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Streitbarer Philosoph und öffentlicher Intellektueller

Habermas

Zum 85. Geburtstag von Jürgen Habermas erscheint die bislang umfassendste Biographie des Philosophen

 

Kein Gegenwartsphilosoph findet weltweit eine solche Aufmerksamkeit wie Jürgen Habermas, der am 18. Juni 85 Jahre alt wird. Die Anerkennung und Wertschätzung, die sein Werk erfährt, ist immens. Der Geist der Aufklärung und der Moderne sind in ihm genau so gegenwärtig wie die Erinnerung an die Niederlagen des Fortschritts in den Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Der Philosoph und streitbare öffentliche Intellektuelle wird als „Verfechter der Demokratie“ und das „öffentliche Gewissen der Bundesrepublik“ beschrieben. Stefan Müller-Doohm hat jetzt die erste umfassende Biografie über den deutschen Philosophen vorgelegt. Bereits vor zehn Jahren hat der emeritierte Oldenburger Soziologieprofessor ein vielbeachtetes Portrait über Theodor W. Adorno sowie vor sechs Jahren eine knappe Einführung in Leben, Werk und Wirkung von Habermas verfasst.

Die neue Darstellung der Vielfältigkeit des Denkens, Schaffens und Wirkens von Jürgen Habermas auf seinem Lebensweg ist gelehrt und detailliert. Sie wirft einen profunden Blick in die philosophische „Lava des Gedankens im Fluss“ und zeigt, wie sich im öffentlichen Raum intellektuelle Diskursgemeinschaften bilden und Einzelpersonen zu Schmelztiegeln und Projektionsflächen intellektueller Bewegungen werden.

Habermas habe „hohen Nachrichtenwert“, so sein Biograph, und schaue man sich sein Wirken als Philosoph, Soziologe und Diagnostiker des Zeitgeschehens an, dann könne man sich über zu wenig mediale Aufmerksamkeit oder Publizität kaum beklagen. Wozu dann aber noch eine Biographie schreiben, in einer Zeit, „von der Habermas selber sagt, sie habe Helden ebenso wenig nötig wie Antihelden“. Müller-Doohm glaubt, dass sich die „Dialektik von Individuum und Gesellschaft“ an Habermas‘ Vita besonders gut studieren lasse.

Erzählt wird das Leben des Philosophen mit seiner Kindheit und Jugend in Gummersbach während der NS-Zeit, dem Studium und dem Beginn der akademischen Karriere im Nachkriegsdeutschland bis hin zu seiner Rolle als Protagonist und Kritiker der 68er Bewegung. Das Buch schildert Habermas als international geschätzten Denker und das Wechselverhältnis von Lebens- und Werkgeschichte vor dem Hintergrund der Zeitgeschichte bis in die Gegenwart hinein.

Habermas studiert an den Universitäten Göttingen, Zürich und Bonn Philosophie, Psychologie, Deutsche Literatur und Ökonomie und promoviert in Bonn, wo er der „Welt der alten deutschen Universität“ begegnet. Nach seinem Studium arbeitet er zunächst als freier Journalist für die „FAZ“ und den „Merkur“, bis er 1956 von dem aus dem Exil zurückgekehrten Theodor W. Adorno zur Mitarbeit am wieder eröffneten Institut für Sozialforschung in Frankfurt/Main eingeladen wird. Der Gründungsvater der Kritischen Theorie, Max Horkheimer, schreibt in dieser Zeit einen skandalösen Brief an seinen Freund Adorno, in dem er Habermas der theoretischen Unzuverlässigkeit beschuldigt und sich über dessen „blinde“ Bindung an den jungen Marx ereifert. Hinter Begriffen wie „soziale Demokratie“ wittert Horkheimer Rebellion und Aufstand. Habermas ist enttäuscht und habilitiert sich in Marburg bei Wolfgang Abendroth. Wenige Jahre später kehrt er, nach einer Professur in Heidelberg, nach Frankfurt zurück.

1971 verlässt er abermals Frankfurt und leitet gemeinsam mit Carl Friedrich von Weizsäcker in Starnberg das Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt. Hier entsteht sein Hauptwerk, die „Theorie des kommunikativen Handelns“, das er 1981 veröffentlicht und mit dem er in den achtziger Jahren Weltruhm erlangt. In seinem Opus magnum verarbeitet Habermas die Werke anderer Philosophen und Soziologen wie Austin, Searle, Weber, Lukács, Adorno, Mead, Durkheim, Parsons und Luhmann. Das umfangreiche Buch wurde zu einem der meistdiskutierten Werke nicht nur in den Sozialwissenschaften. Habermas verbindet darin seine Kommunikationstheorie mit der Erforschung und Kritik an der kapitalistischen Modernisierung. Er  spannt einen großen Bogen von archaischen Gesellschaften mit fest vorgegebenen Weltbildern über rationalisierte Gesellschaften der Neuzeit bis hin zur Gegenwart, in der Wirtschaft, Finanzen, Medien und Staat an Bedeutung und Einfluss gewinnen und zunehmend die private Lebenswelt des Menschen durchdringen. Die Moderne zeichnet sich nach Habermas dadurch aus, dass sie die Menschen in ein reflexives Verständnis zu ihren tradierten Überzeugungen, zu ihrem Denken und Handeln insgesamt bringt.

„Dieser wesentliche Zug der Moderne und ihrer Institutionen“, referiert Müller-Doohm den Gedankengang von Habermas, “etwa der demokratische Rechtsstaat, müsse gegen die Gefahr der Einseitigkeit verteidigt werden, die insbesondere aus der Dominanz sowohl kapitalistischer als auch administrativer Verwertungs- und Organisationsprinzipien dominieren“. Als Gegenpol zur ökonomischen und staatlichen Machtbildung müssten die Kräfte der Verständigung im „zwischenmenschlichen Handeln freigesetzt werden: Die sich aufeinander beziehenden Menschen verständigen sich darüber, welche Zwecke sie für ihr eigenes und gemeinsames Tun geltend machen wollen.“ Verständigung meint, so heißt es in der „Theorie des kommunikativen Handelns“, „einen Prozeß der gegenseitigen Überzeugung, der die Handlungen mehrerer Teilnehmer auf der Grundlage einer Motivation durch Gründe koordiniert“. Mit dieser Zentrierung der Verständigung als eines Originalmodus des Handelns, so Müller-Doohm, leitet Habermas den Pradigmenwechsel ein, „vom strategisch orientierten, instrumentellen zum verständigungsorientierten, kommunikativen Handeln“. Damit wird die Verständigung zur originären kommunikativen Vernunftform erhoben, die auf die intersubjektive Anerkennung dessen abzielt, was Habermas als „kritisierbare Geltungsansprüche“ bezeichnet.

Wirkungsmächtig sind neben seinem Hauptwerk vor allem die Bücher „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (1962), „Theorie und Praxis“ (1963), „Erkenntnis und Interesse“ (1968) und später „Der philosophische Diskurs der Moderne“ (1985), „Faktizität und Geltung“ (1992), die beiden Bände „Nachmetaphysisches Denken“ (1988, 2012) sowie der aufsehenerregende Großessay „Zur Verfassung Europas“ (2012).

Der ein mehr als ein halbes Jahrhundert zurückliegende, von Horkheimers Brief verursachte Skandal, der auch von Müller-Doohm aufgegriffen wird, macht auf etwas aufmerksam, was in der neuen Biographie leicht übersehen werden kann: seine marxistischen Wurzeln. Habermas Werk, so betont der Frankfurter Philosoph Axel Honneth im Jahr 2009, habe sich zwar seit fünfzig Jahren sachlich und konzeptionell ausdifferenziert, es setze sich mit vielen anderen Denkrichtungen und Autoren auseinander, darunter Weber, Mead, Durkheim, Rawls und Parsons, so dass der marxistische Glutkern des Anfangs darin kaum noch zu erkennen sei. Doch dieser nie ganz erloschene Kern bilde bis heute einen wesentlichen Motivationsgrund seiner ganzen Theorie. Marx‘ Idee der Notwendigkeit der vernünftig-praktischen Aufhebung fortwirkender Fremdherrschaft lasse sich in Habermas reifer Theorie der Vernunft wiederfinden. Nämlich als Vernunftanspruch, der in den kommunikativen Strukturen der Lebenswelt selbst angelegt ist. Auch seine Rolle als streitbarer öffentlicher Intellektueller steht unter diesem Vernunftanspruch, wie sein unermüdliches, Konflikte nicht scheuendes Eintreten für die Idee Europas deutlich werden lässt. Der Denker gibt selbst das Motto dazu: „Es ist die Reizbarkeit, die Gelehrte zu Intellektuellen macht.“

Neben der großen Biographie ist auf eine elektronische Publikation der „Blätter für deutsche und internationale Politik“ hinzuweisen, deren langjähriger Mitherausgeber Jürgen Habermas ist. Anlässlich seines 85. Geburtstages werden sämtliche Texte publiziert, die in den »Blättern« von und zu ihm erschienen sind. Dazu zählen Beiträge seiner ehemaligen Assistenten Oskar Negt, Claus Offe, Ulrich Oevermann, Albrecht Wellmer und Axel Honneth ebenso wie die seiner engsten Frankfurter Mitarbeiter Ingeborg Maus, Klaus Günther und Rainer Forst. Die Habermas-Schülerin Seyla Benhabib und der japanische Philosoph Ken‘ichi Mishima berichten über die globalen Resonanzen des Werkes von Habermas in der westlichen und in der östlichen Hemisphäre. Die Beiträge thematisieren Auseinandersetzungen, in die Habermas als Philosoph und öffentlicher Intellektueller verwickelt war: die Studentenbewegung, der Positivismus- und der Historikerstreit, der Disput mit Niklas Luhmann sowie sein Eintreten für eine demokratische und soziale Europäische Union und gegen die „technokratischen Lösungen“ einer kleinen „Funktionselite“ der europäischen Länder.

Als Jürgen Habermas im Jahre 1988 seinen ersten Band mit Aufsätzen und Beiträgen zur Thematik eines „nachmetaphysischen Denkens“ veröffentlichte, ging es ihm um eine „Selbstvergewisserung philosophischen Denkens“. Vor allem in den „letzten Jahren hat sich Habermas immer wieder auf Gespräche mit exponierten Vertretern der westlichen Religionsphilosophie und Theologie eingelassen“, so Müller Doohm gegen Ende seiner Biographie. Habermas bezeichnet sich selbst gerne mit einem Wort Max Webers als „religiös unmusikalisch“.

Die Philosophie verlor ihr Privileg eines extramundanen Zugangs zur Erkenntnis und ihre Prinzipien wurden detranszendentalisiert, so der Philosoph. Das Selbstverständnis zeitgenössischer Philosophie umfasst ihre Beziehung zur religiösen Überlieferung und zur Rolle der Religion im politischen Kontext einer postsäkularen, liberalen Gesellschaft. Mit Rawls, der als erster der großen politischen Philosophen den weltanschaulichen Pluralismus ernst genommen und eine Debatte über die Position der Religion in der Öffentlichkeit eröffnet hat, stimmt Habermas darin überein, dass die Glaubensgemeinschaften für den säkularen Verfassungsstaat nach wie vor Relevanz besitzen.

