Archiv der Kategorie: Essay

Wem gehört Anne Frank? Oder: Was kann und darf Erinnerung?

Von Bettina Johl

AnneFrankSchoolPhoto

Wirbel um Anne Franks Tagebuch: In Frankreich hatten zu Beginn des Jahres die grüne Abgeordnete Isabelle Attard und der Informationswissenschaftler Olivier Ertzscheid von der Universität Nantes das niederländische Original erstmals für alle frei zugänglich ins Internet gestellt. Ihr Argument: Mit dem Ablauf des Jahres 2015, Annes 70. Todesjahr, sei die Urheberrechts-Schutzfrist des Textes verstrichen und es gelte nun, den „Kampf seiner Befreiung zu führen“. Ganz anders sieht dies der Anne Frank Fonds in Basel als Inhaber der Urheberrechte. Dessen Argument lautet, bei Franks Tagebüchern handle es sich um ein posthum veröffentlichtes Werk, das 1986 erstmals ungekürzt aufgelegt wurde und für das sich daraus ab diesem Zeitpunkt eine Schutzfrist von 50 Jahren ableiten ließe. Die rechtliche Auseinandersetzung darüber wird andauern.

Aufregung ganz anderer Art löste vor drei Jahren ein Eintrag im Gästebuch des Anne-Frank-Hauses in Amsterdam aus. Der zu dieser Zeit noch nicht 20-jährige kanadische Popsänger Justin Bieber hatte sich nach einem Besuch – wie das Haus berichtete –  „beeindruckt“ gezeigt, sich mit den Worten „Anne war ein tolles Mädchen“ verewigt und im Weiteren geschrieben, er hoffe, sie wäre auch ein Fan – er verwendete das unter solchen gebräuchliche Kunstwort „belieber“ – von ihm gewesen. Die darauf folgende Woge der Belustigung und Empörung, die in Presse und sozialen Netzwerken hochschlug, schien zu dem flapsigen und sicher nicht eben geistreichen Spruch des Teenie-Stars kaum im Verhältnis zu stehen. Anders als zu früheren, weniger vernetzten Zeiten erreichte und beschäftigte er weite Personenkreise, auch solche, die dem „Belieber“-Alter entwachsen sein dürften. Das wirft bei näherer Betrachtung Fragen auf. Geht es hier noch um das heranwachsende jüdische Mädchen Anne, das mit seiner und einer weiteren Familie fast zwei Jahre in Amsterdam im Versteck lebte? Das sich dort mit außergewöhnlichem Talent unter extremen Bedingungen dem Schreiben widmete, wobei unter anderem ein beeindruckendes Tagebuch entstand, von dem seine Autorin nicht wissen konnte, dass dieses später um die Welt gehen würde? Ein „tolles Mädchen“ – eine tolle Geschichte? Gewiss, so hätte es sich im Rückblick wohl sagen lassen. Wenn Anne unversehrt überlebt und womöglich als heute 87-jährige Schriftstellerin ihren Enkelkindern davon hätte berichten können. Wir wissen, dass es anders kam.

Wie unzählige andere ihrer Leidensgenossinnen und Leidensgenossen wurde Anne Frank letztlich verraten, verschleppt, gedemütigt, gequält und schließlich ermordet. Nach kurzem Aufenthalt im Lager Westerbork in den Niederlanden wurde Anne mit ihrer Familie nach Auschwitz in Polen deportiert. Sie entging den Gaskammern, weil sie jung war und damit noch für Zwangsarbeit in Betracht kam. Sie wurde mit ihrer Schwester Margot zurückgeschickt, westwärts, nach Bergen-Belsen. Ihre Mutter starb in Auschwitz-Birkenau. Bergen-Belsen in der Lüneburger Heide war kein Vernichtungslager – wenigstens das nicht –, dort herrschten ‚nur‘ Überfüllung, die übliche Brutalität, Hunger, unsägliche hygienische Bedingungen und infolge dessen Krankheit und Seuchen. Anne starb dort infolge von Entkräftung an Fleckfieber, wenige Tage nach ihrer Schwester Margot. Über ihr genaues Todesdatum herrscht bis heute Unklarheit; inzwischen wird von März oder gar Februar 1945 ausgegangen, jedenfalls – und das macht es besonders bitter – nur wenige Monate, bevor der unvorstellbar grausame Nazi-Spuk ein Ende fand. Die Leichname der Mädchen landeten in einem Massengrab. Von den ehemals im Hinterhaus der Prinsengracht 263 in Amsterdam Untergetauchten überlebte allein ihr Vater. Otto Frank verdankte dies einzig dem Umstand, dass er sich beim Herannahen der Roten Armee in Auschwitz in der Krankenbarracke befand und so den berüchtigten Todesmärschen knapp entging. Letzte Erschießungen hatten bereits begonnen. Kurz darauf waren jedoch auch die letzten Folterknechte so sehr mit ihrer eigenen Flucht beschäftigt, dass sie schließlich ihr bestialisches Mordhandwerk einstellen mussten.

