer lassen sie sich klar benennen, – dennoch sind sie da und machen uns nicht wenig zu schaffen. Sie kommen aus größtenteils unerforschten Regionen, – aus unserem eigenen Inneren. Der Kampf, den wir gegen sie zu führen versuchen, gerät uns manchmal zum Kampf gegen uns selbst.

Als wenn es diesem Ort bestimmt wäre, die These zu untermauern, dass sich Dynamik aus der Wechselwirkung von Gegensätzlichem ergibt, verbrachte auch Willy Brandt seine letzten Lebensjahre ganz in der Nähe. Adenauer und Brandt, – Persönlichkeiten, wie sie sich unterschiedlicher nicht denken ließen, – und doch verbindet sie, dass sie große Staatsmänner waren, herausragende Politiker, die sich in keinen Rahmen, kein Muster pressen ließen, die den Mut hatten, auch ungewöhnliche Wege zu gehen, – mit großen Visionen, derer viele sich über ihre Lebenszeit hinaus als tragfähig erwiesen.

Wand an Wand steht das Haus Freiligraths, des großen Dichters des Vormärz, welcher hier sein Leben als freier Schriftsteller begründet haben soll. Manchmal ertappe ich mich beim nächtlichen Lauschen auf dem kleinen Balkon, – im Lärm der Schiffe genügt nur ein wenig Phantasie, um sich im Nebenhaus Stimmen aus Unterhaltungen längst vergangener Zeiten einzubilden. Große Namen, die hier verkehrten: Levin Schücking, Annette von Droste-Hülshoff,  Johanna und Adele Schopenhauer, vielleicht auch Goethe. Ihnen mag sich kein sehr viel anderes Bild als heute geboten haben, wenn man sich die Straßen und die Bahnlinie wegdenkt, – der Strom ist hier wenig gezähmt und trotz aller Bewegung und Lebendigkeit immer derselbe, – der uralte, ewiggleiche, der noch fließen wird, wenn sich unserer längst niemand mehr erinnert, – noch weniger unserer Vorhaben und Projekte, von denen zu unseren Lebzeiten für uns so vieles abhängen will. Diese Erkenntnis erschreckt – und hat zugleich doch wieder etwas Beruhigendes, denn wohl sehen wir vor diesem Hintergrund die Bedeutung unserer Anliegen verblassen,  aber gleichermaßen sehen wir auch deren Bedrohungen ins Nichtige und Kümmerliche zusammenschrumpfen. Dies wäre eigentlich ein Grund zu heiterer Gelassenheit, welche auch den Ordensschwestern hier eigen ist. Aus dem fernen Indien hat es sie hierher verschlagen, – heute hier, in ein paar Jahren vielleicht wieder ganz woanders im Einsatz, – was tut es? Gott, – nennen wir ihn so, in tiefem Respekt vor diesem Ort -, ist überall und kann überall Menschen für seine Sache brauchen; so viel ist sicher, – unabhängig davon, in welcher Gestalt er sich den Menschen, welchen Glaubens und wo auch immer, offenbaren mag.
Frieden ist ein Bedürfnis, welches viele Menschen aller Religionen teilen. Die Weihnachtsbotschaft ist eine Botschaft des Friedens. Sie stößt auf viele fromme, – leider auch auf noch mehr taube Ohren. Und sie geht schnell flüchtig, wo sie nicht sorgsam bewahrt wird. „Das Licht scheint in der Finsternis, doch die Finsternis hat’s nicht ergriffen“, wusste der Prophet Jesaja bereits in alttestamentarischen Zeiten vorauszusagen. „Kommt uns nah und geht uns neu verloren“, sagt unser Dichter Hermann Hesse viele Jahrhunderte später. Er bringt unser Dilemma auf den Punkt. Das Verlorengehen bereits vorweggenommen im Nahe-kommen, Sich-Annähern, – vielleicht ist es dieses Wissen, das es uns so schwer macht, der Botschaft Glauben zu schenken? Nichts festhalten können! Aber was wäre die Alternative? Sie deshalb gar nicht mehr an uns heranzulassen? Aus Angst vor der Flüchtigkeit, dem Wieder-verloren-gehen, ihr den Zugang verweigern? Uns ihr verschließen? – Es wäre schlimm, – wir ahnen es! Und genau deshalb geht es nicht.

„Wir machen dieses Fest nicht“, hörte ich vor Jahren einmal den Pfarrer meines damaligen Wohnortes in der Christmette sagen, „wir sind Eingeladene.“ – Im Erinnern denke ich, es könnte etwas dran sein.

Bettina Johl

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Die Lütte – Eine Kurzgeschichte

von Bettina Johl

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Das Land verschließt sich die ersten Tage, immer, auch bei jährlicher Wiederkehr. Fremd liegen die Hügel, dunkel und verschwiegen die Kiefernwälder, – selbst ihren Duft – Inbegriff des mecklenburgischen Sommers, auf den du dich das Jahr über freutest, wie auf nichts sonst – scheinen sie zurückzuhalten. Jeder Grashalm scheint dich abzuweisen, dir die Frage zu stellen: „Was willst Du hier? Was suchst Du?“ Und du bleibst die Antwort schuldig, stehst ratlos, weißt nur, dass dir die Zeit weglaufen will, – drei Wochen sind verdammt kurz, ja, aber was will ich denn eigentlich hier?

Und es hilft nichts, – erst wenn du aufgehört hast, dir den Zugang mit Macht erkämpfen zu wollen, wenn du aufhörst, alles auf die gewohnte Art an dich reißen zu wollen, wenn du akzeptiert hast, dass diese Natur in ihrer weitgehenden Ursprünglichkeit ohne dich auskommt, sich zu Recht verschließt, dich nicht braucht, – und wenn du die Trauer darüber erneut zulassen kannst, dann erst merkst du, wie sich der Rhythmus zu verändern beginnt – oder bist es du selbst? Du beginnst, unmerklich einzutauchen, mit der Gegend zu verwachsen, wirst ein Teil von ihr, bis du merkst, dass es am Ende der dir hier verbleibenden Zeit für eine schmerzlose Trennung längst wieder einmal zu spät ist.