Das kollektive Selbstverständnis eines demokratischen Gemeinwesens darf von der Tatsache einer pluralistischen Zusammensetzung der Zivilgesellschaft nicht unberührt bleiben und sollte eine politische Kultur herausbilden, die über die jeweilige „Mehrheitskultur“ hinauswächst, damit sich alle Bürger mit ihr identifizieren können. Für dieses Ziel muss, so Habermas, eine „Polyphonie der öffentlichen Stimmenvielfalt“ gewährleistet sein. Den Bürgern in der politischen Öffentlichkeit stehe es frei, eine religiöse Sprache zu verwenden, allerdings müssten sie akzeptieren, dass der semantische Gehalt ihrer Äußerungen in eine öffentlich zugängliche Sprache übersetzt wird. Habermas betont allerdings auch, dass säkulare Bürger aus fundamentalistischen Lehren, die mit dem Faktum der Pluralität nicht zurechtkommen, nichts lernen können und dass es keinen Grund gibt, „gegen die neoliberale Entsolidarisierung der Gesellschaft nun blindlings auf die Motivationskräfte der Religionen zu setzen.“ Eine ihrer eigenen Grenzen bewusste Aufklärung muss sich nicht davor scheuen, den Prozess der „Übersetzung nicht eingelöster Potentiale aus den Weltreligionen“ voranzutreiben.

Im Epilog der Biographie erzählt Müller-Doohm, dass der Philosoph im Dezember 2006 einen Brief der Schulklasse des Liceo Scientiffico Galileo Galilei aus Lanciano, einer abgelegenen Gemeinde in den Abruzzen, erhält. Die Schüler bitten Habermas, sieben Fragen zu beantworten, die sie auch dem Papst vorlegen wollen. Eine  davon lautet: „Wann erkennen wir die Wahrheit?“ Habermas antwortet den italienischen Schülern: „Die Wahrheit gibt es nicht im Singular, wenn wir Glück haben, finden wir einige Erkenntnisse, deren wir einigermaßen sicher sein können.“

Die Biographie von Stefan Müller Dohm, die wohl zukünftig als Standardwerk Bestand haben wird, zeigt, welche singuläre Gestalt Habermas für das zeitgenössische Denken ist. Habermas vermag es wie kein anderer Philosophie, Soziologie, Geschichte, Rechts- und Politikwissenschaft sowie Theologie in einen interdisziplinären Dialog einzubinden und sowohl neue wie verschüttete Denkwege aufzuzeigen.

Besprochene Literatur:

Stefan Müller-Doohm: Jürgen Habermas. Eine Biographie.  Suhrkamp Verlag, Berlin 2014, 784 Seiten, 29,95 EUR. ISBN: 978-3-518-42433-9

Der Aufklärer Jürgen Habermas – Zum 85. Geburtstag, EditionBlätter. Blätter Verlagsgesellschaft, Berlin 2014. Zum E-Book: https://www.blaetter.de/ebook-habermas

Copyright: Dieter Kaltwasser

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Ulysses in nuce

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Reto Hänny hat mit „Blooms Schatten“ den Joyce’schen „Ulysses“  in einem Satz nacherzählt 

Wie James Joyce in seinem Roman Ulysses folgt auch der Schweizer Autor seiner Hauptfigur, dem Annoncenakquisiteur Leopold Bloom, in einer Stadt „weit oben auf der nördlichen Halbkugel“ durch einen fast ereignislosen Tag, den ein Geschehnis verdüstert: Nachmittags empfängt die Gattin des Protagonisten, eine dralle Opernsängerin, ihren Liebhaber. Hänny ist mit seiner Erzählung das Wagnis eingegangen, den Roman des Meisters des „Stream of Consciousness“ in einem einzigen Satz über 145 Seiten nachzuerzählen, und es gelingt ihm glänzend, Literatur aus Literatur entstehen zu lassen. Neben Ulysses finden wir in diesem kühnen Sprachkunstwerk noch andere „Spuren und Ablagerungen“ der Lektüre des Autors: Vom Alten Testament über die Odyssee bis hin zu Shakespeare, Flaubert, Proust und anderen. Ein Fest für Joyceianer!

Dieter Kaltwasser

Reto Hänny: Blooms Schatten. Matthes & Seitz, Berlin 2014. 145 Seiten, 17,90 EURO. ISBN: 978-3-88221-199-3

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Blühende Gefilde – Hölderlins Tübingen (Aus: „Holunderblüten“, Roman von Bettina Johl)

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Sich der Stadt annähern, von den Höhen des östlichen Schwarzwaldes her, aus dem Tal der Nagold kommend über Calw nach Herrenberg, der Deutschen Fachwerkstraße folgend entlang der Ammer. Das Flüsschen, welches in Tübingen auf den Neckar trifft, entbehrt gerade im Frühling nicht eines gewissen Reizes. Die sanft auslaufenden Hügel gehen in eine offene, als „Heckengäu“ bezeichnete Landschaft über. Obstplantagen, jedoch auch weite Streuobstwiesen, die Kirsch- und Birnbäume in voller Blüte, dazwischen schneeweiß leuchtende Schlehdornhecken. Das Frühjahr ist hier sehr viel weiter fortgeschritten. Malerische Ortschaften, eine Bilderbuchlandschaft. Mit grünen Schindeln gedeckte Kirchturmdächer. Zur Rechten ragt auf einem frei stehenden Hügel die weithin sichtbare Sankt-Remigius-Kapelle zu Wurmlingen, auch Wurmlinger Kapelle genannt, auf, von der euer Dichter zu Tübinger Studienzeiten in einem Brief an seine Schwester Rike schrieb:

Ich werde einen Spaziergang mit Hegel auf die Wurmlinger Kapelle machen, wo die berühmte schöne Aussicht ist.

In der Tat, denkst du, muss die Aussicht von dort einmalig sein, zumal frei in alle Richtungen. Du hoffst, dass dir später noch Zeit für einen Abstecher dorthin bleiben wird.

 

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Tübingen präsentiert sich dir sehr viel anders als noch drei Monate zuvor. Du hast geradezu Mühe, die Stadt wiederzuerkennen. Anlässlich eines soeben stattfindenden Marktes herrscht drangvolle Enge. Lärmende Menschenmassen schieben sich durch die schmalen Gassen, zügiges Vorankommen ist nahezu unmöglich. Du hast kaum ein Auge für die Altstadt, willst so schnell wie möglich zum Turm deines Dichters. An der Neckarbrücke angekommen, traust du deinen Augen kaum: Die Ufermauer, an der jener Pfad den Zwinger entlangführt, auf dem ihr euch im Winter als einzige mehr oder weniger schliddernd zum Turm hin fortbewegtet, ist dicht besetzt mit Menschen, die darauf in Reih und Glied in der Sonne sitzen wie Sperlinge auf dem Draht und dem Treiben der Stocherkähne zusehen. Selbst der Platz vor dem Zugang zum Turm ist belagert, dort stehen vollbelegte Tische und Stühle eines benachbarten Restaurants. Der Eingang zum Haus mutet hingegen schlicht an. Eine Seitentür, die sich eher wie zufällig durch einfaches Dagegendrücken öffnen lässt. Du trittst ein – und findest stille, menschenleere Räume vor. Bis auf zwei junge Studentinnen scheint sich niemand außer dir hierher verirrt zu haben. Du kannst es nicht lassen, zu der freundlichen Dame am Empfang zu sagen: „Und ich dachte schon, hier drinnen sei es ebenso überfüllt wie draußen.“ Diese meint lächelnd: „Solches haben wir hier eher nicht zu befürchten!“

Vor dir liegt der lange Gang mit den Steinfliesen, den euer Dichter – wie überliefert ist – alle Tage „mit gewaltigen Schritten durchmessen“ habe; dieser endet an der hinteren Tür, die in ein kleines Gärtchen hinausführt. Rechterhand führt eine Wendeltreppe zum Turmzimmer hinauf. Dorthin zieht es dich zuerst. Du ersteigst die Treppe und betrittst den sonnendurchfluteten, halbrunden Raum. Er ist leer, unmöbliert bis auf zwei Stühle. Zwei der drei hohen, mehrfach unterteilten Doppelfenster zum Neckar und zum Garten hin stehen offen. Auf dem hölzernen Dielenboden eine Vase mit frischen Blumen. Rosarote Tulpen.

 

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Mit der Illusion, hier noch etwas Originales vorzufinden, bist du nicht hergekommen. Chroniken zufolge brannte der Turm 1875 bis auf die Grundmauern ab, nachdem er schon vorher immer wieder Veränderungen durch Umbauarbeiten erfahren hatte. Der jetzige Zustand, sagt man, soll dem Original wieder recht nahekommen. Schlicht weißgetüncht und schmucklos sei der Raum auch damals gewesen, geht aus Aufzeichnungen von Besuchern des Dichters hervor. Im Hinblick darauf empfindest du es als angenehm, dass auf nachgebildetes Inventar verzichtet wurde und so Raum bleibt für eigene Vorstellungen. Ein Klavier soll es gegeben haben, auf dem er viel improvisierte. Auch ein Sofa, an dem er, als man es ihm ins Zimmer stellte, besondere Freude hatte.

An der einzigen geraden Wand des Raumes: Vier gerahmte Jahreszeiten-Gedichte. Frühling, Sommer, Herbst und Winter.

Das Frühlingsgedicht fällt dir ins Auge:

Die Sonne glänzt, es blühen die Gefilde,
Die Tage kommen blütenreich und milde,
Der Abend blüht hinzu, und helle Tage gehen
Vom Himmel abwärts, wo die Tag‘ entstehen.

Das Jahr erscheint mit seinen Zeiten
Wie eine Pracht, wo Feste sich verbreiten,
Der Menschen Tätigkeit beginnt mit neuem Ziele,
So sind die Zeichen in der Welt, der Wunder viele.

d. 24 April 1839.

mit Untertänigkeit

Scardanelli.  

Alle vier sind unterzeichnet mit Scardanelli, sind späteste Gedichte aus der Turm-Zeit. Der Zugschaffner kommt dir wieder in den Sinn: Das Bild des „kritzelnden“ Dichters im Turm. In der Tat sollen viele dieser Gedichte auf Anfragen von Besuchern im Handumdrehen niedergeschrieben worden sein. Ob sie jedoch tatsächlich just zum jeweiligen Zeitpunkt entstanden oder ob er sie aus seinem Gedächtnis hervorholte, wo er sie seit längerem fertig hütete, – niemand vermag es zu sagen.

 

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Das Panorama vor dem Fenster. Immerhin hieß es einst, man könne aus dem Zimmer „das ganze Neckartal samt dem Steinlacher Tal“ übersehen. Was ist davon übrig? Du öffnest einen der angelehnten Flügel des linken Fensters, schaust hinaus.