Anne war es nicht mehr vergönnt, die Befreiung der Konzentrationslager zu erleben. Letzte Zeitzeugen schildern sie als „Skelett“ und „Schatten ihrer selbst“. Sie selbst war überzeugt, alle ihre Angehörigen verloren zu haben. Dass ihr Vater noch lebte, konnte sie nicht wissen. Ob ihr dies, hätte sie es gewusst, noch ausreichend Kraft verliehen hätte, länger durchzuhalten, lässt sich nicht sagen. Irgendwann ist ein Mensch physisch am Ende. Anne wurde keine 16 Jahre alt.

Eben diese bittere Tatsache, dass Anne Frank den beispiellosen Völkermord der Nazis nicht überlebte, und ihr Tagebuch, das erhalten blieb und schon kurze Zeit nach ihrem Tod weltweit zum Symbol für Auflehnung gegen Unterdrückung und Unmenschlichkeit erhoben wurde, hatten sie selbst schließlich zu einer Symbolfigur werden lassen. Zunächst für die Opfer der Shoah. Und schließlich mehr und mehr für alle Opfer von Unterdrückung und Völkermord in der Welt. Mediale Verarbeitungen des Tagebuchs sorgten für weitere Zuschreibungen. Anne stand schließlich für den „Glauben an das Gute im Menschen“, ein etwas aus dem Zusammenhang gerissenes Zitat aus ihrem Tagebuch, mit dem das 1955 am New Yorker Broadway uraufgeführte Theaterstück The Diary of Anne Frank von Frances Goodrich und Albert Hackett endete. Der originale Tagebucheintrag vom 15. Juli 1944 lautete: „Es ist ein Wunder, daß ich all meine Hoffnungen noch nicht aufgegeben habe, denn sie erscheinen absurd und unerfüllbar. Doch ich halte daran fest, trotz allem, weil ich noch stets an das Gute im Menschen glaube.“ Das Mädchen Anne Frank: Eine Ikone. Fortan unantastbar. Tatsächlich? Und für wen gilt das – und für wen nicht?

Biebers Gästebucheintrag mag unglücklich formuliert gewesen sein. Es war weder die erste, noch die letzte Selbstdarstellungsinszenierung, mit der er Unmut erregte – im Verlauf seines fortdauernden Teeniestar-Höhenflugs, mit dem einer, der selbst noch dabei ist, sich aus dem Teeniealter herauszuwursteln, auch erst einmal zurechtkommen muss. Aber: Wäre es denn grundsätzlich verwerflich, mit vielleicht etwas anderen Worten zu fragen: „Wenn wir uns denn – zu einer anderen Zeit – begegnet wären, hättest du meine Musik gemocht? Hätten wir uns womöglich gegenseitig etwas geben können?“ Denn es ist ja im Grunde der Wunsch eines jeden jungen Menschen, der soeben seine Talente entfaltet: gehört zu werden, wahrgenommen zu werden, fortzuwirken, Spuren zu hinterlassen im Gedächtnis und Wirken anderer. Gar bewundert zu werden. Eine Sehnsucht, die in jungen Jahren – und nicht nur – mit dem Bewundern anderer in Wechselwirkung steht. Anne, die sich übrigens, wie nahezu jeder Teenager, Starfotos aus Zeitschriften an die Wände pinnte, hatte dies selbst mehrfach ausformuliert. Es war ihr eigener großer Wunsch, journalistisch und schriftstellerisch fortzuwirken. Immer wieder werden andererseits auf Ausstellungen verschiedener Anne-Frank-Gedenkstätten oder auch im Schulunterricht, wo Annes Tagebuch didaktisch eingesetzt wird, junge Leute aufgefordert, fiktive Briefe an sie zu schreiben, um ihre Gedanken und Empfindungen auszudrücken. Auch hier zeigt man sich nicht immer glücklich über die Eigendynamik, die sich mit einem solchen Versuch entwickeln kann, entspricht doch die Art der Identifikation der jungen Menschen nicht immer der vom Bildungsplan angestrebten Richtung. Abhängig von der jeweiligen Entwicklungsphase haben junge Menschen nun einmal ihre eigenen Gedanken und Anliegen, die ihnen oftmals näher stehen als die pädagogisch gewollten. Sie identifizieren sich mit Anne, fühlen sich ihr nahe – gewiss, aber ihre eigentlichen Themen sind die Heranwachsender in einer Entwicklungsphase, die sie naturgegeben stark beschäftigt: körperliche Veränderungen, Gefühlswirrungen, Rollen- und Identitätsfindung, Abgrenzung von den Eltern, Zukunftspläne, die Suche nach einem eigenen Weg.

