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Begegnung – Eine Kurzgeschichte

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Ich hätte es wissen müssen. Es stand fest, dass es geschehen würde. Dennoch traf es mich unvorbereitet. An einem jener schwer lastenden Tage des alt gewordenen Sommers, an denen bereits alle Zeichen auf Herbst stehen, ohne dass der Herbst wirklich begonnen hätte. Reste von Gewitterschwüle, deren Entladung keine Erfrischung, keine Erleichterung mit sich bringen will, nur unguten Wind aufkommen lässt, vor dem wir frösteln, ohne dass uns wirklich kalt wäre. Etwas Angespanntes, fast Lauerndes scheint in der Atmosphäre zu liegen. Keine Vorstellung, wer denn wem auflauern sollte, oder wer dies von wem zu befürchten hätte. Allem Unbehagen zum Trotz hatte ich mich auf diese Wanderung begeben, allein. Nicht etwa, weil sich keine Begleitung gefunden hätte, sondern weil ich das Alleinsein vorziehe. Weil es mir ermöglicht, unterwegs Dingen Aufmerksamkeit zu schenken, an denen ich während einer Unterhaltung achtlos vorüberginge. Und auch, um in Ruhe meinen Gedanken nachzuhängen, die, von vier Wänden umgeben, oft quälende Kreise ziehen, während sie sich im Freien aufzulösen und ordnen beginnen.

Den Weg, den ich wählte, war ich oft zuvor gegangen. Er führt durch ein schattiges Tal, in dem sich entlang eines Bachlaufes mehrere Wassermühlen finden. Jede dieser Mühlen ist mehrere hundert Jahre alt. Manche wirken verlassen und heruntergekommen, sind kaum zugänglich, von verwilderten Gärten umgeben; ihre dunklen Kellergewölbe und die schwarz aus verwitterten Rahmen starrenden Fenster lassen, besonders wenn sich das Licht der untergehenden Sonne in ihren zerbrochenen Scheiben spiegelt, manchen Gedanken an Gespensterspuk aufkommen. Andere wiederum sind neu bewohnt und restauriert, wirken fast idyllisch, was über ihre wahre, wenig romantische Vergangenheit hinwegtäuschen will. Die alten Gebäude aus Stein und Fachwerk zeugen vom harten Leben eines Berufsstandes, der einst als einer der am wenigsten angesehenen galt. Ihm anzugehören bedeutete in jenen Tagen schwere Arbeit, gesellschaftliche Ächtung und Armut. Vielleicht war es eine Ahnung dessen, die mich das Tal stets mit gemischten Gefühlen durchqueren ließ; einerseits zog es mich an, andererseits drückte es mich merkwürdig nieder. Lieber wählte ich zuweilen einen Seitenpfad, der nach den ersten beiden Mühlen nach rechts abzweigt und durch Bannwald steil aufwärts zu einer Schlucht führt, die man auf einer brüchig wirkenden Holzbrücke überquert, um sodann auf die Anhöhe und freies Feld zu gelangen. Der Weg verläuft zunächst an einem entlegenen, von hohen Bäumen umstandenen, jahrhundertealten jüdischen Friedhof entlang und führt danach wieder durch Wald zu einer Burg, von deren Terrasse man einen weiten Blick über das Tal des Flusses hat, in den unterhalb des Bergsporns jener Bach mündet, der die Mühlen einst betrieb.

Wie immer hatte ich auch diesmal auf der Burg Rast gehalten und bei einer Tasse Kaffee in die Ferne geschaut. Es war später Nachmittag und die meisten der Besucher von Museum und Falknerei hatten den Heimweg angetreten. Die sonst gut besetzte Terrasse hatte sich bereits geleert, und mit dem Abzug der Menschen legte sich eine tiefe Stille über die alten, geschichtsträchtigen Mauern, in denen einst ein Märchendichter eine Novelle verfasste, die heute kaum einer mehr kennt.

Der Rückweg führte mich über den unteren Burggarten, dessen späte Rosen in der Abendsonne leuchteten, auf einen Pfad, der steil abfallend in das untere Mühlenbachtal an der Nordseite des Burgbergs führte. Neblige Kühle umfing mich; aus der Senke hatte sich das Sonnenlicht längst zurückgezogen. Außer dem Murmeln des Wassers war kein Laut zu hören. Jenseits des Baches gab es eine Straße, von der hin und wieder das Geräusch eines Fahrzeugs herüber drang; es war eine wenig befahrene Nebenstrecke. Selbst die Vögel waren hier völlig verstummt, sie schienen sich auf die Höhen zurückgezogen zu haben. Nach einem kurzen Stück durch den Wald kam eine der unteren Mühlen in Sicht, an deren Rückseite der Pfad endet. Indem man ihren Hof durchquert, gelangt man auf den Hauptweg, der über die oberhalb gelegenen Mühlen zum Ausgangspunkt zurückführt. Jene Mühle beherbergte eine kleine Gaststätte, die es schon gab, seit ich zurückdenken kann. Irgendwann hatte man sie in einen neu renovierten Gebäudeteil verlagert und modernisiert. Auf der verwinkelten Gartenterrasse saßen wenige Gäste. Das Tal lag düster und wirkte verlassen, als wäre der Tag viel weiter fortgeschritten. Über den Wiesen hingen vereinzelt Nebelschwaden. Kaum eine Spur mehr von Wanderern, Joggern, Spaziergängern und Radfahrern, die diese Gegend zu anderen Tageszeiten bevölkerten. Nun, sie würden mir nicht fehlen.

Die Mühle war kaum außer Sicht, als ich Schritte hinter mir vernahm. Sie näherten sich rasch, wirkten fest, energisch, – bei all dem nicht unbedingt eilig, aber doch forsch, deuteten auf jemanden, der ein Ziel vor Augen hatte. Kurz darauf tauchte eine Gestalt zu meiner Linken auf und ich sah, dass es eine junge Frau war. Auf meiner Höhe angelangt, sah sie kurz auf und grüßte mit der Andeutung eines Lächelns. Sie hatte mich bereits überholt, als sie sich nochmals umwandte. Etwas Erstauntes, Fragendes schien jetzt in ihrem Blick zu liegen, das sich jedoch sofort wieder verflüchtigte. Dann setzte sie ihren Weg fort, wobei sie rasch den Abstand zwischen sich und mir vergrößerte. Sie schien so groß wie ich, trug einen kleinen Rucksack, darunter eine Windjacke, ihr Haar offen über den Schultern, robuste Jeans und leichte Sportschuhe aus rauem Leder.

Frauen allein unterwegs bieten noch immer einen eher seltenen Anblick. Wenn sich zufällig zwei von ihnen begegnen, wechseln sie manchmal Blicke wie in geheimem Einvernehmen, seltener Worte. Wer die Einsamkeit aufsucht, hat seine Gründe, allein sein zu wollen. Dasselbe setzt man beim anderen voraus und respektiert es von vorneherein. In ihrem Blick hatte etwas anderes gelegen. Etwas wie Wiedererkennen. Aber woher? Ich war mir sicher, dieser jungen Frau nie begegnet zu sein, dennoch erschien mir etwas an ihr vertraut. Als ich aufsah, war sie bereits hinter der Wegbiegung verschwunden, ihre Schritte verklungen. Zur Rechten erstreckte sich ein Wiesenhang hinauf bis zum Waldrand, dort sah ich ein Reh stehen, das in meine Richtung schaute. Der Ruf eines Eichelhähers schreckte es auf, es wandte sich um und setzte mit großen Sprüngen ins Dickicht hinein. Es musste schon eine Weile dort gestanden und mich beobachtet haben. Aber warum hatte es sich von ihr nicht erschrecken lassen, die doch vor mir her ging? Und warum hatte der Häher nicht vor ihr gewarnt? Ein kühler Luftzug streifte mich.