Lärm dringt vom Fluss herauf, auf dem die Stocherkähne unterwegs sind. Spektakel für die auf der Ufermauer Sitzenden. Der Blick aus dem mittleren Fenster reicht bis zu den hohen Bäumen auf der Neckarinsel. Fast ein ähnlicher Anblick, wie ihr ihn hattet in eurem kleinen Hotel, nur dass der Fluss hier noch jung ist, schmaler und weniger tief, die Fließrichtung eine andere und die Insel mit ihrer Platanenallee begehbar ist. Vom Tal der Steinlach, die von der Schwäbischen Alb her kommend, unweit hier gegenüber mündet, ist nichts zu sehen; das jenseitige Ufer ist längst zugebaut. Du lehnst dich aus dem rechten Fenster, das auf den terrassenartig angelegten, ebenfalls ans Ufer grenzenden Garten hinaus geht. Wenigstens dieser liegt ruhig, ist nur Besuchern des Museums zugänglich, mag sich noch am ehesten dazu eignen, die Stimmung früherer Zeiten herbeizuzaubern.

Dennoch, – der halbrunde, stille, weitgehend leere Raum verfehlt seine Wirkung nicht. Die Stühle laden dazu ein, sich zu setzen. Anflug von Traurigkeit, plötzlich.

Ein Leben, das nach der ersten Hälfte zu Ende schien, – fortan ein nunmehr reduziertes Dasein, über Jahre auf engsten Raum beschränkt. Als wäre das gleichnamige Gedicht „Hälfte des Lebens“ eine – selbsterfüllende? – Prophezeiung gewesen. Sechsunddreißig Jahre hier zugebracht in weitgehender Abgeschiedenheit.

Am 11. September 1806 brachte ihn ein auf Veranlassung seiner Mutter und seines Freundes Isaac von Sinclair bestellter Wagen von Homburg nach Tübingen ins Autenriethsche Klinikum. Ob Sinclair mit der Betreuung des depressiven Freundes überfordert war oder ob das Ganze gar einen Versuch der Freunde darstellte, in jenen politisch unruhigen Zeiten den wegen seiner Nähe zu revolutionärem Gedankengut verdächtigen Dichter mittels eines ärztlichen Attests vor drohender Inhaftierung zu schützen, bleibt im Dunkeln. Nach dem Klinikaufenthalt jedenfalls war endgültig auf eine Besserung seines Zustandes nicht mehr zu hoffen. Dass die Anstalt zur Behandlung von sogenannten Geisteskrankheiten zu den für die damalige Zeit modernsten und – es widerstrebt dir, das Wort zu verwenden – humansten zählte, die sich immerhin an neuesten Forschungserkenntnissen aus den noch jungen Vereinigten Staaten von Amerika orientierte, macht es nicht besser und mutet wie Hohn an. Beschreibungen der Zwangsmaßnahmen, denen die Insassen ausgesetzt waren, lassen einem das Blut in den Adern gefrieren.

Nach einem halben Jahr entließ man ihn. Diagnose: Unheilbar, aber ungefährlich. Er hatte Glück im Unglück, kam im Hause des belesenen Handwerkers unter, der ihn bei Schreinerarbeiten in der Klinik kennengelernt, im Laufe der Zeit öfter besucht und sein Vertrauen gewonnen hatte. Dem es nach eigenen Worten leid darum war, „daß ein so schöner, herrlicher Geist zu Grund gehen soll“, und der ihn zu sich in fürsorgliche Pflege nahm. Höchstens zwei oder drei Jahre hatte man dem Siebenunddreißigjährigen noch an Lebenserwartung zuerkannt. Zahlendreher: Er sollte ein Alter von dreiundsiebzig Jahren erreichen! Während der gesamten Zeit, heißt es, sei er selten krank gewesen. Nur die Unruhe, – sie hat ihn nicht mehr verlassen.

Rastlos soll er in dem Raum, den du hier auf dich wirken lässt, auf und ab gegangen sein, endlose Selbstgespräche geführt haben. Wenn das ein Zeichen von Wahnsinn ist? Lieber nicht darüber nachdenken!

[…]

Die Bettine, deine Namensvetterin, die du dir inzwischen getreulich hinzuzuziehen getraust, die euren Dichter nie selbst traf, ihn jedoch mit ihrer Sensibilität besser zu verstehen schien, als manch anderer Zeitgenosse, schrieb, bezugnehmend auf die Diskussion, die sich über dessen Wahnsinn entsponnen hatte, freimütig und treffsicher über den Zustand der Gesellschaft, in der beide lebten:

„Aber wir sind uns der eignen Krankheit nicht mehr bewusst… und das ist unser Wahnsinn.“

 

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Nachdenklich den Raum verlassen. Hinuntergehen. Am Fuß der Treppe geht es rechts zur hinteren Tür. Sie steht offen, führt in den kleinen Garten hinaus. Er wirkt verträumt, könnte früher ähnlich ausgesehen haben. Steinstufen, ein kleines Stück Wiese, Hecken, ein schmaler Kiesweg. Zur Rechten die Stadtmauer, mit wilden Weinreben bewachsen, auf der sich das nächste, darüber liegende Haus anschließt. Hinter einem alten Staketenzaun mit verschlossenem Tor der angrenzende Obstgarten mit teilweise schon blühenden Apfelbäumen. Im Geviert vor dem Zaun ein steinerner Brunnentrog und ein noch recht junger Kastanienbaum, umstanden von kleinen, tiefblauen Traubenhyazinthen.

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Zur Linken führen Stufen hinunter zum Zwinger, der unterhalb des Hauses zwischen dem Turm und der Ufermauer entlang führt. Er muss diesen Weg oft gegangen sein, euer Dichter, zuweilen sehr früh am Morgen. Seine Spaziergänge dehnte er oft über mehrere Stunden aus. Auch dieser Teil des Weges ist bis zur Pforte glücklicherweise nicht öffentlich zugänglich. Ein ruhiger Uferabschnitt zum Atemholen. Im Wasser spiegelndes Sonnenlicht, Trauerweiden in frischem Grün. Die Hausmauer teilweise mit dichtem Efeu bewachsen, eine Büste des Dichters in einer Maueraussparung. Gelb blühende Forsythien, ein Holunderstrauch. Ruhebänke, vereinzelte Tulpenbeete. Dies alles schön und schlicht angelegt, nichts Überladenes. Idyll zum Innehalten.

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Lieber, wärest Du hier – denkst du – könnte ich es mit Dir teilen. Ich musste mir die Frage stellen, ob ich ohne Dich kann. Um zu überleben, musste ich mich dazu durchringen, zu sagen: Ich kann! Es wäre sehr schmerzhaft, sehr traurig, – gewiss! Wie einen Farbfilm in Schwarz-Weiß weiterschauen müssen, weil die Bildröhre im Fernsehgerät kaputt ist. Aber: Ich kann! Die Frage ist, ob ich es will. Und eigentlich will ich es nicht!

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Impuls: Den Rest des Tages einfach weiter hier zu verbringen. Nur sitzen und schauen, eurem Dichter nahe sein. Jedoch: Es treibt dich weiter, wie immer läuft dir die Zeit davon.

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Die Ausstellungsräume passierst du zügig. Du wirst wiederkommen. In einem der Schaukästen begegnest du schließlich der Büste der Diotima, – vielmehr der Frau, die euren Dichter zur Diotima im Hyperion inspirierte: Susette Gontard, seiner großen Liebe. Einer Liebe, für die es keine Zukunft gab, – ja, nicht einmal eine Gegenwart.

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Das Haus der Gontards, wo er jene Hauslehrerstelle antrat, lag in Frankfurt am Großen Hirschgraben, nur einen Steinwurf vom Geburtshaus des großen Goethe entfernt, – welche bittere Ironie auch dies! Der Hausherr galt als erfolgreicher Tuchhändler und Bankier, gänzlich damit ausgefüllt, die Geschäfte am Laufen zu halten. Die Bedürfnisse seiner Frau mögen hiervon ganz verschieden gewesen sein und hatten vermutlich dahinter zurückzutreten. Zweifelsohne muss sie eine sehr schöne Frau gewesen sein, dies zeigt jener Abguss eines Hochreliefs des zeitgenössischen Künstlers Landolin Ohnmacht, welcher hier ausgestellt ist. Die plastische Darstellung lässt sich durchaus mit dem Bild in Einklang bringen, das sich aus Schilderungen anderer Zeitgenossen ergibt, die sie als klug, gütig und sanftmütig beschreiben. Duldsam wohl auch. Rebellion, Aufbegehren, – gar den Ausbruch in Erwägung ziehen, schien ihre Sache nicht zu sein, war ihr nicht gegeben. Wie es überhaupt immer nur Sache von ganz wenigen war, die es tatsächlich wagten. Außerdem hatte sie Kinder, die sie nicht verlieren wollte. Die rechtliche Stellung der Frau ließ keine großen Handlungsspielräume. Gründe fürs Ausharren in einer meist arrangierten Ehe waren oft rein wirtschaftlicher Natur. Gefühle konnte man sich selten leisten.

Dennoch: Zwei Menschen begegnen sich, stellen fest, dass sie dieselbe Sprache sprechen, ähnlich fühlen, ähnlich denken. Ihr wisst aus jüngster Erfahrung, welchen Verlauf solches nimmt. Gegensteuern zwecklos! Es kommt, wie es kommen muss, – früher oder später ist der Konflikt unausweichlich. Der Dichter verlässt das Haus, um sich in Homburg niederzulassen. Es bleibt nur noch die Möglichkeit zu kurzen, heimlichen Treffen am außerhalb Frankfurts gelegenen Sommersitz der Familie. Dem verstohlenen Austausch von Briefen durch die Hecke. Ein Zustand zermürbend, nervenzerfetzend! Er versucht, sich neu zu orientieren, kehrt schließlich zurück in seine schwäbische Heimat, nimmt im Laufe der Zeit nochmals Hofmeisterstellen an. Weit entfernt liegende diesmal, zunächst in Hauptwil in der Schweiz, später in Bordeaux. Reist jeweils zu Fuß über die Gebirge, rastloser Wanderer, der er ist und bleiben wird. Dann die Nachricht vom Tode Susettes, die ihn nach der Rückkehr aus Frankreich – oder bereits unterwegs, wie Pierre Bertaux mutmaßte? – erreicht. Ein Riss in der Seele, der durch nichts mehr zu kitten ist.

Du ringst die Schwermut nieder. Ins Gästebuch schreibst du in einem Anfall von Kühnheit: Nächstens mehr. Fragst die Dame am Empfang nach dem Weg zum Stadtfriedhof und zum Österberg, wohin Wilhelm Waiblinger, Hölderlins erster Biograph, euren Dichter in jenen Jahren öfters mitnahm, wie in dessen Schrift „Friedrich Hölderlins Leben, Dichtung und Wahnsinn“ zu lesen ist:

Womit ich ihn am meisten vergnügte, das war ein hübsches Gartenhaus, das ich auf dem Österberg bewohnte, dasselbe, worin Wieland die Erstlinge seiner Muse niederschrieb. Hier hat man Aussicht über grüne freundliche Thäler, die am Schloßberg emporgelagerte Stadt, die Krümmung des Neckars, viele lachende Dörfer und die Kette der Alb.