In flirrender Mittagshitze die schattigen Alleen entlang gehen, barfuß über sandigen Boden, ohne bestimmtes Ziel, einfach nur zu dem Selbstzweck des Unter-Bäumen-entlang-Laufens. Überhaupt: Solche Bäume! Mächtige Riesen, von denen jeder einzelne zuhause locker als Naturdenkmal durchginge. Hier bilden sie lange Tunnels, grün überwölbte Säulengänge, jede Art auf ihre Weise. Lindenalleen, im Sommer dunkel, geheimnisvoll, zugleich Schutz und Schatten gewährend. Höher, imposanter noch die Kastanienalleen, – immer wolltest du auch einmal ihre Blütezeit in dieser Gegend erleben, nie kam es dazu. Eichenalleen, majestätisch erhaben – beinahe unwirklich -, an gotische Kathedralen erinnernd. Gotisch, mit sehr viel Oberlicht, die hohen Eschenalleen, – eintauchen in flirrendes Hellgrün. Heller und unbeschwerter noch die Birkenalleen, trotz hohen Alters der Bäume Jugend und Fröhlichkeit ausstrahlend. Auch Obstbaumalleen fandet ihr hin und wieder: Eine Allee von alten Apfelbäumen entlang einer Nebenstrecke, die ihr oft nahmt, um auf dem Weg zu Freunden abzukürzen. Immer wieder Birnbaumalleen, einmal sogar eine kleine Allee von Pflaumenbäumen, meist an entlegeneren Straßen, auf denen euch auf rumpelndem Kopfsteinpflaster kaum ein Fahrzeug begegnete. Wenn doch, musste eines der Enge wegen auf den sandigen Seitenstreifen ausweichen, Staub wirbelte an trockenen Tagen auf; mit dem Weiterfahren musste gewartet werden, bis die Sicht wieder frei war. Straßen, die ins Nichts zu führen schienen, an deren Ende schließlich aber immer doch noch ein letztes, ein allerletztes Dorf lag, manchmal nur aus fünf Häusern bestehend, wo Scharen frei laufender Hühner und aufgeregt schnatternder Gänse mitten auf dem Weg dich am Vorankommen hinderten, was dich nie störte, solange kein Einheimischer von hinten Hupkonzerte veranstaltete und zu halsbrecherischen Überholmanövern ansetzte. Ende der Welt? Wohl doch nicht, denn auf dem Schild saht ihr die Vorsilbe „Groß-“ dem Ortsnamen vorangestellt; ein weiteres Schild am Ortsende, an einer Straße, die eigentlich nur mehr noch ein Sandweg war, verwies auf den nächsten mit „Klein-“ beginnend, und es bereitete euch gewisses Vergnügen, euch vorzustellen, wie klein dann erst dieser sein mochte.

Wenige, die sich in selbige entlegene Gegend verirrten. Es war gerade die Ruhe fernab der touristisch bereits erschlossenen Orte, die euch anzog. Hin und wieder suchtet ihr natürlich auch die äußerlich attraktiveren Plätze auf, – um hernach stets wieder gern in die Stille dieses zurückgezogenen Landstrichs abzutauchen. Eine Stille – Balsam für euch, für viele der hier Lebenden jedoch – ihr wusstet es, bekamt es in Gesprächen mit – nervenzehrend, Friedhofsruhe bedeutend. Die Ortschaften ähnelten sich: Ein verfallener Gutshof, umstanden von teilweise genutzten Genossenschaftsgebäuden, einige schlichte, kleine Häuser, dazwischen ein, zwei große Plattenwohnbauten. Sandige Wäscheleinenplätze, mehrere Reihen kleiner Doppeltüren-Garagen. Dazwischen ungehindert wachsendes Gras, Königskerzen und halbwild wachsende Stockmalven, hohe Bäume. Nirgendwo die geringsten Symptome zwangsverhaltensartigen Heckenschneidens und Rasenmähens. Idylle in der Unaufgeräumtheit; – an die Hässlichkeit sozialistischer Bauvergangenheit und der dem Verfall preisgegebenen Häuser aus Zeiten davor gewöhntet ihr euch, – auch Ruinen lässt sich mancher Charme abgewinnen -, freutet euch an der Natur, die hier überall dazwischen Raum fand, – nahezu grenzenlosen Raum.

So auch das Dorf, in dem ihr des Öfteren bei einer Freundin zu der einen oder anderen Tasse Kaffee Station machtet. Sie besaß ein Grundstück unmittelbar gegenüber dem  Plattenbau gelegen, in dem sie wohnte; dazwischen eine Durchgangsstraße mit weißem Mittelstreifen, auf der es sich niemand einfallen ließ, auf etwaige Geschwindigkeitsbeschränkungen zu achten. Kein Überweg. Überqueren ein tägliches Abenteuer, wenn nicht ein Alptraum. Sie bewirtschaftete auf dem jenseitigen Grundstück Stall und Garten, während sie, nachdem ihr Mann nicht lange nach der politischen Wende plötzlich bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war, das neu gebaute Haus darauf vollständig der Tochter überlassen hatte. Auf dem Hof tummelte sich stets eine Vielzahl an Tieren, nebst Hühnern, Tauben und einem betagten Pony, einige Hunde und Katzen, die sie zum Teil verletzt auf jener Straße aufgesammelt und unter Einsatz ihrer Liebe und ihrer Ersparnisse, die für die teuren Tierkliniken draufgingen, aufgepäppelt hatte. Das Ganze hatte bei allem eine tragische Komik, und einen ihrer berühmten Sätze: „Die Katze war halb tot! Mindestens!“ zitiert ihr bis heute immer wieder gern; er wurde gewissermaßen zum Running Gag. Jene Katze, von der er handelte, war eine vielbewunderte Schönheit, dreifarbig – Glückskatze! -, mit glänzendem Fell, die noch ein recht langes Leben haben sollte. Ihre schlimme Vorgeschichte war ihr fast nicht anzusehen, außer, dass sie in der Bewegung etwas trudelte, ihre Hinterbeine beim Gehen ein wenig in eine andere Richtung steuerten. Dies schien sie jedoch kaum zu stören; sie schaffte es sogar, ohne Hilfe auf die Fensterbank zu springen. Sie teilte die Wohnung und den Platz im Herzen ihrer Retterin mit einem kleinen, ebenfalls einst zugelaufenen Hund unbekannter Rasse, der sich stets buchstäblich vor Freude überschlug, wenn er euch nach einem Jahr wiedersah, keinem von euch mehr von der Seite weichen wollte und euch häufig bei euren Streifzügen begleitete, auch zum Baden an einem versteckt gelegenen See, an den man gelangte, wenn man ein kleines Kiefernwaldstück durchquerte.

Es gibt in der Gegend ungezählte Seen; auch sie liegen still und unaufdringlich, man nimmt erst nach und nach wahr, wie viele ihrer sind. Diesen mochtet ihr besonders; er wurde fast nur von Kindern aus dem Ort und aus einem nahegelegenen Ferienlager für Stadtkinder aus Berlin aufgesucht. Jene bildeten eine fröhliche, angenehme Gesellschaft, und sowie sie zur nächsten Unternehmung aufbrachen, hattet ihr die Wiese und Steg wieder für euch, konntet am Ufer im klaren, seichten Wasser die kleinen, transparent schimmernden Fische beobachten, die sich, sobald Ruhe eingekehrt war, wieder aus dem Schilf wagten.  Die Wassertiefe war so beschaffen, dass man in Ufernähe überall stehen konnte, und nahm bis fast zur Mitte des Sees auch nicht weiter zu, so dass sich selbst diejenigen hinein trauten, die offenen Gewässern größten Respekt entgegenbrachten. Es gab ein kleines Strandcafé, in einer winzigen Hütte mit nur zwei Tischen auf der engen Holzterrasse, die jedoch selten belegt waren. Dort gab es stets Getränke, Eis und guten Kaffee, – was wolltet ihr mehr?