Ich durchquerte das Wäldchen, beschleunigte, hatte es plötzlich eilig. Mein Herz hämmerte. Ich lief. Die Frau war nirgends zu sehen. Außer Atem erreichte ich schließlich eine Wegkreuzung, an der sich eine Raststelle befand. Hierhin war das fehlende Sonnenlicht zurückgekehrt, schien wie selbstverständlich golden glänzend durch die Bäume. Ich füllte meine Wasserflasche am Brunnen und ließ mich auf eine der hölzernen Bänke fallen. Noch immer jagte mein Puls. Hatte ich geglaubt, mich einholen zu können? Plötzlich stand mir alles klar vor Augen.

Ein ähnlicher Spätsommertag. Fünfundzwanzig  Jahre zuvor. Die junge Frau auf dem Rückweg von einer Wanderung, die sie alleine unternommen hatte. Obwohl – von „allein“ zu sprechen traf es nicht ganz, denn in ihrem Leib hatte sich neues Leben angekündigt, wenngleich ihr das noch nicht anzusehen war. Ihr erstes Kind, auf das sie sich freute. Eigentlich war es ihr zweites, das erste war eine Fehlgeburt gewesen. Dieses würde keine werden, sie war sich sicher. Dieses Kind würde leben. Es sollte ihr einziges bleiben, aber das konnte sie zu dieser Zeit nicht wissen. Sie war guter Dinge. Das Kleine hatte sich eingerichtet und bereitete ihr keine Beschwerden. Im Gegenteil. Sie fühlte sich kräftig, es ging ihr so gut wie nie zuvor – und nie wieder danach, aber auch das wusste sie noch nicht. Ihr Mann war zur Kur gefahren; sie verbrachte viel Zeit allein und hatte begonnen, Gefallen daran zu finden. Sie war zur Burg gewandert, auf dem bekannten Weg, hatte sich zwischendurch geringfügig verlaufen, und war auf einen entlegenen Waldweg geraten. Dort begegnete sie einem Fuchs. Es war der erste Fuchs in freier Wildbahn, den sie in ihrem Leben aus der Nähe zu sehen bekam; sie würde dies nie vergessen. Er hatte plötzlich vor ihr gestanden, wohl genauso erschrocken wie sie selbst. Eine Füchsin, denke ich mir heute – eine Fähe. Mager hatte sie ausgesehen, als wenn sie mehr für ihre Jungen jagte, die sich vermutlich irgendwo in der Nähe versteckt hielten, als für sich selbst. Und als ob sie selten schlief. Das Los aller Mütter. Die Fähe war sekundenlang wie festgewachsen auf der Mitte des Weges stehen geblieben, hatte sie mit aufmerksamen Fuchsaugen angeschaut und sich dann ohne zu große Eile ins Dickicht verzogen. Bildete sie sich ein, dass Traurigkeit in diesem Blick gelegen hatte? Die Gabe, das Leid der Tiere und mit ihm die eigene Verlorenheit zu fühlen, die zum Fluch werden kann. Füchse sind sehr klug, tröstete sie sich. Dieser wird es schaffen! Sie werden ihn nicht vor die Flinte bekommen. Sie mochte Füchse sehr und freute sich, dass es ihr vergönnt gewesen war, einem zu begegnen. Sie war weiter zur Burg gewandert, hatte auf der Terrasse in der Sonne gesessen, auf den Fluss geschaut, der ihr Fluss war, immer schon, und eine Tasse Tee getrunken – keinen Kaffee, den mochte sie während dieser Zeit nicht, das Kind wehrte sich dagegen. Es trinkt bis heute keinen. Nie. Später hatte sie noch einige Zeit im Burggarten gesessen und die Rosen bewundert. Die Sonne war tief gesunken, als sie den Rückweg an der Schattenseite des Berges antrat. Sie war zügig ausgeschritten, hatte sich nicht aufhalten lassen. Alsbald war sie zur Mühle gelangt, hatte deren Hof durchquert und befand sich nun auf dem Weg durch das obere Tal.

Außer der Frau, die vor ihr ging, schien niemand unterwegs zu sein. Diese war ähnlich gekleidet und ausgerüstet wie sie selbst. Sie ging langsam, schien es nicht eilig zu haben. Sie war nicht mehr jung; aus nächster Nähe war es ihr anzusehen. Die junge Frau hatte sie sehr bald eingeholt. Sie warf ihr einen verstohlen neugierigen Seitenblick zu und grüßte etwas verlegen, als die Ältere aufsah und ihre Blicke sich begegneten. Etwas wie Verwunderung las sie in deren Augen. Vertraut schien sie ihr – und doch fremd. Aber es war natürlich unhöflich, jemanden anzustarren. Sie ging rasch weiter. Irgendetwas veranlasste sie, sich nochmals umzudrehen und zurückzuschauen. Sie sah den Blick der anderen auf sich ruhen. Etwas in ihr ahnte dunkel, dass diese etwas wissen könnte, das mit ihr zu tun hatte. Etwas, das wichtig war. Ein kurzer Impuls, stehen zu bleiben, sie anzusprechen, sie einfach zu fragen. Sie zögerte – und ging dann weiter. Sie wagte es nicht. Als sie sich nochmals umdrehte, war die Ältere verschwunden. Wohin mochte sie so schnell abgebogen sein? Der Weg teilte sich auf diesem Abschnitt doch nirgends? Oder hatte sie etwas vergessen und war zurückgegangen? Aber wohin? Woher war sie gekommen? Auf der Burg hatte sie sie nicht gesehen. Nachdenklich setzte die Jüngere ihren Weg fort. Sie gelangte zum Rastplatz, der ruhig in der Abendsonne lag, setzte sich auf eine Bank und schloss die Augen. Sie versuchte, Ordnung in ihre Gedanken zu bringen. Die Frau, der sie begegnet war, hatte etwas mit ihr zu tun, das fühlte sie. Was immer sie suchte, diese schien den Schlüssel dazu zu besitzen. Warum bin ich an ihr vorbeigegangen, statt einfach ein Stück des Weges neben ihr zu bleiben? Wollte ich es nicht wissen? Fürchtete ich, zurückgewiesen zu werden? „Wo bist Du?“ Sie hatte diese Worte nur mehr geflüstert, dennoch erschrak sie über ihren Klang, es war ihr, als hallten sie von der nahen Schlucht her zurück.

War da ein Ruf? Es ist alles ruhig. Puls und Atemfrequenz – fast – wieder normal. Die Sonne scheint. Zwitschern vereinzelter Vögel. Manchmal knacken Äste. Es sind die Geräusche des Waldes, die mich nie beunruhigen. Stets habe ich in meinem Leben das Gefühl, dass der Wald, sobald ich mich in ihm befinde, einen Mantel um mich breitet. Das Grün der Bäume wirkt ausgelaugt, Zeichen des alternden Sommers. Bald ist Herbst.