Der Österberg sei zu Fuß gut zu erreichen, hörst du, aber wo jenes Gartenhaus stand, wisse heute niemand mehr. Du machst dich dennoch auf den Weg, willst dich umschauen. Und wirst – wie vorherzusehen war – enttäuscht. Der Berg ist zugebaut, fast nirgends freie Sicht, wo diese möglich wäre, ist sie durch hohe Bäume eingeschränkt. Dennoch: Du warst oben, hast einen Eindruck von seiner Lage erhalten. Sehr gut vorstellbar, dass es hier früher statt der Häuser Gartengrundstücke gab, die eine Aussicht wie die beschriebene boten.

Auf der Suche nach dem Weg zum Friedhof verlierst du die Orientierung, bringst die Wegbeschreibung nicht mehr auswendig zusammen, hast nur einen dürftigen Stadtplan, der so weit nicht reicht. Im Alten Botanischen Garten gibt es ein Hölderlin-Denkmal, das als solches gar nicht ohne weiteres erkennbar ist. Der Rasen ist über und über von jungen Menschen – sicher hauptsächlich Studierenden – belagert, denen er als Liegewiese dient. Nachfragen führt zu nicht unfreundlichem, aber ratlosem Achselzucken. Hölderlin? Keine Ahnung!

Ein Mann, wie du schätzt, im besten Schwabenalter wie du selbst – Schwaben werden bekanntlich mit vierzig Jahren „gescheit“, nun ja, auf die Wirkung wartest du noch – bekommt deine Bemühungen mit und weist dir schließlich den Weg zum Friedhof. Begleitet dich sogar noch ein ganzes Stück, bis fast vors Tor, beschreibt dir auch die Lage des Grabs. Er scheint sich sehr gut auszukennen, interessiert sich für dein Projekt; er weiß wahrscheinlich sehr viel mehr als du selbst über die Hölderlin-Gesellschaft, fragt dich, ob du Härtlings Roman und die Texte von Ulrich Gaier kennst. Siehe da: Ein ähnlich Gesinnter und obendrein angenehmer Weggefährte in der hoffnungslos überlaufenen, kleinen Universitätsstadt!

 

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Der Stadtfriedhof – Grablege für zahlreiche Tübinger Persönlichkeiten, darunter auch Ludwig Uhland und Ottilie Wildermuth – ist schmal und langgezogen; es führt eine verkehrsreiche Straße daran vorbei, die es etwas schwer macht, ihn als Ort des Rückzugs und der Besinnung wahrzunehmen. Aber vielleicht müssen diese Gegensätze gerade hier deutlich werden, – wie auch bei den lärmenden Studenten im Alten Botanischen Garten rund um die aufgestellten Denkmäler, wo die Statuen schon einmal einen umherfliegenden Ball an den Kopf bekommen. Blitzlichtartige Erinnerung eingedenk des Besuchs im Turm: Auszüge an der Treppenwand aus der späten Schrift „In lieblicher Bläue“. Sie endet mit den schlichten Worten:

Leben ist Tod, und Tod ist auch ein Leben.

 

Aus dem noch unveröffentlichten Roman „Holunderblüten“

© Bettina Johl

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Fichte und Hölderlin – Aus dem Roman „Holunderblüten“ von Bettina Johl

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Zum Gedenken an Johann Gottlieb Fichte ( *19. Mai 1762 in Rammenau bei Bischofswerda;  † 29. Januar 1814 in Berlin)

Die erste Idee ist natürlich die Vorstellung von mir selbst als einem absolut freien Wesen. Mit dem freien, selbstbewussten Wesen tritt zugleich eine ganze Welt – aus dem Nichts hervor – die einzig wahre und denkbare Schöpfung aus dem Nichts.

Friedrich Hölderlin

(Aus: Das Älteste Systemprogramm des Deutschen Idealismus)

 

*

Der Dichter selbst als Philosoph? Als ein solcher sah er sich zweifellos. Er bestand darauf, als Dichter notwendigerweise Philosoph sein zu müssen – und umgekehrt. Die Bereiche Dichtung und Philosophie sah er als untrennbar an und widmete sich zeitlebens der Aufgabe, die er sich selbst gestellt hatte: Beide einer neuen Einheit zuzuführen.

Ihr lest: Die Idee der Schönheit, die sich in der Kunst ausdrückt, sei die Idee, die alle anderen Ideen vereinige, und ein Philosoph müsse gerade so viel ästhetische Kraft besitzen wie ein Dichter, sonst nämlich bleibe er ein Buchstabenphilosoph, den keiner verstehe und der somit auch das Volk nicht erreiche. Die Poesie hingegen müsse wieder die Rolle der Lehrerin der Menschheit übernehmen, wie sie diese bereits zu Beginn inne hatte. Und letztlich – so schließt er kühn – werde die Dichtkunst alle anderen Wissenschaften und Künste überleben.

Große Worte eines jungen Menschen. Er wird ihnen treu bleiben. Ihr staunt. Die Dichtkunst wird also überleben. Wird sie in letzter Konsequenz das sein, was bleibt? Das Schriftfragment, in dem sich all dies findet, nennt sich das „Älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus“. Es handelt sich hierbei um einen Entwurf der Tübinger Studienfreunde, nach Aussage der Forschung überliefert in Hegels Handschrift, nach einem Konzept von Schelling – und deutlich geprägt durch euren Dichter. Viele der hier enthaltenen Gedanken finden sich nahezu wörtlich im „Hyperion“ wieder, den er in sehr jungen Jahren begann und an dem er viele Jahre arbeitete. Ein Entwurf, nicht ganz vollständig erhalten, welcher Anfang 1797 entstand, als das bezeichnete Dreigestirn nach Jahren, in Frankfurt, zu erneutem Austausch wieder zueinander fand.

Dies also wurde vor mehr als zweihundert Jahren zu Papier gebracht durch drei außergewöhnlich begabte, noch immer junge Menschen. Zu dieser Zeit hatte noch keiner von ihnen das dreißigste Lebensjahr erreicht. Es beschäftigt dich. Wie ergeht es euch, wenn ihr aus heutiger Sicht darauf schaut? Wie ist es heute um Philosophie und Dichtkunst bestellt? Revolutionen, Weltkriege, die technische Entwicklung und der allgemeine Lauf der Zeit haben die Gesellschaft verändert wie nie zuvor. Die Philosophie scheint ein Schattendasein unter den Wissenschaften zu führen, geistert durch die Feuilletons, welche nur von einem kleinen Kreis gelesen werden. Oftmals erscheinen dir diese eher als eine Spielwiese der Selbstdarstellung, wo mit Begriffen jongliert wird, angesichts derer du dich fragst, ob jene, die sie verwenden, sie eigentlich selber verstehen. Oder sollten diese einzig dem Zweck dienen, beim Leser Erstarren in Ehrfurcht vor vermeintlicher geistiger Überlegenheit auszulösen? Feuilletonbeiträge, so verriet dir einmal der Chefredakteur einer überregionalen Zeitung, würden insgesamt wenig gelesen, dies erkläre auch das Phänomen, dass immer einmal wieder politisch inkorrekte Beiträge darin auftauchen könnten und niemand rege sich darüber auf, keiner nehme es zur Kenntnis, eben weil es keiner wirklich gelesen habe. Eigentlich diene ein Feuilleton vor allem dazu, eine Zeitung aufzuwerten. Der Leser, auch wenn er es nicht liest, würde es dennoch vermissen, wäre es nicht vorhanden, verleiht es doch der Zeitung das gewisse Niveau. Dies wertet wiederum auch den Leser auf, er liest schließlich ein anspruchsvolles Blatt, selbst wenn dies Lesen sich auf das Überfliegen der Schlagzeilen beschränken sollte. Noch dieselbe oberflächliche Eitelkeit und Beliebigkeit also, die sich bezeichnend als „feuilletonistisches Zeitalter“ in Hermann Hesses „Glasperlenspiel“ kritisiert findet?

Philosophen also ungestört unter sich im Elfenbeinturm? Unbeachtet – und damit auch ungestört – vom Rest der Welt? „Stimmt so nicht!“ – sagt dein Philosophenfreund, der sich unter denselben bewegt. Möglicherweise hat er Recht. Aber der Eindruck bleibt. Und die Frage: Wem nützt Philosophie, solange ihre Vertreter dem Leser suggerieren, ihre Inhalte könnten von einfach denkenden Menschen nicht verstanden werden? Wird es hier nicht höchste Zeit, sich einzumischen?

Jung war sie damals: Die Vorstellung des Menschen von sich selbst als absolut freiem Wesen, bestimmt zum freiheitlichen Handeln, welche aus dem Gedankengut der Aufklärung und der Französischen Revolution entstand. In Deutschland und von Deutschland aus wurde diese maßgebend geprägt durch die Philosophen Kant, den euer Dichter in Tübingen eingehend studierte, und Fichte, den er später in Jena hörte. Von dem er tief beeindruckt war, und der ihm Denkanstöße lieferte, seine eigenen Ideen im Hinblick auf den schöpferischen, den Kunst schaffenden Menschen weiter zu entwickeln.

Was genau hat es aber mit Fichtes Werk auf sich? Das Thema hat dich in seinen Bann gezogen, jedoch kämpfst du hier mit erheblichen Bildungslücken. Über Kant lässt sich ja noch irgendwie etwas zusammenbringen. Sofern es einer versteht, durch Herumwirbeln einiger Begriffe und Zitate zu bluffen, lässt sich mit diesem Philosophen durchaus einen Abend lang Konversation treiben. Den meisten wird es nicht auffallen, weil sie es zwar chic finden, sich über Kant zu unterhalten, den sie ja dem Namen nach kennen, auch wissen, dass das jemand Bedeutendes gewesen sein muss, aber möglicherweise insgeheim überlegen: Wer war das noch mal? Ein Modeschöpfer vielleicht? Triffst du aber zufällig doch auf jemanden, der sich auskennt, wird derjenige in der Regel vor Begeisterung völlig außer sich sein – Wahnsinn, hier interessiert sich jemand für Kant! –, so dass auch er es nicht unbedingt mitbekommt, wenn du in Wirklichkeit nur Blödsinn erzählst. Auch dein Philosophenfreund wäre einst fast darauf hereingefallen. Hingegen bei Fichte verlassen dich zunächst alle guten Geister und so wird es Zeit, dass du dich dahinter klemmst. Hier auf deinem „Zauberberg“, wo du ein wenig Auszeit hast.