Was darf Erinnerung? Oder: Gibt es ‚richtige‘ Formen des Erinnerns und wer legt fest, welche das sind? Die anhaltende Aufregung um Anne Frank zeigt es. Sie dokumentiert das Ringen um die ‚richtige‘ Form der Erinnerung, um die ,richtige‘ Verwendung von Geld für die ,richtigen‘ Zwecke, und immer wieder um Urheber- und Deutungsrechte. Im Jahr 2014 scheiterte ein vom ZDF geplantes Filmprojekt, das der Sender schließlich auf Betreiben des Anne Frank Fonds in Basel einstellen musste. Bei dieser von Otto Frank 1963 gegründeten Stiftung – nicht zu verwechseln mit der sechs Jahre älteren, 1957 ebenfalls durch ihn ins Leben gerufenen Anne-Frank-Stiftung, die das Anne-Frank-Haus in Amsterdem als Gedenk- und Begegnungsstätte unterhält – handelt es sich um eine gemeinnützige Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Einnahmen aus dem Erlös von Urheberrechten gezielt Projekten der Bildung, der Aufklärung und des Gedenkens zugute kommen zu lassen. Des Weiteren macht sie sich weltweit für Kinderrechte stark. Aus nachvollziehbaren Gründen wendet sie sich gegen eine Kommerzialisierung des Namens Anne Frank durch Dritte. Um ein vom Fonds unterstütztes Projekt handelt es sich hingegen bei der deutschen Literaturverfilmung Das Tagebuch der Anne Frank unter der Regie von Hans Steinbichler, die Anfang des Jahres in deutschen Kinos anlief. Diese stammt, ebenso wie das ein Jahr zuvor von der ARD ausgestrahlte, sehr sehenswerte Doku-Drama Meine Tochter Anne Frank unter Regie von Raymond Ley, aus der Produktion von Walid Nakschbandi, der sich als aus Afghanistan eingewanderter Vierzehnjähriger erstmals mit Anne Franks Tagebuch beschäftigt hatte. Dessen Firma, inzwischen Inhaberin der exklusiven Filmrechte, gehört wiederum wie der S. Fischer Verlag, in dem seither alle Anne Frank-Bücher, einschließlich der 2013 aufgelegten Gesamtausgabe, erschienen sind, zur Holtzbrink Verlagsgruppe. Steht dahinter der Wunsch, möglichst ,alles unter einem Dach‘ haben zu wollen? Auf jeden Fall wurde großer Wert auf eine authentische ,Film-Anne‘ gelegt. In beiden Inszenierungen überzeugen mit Mala Emde und Lea van Acken sorgfältig ausgewählte, starke Hauptdarstellerinnen, die bis zu diesem Zeitpunkt keine Berufsschauspielerinnen waren.