© Bettina Johl

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Der Rodensteiner – Literarische Spurensuche im Odenwald

Woher es kommen mag, dass wir bestimmte Wege und Gegenden immer wieder mit bestimmten Jahreszeiten in Verbindung bringen, als wenn sie untrennbar miteinander verbunden wären? Frühlingswege, Herbstwege…, die uns das Gefühl geben, dass uns etwas fehlt, wenn wir versäumen, sie zu ihrer Zeit aufzusuchen? Oder warum sonst erscheint bei Herbstbeginn stets ein Bild vor meinem inneren Auge: Silberner Morgennebel über Wiesen mit Obst- und Walnussbäumen, durch die sich von Erlen und Pappeln gesäumte Bachläufe ziehen, ein Weg, der sich in die Höhe schlängelt, bis der Wald erreicht ist, mit hohen Buchen, zwischen denen der Nebel sich senkt, von der aufsteigenden Sonne zunehmend mehr in Gold getaucht, bis die Luft auf den Höhen frisch und klar die weitesten Ausblicke ermöglicht, die Lungen weitet und die Sinne belebt? Geheimnisvoll dunkle Pfade durch Nadelgehölz, hölzerne Wegweiser mit der Aufschrift „Zur Burg“, die das Kind ehrfürchtig entziffert; Fotos zeigen es mit Stock und Hut munter nebeldurchzogenen Wald durchqueren, Anhöhen erklimmen, immer hinter der nächsten Biegung eine neue Überraschung erwartend, schließlich stolz auf Felsen oder altern Burgmauern stehend, die es zu erforschen gilt, – auf den Spuren der Natur, vergangener Zeiten und alter, oft unheimlicher Geschichten. Und dies alles nicht ohne schließlich nach all dem Erlebten und neu Entdeckten hungrig von der frischen Luft einzukehren in ein schönes Café oder ein gemütliches Gasthaus.

Das Kind ist groß geworden – seiner wanderbegeisterten Mutter längst über den Kopf gewachsen und eigene Wege gehend, wie es sein muss – ist noch immer gern in der freien Natur unterwegs, wenn auch die gemeinsamen Touren selten geworden sind. Ein Telefongespräch: „Wir wollen mal wieder zum Rodensteiner, hast du nicht Lust, mitzukommen?“ „Mama, – du weißt doch, ich hab Bandprobe…“ Schwingt da ein Bedauern mit? „Dann vielleicht ein andermal? Wir wollen noch öfter hin, würden gern darüber schreiben.“ „Okay! Sagt mir Bescheid, vielleicht krieg ich’s nächstes Mal hin!“

Die Gegend, in die es uns dieser Herbsttage zieht, zählt zum Geo-Naturpark Bergstrasse-Odenwald. Sie liegt im Herzen des Odenwaldes um die Neunkirchener Höhe und die Täler der an ihr entspringenden Flüsschen Modau und Gersprenz, im Bereich der Städtchen Reichelsheim, Lindenfels, Fränkisch Crumbach und vieler umliegender Dörfer, teils in entlegenen Tälern, teils auf steilen Anhöhen; Ortschaften, in denen die Zeit innezuhalten scheint, zumindest auf den ersten Blick. Es ist die Landschaft, in der die seit Jahrhunderten überlieferte Sage vom wild umherziehenden, Krieg und Frieden ankündigenden Schnellertsherrn – oder Rodensteiner Ritter – noch gegenwärtig ist, wo Steine von längst vergangenen Ereignissen künden, als hätten sie sich gestern zugetragen.

Das lebendigste Zeugnis dieser alten Überlieferungen und Geschichten verdanken wir dem Dichter Werner Bergengruen, der diese in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts in seinem „Buch Rodenstein“ einfühlsam nacherzählte. Das Buch ist derzeit leider nur antiquarisch erhältlich. Ich bin froh, es bereits vor etwa fünfzehn Jahren erstanden zu haben; zufällig stieß ich darauf in einer Buchhandlung in Michelstadt, erinnere mich deutlich der sich erhellenden Miene des Buchhändlers, als ich es ihm über den Tresen reichte: „Ah, sieh an, das Buch vom Onkel Werner!“ Von dem hier so liebevoll genannten, ursprünglich aus dem Baltikum stammenden Schriftsteller hatte ich selbst zuvor nie gehört. Auch erinnere ich mich nicht, dass er in der Schule behandelt – und somit interpretiert, zerpflückt und ganzen Generationen sauer gemacht worden wäre; es ist ihm durch glückliche Vorsehung erspart geblieben, und ich konnte „Das Buch Rodenstein“, welches mich magisch anzog, ohne Argwohn in die Hand nehmen, – um ab der ersten Zeile in seinen Bann gezogen zu werden.

„Komm, setze dich zu mir. Es ist ein schlimmer Abend heute. Aller Sommer ist tot.“

Heute, da ich es wieder hervorhole, scheint sich seine Wirkung noch verstärkt zu haben. Hat es etwas mit dem Lebensalter zu tun? Seit jeher faszinierte mich an alten Sagen, wie sich historische Begebenheiten und Figuren mit Mythen und vorzeitlichen Überlieferungen überlagern, und auch, wie Sagenstoff aus ganz verschiedenen Gegenden immer wieder ähnliche Elemente aufweist. Wo dies wohl herrühren mag? Warum sich nicht neu dem Rätsel auf die Spur begeben? Wir machen uns auf den Weg.

Von der Bundesstraße, welche Lindenfels und Reichelsheim verbindet, führt eine kleine Landstraße aufwärts zu dem einsam gelegenen Dorf Winterkasten, welches wir als Ausgangspunkt für unsere Wanderung gewählt haben. Der Name klingt nach Abgeschiedenheit, Eingeschneitsein, kündet vom Winter, erinnert an das Gelesene:

„Höre. Ich will dir ein Geheimnis sagen. Frühling stürzt in Sommer, Sommer in Herbst, Herbst in Winter. In was kann der Winter stürzen, wenn nicht in den Tod? Jeder Winter ist der letzte, wie jeder Tod der einzige ist.“

Und es ist Herbst, September noch, ein Nachklang sommerlicher Wärme, der „erste Herbst, die Zeit der brennenden Dornbüsche, der Reife, der Fülle, der Milde…“ Ein zweiter Herbst wird angekündigt, „der Herbst der nebelverhangenen Morgenberge, des fröstelnd abwärts gleitenden Laubes, der Witwenschleier früher Abenddämmerung und der großen, ewigen Stürme, aus deren Sausen das Ross des wilden Jägers schnaubt…“, – aber so weit sind wir noch nicht. Die „Rösser“, die wir erspähen, erweisen sich beim Näherkommen als zwei schwarze Esel, die sich stimmgewaltig in Szene zu setzen verstehen; sie weiden friedlich zwischen hellen Rindern auf grünen Wiesen mit alten, flammend orangerot leuchtenden Birnbäumen. Heißt der Maler Herbst oder Birnengitterrost? Es spielt keine Rolle. Die Farben haben etwas Belebendes.

Der Weg, der vom Dorf aufwärts zur Neunkirchener Höhe führt, ist steil, dafür belohnt er nach kürzester Zeit mit traumhaften Ausblicken. Bald ist der Wald erreicht, und nach einem weiteren Anstieg kommt zwischen hohen Buchen der Kaiserturm in Sicht. Mit stattlichen 605 Höhenmetern ist die Neunkirchener Höhe die zweithöchste Erhebung des Odenwaldes.

Um die Rundsicht genießen zu können, ist der hohen Bäume wegen das Ersteigen des Turms nötig. Es lohnt sich. Der Blick reicht über Melibokus und Auerbacher Schloss zur Rheinebene und ins Ried, bei guter Sicht bis hinüber zur Pfalz, im Norden über die modernen Türme Frankfurts zum Taunus, über die Odenwaldberge im Süden, und im Osten gar bis hin zum Spessart.