Wenigstens liegt dein Wissensmangel diesmal nicht darin begründet, dass du in der Schule schlicht gepennt hast; das hast du zwar in der Tat, aber Philosophie kannst du nicht verschlafen haben, denn – es gab sie nicht. Im Gegensatz zu manchen anderen europäischen Ländern ist Philosophie an deutschen Schulen normalerweise nicht im Lehrplan vorgesehen, wird als eigenes Fach bis heute selten gelehrt. Und damit fängt das Elend an – und nimmt seinen weiteren Lauf. Es führte zu dem Phänomen, dass sich Menschen wie du im Erwachsenenalter auf „Sophies Welt“ von Jostein Gaarder stürzten, ein Buch, das sich eigentlich an Jugendliche richtet. Ihr kauftet es unter dem Vorwand, es euren Kindern schenken zu wollen. Und last es dann selbst, verschämt, unter der Bettdecke. Denn die Kids hatten auf so etwas gar keinen Bock, das roch ja viel zu sehr nach Bildung! Und so habt ihr auf diese Weise erstmals in verständlicher Form etwas über Philosophie erfahren. Die Kritiker spotteten über das Buch und über euch, seine unfreiwilligen Leserinnen und Leser, gleich mit. Sie versuchten, es schlecht zu reden, weil es seine Zielgruppe verfehlt hatte. Aber es gelang ihnen glücklicherweise nicht, das einmal entflammte Interesse wieder zu ersticken. Du kennst sogar einen Doktor der Philosophie, der sich davon begeistern ließ. Er trug eine Baskenmütze wie Alberto Knox und bot auf dem Buch basierende Kurse für Erwachsene an. An einem Ort, den du selbst für jegliche Philosophie verloren hältst, aber er – unerschütterlicher Idealist – ließ sich davon nicht beeindrucken; er hielt seine Stunden auch, wenn sich nur fünf Leute einfanden. Von seinem Naturell war dieser eigentlich ein eher schüchterner Mensch und – das Angenehme an ihm – alles andere als ein Meister der Selbstdarstellung, demzufolge fielen seine sehr förmlich gehaltenen Vorträge oft etwas monoton aus, führten zu schweren Augenlidern während später Abendstunden in muffigen Räumen, nach langen, mit stumpfsinniger Arbeit ausgefüllten Tagen. Anders eure anschließenden Gespräche auf der Straße vor dem Café, unter freiem Himmel, der für eure Gedankenflüge brav die Kulisse lieferte. Du hast ihn ausgebeutet, denkst du rückblickend – und meinst damit nicht den Himmel. Ihn allzu oft über ungebührliche Zeit aufgehalten mit deinen Fragen und verrückten Gedankenspielen, die sich einstellten, sobald an frischer Luft deine Müdigkeit wie weggeblasen war. Er nahm es heiter und gelassen. Und auf zwei Gebieten hattest du einen Vorsprung: Er wusste die erstaunlichsten Dinge, aber, wie er freimütig zugab, wenig über die Bibel und praktisch nichts über den Sternenhimmel. Gebiete, die du dir in Eigenregie bereits etwas erschlossen hattest. So besaß jeder Teile eines großen Puzzles, die sich zuweilen ergänzten. Dies machte eure Gespräche zu etwas Wertvollem. Glücklich, wer in jedem Lebensalter immer wieder Lehrer findet, die das Denken auf neue Bahnen lenken helfen. Du hattest dieses Glück sehr oft.

Hier bist du auf dich gestellt, aber Selbstdenken und Lernen ist ja keineswegs verboten, und so findest du dich nun alsbald mit einem Notizbuch bewaffnet, alles zusammenschreibend, was du über Fichte in Erfahrung bringen kannst. Und findest zusehends Spaß daran.

In allem Anfang ist Legende: Johann Gottlieb Fichte, der begabte Sohn eines Webers aus der Oberlausitz, hütet eines Sonntags auf der Gemeindewiese hinter der Kirche das Vieh. Frondienst, der vor Kindern keineswegs Halt machte. Gewiss noch eine der angenehmeren Tätigkeiten. Etwas langweilig vielleicht. Andere hingegen mussten weniger früh aufstehen. Da gab es den Gutsherrn, mit dem auf einen Mann seines Formats wohl gut passenden Vornamen Haubold, der sich an diesem Tag verspätet hatte. Er hatte schlicht verschlafen und kam demzufolge zu spät zum Gottesdienst, wodurch er auch die Predigt verpasste, die er doch gern gehört hätte. Sein Bedauern darüber tat er zumindest in einem Gespräch mit anderen Kirchenbesuchern kund, die nach dem offiziellen Ende noch in Grüppchen beieinander stehen blieben, um sich über dieses und jenes auszutauschen. Das war die Stunde des jungen Fichte, der unfreiwillig mithörte und ihm daraufhin die Predigt, die er selbst durchs Kirchenfenster mitbekommen und im Kopf behalten hatte, auswendig vortrug, nicht ohne hierbei den Pfarrer auf unterhaltsame Weise zu imitieren. Und es schaffte, den edlen Herrn solcherart zu beeindrucken, dass dieser umgehend beschloss, ein solch aufgewecktes Bürschchen müsse unbedingt gefördert und auf entsprechende Schulen geschickt werden. Eine Sache, die der Freiherr auch sogleich mit den Mitteln, die ihm – anders als den Eltern des Jungen – zur Verfügung standen, in die Hand nahm. Wie sagte doch schon dein geschätzter Konfirmandenpfarrer? Es hat noch keinem geschadet, bei der Sonntagspredigt die Ohren zu spitzen!

Eben war der Weg, den Fichte dadurch einschlagen konnte, jedoch keineswegs. Denn nach einer gewissen Zeit verstarb der edle Herr und die Begeisterung seiner Erben für diese Art von Bildungssponsoring dürfte sich bereits zu dessen Lebzeiten in Grenzen gehalten haben. Unterstützung war also nicht länger zu erwarten. Der herangewachsene Fichte brach sein Studium ab und schlug sich – ähnlich wie später euer Dichter ­– mit Hauslehrerstellen durch. Nach mehreren gescheiterten Versuchen, beruflich oder schreibend Fuß zu fassen, beschäftigte er sich mit der Philosophie Kants, der er schon während des Studiums sehr zugetan war. Als er Kant einige Zeit später in Königsberg besuchte, war dieser von ihm sehr beeindruckt und half ihm, seine Schrift „Versuch einer Critik aller Offenbarung“ zu verlegen, eine religionsphilosophische Abhandlung, von der lange angenommen wurde, dass sie von Kant selbst stamme. Als dies schließlich durch Kant richtiggestellt wurde, bedeutete es den wissenschaftlichen Durchbruch Fichtes. Er wurde an die Universität Jena bestellt, wo euer Dichter schließlich mit ihm in Berührung kommen sollte.

Bezeichnend für die Philosophie Fichtes ist nun die Bedeutung, die er dem Begriff des Ich – großgeschrieben! – als dem aktiven, in Freiheit handelnden Part zuschreibt. Er baut diesen Gedanken weiter aus: Dem Ich entgegen steht – so nennt er es – die Welt des „Nicht-Ich“. Dieses „Nicht-Ich“ bezeichnet wiederum alles, was die Freiheit des Ich bestreitet. Die Begrenzung durch das „Nicht-Ich“, also durch äußere oder innere Umstände, welche das Ich angeblich am Handeln hindern, sei jedoch – so Fichte – in Wirklichkeit eine reine Selbstbegrenzung. Und damit eine faule Ausrede! Es gelte stattdessen, die Menschen aus ihrer Lethargie wachzurütteln. Das ganze Gejammer über angeblich unabänderliche Gegebenheiten: Unsinn! Fichte ist davon überzeugt: Es gibt diese nicht. Was er für das wahre Übel des Menschen hält, benennt er hingegen unumwunden: Die Trägheit! Mit heutigen Worten: Wenn das Ich nicht in die Pötte kommt, dann läuft gar nichts, dann ist es geradezu so, als wären wir schon lange tot. Oder nie lebendig gewesen. Der Mensch, so Fichte, tendiere stets stärker dazu, sich zum getriebenen Objekt als zum handelnden Subjekt zu machen und sich auf diese Weise zu verstecken und sich vor dem Denken und Handeln zu drücken. Warum? Weil die ansonsten so vielgepriesene Freiheit unbequem ist! Weil sie erfordert, Verantwortung zu übernehmen, was – wie wir wissen – seltener Lust als Last bedeuten kann. Das Subjekt jedoch – nicht das Objekt! – liege in Wahrheit allem zugrunde: Das Subjekt als das tätige und erkennende Ich, das sich seiner selbst bewusst sein muss, und dieses wiederum „setze sich selbst“. Es bringe sich selbst aus dem Denken hervor und sei weltbildend.

Seiner selbst bewusst! Weltbildend! Dies klingt für dich doch alles eigentlich sogar sehr modern und weckt so gar nicht den Eindruck, bereits vor zweihundert Jahren gedacht worden zu sein. Was bedeutet dies nun umgesetzt ins praktische Leben? Denn dafür war es ja doch wohl gedacht, zu Zeiten, als die Philosophie sich noch nicht in die Feuilletons verkroch?

Während einer Rast auf einer deiner ausgedehnten Wanderungen sendest du deinem Philosophenfreund eine Nachricht per Mobiltelefon:

Mein Lieber, bin im Wald unterwegs und kämpfe noch immer mit Fichte. Das passt hierher, ­Du weißt schon: Schwarzwald! Links Fichten, rechts Fichten! Also, wenn ich es richtig verstanden habe: Das Ich bin ich! Sein ist nach Fichte Wahrgenommen-werden. Ich werde hier zwar höchstens von den Vögeln des Waldes wahrgenommen, weil sonst kein Mensch unterwegs ist, aber da ich den Wald hier wahrnehme und den Berg, der vor mir liegt, gehe ich einfach mal davon aus, dass es mich trotzdem gibt. So. Und dieser Berg hier ist das Nicht-Ich, welches mich begrenzt und sagt – oder sagen würde, denn dieser Berg hat natürlich nichts zu melden, das wäre ja noch schöner! – wenn dieser Berg also etwas zu sagen hätte, würde sich das vermutlich so anhören: „Hey, du kommst hier nicht rauf, ich bin viel zu hoch, und du hast null Kondition, also vergiss es besser! Und jetzt liegt die Entscheidung beim Ich – sprich bei mir! –, wie ich damit umgehe. Ob ich entweder sage: „Jawohl, der Berg hat Recht, ich gehe dann mal lieber gleich wieder zurück und lege mich ins Bett!“ Oder ob ich zum Berg sage: „Blödsinn! Hey, was willst du Berg? So hoch bist du nun auch wieder nicht! Ich hab‘ schon ganz andere Berge geschafft, gegen die bist du geradezu ein Idiotenhügel!“ Was also heißt: Ich kann mich von dem Berg erschrecken lassen, so dass ich umkehre und mich ins Bett verkrieche. Oder ich kann ihn bezwingen. Im äußersten Fall könnte ich ja auch einen Bagger holen und ihn abtragen, aber ich entscheide,  bedeutet: das Ich entscheidet, ob der Berg zu bewältigen ist oder nicht! Dies gilt ja dann wohl für alle Berge im übertragenen Sinne. Und dies ist daran das „Weltschaffende“? Die Welt erschaffe ich mir? Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt – nach Art von Pippi Langstrumpf. Hab ich Fichte nun kapiert oder nicht?

„Nun ja“, erreicht dich die Antwort deines klugen Philosophenfreundes, „ironisch genug, die Berufsphilosophen würden Dir empört nachstellen, aber im Prinzip ist Deine Interpretation richtig!“ Dein Glück. Von nun an erklärst du dich als befugt!