Der Schweizer Fonds und die Niederländische Stiftung wiederum haben sich in den letzten Jahrzehnten – von der Öffentlichkeit eher unbemerkt – stark auseinandergelebt. Das mag auch damit einhergehen, dass die meisten der Menschen, die Anne noch persönlich gekannt hatten, inzwischen nicht mehr am Leben sind. Nach Otto Frank im Jahr 1980 verstarb 2010 in den Niederlanden 100-jährig Miep Gies, die berühmte Helferin im Versteck und Bewahrerin der Tagebücher. Mit ihr verließ uns eine überaus wichtige Zeitzeugin, die noch in hohem Alter die Ereignisse aus ihrer Sicht in ihrem Buch Meine Zeit mit Anne Frank veröffentlichte. Dieses liest sich – auch für Menschen, die überzeugt sind, die ganze Geschichte bereits in- und auswendig zu kennen – packender als jeder Thriller, umso mehr, als in ihm die immer drückendere Atmosphäre, die das Geschehen begleitet, sehr intensiv zu spüren ist und lange nachwirkt. Im März 2015 schließlich verstarb der Schweizer Schauspieler Buddy Elias, jener Cousin Anne Franks, der in ihr einst die Begeisterung für das Eislaufen geweckt hatte. Eine neue Generation steht nun hier wie dort vor der Aufgabe, sich mit dem Erbe Anne Franks und dessen ‚richtiger‘ Verwendung zu beschäftigen. Nicht einfacher wird dies durch den Umstand, dass alle Tagebücher, Fotos und anderen Aufzeichnungen Anne Franks durch ihren Vater per Testament weder der einen noch der anderen Stiftung, sondern vielmehr dem Niederländischen Institut für Kriegsforschung (NIOD – Nederlands Instituut voor Oorlogsdocumentatie) vermacht wurden. Zu dieser Entscheidung mögen rein praktische Beweggründe geführt haben, wie der Wunsch, die Dokumente einem staatlichen Institut, das übrigens später auch die Echtheit der Tagebücher untersuchen und belegen sollte, zu Forschungszwecken zur Verfügung zu stellen, als auch der Umstand, dass das Anne-Frank-Haus selbst damals noch nicht über geeignete klimatisierte Räumlichkeiten verfügte. Die Vermutung liegt nahe, dass Anne selbst es wohl für richtig befunden hätte, ihren Nachlass dem Niederländischen Staat anzuvertrauen, da es ihre eigene – durch Radio Oranje inspirierte – Idee war, ihr Tagebuch später unter anderem als Kriegsdokument zur Verfügung zu stellen. Bei dem im Anne-Frank-Haus zu besichtigenden Original-Tagebuch handelt es sich somit um eine dauerhafte Leihgabe des Instituts.

Inzwischen wurde Anne Frank, das jüdische Mädchen aus Frankfurt, von vielen geradezu selbstverständlich als Niederländerin angesehen und wahrgenommen. Als im Jahr 2004 ein holländischer Fernsehsender sie gar auf die Kandidatenliste seiner Show Größte Niederländer aller Zeiten setzte, fiel dann doch manchem auf, dass Anne nie wirklich Niederländerin war. Gewiss war sie in ihrem Herzen Niederländerin und schrieb auf Niederländisch. Sie war Deutsche von Geburt, doch das ‚Deutschsein‘ war ihr schließlich allzu gründlich ausgetrieben worden. Durch die Aberkennung der Staatsbürgerschaft als Jüdin infolge der Nürnberger Rassengesetze von 1935 galt sie fortan als staatenlos. Eine postume Einbürgerung konnte nach niederländischem Gesetz nicht erfolgen, während das deutsche Bundesinnenministerium sich wiederum beeilte, die Ausbürgerung durch die Nazis für nichtig, da nicht rechtens, und Anne somit zur Deutschen zu erklären. Einige Jahre später hätten auch die USA, in die der Familie Frank zu Lebzeiten keine Einwanderung mehr möglich war, Anne gern rückwirkend die amerikanische Staatsangehörigkeit verliehen. Doch solcherlei Versuche, die Geschichte nachträglich zu glätten, bleiben fragwürdig.

Aus dem NIOD wiederum meldet sich mit dem Historiker David Barnouw ein Insider zu Wort, der sich mit Anne beschäftigt hat, seit ihre Dokumente in den Besitz seines Instituts übergingen. Sei es, dass er während der ersten Jahre persönlich im Anne-Frank-Haus einmal im Quartal die Tagebuchseiten umwendete, um ihrem Ausbleichen entgegenzuwirken, oder dass er später Mitherausgeber der wissenschaftlichen Ausgabe der Tagebuchtexte werden sollte. Rückblickend erscheint es, als sei er in der Vergangenheit immer dann zu Stelle gewesen, wenn der Hype um Anne sich einmal wieder zu überschlagen drohte; sei es, als immer wieder – vor allem von Seiten rechter Gruppierungen – versucht wurde, die Echtheit der Tagebücher anzufechten, oder auch, als es um die Frage ging, wer die Familie Frank letztlich verriet. Mit einer Veröffentlichung unter dem Titel Wer verriet Anne Frank? erläuterte er 2006 alle bis dahin vorliegenden Fakten, verwies den Rest ins Reich der Phantasie und machte damit mancher wilden und unfruchtbaren Spekulation ein Ende. Unfruchtbar deshalb, weil die nachträgliche Suche nach Sündenböcken kontraproduktiv ist. Wer immer die Bewohner des Hinterhauses, die durch Annes Tagebücher allgemein bekannt wurden, verriet, ist kein schlimmerer und kein besserer Verräter, als jeder andere miese Denunziant aus jener Zeit, der andere Menschen auf dem Gewissen hat, an die sich zu deren Unglück nur niemand mehr erinnert. Vielmehr gilt es, der Frage nachzugehen, wie eine menschliche Gesellschaft überhaupt in die Situation geraten kann, mehrheitlich zu einem Volk der Mitläufer, Denunzianten und Mittäter zu werden, und nach Wegen zu suchen, dies künftig dauerhaft zu verhindern, umso dringender angesichts der jüngsten gesellschaftlichen Entwicklungen und des zunehmenden Rechtspopulismus in Europa. Um es mit Theodor W. Adorno zu sagen: „Man muß die Mechanismen erkennen, die die Menschen so machen, daß sie solcher Taten fähig werden, muß ihnen selbst diese Mechanismen aufzeigen und zu verhindern trachten, daß sie abermals so werden, indem man ein allgemeines Bewußtsein jener Mechanismen erweckt.“