In der Turmstube findet sich freundliche Bewirtung und Stärkung bei gutem Kaffee und frischem Blechkuchen, halb mit Äpfeln, halb mit Zwetschgen belegt. Der Wirt lacht etwas verlegen, als ich sage: „Der sieht gut aus, – von dem nehme ich gleich zwei Stück!“ – „Das war eigentlisch bloß e Notleesung, die Quetsche waret all, da hab isch mit de Äppel weitergemacht“, erläutert er im schönsten Hessisch. Die Stimmung ist locker und fröhlich. Man sitzt unter anderen Wanderern an Holztischen im Freien und genießt die letzten sonnenwarmen Stunden. Wir gesellen uns zu einer Familie aus Dortmund – ein älteres Ehepaar und ihr erwachsener Sohn – die sich als offene, sympathische Gesprächspartner erweisen. Sie kämen schon dreißig Jahre hierher, erzählen sie. In der Nähe von Fränkisch Crumbach seien sie untergebracht, dort vor vielen Jahren „zufällig mal gelandet und dann einfach hängengeblieben“, und der Sohn, – ja, den ziehe es auch immer wieder her. Der junge Mann lacht und nickt bestätigend. Was es ist? – Die Natur, das ländliche Leben, die Höhenluft, die Ruhe, das Fehlen der üblichen Hektik, ja, und vielleicht auch das geheimnisvoll Sagenumwobene der Gegend. Nach angeregter Unterhaltung fällt es schwer, sich wieder loszureißen.

Wir kommen später los als geplant, obwohl der größte Teil der Strecke noch vor uns liegt.

Der Weg führt an beeindruckenden Felsformationen entlang ein Stück bergab zur Gersprenzquelle, der Ursprung des Flüsschens, welches in seinem weiteren Lauf einem ganzen Tal seinen Namen leiht. Ein hölzernes Schild mit dem Spruch: „Ohne dich, klein und schlicht, gäb es unsre Gersprenz nicht!“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Kurz darauf lichtet sich der Wald, und hinter Pferdekoppeln kommt die malerische ehemalige Wallfahrtskirche von Neunkirchen in Sicht, der höchstgelegenen Ortschaft des Odenwaldes mit entsprechend weiter Aussicht nach Norden. Auch hier genießt man die Sonne, sitzt im Freien, auf Caféterrassen, an der Kirchhofmauer, auf dem Dorfplatz.

Ab hier stellen sich erste Zweifel ein über den weiteren Richtungsverlauf; die Markierung ist nicht mehr stimmig, offensichtlich wurde zwischenzeitlich die Wegführung geändert und unsere Karte ist zu schlicht alt. Unser Pech! Kramen in der Erinnerung. Rechts, – ja! Vorbei an der sagenhaften Heilquelle, welche auf weniger romantische Weise in einen modernen Schacht eingefasst wurde. Alte Erzählungen ranken um sie. Im Mittelalter soll sie große Pilgerscharen angezogen haben; es ist die Rede vom Leben und Wirken einer Einsiedlerin, gar der beiden legendären syrischen Ärzte und Märtyrer Cosmas und Damian, nach welchen auch die – seit Reformationstagen evangelische – Kirche benannt ist. Historische Belege gibt es wenige; die Spuren verlaufen sich im Dunkeln. So auch unser Weg, der sich hinter dem Ort durch Wiesen abwärts schlängelt. Es wird schattig und kühl, wir überqueren zwei schmale Bachläufe und erreichen erneut Wald. Hier steigt ein Pfad an zu dem mächtigen Felsrücken Daumenstein. Die interessanten Felsformationen der Gegend regen die Phantasie an; leicht lässt sich so nachvollziehen, wie alte Mythen von Steine werfenden Riesen oder in Felsspalten hausenden Kobolden zustande gekommen sein mögen.

Als der höchste Punkt der Anhöhe überwunden ist, finden sich Wegweiser auf einen Verbindungspfad, der stetig abwärts führt zur waldumstandenen Burgruine Rodenstein, dem einstigen Sitz der nach ihr benannten Adelsfamilie, um dessen Geschlecht sich so manche Sage rankt. Es ist hier nicht nur die Rede vom Rodensteiner, der mit viel nächtlichem Getöse vom Schnellertsberg hierher ziehen soll, sobald sich ein Krieg ankündigt, dessen Ende bevorstehe, sobald der Geisterzug zurückkehrt. Von vergrabenen Schätzen ist die Rede, von unerlösten Jungfrauen, gespenstischen Kutschen, wilden Waldfrauen und so manchem mehr. In der Tat wirkt die Burg verwunschen, wie sie so unvermittelt zwischen den Bäumen in Sicht kommt. Wir nähern uns ihr von der rückwärtigen Seite. Es ist still; fast niemand scheint mehr außer uns unterwegs zu sein. Eine Steintreppe führt zu einem Durchlass in der Schildmauer. Hinter uns hören wir unvermittelt einen Raben krächzen, – oder war es ein Eichelhäher? Normalerweise sind wir durch einen Vogelruf nicht zu erschrecken. Aber war nicht in Bergengruens Erzählungen einmal von zwei Raben die Rede?

Da erschallt ein munterer Ruf: „Papa!“ In einer Fensterluke des Mühlturms erscheint das Gesicht eines fröhlich lachenden Kindes, welches die Burg bereits „erobert“ hat, und nach seinen Eltern Ausschau hält, die aus einer anderen Wegrichtung herankommen. Allzu einsam ist es auf dem Burggelände jenseits der Mauer dann doch nicht. Kinder tollen über den Hof; ein Paar steht eng umschlungen am Brunnen, Bänke unter Bäumen laden sich zum Ausruhen ein. Gedenktafeln erinnern an Viktor von Scheffel und Werner Bergengruen.

Gern hätten auch wir eine weitere längere Rast eingelegt. Für diesmal jedoch können wir uns nicht allzu lange aufhalten; wir haben viel Zeit verloren und fürchten die mögliche Unzuverlässigkeit von Wegweisern, Zeitangaben und Markierungen – und die bereits relativ früh einsetzende Dunkelheit. Zudem merke ich, dass es doch zu lange her ist, seit ich zuletzt hier war, und dass meine Erinnerung an den Verlauf der Strecke erhebliche Lücken aufweist. Nachdem wir das unterhalb der Burg gelegene Hofgut passiert haben, biegen wir rechterhand in einen Weg, der vorbei am „Fallenden Bach“, einem beeindruckenden Naturdenkmal, und dem sagenumwobenen „Wildweibchenstein“ zur „Freiheit Laudenau“ führen soll.