Das Weltschaffende muss für euren Dichter, als Künstler, der ja immer im weitesten Sinne weltschaffend – weltenschaffend! – ist, die höchste Bedeutung gehabt haben. Mit dem freien, sich seiner selbst bewussten Wesen, dem Individuum, tritt also eine ganze Welt aus dem Nichts hervor. Eine Welt aus dem Nichts? Das klingt geradezu nach einem göttlichen Schöpferanspruch. Die Kirche wird an solcherlei Gedankengut ihre Freude gehabt haben, noch dazu an der sich daraus ableitenden Forderung:

…absolute Freiheit aller Geister, die die intellektuelle Welt in sich tragen, und weder Gott noch Unsterblichkeit außer sich suchen dürfen…

Heißt dies: Es kann kein Gott angenommen werden, außer, wir schaffen ihn uns selbst? Und ebenso keine Unsterblichkeit, außer eine von und durch uns selbst geschaffene? Dies ist in der Tat starker Tobak! Aber warum eigentlich nicht? Die biblische Aussage lautet: „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde.“ Was bedeutet: Der Schöpfer als Schaffender – kreativ er selbst! – schuf den Menschen zu seinem Ebenbild. Und wenn er das mit dem Ebenbild ernst meinte, dann schuf er ihn folglich als Schaffenden, als Kreativen! Was wäre daran so verkehrt, als dass man darum Scheiterhaufen errichten müsste? Die Unsterblichkeit wiederum – gewiss, die hätte der Mensch freilich gern, ohne sie sich erst extra schaffen zu müssen.

Im Weiteren die Forderung der Systemschrift:

Monotheismus der Vernunft und des Herzens,
Polytheismus der Einbildungskraft und der Kunst,
dies ist‘s, was wir bedürfen!

Was hindert uns also, an den einen Gott zu glauben und zugleich als Schaffende frei zu sein?

Die Rolle des Dichters, des Künstlers aber als Erzieher der Menschheit? Solches klingt schon sehr hochtrabend. Auch in Fichtes „Reden an die Deutsche Nation“ ist von Erziehung die Rede, von sittlicher Bildung zur Freiheit, zur Selbständigkeit. Zur – hier ganz wörtlich – „Veredelung“. Das menschliche Verhältnis zur Freiheit müsse in einer Vernunft- und Werteerziehung verankert werden.

Und nun wird es erst recht interessant: Die Erhebung zur Vernunft und zum wahren Selbst lasse auch die Feindschaft zu anderen freien Individuen und Nationen entfallen, denn der so gebildete Mensch strebe danach, seine Mitmenschen zu achten, und er liebe deren Freiheit und Größe! Mit Knechtschaft hingegen könne er sich nicht abfinden. Und für die Deutschen müsse ein neues Selbst gefunden werden, welches über die Nation hinausgehe!

Womit es dir in deinem Herumschweifen gerade noch gelungen wäre, die Kurve zu bekommen. Denn dieser Frage „Was ist heute mit den Deutschen – mit uns – los?“, der wolltest du anfangs ja nachgehen. Dein Philosophenfreund wird sagen, du seist zu lange im Wald gewesen. Fichte(n)-geschädigt! Du kannst dich höchstens mit den Worten Hyperions herauszureden versuchen:

Ich schweifte herum, wie ein Irrlicht, griff alles an, wurde von allem ergriffen…

 

© Bettina Johl (Aus dem Roman „Holunderblüten“, bislang unveröffentlicht)

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Weihnachten – Johann Wolfgang von Goethe

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Bäume leuchtend, Bäume blendend,
Überall das Süsse spendend,
In dem Glanze sich bewegend,
Alt und junges Herz erregend –
Solch ein Fest ist uns bescheret,
Mancher Gaben Schmuck verehret;
Staunend schaun wir auf und nieder,
Hin und her und immer wieder.
Aber, Fürst, wenn dir’s begegnet
Und ein Abend so dich segnet,
Dass als Lichter, dass als Flammen
Vor dir glänzten allzusammen
Alles, was du ausgerichtet,
Alle, die sich dir verpflichtet:
Mit erhöhten Geistesblicken
Fühltest herrliches Entzücken.

(Johann Wolfgang von Goethe 1749-1832)
aus: Gedichte, Ausgabe letzter Hand

Foto: Bettina Johl

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Augenblicke im Advent

„Advent und Weihnachten ist wie ein Schlüsselloch, durch das auf unsren dunklen Erdenweg ein Schein aus der Heimat fällt.“ Friedrich von Bodelschwingh

Und wieder reicht es gerade noch zum Innehalten in letzter Minute, bevor eine Zeit zu Ende geht, die ich gerne bewusster begangen und gestaltet hätte, – einfach weil ich sie von Kindertagen her stets liebte, woran auch alles Seufzen über deren kommerzielle Verzerrung und auch das zunehmende Gewahrwerden des Auseinanderklaffens von Wunsch und Wirklichkeit nichts Grundlegendes zu ändern vermochte.

Es blieb bei wenigen Momentaufnahmen, gestohlenen Stunden, wie ein Besuch in meiner Heimatstadt zu einer liebevoll gestalteten Märchenlesung im Burgturm, wo eine Gruppe engagierter Menschen es sich zur Aufgabe gemacht hat, zu Gunsten von Kinderhilfsprojekten eine verlorengegangene Erzählkultur wiederzuleben.

Manches hin und wieder mit verfremdetem Blick betrachten, lässt den einen oder anderen vergangenen Zauber wieder heraufbeschwören. Trugbild? Möglicherweise. Aber welche Bilder betrügen mich nicht, welche erzählen mir schon die ganze Wahrheit – oder das, was ich dafür halte?

„Wo kämen wir hin“, mag andererseits mancher mit Recht fragen, „wenn jeder sich nach Pippi-Langstrumpf-Art die Welt machte, wie sie ihm gefällt?“ Ja, gute Frage! Wo kämen wir hin? Auf geradem Wege ins uferlose Chaos, wie mancher es uns gerne prophezeien möchte, ohne uns mit Details über das unweigerlich zu erwartende Übel zu verschonen? In den luftleeren Raum, ins Bodenlose? Oder doch vielleicht in eine schönere Welt, eine menschlichere? Wir wissen es nicht, denn es besteht keine Gefahr, dorthin zu kommen, da es nie dazu kommen wird, dass „jeder“ dies in die Tat umsetzt. Weil jenen, die es wagen, viele andere gegenüberstehen, die dies schlicht nicht wollen. Oder wieder andere, die es gerne wollten, aber nie die Kraft und den Mut dazu aufbringen würden. Und deshalb wird unsere Gesellschaft die übrige Handvoll „Spinner“ und „Phantasten“auch weiterhin aushalten, ohne dass ihr Gefüge deshalb Schaden nimmt.
.
Aber ich wollte von gestohlenen Stunden erzählen. Von Spaziergängen im schönsten Dezemberlicht. Ein goldener, lichtgefluteter Sonntagnachmittag auf dem Maulbronner Klosterberg, – Zauber der stillen Winterwege. Besuch bei der 250-jährigen Linde, die viele meiner geliebten Dichter noch auf ihren Spaziergängen sah. Sahen sie auch ihn? Gewahrte der junge Hölderlin den damals jungen, wohl noch sehr unscheinbaren Baum? Wie nahm der Baumfreund Hesse die einst 100-jährige Linde wahr? Wir wissen es nicht, können es nur ahnen.

Staunen beim näheren Hinsehen: Das Laub ist vollständig gefallen, hat zarte Knospen an kleinen, aus der zerfurchten Rinde ragenden Zweigen freigelegt, die den alten Riesen außer von versunkenen Zeiten auch vom künftigen Frühling erzählen und so eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft entstehen lassen. Doch was ist die Gegenwart, und was sind zurückliegende und kommende Zeiten anderes als eine Aneinanderreihung von Augenblicken?

Sich sodann mit Einbruch der Dämmerung ins Innere der Mauern begeben,während der Stunde „zwischen Tag und Traum“, die allem, was sich in ihr zuträgt, besonderen Glanz verleiht. Auch dieser flüchtig, gewiss. Unaufdringlich auch, was seine Erscheinung zu einer angenehmen macht.

Beim Stöbern im Buchladen fand ich jenen kleinen Literaturfreund, zwischen den Regalen am Boden sitzend, selbstvergessen in seine Lektüre vertieft, sich eigene Geschichten „vorlesend“, die sich wohl mit dem eigentlichen Inhalt des Buches messen konnten, wenn sie ihn nicht gar übertrafen. Liebgewordener Satz, der während der Arbeit mit Kindern oft fällt: „Du sollst vor-le-sen!!!“ Gesammelte Hoffnungsfunken, Augenblicke, in denen das Hinforteilen der Zeit – wohl nicht anzuhalten, dies wäre sicherlich zu viel verlangt, aber zumindest – innezuhalten scheint.

Möge uns in diesem Sinne mancher Zauber dieser und künftiger Tage wenigstens immer wieder für Augenblicke gegenwärtig sein, möge dann und wann ein Schein durch das Schlüsselloch auf unseren – mal mehr, mal weniger – dunklen Erdenweg fallen!Mit allen guten Wünschen für die kommenden Festtage und das Neue Jahr…

Eure Bettine

Copyright: Bettina Johl (2013)

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Prinzessin ohne Land – Lukas Hartmanns west-östliche Familiensaga „Abschied von Sansibar“

BildMerkwürdig verhält es sich von jeher mit Geschichten, die von Prinzessinnen handeln. Zu allen Zeiten haben sie unsere Phantasie beflügelt, und das märchenhafte Flair, das sie umgibt, hält zuweilen selbst nüchternster Realität stand. Als 1886 ein Buch mit dem Titel „Memoiren einer arabischen Prinzessin“ in einem Berliner Verlag erschien, erregte dies entsprechend Aufsehen und wäre aus heutiger Sicht durchaus dazu angetan gewesen, Bestsellerlisten zu stürmen, – allein solche gab es in dieser Form zu jenen Zeiten noch nicht. Es wurde in mehrere Sprachen übersetzt und musste innerhalb eines Jahres gleich viermal nachgedruckt werden. Seiner Leserschaft bot es Einblick in eine exotische Welt und faszinierte einmal mehr durch den Umstand, dass es sich bei der Autorin Emily Ruete um eine wirkliche Prinzessin, Sayidda Salme bint Sayd, eine Tochter des Sultans, des regierenden Herrschers über Sansibar und Oman, und einer seiner Nebenfrauen handelte. Als Witwe des Hamburger Kaufmanns Heinrich Ruete, dem sie zwanzig Jahre zuvor nach Deutschland gefolgt war, lebte sie dort in gänzlich anderen als prunkvollen Verhältnissen. Ruete, mit dem sie zunächst in einem repräsentativen Haus in Hamburg auf der Uhlenhorst gewohnt und drei Jahre lang – abgesehen von Heimweh – ein durchaus glücklich zu nennendes Familienleben geführt hatte, wurde eines Tages beim Abspringen von einer Pferdebahn überrollt und verunglückte tödlich. Sie blieb mit drei Kindern in der Fremde zurück, – nahezu mittellos, da man sie nach Hamburger Recht von Amts wegen unter Vormundschaft stellte, ihr nur einen geringen monatlichen Betrag zubilligte und das Vermögen ihres Mannes recht bald anderweitig durchbrachte, so dass weder sie noch ihre Kinder je viel davon zu sehen bekommen sollten.