Manchmal kehrtet ihr auf dem Rückweg im einzigen Gasthof des Ortes ein, der gleich am Wald lag, wo eine kleine, stillgelegte Bahnstrecke verlief. Das Gebäude mochte früher zum Bahnhof gehört haben, als dieser noch in Betrieb war. Der Pächter schien das Restaurant, das vermutlich zuvor längere Zeit leer stand, noch nicht allzu lange zu betreiben; die Einrichtung wirkte neu. Tatsächlich fanden sich hier zuweilen einige Feriengäste ein. Das hiesige ehemalige Gutshaus war frisch renoviert und beherbergte Ferienwohnungen, welche zur Saison recht gut besucht waren, oft genutzt von Familien, die in Begleitung ihrer Hunde Urlaub machten. In dieser Gegend waren Haustiere noch willkommen. Eure Freundin allerdings geriet zuweilen an den Rand einer Krise, da ihr kleiner, vierbeiniger Schützling – sein Name war Rudi! -, so sanft er sonst war, die Macke hatte, mit jedem hinzukommenden Rüden unverzüglich Streit anzufangen, und zwar ohne sich um desselben Größe und eventuelle körperliche Überlegenheit zu scheren. Restaurantbesuche fielen demzufolge immer ähnlich aus: Ängstliches Umsehen bereits in der Tür, – ist da ein Hund – nein? – gut! Wenn ja – Hund oder Hündin? Hündin? Alles okay! Hund? „Nee, ich glaube, wir drehen noch eine Runde und kommen später wieder!“  War diese Hürde überwunden, der kleine Raufbold an kurzer Leine unterm Tisch verstaut, konnte sich die einstweilen entspannte Situation jederzeit ändern, sobald eine neue Familie das Lokal betrat. Argwöhnisches Beäugen. Hund dabei? – Nein. Erleichtertes Aufatmen. – Ja! – Hund oder Hündin? – Hündin? Okay. – Hund? „Ich muss hier raus!“ Sie traue sich, erzählte sie, ohnehin kaum noch, mit ihm Gassi zu gehen, da draußen sehr viele unangeleinte Tiere von Kampfhundeformat herumliefen, manchmal ohne Begleitung, und wenn in Begleitung, dann sähen die Zweibeiner oft noch weniger vertrauenerweckend aus. Die meisten seien wohl ganz harmlos, aber wer könne das wissen? – „Die fühlen sich stark, weil alles Angst vor ihnen hat, und – wie gesagt, mein Hund fängt mit den größten Tölen Streit an. Neulich blieb mir fast das Herz stehen, – saß da so ein Typ – Glatze, Springerstiefel, Tattoo – was sonst? – mit einem Riesen-Pitbull auf der Stufe mitten in der Haustür. Ich kam vom Hof drüben zurück und hatte die Katze dabei, weil sie nicht gern allein oben bleibt; da saß er da und versperrte mir den Weg. Was tun? Ich hatte keine Wahl. Ich sagte zu ihm: ‚Halten Sie bitte den Hund fest, ich muss mit der Katze hier durch.‘ Glotzt er mich blöde an, grinst und sagt: ‚Na klar, die macht meiner hier sonst mit einem Happs alle!‘ – Wisst ihr, was ich dem gesagt habe? Hey, ich hatte so eine Wut! ‚Ja, das werden wir sehen, – dann mach ich SIE alle!‘, hab ich zu ihm gesagt, ja, wirklich, – ihr lacht! Wenn ihr wüsstet, was ich für eine Angst hatte! Aber wütend war ich noch mehr. Und der? Glotzte noch blöder! Ich sagte: ‚Ja, Sie haben vollkommen richtig gehört. SIE mach ich dann alle! Nicht Ihren Hund, – der Hund kann nix dafür! Tiere können nie was dafür. Ihr Hund ist ganz in Ordnung, was wetten wir? Ich mag Hunde, ich hab selbst welche, und die kommen auch mit Katzen klar. Die Verantwortung hat immer der Mensch! Ich sage Ihnen: Sorgen Sie gut für ihn, Sie tragen die Verantwortung! Schauen Sie: Sie sitzen hier mit dem Tier ewig in der prallen Sonne auf der Treppe herum. Der Hund hechelt! Hat er die letzten Stunden mal Wasser bekommen? Natürlich nicht, – was frage ich! Lassen Sie mich durch und bleiben Sie hier!  Ich bring die Katze hoch und hol ihm Wasser.‘ – Stellt Euch vor“, sagte sie, schwankend zwischen Schaudern und Lachen, „der sagte wirklich keinen Ton und hielt den Hund am Halsband fest. Ich ging nach oben, hab erst mal die Katze abgesetzt, die nur noch aus gesträubtem Fell bestand, hab Wasser in eine Schale rein und mich gefragt, ob er wirklich warten würde. Ich kam runter, und er war noch da. Sein Hund hat die Schüssel – kaum hingestellt – in ein paar Sekunden leergetrunken. – ‚Sehen Sie, wie der Hund Durst hat‘, hab ich gesagt, ’nächstes Mal, wenn Sie wieder so lange hier sind, klingeln Sie, und ich bring ihm Wasser, verstanden? Dabei vergeben Sie sich nix! Und ich sag’s Ihnen nochmal: Sorgen Sie mir gut für das Tier! Sonst gibt das Ärger!‘ – Ich weiß nicht, ob er sich’s gemerkt hat, jedenfalls grüßt er jetzt neuerdings, wenn er da unten mit dem Hund rumläuft und mich sieht.“ – Ihr hattet euch gekugelt vor Vergnügen bei der Vorstellung, wie eure Freundin, ein eher grundängstlicher Mensch, ihren letzten Mut zusammenraffte und diesem Typen die Meinung geigte. Es war ihr jedoch durchaus zuzutrauen; sie wurde ohne Weiteres zur Löwin, wenn es um die Tiere ging.