Wir bewegen uns entlang eines Wasserlaufs zwischen Waldrand und einer bereits von abendlichen Dunstschleiern durchzogenen Wiese, auf der Kühe weiden. Bilde ich es mir ein, oder schauen sie uns seltsam an? Bald folgt ein weiterer Anstieg; wieder geht es durch dichten Wald. Markierungen sind spärlich vorhanden; an einer Gabelung, wo sich mehrere Wege teilen,  fehlen sie plötzlich völlig. Es wird zunehmend düsterer; das Licht reicht nicht aus, um jedes Detail auf der Karte zweifelsfrei deuten zu können, Navi-Muffel, die wir sind, –  und an eine Taschenlampe hat natürlich niemand gedacht. Warum, fragen wir uns irritiert, ist es eigentlich bereits um diese Nachmittagszeit so finster? Nur weil die Sonne hinter dem Berg steht? Bewaldete Hänge an der Ostseite eines für ein Mittelgebirge durchaus beachtlichen Felsmassivs sollen dies so an sich haben. Jedoch, – wer zu viele Gespenstergeschichten gelesen hat, weiß es anders. Bezeichnete nicht schon Bergengruen den Wald um die Burg als „seltsam, düster und verschlungen“? Und beschreibt eine der Erzählungen nicht „ein totes und falbes Licht, das keiner Tageszeit hörig schien“, – und ein plötzliches Gefühl, herausgefallen zu sein aus aller Zeitlichkeit? Entsprechend einem, dem „Buch Rodenstein“ vorangestellten Vers aus der Offenbarung des Johannes:

„… und schwur bei dem Lebendigen von Ewigkeit zu Ewigkeit, …dass hinfort keine Zeit mehr sein soll.“

Schaudern! Zumal der Weg immer weiter ansteigt und der Rucksack schwerer und schwerer zu werden scheint. Wie war das doch mit dem von verspäteten Wanderern gefürchteten „Höhmann, der den Leuten auf den Buckel springt und sie reitet bis sie zusammenbrechen“? Und was ist mit den „Wilden Weibchen“, deren Gebiet wir durchqueren? Eigentlich müssten wir uns doch ganz in der Nähe des nach ihnen benannten Felsens befinden? Jedoch, – auch den „Fallenden Bach“, den ich noch von früheren Wanderungen in Erinnerung habe, der als erstes hätte kommen müssen, haben wir nicht gefunden. Und diese Stille, – normalerweise suchen wir sie bewusst auf und empfinden sie keineswegs als unangenehm oder gar bedrohlich -, woher kommt sie plötzlich? Wo sind all die Spaziergänger und Mountainbiker hin, von denen es zuvor geradezu zu wimmeln schien? Und warum ist kein Vogellaut mehr zu vernehmen, – so spät kann es doch noch nicht sein? – Aber es ist nichts zu hören. Ein Schweigen, das Ohrensausen auslöst. Unbehagen.

Der Weg, der sich zur Linken hält, wirkt, als führe er auf eine Lichtung; wir beschließen, ihn einzuschlagen. Sehenswürdigkeiten hin oder her, – wir wollen nur noch aus diesem Wald raus. Tatsächlich führt er auf eine freiliegende Wiese. Weidezäune und Nussbäume kommen in Sicht, noch einmal steigt er nahezu senkrecht an, dann sind auch Häuser zu sehen. Die „Freiheit“! Damit haben wir nicht zu rechnen gewagt. Wir hatten den Ort, der diesen – wie wir inzwischen finden, durchaus passenden – Namen trägt, weil er früher auf seiner Gemarkung Flüchtlingen für einige Tage Asyl bot, viel weiter entfernt vermutet. So hatten wir unseren Weg unfreiwillig abgekürzt. In unserer leicht mitgenommenen Verfassung sind wir froh darüber. Auf einmal wirkt hier draußen alles noch recht hell, auch wenn die Sonne hinter dem Berg verschwunden bleibt. Es gibt ein jahrhundertealtes, gemütliches Gasthaus, wo uns eine stärkende Tasse Kaffee sicher ist.

Wir sind die einzigen Gäste, die eigentliche Kaffeezeit ist vorüber, Abendessen noch nicht an der Reihe. Bei Lampenlicht und Kerzenschein löst sich die Beklommenheit in Gelächter auf. Schon jetzt beschließen wir, dass ein weiteres Mal hierherzukommen, um die versäumten Stätten aufzusuchen.

„In diesem Gasthaus saß Bergengruen mit den Bauern der Umgebung zusammen, um ihnen die alten Geschichten zu entlocken“, sagt mein Partner, „ich kann mir das schon so vorstellen, hier hat er eine Runde Kirschwasser um die andere ausgegeben, und sie haben ihm erzählt, was er hören wollte.“ „Seien wir froh, dass er es getan hat“, gebe ich zu bedenken, „selbst wenn jeder die Geschichten mit seiner eigenen Phantasie und entsprechenden Ausschmückungen bereichert haben mag, was sicher schon ihre Vorfahren nicht unterlassen haben, so bleibt uns auf jeden Fall eine Sammlung herrlicher, unverwechselbarer Erzählungen, und der Kern dieser überlieferten Geschichten bleibt dennoch erhalten und zieht sich wie ein roter Faden durch alles hindurch. Wichtig ist wahrscheinlich weniger, was sich wirklich ereignet hat, und ob es sich überhaupt so oder ganz anders zugetragen hat. Was ich mich frage, ist, warum es die Menschen so beschäftigt, – auch uns heute, die wir uns für so viel klüger halten.“ Wir haben das Gefühl, mit unserer Entdeckungsreise noch lange nicht am Ende zu sein.

Als wir nach draußen kommen, hat die Dämmerung endgültig eingesetzt, aber es stört uns nicht. Der letzte Wegabschnitt zurück nach Winterkasten führt – wenn auch nochmals bergauf – über freies Feld und bietet einen weiten Blick über Hügel und tiefer gelegene Dörfer. Wir wandern zwischen Obstbäumen, Hecken und Wiesen, unter einem rotgolden-türkis leuchtenden Abendhimmel. Die silberne Sichel des zunehmenden Mondes steht tief am Horizont, während nahe unseren Köpfen Fledermäuse ihre munteren Flugkünste vorführen. Wahrlich eine sagenhafte Gegend!

*

In den folgenden Tagen vertiefe ich mich erneut in Bergengruens Geschichten, lese mich fest, gerate darüber in eine eigenartige Unruhe. „Ich frage mich“, sage ich zu meinem Partner, „welcher aus der großen Sippe der Rodensteiner geht denn nun um? Bergengruens Geschichten sind eine kunterbunte Sammlung, erzählen bald von diesem, bald von jenem. Es tauchen Namen auf, die nicht in den Familienchroniken belegt zu sein scheinen, – und der Gründe, weshalb einer möglicherweise keine Ruhe finden kann, sind so manche angeführt. Bergengruen spricht vom ‚Unbeendeten‘, was vieles bedeuten kann. Eine Aufgabe, die nicht zu Ende geführt wurde. Ein Nicht-loslassen-können, Sich-Klammern an irdische Güter, – nächtliches Herumreiten, um Hab und Gut in Sicherheit zu bringen. Oder eine ungesühnte Schuld?“ – „Und dieser finster dreinblickende Geselle, der auf den Tafeln am Sagenrundweg bei der Burg abgebildet ist? Ist es nicht die Abbildung einer Steinskulptur in der Kirche von Fränkisch Crumbach? Dort ist die Grablege der Rodensteiner, die sollten wir uns dann doch mal genauer anschauen.“ – „Worauf warten wir noch? Fahren wir hin!“

Das Heimatmuseum in Fränkisch Crumbach befindet sich nahe der Kirche in einem zum Schloss gehörenden Kellerbau. Es öffnet nur an Sonntagen für jeweils zwei Stunden. Wir werden von den beiden betreuenden Herren freundlich empfangen; offenbar sind wir die einzigen Gäste des Nachmittags. Die Räume sind klein, liebevoll gestaltet und enthalten unter anderem eine Ausstellung über historisches Handwerk, welches sich in den Dörfern des Odenwaldes noch lange in alter Tradition erhalten konnte. In Fränkisch Crumbach übte beispielsweise der letzte Simmermacher Deutschlands noch bis 1976 sein Handwerk aus. Die alte Herstellungsweise jener geeichten Hohlmaße, die jahrhundertelang in Gebrauch waren, ist hier anschaulich dokumentiert. In einem Raum gibt es einen alten Kaufladen zu bestaunen, an den man sich im Ort noch lebhaft erinnert, und das Thema Ritter und Burgen wurde vor allem für Kinder interessant aufbereitet, so dass sich auch für Familien ein Besuch lohnt. Über die Rodensteiner selbst hingegen findet sich nur weniges an Urkunden und Literaturauszügen, die uns zumeist bereits bekannt sind. Wir fragen, ob die Kirche zu besichtigen sei. Man führt uns hinein.