Dies alles hatte nun längst nichts Märchenhaftes mehr an sich und passte wenig in das Bild von Tausendundeiner Nacht in den Köpfen der Gesellschaft. Emily Ruete hatte gerade in den ersten Jahren, da ihre Rolle als Kaufmannsgattin die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben der Hamburger Handelsleute vorsah, mit deren Ressentiments hinreichend Bekanntschaft gemacht, – bestaunt, beargwöhnt, täglich neugierig starrenden Blicken ausgesetzt. Hinter vorgehaltener Hand verbreitete Gerüchte von der „Haremsdame“ und der „Negerprinzessin“. Schilderungen von Erlebnissen solcher Art finden sich in ihrem zweiten Buch, einer nach ihrem Tod erschienen Sammlung nie abgesandter „Briefe nach der Heimat“. Sie selbst hatte diese nicht zur Veröffentlichung vorgesehen, anders als ihre Memoiren, mit denen sie gezielt ihr Anliegen, dem gängigen europäischen Bild vom Leben der Frauen in der arabischen Gesellschaft etwas entgegenzusetzen, verwirklichte.

„Ihr Buch erhellt eindrucksvoll die Frage der Stellung der Frau im Orient, und zeigt, dass vieles, was über dieses Thema geschrieben worden ist, gänzlich unzutreffend ist. […] Niemand, der sich für die gesellschaftliche Stellung der Frau im Orient interessiert, sollte es unterlassen, diese angenehm geschriebenen Memoiren zu lesen. Die Prinzessin selbst ist eine Frau von hoher Kultur und ihre Lebensgeschichte ist ebenso lehrreich wie die Historie und ebenso faszinierend wie Fiktion.“

So lautete eine Rezension zu ihren Memoiren, von keinem Geringeren geschrieben als Oscar Wilde, von 1887 bis 1889 Redakteur der viktorianischen Frauenzeitschrift „The Woman’s World“, in der er regelmäßig „literarische Aufzeichnungen“ verfasste. Prinzessin Salmes Lebensgeschichte, die als erste Autobiographie einer arabischen Frau in die Literaturgeschichte einging, beschreibt eine weitgehend unbeschwerte Jugend im Sultanspalast, während derer sie viele Freiheiten genoss, Lesen lernte, sich das Schreiben selbst beibrachte, während ihr Bruder sie im Reiten und Schießen unterwies. Sie schildert das Leben einer selbstbewussten jungen Frau, die früh eigene Ländereien besaß und diese selbst verwaltete und bewirtschaftete. Lange blieb sie von jeglichem Heiratsdiktat verschont. Als sie Rudolph Heinrich Ruete kennenlernte, war sie zweiundzwanzig Jahre alt.

Die Schattenseiten: Als Kind ihrer Zeit und Gesellschaft, obwohl selbst Tochter einer als Kind verschleppten, tscherkessischen Sklavin aus dem Kaukasus, verteidigte sie die Sklaverei, bezeichnete diese als notwendige Institution. Das Palastleben hingegen wurde – wie wohl in Palästen weltweit üblich ­– bestimmt von Intrigen, in die auch sie entscheidend verwickelt war.

Sansibar – Zauberwort, Zauberort. Die Insel im Indischen Ozean, Wunschziel vieler ungestillter Sehnsüchte. Wer es sich leistete, in der Schule den Geographie- und Geschichtsunterricht zu verschlafen, benötigt zur genauen Bestimmung ihrer Lage einen Atlas. Erinnerungen an den exotischen Namen im Zusammenhang mit einer Lektüre aus lange zurückliegenden Deutschstunden: „Sansibar oder der letzte Grund“ von Alfred Andersch. Angestrengtes Durchforsten des Gedächtnisses, was es in jener Schilderung einer Flucht aus Nazi-Deutschland über die Ostsee eigentlich mit Sansibar auf sich hatte. Ein Anlass zum erneuten Lesen. In diesem Roman steht die Gewürzinsel vor der ostafrikanischen Küste stellvertretend für alles Fernweh und alle Reise- und Abenteuerlust, die einen jungen Menschen befallen kann, in jenem Fall den unter der Eintönigkeit des Lebens in einer unbedeutenden kleinen Hafenstadt und dem Fehlen jeglicher Perspektive leidenden Fischerjungen, der sich plötzlich in der Rolle eines Fluchthelfers wiederfindet.

Das Interesse europäischer Regierungen an Sansibar, insbesondere derer des gründerzeitlichen Deutschlands und des viktorianischen Englands, richtete sich jedoch auf ganz andere als rein touristische Abenteuer. Sansibar als Sitz der omanischen Dynastie der Al-Bu-Said, deren Macht und Einfluss bis nach Somalia, Uganda, Zaire und Malawi reichte, bildete sozusagen das Tor zu Afrika. Um es genauer zu sagen: Zu jenem begehrten Teil Afrikas, in dem Handelsgüter und Bodenschätze winkten und die Ökonomie auf der Arbeitskraft von Sklaven basierte, was man zwar begonnen hatte, vornehm zu kritisieren, aber billigend in Kauf nahm, solange es dem eigenen Profit diente. Jenes Afrika, welches durch die Erreichbarkeit auf dem Seeweg über das Mittelmeer durch den 1869 fertiggestellten Suezkanal in verlockende Nähe rückte. Keine umständlichen und beschwerlichen Landwege mehr, keine Wüstendurchquerungen, nicht länger das zeitraubende, gefährliche Umschiffen des riesigen Kontinents um das Kap der Guten Hoffnung, – sofern man sich den Kanalzoll leisten konnte. Auf Sansibar trafen sich Afrika und der Orient; die erträumten Reichtümer aus Tausendundeiner Nacht schienen nur darauf zu warten, gehoben zu werden, und hierbei wollte – wie üblich – jeder der Erste sein.

Einer der ersten Deutschen, die auf Sansibar bereits vor Fertigstellung des Kanals Handel trieben, war nun jener Kaufmann Ruete, Agent des Handelshauses Hansing & Co aus Hamburg. Über die Anfänge der ungewöhnlichen Liebesgeschichte, die sich zwischen ihm und der Prinzessin anbahnte, weiß man wenig. So wenig, wie sich feststellen lässt, ob sie tatsächlich romantisch-märchenhafte Züge trug. Weder erwähnte Salme etwas davon in ihren Memoiren, welche ursprünglich ihren Kindern zugedacht waren, die ohnehin spät von ihrer königlichen Herkunft erfahren hatten, noch sprach sie je darüber. So wie sie über vieles niemals sprach. Kein Wort über ihr erstes Kind, welches für ihre einstige Entscheidung, das Land zu verlassen, letztlich den Ausschlag gab. Schwanger von einem Ungläubigen, den ihre königliche Familie nie akzeptiert hätte, blieb ihr keine andere Wahl als die Flucht. Diese gelang ihr mit Hilfe des britischen Konsuls auf dem Kriegsschiff „H.M.S. Highflyer“, welches sie zunächst ins jemenitische Aden brachte, wo sie mehrere Monate auf den nicht sofort abkömmlichen, da in zahlreiche Geschäfte verwickelten Heinrich warten musste und zwischenzeitlich ihren Sohn zur Welt brachte. Nachdem sie durch Taufe das Christentum angenommen hatte, ließ das Paar sich trauen, um schließlich per Schiff und Bahn nach Europa weiterzureisen.

Wäre sie auch unter anderen als diesen Umständen mit nach Deutschland gegangen? Wir wissen es nicht. Die Trauer um den Sohn Heinrich jr., der die beschwerliche Reise nicht überstand und noch als Säugling starb, trug sie tief in sich verschlossen. Ihre weiteren Kinder, zwei Töchter und ein Sohn, wurden in Deutschland geboren und europäisch erzogen. Sie sollten ganz im Sinne ihres Vaters als Deutsche aufwachsen; dies stand für sie außer Frage, und so zog sie auch später als Witwe eine endgültige Rückkehr nie ernstlich in Betracht. Allerdings kämpfte sie einen mehrjährigen zähen, erfolglosen Kampf um ihr väterliches und mütterliches Erbe, das man ihr nach dem Verlassen des Landes enteignet hatte, denn der Tod ihres Mannes sowie die Verweigerung der Behörden, über dessen Vermögen verfügen zu können, stürzte sie in erhebliche wirtschaftliche Bedrängnis. Sie zog mit ihren Kindern mehrmals um, lebte in verschiedenen deutschen Städten, darunter Dresden, Rudolstadt, Berlin und Köln, in zunehmend dürftigen Verhältnissen, nur gelegentlich aufgebessert durch das Erteilen arabischen Sprachunterrichts oder durch Zuwendungen vereinzelter Vertreter des deutschen Adels, denen ihr Schicksal naheging. Ihren Sohn gab sie alsbald in eine Kadettenanstalt; so war zunächst für dessen Unterhalt gesorgt, und mit der Aussicht auf eine militärische Laufbahn auch für seine Zukunft, wovon man im säbelrasselnden Europa des späten neunzehnten Jahrhunderts überzeugt war. Dass der als sensibel geltende Junge unter der Trennung von der Familie, der leidlichen Versorgung und dem in jenen Einrichtungen üblichen harten Drill litt, mag ihr schmerzlich bewusst gewesen sein; eine Wahl hatte sie jedoch auch hier nicht.

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1885 reiste sie erstmals in Begleitung ihrer drei Kinder nach Sansibar, eine Aktion, die in Begleitung deutscher Kriegsschiffe, unter Wahrung strenger Geheimhaltung stattfand. Die Unterstützung Bismarcks dürfte kaum darauf zurückzuführen gewesen sein, dass man sich allzu sehr für Prinzessin Salmes persönliches Schicksal interessierte. Vielmehr instrumentalisierte man sie angesichts schwelender Gebietsstreitigkeiten für deutsche Kolonialinteressen. Wäre ihr als deutscher Staatsbürgerin bei dem Versuch, ihre Erbansprüche durchzusetzen, etwas zugestoßen, hätte man dies als willkommenen Vorwand für ein militärisches Eingreifen Deutschlands angesehen. Dies jedoch geschah nun nicht; die Prinzessin wurde von ihrem regierenden Halbbruder schlicht nicht empfangen. Auch eine zweite Reise 1888, auf der nur noch ihre jüngste Tochter sie begleitete, blieb ohne Erfolg. Infolge des Helgoland-Sansibar-Vertrages, in dem Deutschland 1890 endgültig auf Gebietsansprüche, Sansibar betreffend, verzichtete, verebbte das deutsche Interesse an der Prinzessin. Von britischer Seite hingegen war ebenfalls keine Unterstützung zu erwarten, vereitelte man ihr bereits 1875 einen Versuch der Kontaktaufnahme anlässlich eines Staatsbesuchs ihres Bruders in London, ohne je die im Gegenzug versprochenen Unterhaltszahlungen zu leisten. Eine Rückkehr zum islamischen Glauben, die einzige Möglichkeit zur Wiederaufnahme in die königliche Familie, stand für sie, die sich selbst als „schlechte Christin“ bezeichnete, außer Frage. Erst ein Jahr vor ihrem Tod wurde ihr seitens eines Neffen des Sultans eine kleine Rente in britischen Pfund zugebilligt, verbunden mit der Auflage, auf alle weiteren Ansprüche endgültig zu verzichten.