An diesem Abend dämmerte es draußen bereits, – der Spätsommer ließ die schnell kürzer werdenden Tage erahnen -, das Restaurant hatte sich geleert. An den Tischen wart ihr die einzigen Gäste, nur am Tresen saßen noch zwei jüngere Männer. Es schien sich um Einheimische zu handeln, die öfters hier verkehrten; sie duzten die Kellnerin, ließen sich ein Bier nach dem anderen bringen und sprachen sonst wenig. Ihrer Gestik und Mimik ließ sich jene Mischung aus Erschöpfung und Resignation ablesen, die du während jener Sommeraufenthalte oft bei Menschen dieses Landstrichs beobachtet hattest.  Der eine von ihnen blickte die meiste Zeit stumm vor sich hin, während der andere zwischendurch kurze Worte mit der Kellnerin wechselte. Immerhin: Dass die beiden ihr Bier am Tresen tranken, ließ darauf schließen, dass sie  Arbeit hatten, – längst nichts Selbstverständliches in dieser Gegend. Mehrmals saht ihr im Laufe eines Abends Menschen, deren Aufzug nicht darauf deuten ließ, dass sie in Lohn und Brot standen, hereinkommen, um am Tresen Geld für den Zigarettenautomaten zu wechseln und wieder gingen, sich noch in der Tür mit zitternden Händen die Zigarette anzündend, am Arm Discountertüten, an deren Ausbuchtungen sich deutlich die Form der darin befindlichen Bierdosen abzeichnete.

Zwei Frauen betraten den Gastraum, eine schon älter, die andere sehr jung, im Gesicht allerdings deutliche Spuren zu frühen Alterns. Sie wirkten beide nachlässig frisiert, steckten in unförmigen Trainingshosen und Kapuzenshirts, die farblich nicht zueinander passten, und waren in Begleitung eines winzig kleinen Mädchens in einem schmutziggrauen, sackförmigen Hängerkleidchen, von dem schwer zu sagen war, ob es sich angesichts der Uhrzeit hierbei bereits um ein Nachthemd oder noch um Tagesoutfit handelte. Die beiden Männer am Tresen grüßten sie kurz – offenbar kannten sie sich, wechselten jedoch nur wenige Worte. Die Kleine wirkte seltsam unbeteiligt, tapste unbeholfen herum, streichelte den Hund beiläufig und wurde von den Frauen, die mit dem Wechseln von Geld und dem Bedienen des Zigarettenautomaten beansprucht waren, nicht weiter beachtet. „Magst ’nen Lolli haben?“ fragte die Kellnerin. Die Kleine sah sie verunsichert an, nickte dann. Der Automat schien zu streiken, die Frauen wurden hektisch, die Kellnerin musste zur Hilfe kommen. Eine längere Prozedur. Das Mädchen lutschte einstweilen gedankenverloren an ihrem Lolli, der rötliche Farbspuren auf Gesicht und Kleid hinterließ und beobachtete den Hund. Schließlich schienen die technischen Probleme behoben, die jüngere Frau riss ihre Zigarettenschachtel auf, kaum dass sie diese in der Hand hielt und wandte sich an den einen der beiden Burschen. „Haste mal Feuer?“ – „Klar, hier!“ – Er ließ sein Feuerzeug aufflammen. Die Frau nickte ihm kurz zu und wandte sich zum Gehen. – „Hey, vergesst die Lütte nicht!“ rief er den beiden hinterher. Die Ältere war bereits durch die Tür. Die Jüngere drehte kaum den Kopf:  „Kathy, komm!“ Es klang gleichgültig. Von der Kleinen war nichts zu sehen. „Wo ist sie überhaupt? Ist sie mal wieder hinten raus? – Ach nee, da unterm Tisch! Was machst ’n da wieder? Ach so, der Hund, – alles klar!“ Sie seufzte. „Immer mit den Hunden… Nun komm, lass den Hund, wir gehen!“ Sie verließ den Raum. Die Kleine reagierte nicht. Der junge Mann wandte sich ihr zu: „Na, komm, Kleine, du musst schon mitgehen; hier kannste ja nicht bleiben!“ Von draußen rief es zum zweiten Mal: „Kathy, komm, – lass den Hund!“ – „Kommst ja wieder!“, meinte der Bursche aufmunternd. Das Mädchen sah ihn an und lief zögernd hinaus. „Nun sieh dir das an!“ rief er, als sie verschwunden waren, „Echt, ich fass es nicht!“ – „Was ’n los?“ brummte sein Kumpel. „Die Lütte! Haste gesehen, wie der die rumlaufen lässt? Ey, ich fass es nicht, – wie kann der die Lütte so rumlaufen lassen! Ist nicht mal imstande, seine Tochter ordentlich anzuziehen, der Drecksack!“ – „Wen meinste denn?“ fragte der andere irritiert, der nichts begriff.  „Na, die Lütte – die Kleine eben -, das ist doch dem Fiete seine! Wie der die rumlaufen lässt! Würdest du Deine Tochter in so ’nem Aufzug rumrennen lassen?“ Der andere zuckte mit den Schultern. Die Aufregung seines Kumpanen blieb ihm unverständlich. „Dass der sich nicht schämt! MEINE Tochter würde SO NICHT rumlaufen, das kann ich dir flüstern, und wenn ich mir die Butter vom Brot kratzen müsste, aber DIE bekäme was Gescheites anzuziehen! Saufen, das kann er! Und seine Tochter läuft in den letzten Fetzen rum! – Hey, Jule, sei so gut, mach mir noch ´n Pils! – Ey, ich fass es nicht, – nee! – die Lütte so rumlaufen lassen…“ Er schaute zu euch herüber: „Stimmt doch, oder nicht? Ihr seid nicht von hier, oder?“ Ihr schütteltet die Köpfe. „Woher?“ Du machtest eine unbestimmte Bewegung. „Südwesten.“ Froh, darüber, das sagen zu können. „Westen“ allein hätte komisch geklungen; das sagte längst keiner mehr. Orte nennen jedoch war meist zwecklos. Sie sagten hier keinem etwas. Ihm schon. – „Kenn ich,“ – sagt er, „war ich schon ganz in der Nähe auf Montage. Ist ’ne Weile her. Hatte eigentlich Glück; Arbeit hatte ich immer…“ Er schnaubt verächtlich. „Glück, ja, – was heißt Glück?! War halt immer unterwegs auf Montage. Als ich dann eines Tages heimkam, fand ich meine Freundin mit meinem besten Kumpel im Bett, das war’s dann. So war das. Dumm gelaufen. Wenigstens keine Kinder. – Aber der Fiete! Da hat er nun die Tochter und lässt sie so ‚rumlaufen!“ Er schüttelte den Kopf, schaute wieder vor sich hin. Vor der Tür regte sich Tumult. Die beiden Frauen waren nochmals zurückgekommen, schienen in Aufregung.  „Hey, habt ihr der Kleinen ihren Schuh gesehen?“ Zwischen ihnen stand das Mädchen, am abgekauten Stiel ihres Lolli knabbernd. Einer seiner Füße steckte in einer Sandalette, den anderen zog es bloß hinter sich her.  „Oh nee, – ihr seid ja schon wieder da! Was? Den Schuh verloren? Nee, wirklich!“ Der Bursche begab sich auf seufzend alle Viere und zog schließlich eine Sandalette unter dem Tisch hervor. „Da haben wir ihn ja, – hier ist das flotte Teil!“ Er warf sie der Mutter zu. „Bei DER Kostümierung hätt‘ ich meinen Schuh allerdings auch weggeworfen! Sag Deinem Alten ’nen Gruß von mir: Er soll weniger saufen und seiner Tochter lieber anständige Sachen kaufen! Die Lütte so rumlaufen lassen, – nee!“ Die Frau machte nur eine wegwerfende Handbewegung. „Kathy komm, lass den Hund, – willste noch den andern Schuh verlieren? Jetzt ab nach Hause, komm!“ -„Ja, so kann man das auch nennen! DAS Zuhause, das stell ich mir lieber nicht vor!“ knurrte er vor sich hin. „Die Lütte so rumlaufen lassen, – nee!“ Er setzte sich, noch immer kopfschüttelnd, wieder an den Tresen.