Es ist eine schlichte kleine Kirche romanischen Ursprungs, mit einem schönen spätgotischen Sterngewölbe über dem Chor, in dem zahlreiche Epitaphien der rodensteinischen Familie zu finden sind. Uns interessiert jedoch vor allem ein weiteres an der Nordwand des Langhauses. Es zeigt den Junker Hans III. von Rodenstein und ist von kunsthistorischer Bedeutung; es wird dem großen Bildhauer Hans Eseler von Amorbach zugeschrieben. In der Tat macht die auffallend schlanke Gestalt des Ritters mit den scharf geschnittenen Gesichtszügen, der durch die plastische Erscheinung seiner teilweise von der Steinplatte losgelösten Figur geradezu aus der Wand zu treten scheint, einigen Eindruck.

Wer war er? Wohl weniger der leichtsinnige Trunkenbold aus Viktor von Scheffels Lied, welcher „zu Heidelberg im Hirschen“ mal eben auf die Schnelle drei Dörfer verzechte, – den Eindruck macht er uns nicht. Auch liegt er selbst nicht in dieser Kirche begraben, sondern in Rom, auf dem Campo Santo Teutonico, wo er auf einer Pilgerreise im Heiligen Erlassjahr 1500 in einem für damalige Verhältnisse stolzen Alter von 82 Jahren verstarb. Dies alles deutet auf eine eigenwillige Persönlichkeit. Es soll sich bei ihm um einen streitbaren Ritter gehandelt haben, – zweifellos mit einem bewegten Leben, welches zahlreiche Kämpfe und Fehden beinhaltete, – auch Raubzüge? Wir wissen es nicht. Wohl gab es zu dieser Zeit nachweislich Raubritter im weitläufigeren Familienkreis; von ihm selbst jedoch ist solches weder bewiesen noch widerlegt. Seine späte Pilgerreise zeugt von Zähigkeit und großer Glaubens- und Willenskraft. Hatte er Schuld auf sich geladen? Frau und Kind auf dem Gewissen, wie es in der Sage heißt? Historisch belegt ist nur, dass er sehr spät heiratete. Seine Frau war bedeutend jünger als er, zum Zeitpunkt der Heirat fast noch ein Kind; schwer anzunehmen, dass sie glücklich war. Von ihr sind keine Todesdaten überliefert; niemand weiß, wie lange sie lebte. Jedoch gingen aus dieser Ehe mehrere Kinder hervor, die das Erwachsenenalter erreichten. Dass die Nachkommen mit nicht geringem Aufwand dies Denkmal durch einen herausragenden Künstler der damaligen Zeit errichten ließen, verweist auf Respekt und Ehrerbietung.

Wir verlassen Fränkisch Crumbach und fahren zur „Freiheit“, wo wir auf der Caféterrasse zunächst einmal köstliches Bauernhofeis – Apfelzimt-Parfait mit frischer Sahne! – verzehren. „Allmählich kann ich mir so einiges zusammenreimen“, sage ich, während ich den Kirchenführer durchblättere. „Was meinst Du?“ – „Nun, die ganzen Geschichten basieren auf Sagen aus sehr viel früheren Zeiten, sind wesentlich älter als das Geschlecht der Rodensteiner. Bereits lange davor ist die Rede von einem Schnellertsgeist, der – deutlich hörbar, jedoch nie sichtbar – durch die Lüfte ziehen soll. Ähnlich sind die alten Schilderungen vom Wilden Heer der Raunächte, die in vielen Gegenden geläufig sind. Auf dem Schnellertsberg befinden sich ebenfalls Reste einer Burg auf dem Bergkegel. Aber lange vor Erwähnung dieser Burg soll es dort in vorchristlicher Zeit eine Totenkultstätte gegeben haben. Der Umzug des Totenheers nimmt also für die hiesige Gegend dort ihren Ausgang. Er war nicht nur gefürchtet, sondern durchaus auch erwünscht, wurde er doch mit Fruchtbarkeit in Verbindung gebracht. Die Felder, über die die „Wilde Jagd“ zog, gediehen nach Überzeugung der Bauern. Und es gab die verücktesten Geschichten: Sie sei immer durch das selbe Gehöft gezogen – zum einen Scheunentor hinein, zum anderen wieder hinaus, welch ein Spektakel! -, von nächtlichem Beschlagen der Pferde in der Schmiede und vom Kochen des wilden Heers in Küchen ist die Rede, vom wilden Durcheinanderwerfen von Töpfen und Geschir.“ – „Aber es gab die Reichenberger Protokolle, eidesstattliche Zeugenaussagen von Bauern, die im achtzehnten Jahrhundert in Reichelsheim gesammelt wurden, um dem Phänomen auf die Spur zu kommen…“ – „Und alle berichteten Ähnliches. Aber erst lange nach dem Aussterben der Rodensteiner musste nun nach und nach Junker Hans als Gespenst herhalten. Und weshalb? Schau dir das Denkmal an! Wo ist es platziert? Alle anderen Epitaphien stehen weit vorn im Chor, – es ist kaum möglich, sie während des Gottesdienstes von der Nähe zu betrachten. Nur das Auge des Junkers Hans ruht streng auf der Gemeinde. Ich stelle mir vor, wenn Kinder mit in der Kirche waren und sich während der Predigt langweilten, hatten sie, sofern sie mit ihren Eltern auf der linken Seite im Kirchenschiff saßen, Zeit genug, die Gesichtszüge des Rodensteiners zu studieren und sich hinreichend zu gruseln. Und was passierte wohl, wenn sie nicht still sitzen wollten?“ „Dann sagten die Erwachsenen: Benimm dich, sonst kommt er raus und holt dich!“ „Jede Wette, er wurde zum willkommenen Kinderschreck für überforderte Eltern? Wie Hans Trapp im Elsässischen – oder überall zur Weihnachtszeit Ruprecht oder der Pelznickel! Und als die Kinder groß wurden und irgendwann Ärger mit dem eigenen Nachwuchs hatten, erinnerten sie sich daran und behalfen sich auf dieselbe Weise! So war es mit der Zeit  eben auch der Rodensteiner, dem der Spuk zugeschrieben wurde. Durch sein Epitaph hatte man ein Bild vor Augen, – war er eine greifbare Figur, unter der man sich etwas vorstellen konnte.“ „Und der spätere Rodensteiner, der zwei Frauen gehabt haben soll und auf seinem Epitaph mit beiden abgebildet ist?“ „Heiratete die zweite erst nach dem Tod der ersten. Die erste Ehe war kinderlos. Aber nichtsdestotrotz ranken allerlei merkwürdige Geschichten um rodensteinische Frauengestalten. Von einer Schönen aus dem Morgenland war die Rede, die ein Rodensteiner von einem seiner Eroberungszüge mitgebracht haben soll, oder die ihn – anderen Quellen zufolge – unterwegs aus Gefangenschaft rettete und bei der Rückkehr von dessen Frau mit aufgenommen wurde, aber auch von Aufspaltung einer Person in zwei verschiedene, dass ein und dieselbe Frau einmal in einer, mal in anderer Gestalt erschien. Mehrfach wird übrigens über rodensteinische Burgherrinnen berichtet, die nach Männerart ritten, mit Falken jagten, belesen waren, also auf andere Weise lebten als üblich – vielleicht auch auf andere Weise liebten, wer weiß? -,  und denen man letztlich, wie meist in solchen Fällen, nachsagte, sich auf allerlei Hexenkünste zu verstehen.“ – „Der Ursprung der Sage der Wilden Weibchen?“ – „ Ach ja, die Wilden Weibchen! Da wollte ich doch hin! Wie spät ist es? Allzu lange ist es nicht mehr hell, aber weit ist es von hier aus nicht, – diesmal nehme ich den richtigen Weg.“ – „Ich würde lieber hier bleiben und noch weiterlesen.“ „Macht nichts, dann gehe ich allein, – das hier ist Frauensache! Ich bin bald wieder hier!“ „Lass dich nicht von ihnen wegfangen!“ „Keine Sorge, – ich wette, die bringen mich freiwillig zurück!“ Wir beschließen, uns danach zum Essen wieder im Gasthaus zu treffen, es ist gemütlich und hat eine ansprechende Karte mit vielfältigen Angeboten aus der Region, außerdem eine Herkunftsliste all seiner verwendeten Produkte, bei der großer Wert gelegt wird auf ökologischen Anbau und gesunde Tierhaltung, – Punkte, die uns wichtig sind. Ich mache mich auf den Weg.