Emily Ruete kehrte nach der zweiten Fahrt in die Heimat nicht nach Deutschland zurück, reiste stattdessen durch den Nahen Osten und ließ sich im Libanon nieder. Schließlich lebte sie für längere Zeit in Beirut. Auch hier war sie eine Fremde, jedoch eine unter vielen anderen in der belebten Mittelmeerhafenstadt. Dies ermöglichte ihr, der mit der orientalischen Lebensweise ohnehin Vertrauten, ein ungezwungeneres Leben, als ihr dies in Deutschland mit dessen gesellschaftlichen Zwängen möglich gewesen wäre. Ein Leben, welches sie sich nun aufgrund der Einkünfte aus ihrem zwischenzeitlich erschienenen, sehr erfolgreichen Buch, vielleicht auch mittels zusätzlicher Unterstützung ihres Sohnes, leisten konnte.

Aus der Sicht und späten Rückschau der Kinder schaut nun der Roman des Schweizer Autors Lukas Hartmann, „Abschied von Sansibar“, auf die damaligen Ereignisse. Kinder, deren Leben früh geprägt wurde von der Zerrissenheit zwischen grundverschiedenen Welten. Kinder, deren Welt, in die sie hineingeboren wurden, sich als Pulverfass erweisen sollte, dessen Explosion in zwei verheerenden Weltkriegen unmittelbar bevorstand. Kinder, die lebenslang unter dem bedrückenden Schweigen ihrer Mutter litten, die als Erwachsene versuchen, aus Momentaufnahmen der Erinnerung das Bild ihres ungewöhnlichen Lebens zu rekonstruieren. Geschwister, einst unzertrennlich im gemeinsamen Bewusstsein des „Anders-Seins“ ihrer Familie. Nach dem Tod des Vaters auf Zusammenhalt angewiesen in Zeiten, da die Mutter krank vor Heimweh, Kälte und Isolation manchmal tagelang das Bett nicht verließ und andere Kinder ihnen auf dem Schulweg auflauerten, um sie auszufragen und zu verhöhnen. Verbunden durch die gemeinsam erlebten Eindrücke der ersten Sansibar-Reise. Und dennoch trennen sich ihre Wege später infolge der unruhigen Zeiten und politischen Verhältnisse, welche die Familie spalteten.

Die älteste Tochter Antonie Thawka lebt lange mit der Mutter in Beirut, heiratet spät, mit dreißig Jahren, den Kolonialbeamten Eugen Brandeis, mit dem sie mehrere Jahre auf den mikronesischen Marshallinseln im westlichen Pazifischen Ozean lebt, wo auch ihre beiden Töchter zur Welt kommen. Auch sie betätigt sich schriftstellerisch, verfasst ein „Kochbuch für die Tropen“ für Frauen der Kolonisten. Die Härte und Grausamkeit ihres Mannes gegenüber der einheimischen Inselbevölkerung, die ihm letztlich sogar seitens seiner gewiss nicht zimperlichen Vorgesetzten eine frühzeitige Versetzung in den Ruhestand einträgt, erträgt sie nur schwer. Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland engagiert sie sich im Frauenbund der Deutschen Kolonialgesellschaft und wirkt an der Gründung einer Frauenkolonialschule und an der Internationalen Ausstellung für Hygiene 1911 in Dresden mit. Von Brandeis entfremdet sie sich zunehmend. In späten Ehejahren erwirkt sie die Trennung.

Die jüngste Tochter Rosalie Ghaza heiratet ebenfalls spät den patriotisch gesinnten Offizier Martin Troemer, der es zum Rang eines Generalmajors bringen wird, um nach dem Ersten Weltkrieg als Überlebender der Schlachtfeldhölle Verdun als in sich gekehrter, schweigsamer Mensch zurückzukehren. Eine ihrer beiden Töchter wird den berüchtigten nationalsozialistischen Militärjuristen Erich Schwinge ehelichen.

Der Sohn Said, der später den zusätzlichen Namen Rudolph tragen wird, schlägt die militärische Laufbahn ein, in deren Verlauf er, den es in den Orient zieht, Bismarck persönlich mit Erfolg um Versetzung ins Konsulat nach Beirut ersucht. Als fast Dreißigjähriger gibt er die Offizierskarriere jedoch unvermittelt auf, wird zunächst Eisenbahninspektor in Ägypten, betätigt sich danach als Bankier, angetrieben von der Idee, durch Förderung von entsprechenden, auf Ausgleich und Verständigung ausgerichteten Projekten dem Frieden dienen zu können. Zuletzt wird er mit seiner Frau, der aus begüterter Familie stammenden Jüdin Therese Matthias, mit der er einen Sohn und eine Tochter hat, abwechselnd in London und in der Schweiz leben. 1906 erhält er vom Hamburger Senat die Erlaubnis zum Führen des Doppelnamens Said-Ruete.

Die Katastrophe des Ersten Weltkrieges bringt zahllose Verwirrungen und Veränderungen mit sich. Emily Ruete, die sich bei dessen Ausbruch zu Besuch bei ihrer Tochter Rosalie in Bromberg in der damaligen Provinz Posen, heute Bydgosc in Polen, befindet, wird nicht in den Nahen Osten zurückkehren. Sie lässt sich zunächst an Ort und Stelle nieder und zieht später mit Familie Troemer nach Jena, wo sie 1924 plötzlich schwer erkrankt und stirbt, ohne ihre Heimat nochmals gesehen zu haben. Ihre Kinder setzen ihre Urne im Familiengrab der Ruetes auf dem Hamburger Friedhof Ohlsdorf bei. Danach werden sich die Wege der Geschwister nur noch selten kreuzen.

Rudolph-Said wandelt sich mehr und mehr zum Pazifisten. Er, der während seiner im Nahen Osten verbrachten Jahre unter anderem auch versucht hat, zwischen Palästinensern und Zionisten zu vermitteln, vermag in diesem Krieg nichts anderes als eine verheerende Katastrophe zu sehen und macht sich in Leserbriefen an die Neue Züricher Zeitung für schnellstmögliche Friedensschlüsse zwischen den Nationen stark, was ihm in Deutschland den Ruf eines Landesverräters einträgt. Auch er wird seiner Heimat den Rücken kehren. 1934 gelingt es ihm schließlich, die britische Staatsbürgerschaft zu erlangen, was ihn und vor allem seine jüdische Frau vor Nachstellungen durch die Nationalsozialisten bewahrt. Beide leben während des Zweiten Weltkrieges in London und versuchen, jüdischen Emigranten zu helfen. Nach Ende des Krieges sucht Therese aufgrund eines Lungenleidens ein Sanatorium in Luzern auf, während Rudolph sich unterdessen im Hotel Schweizerhof in Luzern einquartiert. Dort erreicht ihn eine Nachricht mit der Sterbeurkunde seiner Schwester Antonie, die in Bad Oldesloe in den letzten Kriegstagen infolge britischer Bombardierungen der Stadt ums Leben gekommen ist. In die schmerzhafte Erkenntnis, dass es die Bomben seiner Wahl-Landsleute waren, die seine Schwester töteten, mischt sich nochmals das Bewusstsein des Absurden, der bitteren Ironie unseliger Zeiten. Mithilfe von eigenen Erinnerungen und Brieffragmenten der Geschwister versucht Said, die vergangenen Ereignisse im Nachhinein zu ordnen und zu verstehen, wobei viele Fragen offen bleiben.

Im Roman kommen die Geschwister im Wechsel zu Wort, wenngleich Rudolph die Hauptfigur der Handlung bleibt. Die einzelnen Kapitel beginnen mit Auszügen aus einem Brief,  den Prinzessin Salme 1883 in arabischer Sprache an ihren Bruder, Sultan Bargash von Sansibar, mit der Bitte um Aussöhnung sandte. Auf der Grundlage intensiver Nachforschungen zeichnet Lukas Hartmann fernab jeglichen Prinzessinnenkitsches ein berührendes Bild des ungewöhnlichen Lebens einer ungewöhnlichen Frau und Schriftstellerin, auf deren Grabplatte zuletzt ein Vers Theodor Fontanes aus der Ballade „Archibald Douglas“ stehen wird: „Der ist in tiefster Seele treu, wer die Heimat liebt wie Du.“ Die Zerrissenheit ihrer Familie hingegen spiegelt auf beklemmende Weise die Zerrissenheit der menschlichen Gesellschaft während eines unruhigen Jahrhunderts mit all seinen nur schwer durchschaubaren Verwicklungen wider. Der Aktualität des Erzählten, auch hundert Jahre später, wird sich deutlich bewusst, wer sich mit den Konflikten unserer eigenen Zeit konfrontiert sieht und diese nicht allzu verschieden von den früheren findet. Verworrener noch als ehedem, von einer friedlichen Beilegung in vielen Fällen weiter entfernt als je zuvor, beunruhigender allemal im Hinblick auf die Existenz von Massenvernichtungswaffen, deren Gefahrenpotenzial unsere Vorstellungskraft übersteigt. Wir Nachgeborenen, die wir aufgefordert sind, das Erbe der Verantwortung für eine friedlichere Welt anzutreten, keine Wahl haben, es auszuschlagen, werden uns dem nicht stellen können, ohne uns mit der Geschichte auseinanderzusetzen. Historische Daten, Zahlen und Fakten beschreiben das beobachtete und dokumentierte äußerliche Geschehen. Was die einzelnen Menschen jeweils zu ihren Zeiten in ihrem Inneren bewegte, bleibt jedoch im Verborgenen. Nachgelassene persönliche Aufzeichnungen helfen, Licht in dieses Dunkel zu bringen. Sie gilt es wiederum zu deuten und zu interpretieren. Nicht jeder lässt hierbei die Sorgfalt walten, die geboten wäre. Lukas Hartmann hingegen bringt uns die Akteure der Handlung auf sehr glaubwürdige Weise nahe. Er zeichnet klar umrissene Charaktere mit Stärken und Schwächen, räumt ihnen das Recht ein, zu scheitern und lässt sie davon Gebrauch machen, ohne deshalb je ihre Würde in Zweifel zu ziehen. Der Roman stimmt nachdenklich, traurig zuweilen, ohne jedoch zu deprimieren. Er redet nicht der Kapitulation vor dem Leiden an den Verhältnissen das Wort, vielmehr – bei aller Tragik – einer unerschütterlichen Zukunftshoffnung, die über alle Zeitlichkeit hinauszureichen vermag.

Bettina Johl

Lukas Hartmann: Abschied von Sansibar, Roman. Diogenes Verlag, Zürich 2013.
336 Seiten, 22.90 €. ISBN 978-3-257-06867-2

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