Die drei schienen endgültig von dannen gezogen. Auch wir waren bereit zum Aufbruch. „Dann macht’s mal gut“, sagte er zu uns. „Kommt ihr noch mal, habt ihr noch paar Tage?“ – „Wir müssen morgen zurück.“ – „Schade. Grüßt mir den Süden! Es war ganz nett dort. Vielleicht verschlägt ’s mich ja mal wieder hin.“ Wir verabschiedeten uns. Am Parkplatz standen die beiden Frauen und rauchten. Sie sprachen kein Wort. Von der Kleinen war nichts mehr zu sehen.

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„In Zagheit Mut! In Freiheit doch gefangen“ – Über Karoline von Günderrode­

Karoline von Günderrode Anonymous Painter, cir...

Karoline von Günderrode

Über sie schreiben bedeutet zunächst, innere Bedenken über Bord zu werfen und das Wissen um die eigene Unzulänglichkeit –  wenigstens vorübergehend – zum Schweigen zu bringen, denn nicht nur, dass dies viele bereits lange vor mir unternommen hätten, – daran ist nichts Ungewöhnliches  -, jedoch gelang dies – Schreiben über Karoline von Günderrode – einer der ganz großen Autorinnen – Christa Wolf – Jahre zuvor in ihrem Essay „Der Schatten eines Traums“ – wie mit jedem Stoff, dessen sie sich annimmt – auf solch vollendete Weise, die es allen Nachfolgenden schwer macht, dem weiteres hinzuzufügen. Ich hatte lange gezögert, jenen großartigen Essay mehrmals gelesen, – wie alles von Christa Wolf es verdient, mehrmals gelesen zu werden, schon weil sich der darin enthaltene Gedankenreichtum schwerlich mit einem Male erfassen lässt -, nicht nur mit Interesse, auch mit gewissem Vergnügen, wie immer, wenn ich meine eigenen Sympathien oder auch Antipathien für einzelne Charaktere durch andere geteilt weiß.

Die Günderrode. Ein tragisches Leben, ein tragisches Schaffen und ein tragisches Ende, welches uns zweihundert Jahre später Lebende, Schaffende,  das Ende zumeist noch nicht ins Auge Fassende, nicht unberührt lassen kann, – nicht unberührt lassen darf.  Die wohlmeinende Warnung im Gedächtnis, sich als Autorin, die sich ihren Weg erst suchen muss, möglichst nicht gerade diejenigen zu  Vorbildern zu wählen, die ihrem Leben vorzeitig selbst ein Ende setzten, mich jedoch zu jenen zählend, die ihre Inspiration von vielerlei Seiten beziehen, worunter sich – die zahlreichen noch Lebenden ausgenommen – die Zahl derer, die den Freitod wählten, zumindest die Waage hält mit der jener, die allem trotzend mitunter steinalt wurden -, wollte ich eigentlich zunächst über die Bettine schreiben.

Bettine, die für mich immer den erfrischenden Gegenpol bildete, – Bettine, die Unkonventionelle, die sich bereits zu Zeiten, in denen solches bedeutend mehr Mut erforderte  als heute, keinen Deut um die Ansichten und Vorurteile ihrer Kreise scherte, die sich das freie Denken als Letzte hätte verbieten lassen, und die dies unumwunden kundtat, auch auf die Gefahr hin, zu nerven, – und sie nervte so manchen Zeitgenossen! -, Bettine, die es sich nicht hätte einfallen lassen, zu kapitulieren, die jedem Rückschlag und jeder Zurückweisung  nach kürzester Zeit ein Jetzt-erst-recht! entgegenzusetzen wusste. Ihre vorübergehende Kapitulation vor den Erwartungen der bürgerlichen Gesellschaft war nur eine vermeintliche, – eine Zeit, in der sie sich regelrecht in jener Rolle eingerichtet zu haben schien, die ihr von eben dieser Gesellschaft zugemessen wurde, in der sie mit beachtlicher Energie ein Gut bewirtschaftete, sieben Kinder gebar und aufzog, die alle – nicht selbstverständlich in jenen Jahren! – das Erwachsenenalter erreichten, – um sich danach unversehrt zurückzumelden und in der Verfolgung ihrer sich selbst gesetzten Lebensziele dort fortzufahren, wo sie sich in jungen Jahren zur Unterbrechung derselben genötigt sah. Bettine, unbeirrt den Faden wieder aufnehmend, schreibend, veröffentlichend, das Berliner Salonleben prägend und in ihrem sozialen und politischen Engagement geradezu Kopf und Kragen riskierend. An sie habe ich mich stets geklammert, sie hervor gezerrt, – abergläubisch die Namensgleichheit beschwörend, – mit deren Mut, deren Unerschrockenheit ausgestattet sein, damit wäre gut leben!  Wenn die Welt nicht passt, in die man hineingeboren wurde, sich einfach eine neue schaffen, – ob diese anderen nun gefällt oder nicht, – ein vorstellbarer Weg.

Sich hingegen mit ihrer um fünf Jahre älteren Freundin Karoline, der vermeintlich Gescheiterten, die so ganz anderen Gemütes war, zu befassen, kostet Überwindung. Da ist die Trauer, die einen verstummen lassen möchte. Eine junge Dichterin und Philosophin beendet ihr Leben – sechsundzwanzigjährig – aus freiem Willen.

Als ich auf dem weitläufigen Friedhof in Winkel am Rhein den Weg zu ihrem Grab erfrage, weist mir eine sichtlich belesene Frau die Richtung, – es liegt etwas abseits an der Mauer -, ja, sie habe viel von der Günderrode gelesen, sie spricht über die Ereignisse, als habe sich alles erst vor Kurzem zugetragen; es scheint sie persönlich sehr zu beschäftigen. Ihr sei auch lange nicht klar gewesen, bekennt sie, dass die Günderrode sich ja gar nicht ertränkt habe, wie manche annähmen, da man sie unten am Rhein, halb im Wasser liegend, gefunden hatte, – stattdessen ein gezielter, mit Präzision von eigener Hand durchgeführter Dolchstoß, der zum Tode führte. Keine sehr weibliche Art, sich umzubringen, – in der Tat! Mit einem Dolch, über lange Zeit stets in der Handtasche mit sich geführt, – auch nicht gerade ein typisch weibliches Utensil.