Der Wald hat sich verändert seit unserer Wanderung zwei Wochen zuvor. Das Laub der Buchen beginnt sich kupfern zu färben, die Ahornbäume und Hainbuchen leuchten goldgelb. Wird der „zweite Herbst“ bald einsetzen? Aber noch ist die Luft mild und fühlt sich gut an. Buchfinken hüpfen durch die Zweige, ein Rotkehlchen singt sein Lied allein für mich; wieder ist außer mir niemand mehr unterwegs. Wenn ich nach oben schaue, sehe ich letzte vereinzelte Sonnenstrahlen durch das bunte Laub scheinen. Diesmal hat der Wald hat nichts Düsteres mehr für mich. Ich überwinde die Steigung mühelos und stehe endlich vor dem Wildweibchenstein, einer mit dunkelgrünem Moos überwachsenen, beachtlichen Felsformation. Wer sich, wie ich, auf dem oberhalb verlaufenden Weg nähert, sieht zunächst nur den oberen Teil, welcher bereits für sich genommen beeindruckend wirkt. Beim Herantreten jedoch wird deutlich, dass der Hang dahinter steil abfällt, und es sich hier nur um die Spitze eines riesigen Felsengebäudes handelt, welches sich viele Meter tief hinunter erstreckt und zerklüftet wirkt. Ein markantes Naturmonument allemal, – allein von seiner Erscheinung her geeignet, einen jener magischen Orte vorzustellen, an dem die Grenzen zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Welt durchlässiger sein mögen als anderswo.

Ich lehne mich an das weiche, noch sonnenwarme Moos der Steine, in dem Bewusstsein, letztlich als Fremde hier zu sein, – als Eindringling in eine Welt, deren Gefüge ich nur entfernt erahnen kann, ohne es zu erfassen. Kommt es mir überhaupt zu, mich über sie zu äußern? Dennoch fühle mich auf eine nicht deutbare Weise willkommen. Man sagt den Waldweibchen durchaus Gutes nach; sie stehen im Ruf, auf der Seite der einfachen Leute zu sein, hilfreich und dienstbar schlichten Gemütern, Mittellose beschenkend, vor schwerwiegenden Ereignissen warnend,  von Schwangeren um die Gewährung einer leichten Geburt ersucht, unschuldig Verfolgten Zuflucht gewährend, – unerbittliche Streiche spielend nur jenen mit unlauteren Absichten, – wie jener, den Frieden zu stören oder sich auf unlautere Weise zu bereichern.

Bleibt noch immer die offene Frage nach der Anziehungskraft dieser alten Geschichten, der wir uns so schwer entziehen können. Vielleicht doch, weil wir spüren, dass sie in unserem tiefsten Inneren etwas mit uns selbst zu tun haben, – mit unseren Fragen, Wünschen, Ahnungen und Befürchtungen. Mit Grenzsituationen, Ausgeliefertsein an Naturgewalten, aber auch an menschliche Willkür, Bedrohung der Existenz durch Krieg und Gewalt, die Furcht vor dem „Unbeendeten“, die Angst, zu früh abberufen zu werden, Aufgaben nicht zu Ende führen zu können, unbewältigte Schuld nicht gesühnt zu haben, – die Auseinandersetzung mit dem Tod als unausweichliche Grenze irdischen Lebens, immer einhergehend mit der Hoffnung auf ein ewiges Fortfließen, auf Umwandlung statt Endgültigkeit. Denn die Endgültigkeit, – die ertragen wir nicht.

Zeit für mich zu gehen. „Ich schreibe nur Gutes über Euch, – versprochen!“ flüstere ich. Ein leises Rascheln im Herbstlaub. Zwei kleine Vögel, die sich in die Zweige der Bäume aufschwingen.  Buchfinken. Dem Gefieder nach Weibchen. Weibchen? Sie pflegen doch im Herbst meist fortzuziehen, – nicht umsonst nennt man den Buchfinken auch „Junggesellenvogel“! Blättere im Gedächtnis in Bergengruens Geschichten um den Wildweibchenstein. Natürlich! Zwei Glühwürmchen, – als die Glühwürmchenzeit längst vorüber ist! Und zwei Zitronenfalter! Warum also nicht zwei Buchfinkenweibchen?! – Ich werde wiederkommen. Vielleicht noch diesen Herbst, auch wenn es bereits „der zweite“ sein sollte. Spätestens jedoch im Frühjahr, wenn der „Fallende Bach“ besonders viel Wasser führt und dann ein besonders großartiges Naturschauspiel bietet.

*

Ein Telefonat: „Hey! Was macht euer Rodensteiner?“ – „Oh, ich denke, es geht ihm den Umständen entsprechend gut. Wir wollen nochmal hin, Fotos von der Burg machen. Letztes Mal war das Licht nicht so gut.“ – „Wann?“ – „Morgen.“ – „Trifft sich gut, morgen hab ich frei!“


Es ist ein traumhaft sonniger Novembertag, Allerseelen. „Jede Herbstnacht heißt Allerseelen.“ Onkel Bergengruen lässt grüßen! Der Wald: Eine fast unwirkliche Sinfonie aus Goldtönen. Wir fahren bis zum Hofgut und klettern zur Ruine hinauf. Das Kind von einst – mir inzwischen längst über den Kopf gewachsen – steht staunend. „Ich hatte kaum noch Erinnerungen, aber so allmählich stellt sich alles wieder ein.“ – „Der Streckenwart vom Odenwaldklub, bei dem ich wegen der zweifelhaften Wegmarkierung fragte, hat mich doch glatt ausgelacht und gesagt, das sei kein Wunder bei meinem alten Kartenmaterial! Wie muss ich das denn finden? Dabei ist es doch gar nicht so lange her, dass wir zuletzt hier waren, oder?“ Sohnemann lacht. „Hast du nicht eben selbst erwähnt, wie klein ich damals noch war?“ – „Stimmt. Hat wohl doch Recht, der gute Mann. Mir war, als sei es gestern gewesen.“

Wir sitzen im stillen, sonnigen Burghof, – außer uns ist an diesem frühen Nachmittag niemand hier -, und lassen die Stimmung auf uns wirken.