Vor dem Gedenkstein stehend, stellt sich auch bei mir ein Gefühl von fassungsloser Betroffenheit ein. Der lange Zeitraum scheint sich zusammenzuziehen, keine Rolle mehr zu spielen. Lese die Inschrift:

Erde, du meine Mutter, und du mein Ernährer, der Lufthauch,
Heilges Feuer mir Freund, und du, o Bruder, der Bergstrom,
Und mein Vater der Äther, ich sage euch allen mit Ehrfurcht
Freundlichen Dank; mit euch hab‘ ich hienieden gelebt,
Und ich gehe zur andern Welt, euch gerne verlassend,
Lebt wohl denn, Bruder und Freund, Vater und Mutter, lebt wohl!

Ihre letzten Worte, – nicht ganz ihre eigenen -, vielmehr  Verse aus  „Abschied des Einsiedlers“  von Herder, welche sie, so nimmt man an, aus dem Gedächtnis aufgeschrieben hatte. Auf einem Blatt Papier, in ihrem Zimmer zurückgelassen, in welchem sie sich während eines Besuchs bei einer Freundin in Winkel aufhielt. Endstation eines Lebens, in dem, um es mit heutigen Worten auszudrücken, nichts mehr stimmte. Eines an äußeren und inneren Beschränkungen wundgestoßenen Lebens. Als Frau und Dichterin keine Chance auf eine von Gunst und Wohlwollen anderer unabhängige Existenz. Weder in ihrem Leben, noch in ihrem Schaffen. Von der Liebe ganz zu schweigen. Betrogen um ihr Erbe, – zwar ausreichend versorgt, allerdings nicht so, als dass es zu einer Mitgift für eine Ehe gereicht hätte -, stets in dem erniedrigenden Bewusstsein, letztlich von Almosen abhängig zu sein. Von Freunden verehrt, jedoch selten verstanden, in entscheidenden Momenten entweder zur Ikone stilisiert oder mit gönnerhafter Herablassung bedacht. Das „Günderrödchen“. Ihr beachtliches dichterisches und philosophisches Schaffen gleichermaßen schmeichelnd bewundert und neidvoll heruntergespielt. Anerkennung hatte es glücklicherweise bereits gefunden, bevor sie als Autorin persönlich öffentlich in Erscheinung trat. Sie hatte zunächst unter dem Pseudonym Tian veröffentlicht, was auf einen männlichen Verfasser schließen ließ, hinter dem niemand so ohne weiteres gerade sie, die Sanfte, die schüchtern Wirkende, vermutete.

Als es schließlich bekannt wurde, kam, was kommen musste: Man neidete ihr das Talent, zerriss sich die Mäuler, versuchte ihr Werk kleinzureden, – aber man hatte ja bereits zugegeben, zugeben müssen, dass ihre Lyrik beachtlich war, reich an gedanklicher Fülle und sprachlicher Schönheit, – also umschmeichelte man sie, ließ sich gerne mit ihr sehen, schätzte sie als kluge Gesellschafterin, Unterhalterin, Ratgeberin und Freundin, sonnte sich in ihrer Gegenwart, – wusste man sich im schlimmsten Fall gar nicht mehr zu helfen, überhöhte man sie zur Heiligen, die sie nicht sein wollte. Als Frau mit allen Bedürfnissen einer Frau wollte man sie nicht sehen, – sie, die sich selbst unbestimmt zerrissen zwischen Mann und Frau wiederfand, keiner Seite wirklich zugehörig. Auch hiermit setzte sie sich auseinander, – sprach es offen aus. Sich verstellen, sich verstecken hinter Lügen und faulen Kompromissen war ihre Sache nicht. Voraussetzung für ein lebbares Leben bedeutete ihr ein Streben nach größtmöglicher Authentizität, nach höchstmöglicher Übereinstimmung von Denken, Fühlen, Handeln und Schaffen. Ein Anspruch, an dem sie letztlich zerbrach.

Die Erfahrung von Vergeblichkeit und Entfremdung, wie Christa Wolf es ausdrückte:
„Kein Ort. Nirgends“. Die fiktive Begegnung Karoline von Günderrodes mit Heinrich von Kleist. Schauplatz: Winkel, im Sommerhaus der Brentanos. Ich suche es auf. Ein langgezogener Barockbau, Eingang zur Hofseite, in der Toreinfahrt eines jener inzwischen veralteten, dreieckig-rotumrandeten Warnschilder, auf dem ein schwarzer Mann mit Hut auf weißem Grund  den Zebrastreifen überquert,  ein Glas in der Hand hinzu gezeichnet – Symbol des Weingutbesitzers! –  darunter eine Tafel mit dem Aufdruck: „Baron kreuzt!“ Man scheint im Hause Brentano mit Humor ausgestattet. Vom Hof aus erstreckt sich in Richtung Rhein ein parkähnlicher Garten mit Kletterspalieren, einem Brunnen und steinernen Skulpturen. Alles wirkt still und verwunschen, – eine Oase, aus alter Zeit hinübergerettet, inmitten des vom Verkehrslärm reichlich gebeutelten Ortes. „Besichtigung nach Anfrage möglich“, steht auf dem Schild an der Tür, aber ich weiß nicht, ob ich anfragen, ob ich es wirklich besichtigen möchte, oder ob ich mir nicht lieber die Bilder aus meiner Vorstellungskraft bewahren will. Mit etwas Phantasie wäre es denkbar, dass sich sogleich die Tür öffnet und die Gesellschaft aus jenen Tagen heraustritt, um sich auf ihren Spaziergang zu begeben. Clemens Brentano und Sophie Mereau, Friedrich Karl von Savigny und Gunda Brentano, Christian Nees von Esenbeck und dessen Frau Lisette, geborene Mettingh, Karolines Freundin aus Frankfurter Stiftstagen. Allen voran die quirlige Bettine. Kleist, von dem nicht gewiss überliefert ist, ob er diesen Ort in Wirklichkeit je besuchte. Und nicht zuletzt Karoline von Günderrode, des Öfteren in Winkel zu Gast.

Der Rheingau, – die Sommerfrische der Frankfurter Gesellschaft und was sich so dafür hielt. Von Charakter und Schönheit der Umgebung, die ich aus Bettines brieflichen Schilderungen so lebendig vor Augen habe, scheint weniges erhalten. Das Ufer verbaut, Ortschaft reiht sich an Ortschaft, – Lärm durch Industrie und Verkehr erschlägt alle Bemühungen, sich vorzustellen, wie es hier vor zwei Jahrhunderten ausgesehen haben mag. Die Orte selbst sind touristisch überlaufene, Übelkeit erzeugende Albträume; durch die als malerisch bezeichneten Gassen von Eltville, Rüdesheim und Assmannshausen wälzen sich Tag für Tag grölende Horden wein- und schunkelseliger Busreisender, offensichtlich im Bemühen, sich die verflossene Rheinromantik mittels Promille zurückzuholen. Erst etwas weiter nördlich, bei Lorch und Kaub, wo das Mittlere Rheintal sich zunehmend verengt, die Berge zum Ufer hin steiler abfallen, weniger Bausünden zulassend, lässt sich auf Wanderwegen wie dem Rheingauer Rieslingpfad zwischen altem Weinland, Gärten und jungen Eichenwäldern eine Ahnung der einstigen Beschaulichkeit wiederbeleben, finden sich noch stille Seitentäler und Schluchten mit den munteren Bächen, die den Felsen des Taunus entspringen, erschließen sich immer wieder verträumte Aussichten auf den Strom und dessen andere Uferseite mit den bewaldeten Höhenzügen des Hunsrücks und auf stolze Burgen als stumme Zeugen alter, jedoch selten friedlicherer Tage.

Bedeutend schwieriger noch, das alte Frankfurt, wo Karoline von Günderrode aus Gründen ihrer Mittellosigkeit in einem Stift für unverheiratete, adelige Fräulein lebte, inmitten seiner Bankenviertel und Wolkenkratzer auszumachen. Grotesk mutet selbst das wiedererrichtete Goethehaus zwischen den ansonsten unsäglich hässlichen Betonklötzen an, – die ganze Stadt traurig überspitztes Symbol für die Gesellschaft, unter der gerade Karoline unsäglich litt, eine Gesellschaft, die sich das Bereichere-dich- um-jeden-Preis bereits zweihundert Jahre vor unserer Zeit auf ihre restaurativen Fahnen geschrieben hatte. Und es will uns gruseln im Bewusstsein, wie richtig die Dichterin lag mit der Einschätzung dieser Gesellschaft und der Fortentwicklung der Verhältnisse, durch alle geschichtlichen Um- und Einbrüche hindurch, bis in unsere Tage.

Das Cronstetten-Hynspergische Damenstift, – es stieß an seiner Gartenseite an diejenige des Anwesens der Bankiersfamilie Gontard, bei welcher Friedrich Hölderlin – einige Jahre vor Karolines Einzug im Stift – seine Hauslehrerstelle inne hatte und dort die Tragik seiner unglücklichen Liebe zur Hausherrin Susette Gontard durchlebte. Auch er ein vermeintlich Gescheiterter, – von der Gesellschaft zum Gescheiterten erklärt -, auch hier eine unglückliche Liebe, die ihren Teil zum weiteren dramatischen Lebensverlauf beitrug.

Verhängnisvolles  Jahr 1806 – für beide. Karoline von Günderrode nimmt sich im Sommer, am 26. Juli, das Leben, Hölderlin wird am 11. September gegen seinen erbitterten Widerstand von Bad Homburg in das Authenriethsche Klinikum in Tübingen gebracht, wo man ihn Monate später als „unheilbar wahnsinnig“ – Glück im Unglück! – in die Obhut des Schreinermeisters Zimmer entlässt, wo er  – wenn auch verloren für die Welt – noch weitere sechsunddreißig Jahre leben wird. Hälfte des Lebens.

Die Günderrode, sie verehrte Hölderlin und seine Dichtung, – von einer Begegnung jedoch ist nichts überliefert. Angenommen, sie wären sich begegnet? Es würde dies besser in meine Vorstellungswelt passen, da er mir – es mag etwas mit dem gemeinsamen Geburtsort zu tun haben – näher steht als Kleist, welcher mir stets fremd geblieben ist.

Die Günderrode und Hölderlin. Gewisse Gemeinsamkeiten fallen auf. In ihrer Dichtung, in ihrer Philosophie. In den Vorurteilen der Gesellschaft, die beide umgab. Abgedrängt in die Ecke der verträumten Phantasten und Spinner, – die ohnehin keiner versteht, – kein Wunder, da muss sich einer ja umbringen oder verrückt werden.  Beide arbeiteten mit größtem Ernst, stets am Rande der physischen und psychischen Verausgabung. Beide waren reich an Bildung, allerdings stand diese bei ihm als Mann und ältesten Sohn einer Familie, die zur damaligen württembergisch-protestantischen „Ehrbarkeit“ zählte, die für ihn der Tradition gemäß ein Pfarramt vorgesehen hatte, von Jugend an auf dem Plan, während ihr als Frau ohne Mittel kein Weg blieb, als sich alles an Wissen unter beträchtlichen Mühen selbst oder mit Unterstützung von Freunden anzueignen.

Beider unglückliche Liebe wiederum ist nur die jeweils eine Seite der Tragik, – „nur die Form“, wie es bei Karolines Freundin Lisette recht treffend in einem Brief zu lesen ist, während ihre weiteren Erklärungsversuche sich in unerträglichem Moralisieren ergehen, – die fassbare Seite. Dahinter wird es bodenlos, müssen Erklärungsversuche vor der Tiefe der Verzweiflung kapitulieren. Eine unglückliche Liebe als Katalysator für den Ausbruch dieser Verzweiflung? Zumindest steht hier einmal mehr die Unmöglichkeit, ohne Liebe leben zu können, gegenüber der unmenschlichen Forderung, ohne Liebe leben zu müssen. Sie durchlebte dies zweimal.

Ihre erste große Liebe galt Savigny, ihrem „Schatten eines Traumes“. Er ist von ihr fasziniert und bleibt es, aber noch mehr ist er ein ehrgeiziger, zielstrebiger Jurist, der nüchtern-praktische Überlegungen vor Gefühle stellt, – und eine mittellose Stiftsdame zu ehelichen wäre seiner Sache wenig dienlich. Er heiratet letztlich Gunda Brentano, – die bessere Partie! -, hält den intensiven Kontakt zu Karoline jedoch aufrecht, drängt sie, da er auf den geistigen Austausch mit ihr nicht verzichten will, in die Rolle der gemeinsamen Freundin, – eine Zumutung, die diese auf sich nimmt, denn auch sie ist auf diesen Austausch mehr als angewiesen.  Zugang zu Bildung, – für uns heute selbstverständlich, damals für Frauen nur über Umwege zu haben: über einflussreiche männliche Freunde, Förderer und Gönner. Dafür wollte vieles in Kauf genommen sein.