Drei markante Bäume fallen ins Auge: Eine altehrwürdige Linde im Innenhof nahe beim Brunnen, unweit von ihr zwischen innerer und äußerer Mauer eine mächtige, hohe Eiche, sicher mehrere hundert Jahre alt  – wenn sie erzählen könnte! – und an der Böschung vor dem Tor zum Innenhof eine Walnuss, etwas schief gewachsen, aber seit langer Zeit allen Widrigkeiten trotzend. Immer wieder die Nussbäume, – auch sie kennzeichnende Merkmale für das Rodensteiner Land. Zur Talseite hin, über die Dächer des Hofgutes hinweg, ein traumhafter Ausblick über Wiesen mit rotglühenden Kirschbäumen bis hin zum Reichelsheimer Schlossberg und den dahinterliegenden bewaldeten Hügeln, die sich etwas blasser im Dunst abzeichnen.

So mancher war hier über die Jahrhunderte auf der Suche nach vermeintlich vergrabenen Schätzen, bereit, notfalls seinen Seelenfrieden dafür aufs Spiel zu setzen. Und wir Suchenden heute? Gelangen einmal mehr zu der Überzeugung, dass es zuweilen genügt hätte, den Blick vom Boden zu heben, um zu sehen, dass die wahren Reichtümer nahe vor Augen liegen.

Bettina Johl

Literatur:

Werner Bergengruen: „Das Buch Rodenstein“, insel taschenbuch, Frankfurt am Main und Leipzig 1996, 444 Seiten (zurzeit vergriffen, antiquarisch erhältlich)


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Herbstgedanken

Es ist Herbst und die Vögel singen. Dichter dürften so etwas vermutlich nicht schreiben, aber die Vögel, – sie wissen dies zum Glück nicht…

Sie singen zweckfrei, etwas verhaltener zuweilen, – kein Revierkampf mehr, für den es nötig wäre, sich zu verausgaben, gar zu übertönen -, dennoch vernehmlich, und es klingt fröhlich. Die Amsel im Garten flötet ihr gesamtes Repertoire, während sie am Boden ohne besondere Eile nach Regenwürmern sucht, leise, unsichtbar, mit geschlossenem Schnabel, so dass es wirkt, als kämen die Laute von woanders, weither. Aber es ist ihr typischer Gesang, – ich erkenne ihn, sie pflegt während einzelner Passagen wie ein Huhn zu gackern -, freue mich, dass sie es ist, dass sie nicht dem allgemein beklagten Amselsterben zum Opfer fiel; ihre Melodien scheinen geradezu unaufhaltsam in ihrem Inneren aufzusteigen. Ich fühle mich an kleine Kinder erinnert, die solches manchmal auf den Punkt zu bringen verstehen, mit Aussagen wie: „Ich kann nichts dafür, – es singt mich so…“ 

Es hat der Herbst etwas Belebendes, das Lähmende des Sommers,  – gleich, ob er uns Hitze oder verregnete Kühle bescherte -, weicht, der Himmel bekommt wieder Farbe, der Wind erfrischt, die Erde trägt den Duft der Verwandlung. Es zieht uns hinaus, die Berge hinauf – oder ans Wasser – oder zu beidem, es spielt keine Rolle! -,  sinkender Nebel verheißt einen schönen Tag, auch wenn die ersten Steigungen den Atem knapp werden lassen; das Licht, das in jedem Wassertropfen funkelt und die herbstlichen Farben der Blätter zum Leuchten bringt, entschädigt für vieles. Mit jedem Höhenmeter werden die Schritte leichter, Ballast bleibt zurück, die Häuser im Tal werden kleiner, der Straßenlärm geringer, bis er keine Rolle mehr spielt; die Schiffe auf dem Strom scheinen lautlos dahinzugleiten, die Züge auf den Schienen nur mehr noch mit leisem Rauschen.

Der Weg führt durch Buchen- und Eichenwald, – der bunte Teppichläufer aus Blättern und Schalen der Früchte belegt es auch den Wanderern, die seltener den Blick nach oben zu richten wagen, um nicht auf den nassen Wurzeln auszugleiten. Vogelstimmen werden vernehmlicher, – die der munteren Kohlmeisen, und auch die des Rotkehlchens, – ein Wintersänger ohnehin -, niemals gewillt, sich in seinem Gesang durch äußere widrige Umstände beeinträchtigen zu lassen. Kurze Zeit später auch der Ruf des Kleibers, – ich finde ihn nach alter Kleiber-Gewohnheit kopfunter am Stamm hängend, ein lustiger, kleiner Clown-Vogel, der nichts dabei zu finden scheint, dass die Welt für ihn zuweilen auf dem Kopf steht. In der knorrigen Wurzel einer riesigen Buche wohnt eine kleine Rötelmaus, – ich sehe sie hinein huschen, sie hatte meine Schritte wahrgenommen. Ich bleibe stehen und verhalte mich ruhig, – da erscheint sie wieder, bleibt im Eingang zu ihrem Wurzelbau still sitzen und schaut mich interessiert und ohne besondere Scheu an. Sie hat verstanden, – von mir droht ihr keine Gefahr. Wir sind Freunde.

Der Herbst hat etwas Entspanntes. Die Natur nimmt sich nie zu viel vor; sie leistet es sich, immer nur für ein Jahr vorzuhalten, für dieses eine alles zu geben, – wie es auch ausfallen mag -, und dann herunterzufahren, um im nächsten ganz neu anzufangen. Warum nicht wir?

Der Weg wird zum Pfad. Stufen. Zur Rechten felsiges Schiefergestein, mit Moosen und Flechten überzogen, dazwischen Hagebuttensträucher und Brombeerranken. Zur Linken der Abgrund. Nicht bedrohlich, – nein, das nicht. Die Notwendigkeit, sich mit Umsicht fortzubewegen, ergibt sich hier wie überall sonst. Die Felskanzel ist erreicht, bietet Platz zum Ausruhen und Ausblick über das Gebirge diesseits und jenseits des Stromes, der sich als silbriges Band in der Ferne verliert, um den Beschreibungen aller Dichter Rechnung zu tragen. Worte – zu oft gebraucht – nutzen sich bisweilen ab; das Erleben selbst bleibt davon glücklicherweise unbeeinträchtigt, ist immer wieder einzigartig, – lässt jeden Versuch, es zu beschreiben, blass und armselig aussehen. So muss es wohl sein.

Der Strom ist derselbe von alters her, ihn kümmert es nicht. Kurz ist das Leben der Menschen, die ihn für ihre Zwecke ausbeuten und ausbaggern, ihn als Verkehrsweg nutzen, sich auf ihm und an seinen Ufern wichtig tun und – für ihn zu allem Überfluss – über ihn dichten. Er war lange vor ihnen und wird lange nach ihnen sein; die Urgewalt seines Wassers hat sie noch immer wieder in ihre Schranken verwiesen. Komische Winzlinge sind sie von hier oben; ihr Treiben mutet seltsam an. Was haben wir mit ihnen zu schaffen? Nichts – für wenige Stunden…  

Bettina Johl

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