Geistiger Austausch, – gegenseitige Inspiration war es auch, der ihre spätere Beziehung zu dem unglücklich verheirateten Friedrich Creuzer entscheidend prägte. Selbst wenn es ihr gelungen wäre, sich gefühlsmäßig von ihm zu lösen, ihm, dem zaudernden, sich gern selbst bemitleidenden, von der Meinung seiner Freunde über das gesunde Maß hinaus abhängigen und in seinen Briefen sichtlich wenig auf ihre Gefühle und Empfindungen eingehenden Mann, der sie hinhält, über lange Zeit unfähig, sich für oder gegen sie zu entscheiden, und sie schließlich fallen lässt , – auf die geistige Zusammenarbeit, die sich entscheidend auf ihr literarisches Schaffen auswirkte, verzichten, war für sie unvorstellbar, – ja, letzten Endes: tödlich. Schwer nachzuvollziehen für jemanden, der solches nicht erfahren hat. Wem es nie gegeben war, für den gibt es nichts zu vermissen. Das Verständnis der Freunde bleibt auf der Strecke, – Stück um Stück.

Tödlich auch das Fehlen jeglicher Alternativen. Vor die Wahl gestellt sein, entweder auf freie Entfaltung oder auf Liebe zu verzichten. Das eine ohne das andere für ein lebbares Leben nicht zu denken. Eine grausame, unmenschliche Wahl! Liebe nur um den Preis, sich in die von der Gesellschaft vorgeschriebene Rolle einzufinden, – Entfaltung nur um den Preis des Außenseiterdaseins, der Vereinsamung. Auch Bettine musste dies im Verlaufe ihres recht langen Lebens mehrmals sehr bitter erfahren. Sie war robuster, widerstandsfähiger. Dies bedeutet nicht, dass sie nicht immens darunter litt.

Während der Zeit, die ihre Freundschaft währte, in der die beiden jungen Frauen sich eng aneinander angeschlossen hatten, inspirierten sie sich gegenseitig, in Gesprächen und durch gemeinsames Lernen, in ihrer Korrespondenz, wenn sie sich an getrennten Orten aufhielten, unternahmen Phantasiereisen und Gedankenflüge, erhoben sich geistig über die äußerlichen, beengenden Verhältnisse.

Es war Karoline, die sich letzten Endes zurückzog, – ob der Druck Creuzers, der gegen die Brentanos eine neidvolle Aversion hegte, dafür ausgereicht hatte, ist fraglich, fiel dies doch in eine Zeit, als der Entschluss, ihr Leben zu beenden, längst gereift war. Berichten Bettines zufolge gab es Zeichen hierfür, die in ihr selbst Verzweiflung und Ratlosigkeit auslösten, ohne dass sie zu der Freundin weiter hätte vordringen können, – auch die Ankündigung einer „Entzweiung“. Der Weg, den Karoline gewählt hatte, war ihr eigener, ein aus frei gefasstem Entschluss eingeschlagener Weg, auf den sie – so bitter es die Freunde ankommen mochte – niemand begleiten – und auf dem niemand sie zurückhalten konnte.

Zwei Frauenschicksale lange vor unserer Zeit, sehr unterschiedlich und doch sehr ähnlich in ihrer Verschiedenheit, eine Verschiedenheit, um die beide wussten. Karoline schrieb in einem Brief an Bettine, in dessen Verlauf sie dieser eine energischere Natur bescheinigte, als es ihr selbst beschieden war:

„… mir sind nicht allein durch meine Verhältnisse, sondern auch durch meine Natur engere Grenzen in meiner Handlungsweise gezogen, es könnte also leicht kommen, dass dir etwas möglich wäre, was es darum mir noch nicht sein könnte. Du musst dies bei deinen Blicken in die Zukunft auch bedenken.“

Das Lesen der Briefe, die der Nachwelt erhalten geblieben sind, macht betroffen, zieht mich in ihren Bann,  erschüttert mich, als läge all dies nur Tage zurück. Warum, frage ich mich? Sind wir doch die Vertreterinnen einer Zeit, in der diese Widersprüche überwunden zu sein scheinen, stehen uns doch heute alle Wege offen. Wirklich? Die Realität zeigt eine andere Seite. Das Scheitern ist auch uns nur zu vertraut. Nur: Woran scheitern wir?

Daran, dass wir zwar vermeintlich freie Wahl haben, jedoch die alten, überkommenen Rollenvorstellungen, von Generation zu Generation – bewusst oder unbewusst – weitergegeben, sich nach wie vor tief in uns eingefressen haben, so dass wir dennoch immer wieder versuchen, ihnen gerecht zu werden, – schlimmer noch: dass wir oft mehreren Rollenbildern völlig gegensätzlicher Ausrichtung entsprechen wollen, diese vergebens in uns zu vereinen versuchen, – eine Zerreißprobe, die wir auf Dauer nicht bestehen können?

Daran, dass wir trotz der angeblichen Fülle von Möglichkeiten Gefahr laufen, uns in der Beliebigkeit zu verlieren, zerstreuter, ablenkbarer sind, schwerer in der Lage, einen gewählten Weg zielstrebig und kontinuierlich zu verfolgen?

Daran, dass heute weniger die Gesellschaft oder eine bestimmte Gesellschaftsklasse die Rollenmodelle vorgibt, sondern zu einem beträchtlichen Anteil die Massenmedien, die uns Zerrbilder vermitteln, denen entsprechen zu wollen das Scheitern zwangsläufig mit sich bringen muss? Denn hier erschöpft es sich wahrlich nicht im Fleißig-sein-müssen und Brav-sein-müssen; hinzu kommen Schlank-sein-müssen, Schön-sein-müssen, Jugendlich-sein-müssen, Sich-alles-leisten-können-müssen, Stets-Power-haben-müssen… Endlosschleife! Und das Verurteilen unseres Selbst, sobald wir nicht dies alles zugleich schaffen, – und wir können und werden es nicht schaffen, die einen werden dies nur früher, die anderen später feststellen! -, das übernehmen wir auch gleich selbst. Denn wir sind emanzipiert!

So stehen uns unsere Vorkämpferinnen aus vergangenen Jahrhunderten näher denn je. Und es klingt uns nicht einmal unvertraut in den Ohren, wenn wir aus der Feder der Günderrode lesen:

Liebe

O reiche Armuth! Gebend, seliges Empfangen!
In Zagheit Muth! In Freiheit doch gefangen.
In Stummheit Sprache,
Schüchtern bei Tage,
Siegend mit zaghaftem Bangen.

Lebendiger Tod, im Einen sel’ges Leben
Schwelgend in Noth, im Widerstand ergeben,
Genießend schmachten,
Nie satt betrachten
Leben im Traum und doppelt Leben.

(Karoline von Günderrode)

© Bettina Johl

Empfohlene Literatur:

Karoline von Günderrode: Einstens lebt ich süßes Leben, Gedichte, Prosa und Briefe der Karoline von Günderrode. Eine neue Auswahl und Essay von Christa Wolf, 24.04.2006, insel taschenbuch 3191, Broschur, 407 Seiten, ISBN: 978-3-458-34891-7

Bettine von Arnim: Die Günderrode, Deutscher Klassiker Verlag, 2006, ISBN: 978-3-618-68009-3

Markus Hille: Karoline von Günderrode, Rowohlt-Monographie, 160 Seiten, ISBN 978-3-499-50441-9

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