Davids Barnouws jüngstes Buch Das Phänomen Anne Frank, das uns eine chronologische Darstellung der historischen Ereignisse und zugleich eine ausführliche Rezeptionsgeschichte der Texte Anne Franks sowie deren medialen Verarbeitungen liefert, erschien erstmals 2012 in den Niederlanden unter dem Titel Het fenomeen Anne Frank. Seit letztem Jahr liegt es in überarbeiteter Form nun auch in deutscher Sprache vor. Es bietet allen, die sich näher mit Anne Frank beschäftigen möchten, eine gute und umfassende Übersicht über alle Ereignisse, inklusive der Medienereignisse vom Beginn bis in die Gegenwart, nicht ohne die Instrumentalisierung und Vermarktung des Namens Anne Frank kritisch zu beleuchten. Dies wiederum trug dem Autor – auch und gerade bei der Anne-Frank-Stiftung – nicht nur Freunde ein. Mit ihrer unbeirrt sachlichen Haltung steht seine Veröffentlichung jedoch einmal mehr als ruhender Fels in der Brandung aller mehr oder weniger hitzig geführten Debatten.

Inwieweit ein Name, eine Person oder auch ein Stoff bei der Umsetzung in ein mediales Format der Gefahr der Instrumentalisierung, im schlimmeren Fall auch der Trivialisierung, ausgesetzt ist, bleibt eine spannende Frage. Dies zeigt eine Sammlung von Aufsätzen, die vorletztes Jahr unter dem Titel Anne Frank – Mediengeschichten erschien. Verschiedene Autorinnen und Autoren, die sich im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit oder Lehrtätigkeit mit unterschiedlichen Medialisierungen von Anne Franks Geschichte beschäftigten, kommen hier zu Wort und gehen vor allem der Frage nach, inwieweit eine Geschichte durch eine andere mediale Verarbeitung neu erzählt oder auch umerzählt wird. Angefangen beim unbewegten Medium, beispielsweise der Fotografie oder dem Denkmal, und der Botschaft, die es transportiert – einmal durch das, was es erzählt und zum anderen auch durch das, was es nicht erzählt – über die vielfältigen szenischen Umsetzungen des Stoffes für Bühne oder Film, bis hin zu Übertragungen der Geschichte in modernere Formen, zum Beispiel die der Graphic Novel oder des japanischen Mangas, und schließlich den Möglichkeiten, die neue, interaktive Medien wie das Internet und die sozialen Netzwerke bieten, zeigt sich hier ein weites Spektrum an unterschiedlichsten Erzählformen. Als jüngstes Beispiel sei hier noch das neue Theaterstück ANNE von Leon de Winter und Jessica Durlacher angefügt, 2014 uraufgeführt in einem eigens zu diesem Zweck neu erbauten Theater in Amsterdam.

Die diversen Erzählformen wiederum können, abhängig von der Motivation des Senders, der Art und Weise der Übermittlung und nicht zuletzt von Alter, Persönlichkeit, Vorbildung und Vorerfahrungen der Empfänger innerhalb einer Zielgruppe sehr unterschiedliche Auslegungen und Deutungen hervorbringen. Neue Medien schaffen überdies Möglichkeiten des Zugangs, an die früher niemand auch nur zu denken gewagt hätte. Zum Beispiel bietet das Anne-Frank-Haus auf seiner Homepage einen virtuellen Rundgang durch das gesamte Haus in der Prinsengracht, welcher auch Menschen, denen keine Besichtigung vor Ort möglich ist, erlaubt, sich einen Eindruck der Räume und des ehemaligen Verstecks im Hinterhaus zu verschaffen. Als eine originelle Idee ist auch der „Anne-Frank-Tree“ zu nennen, ein virtueller Kastanienbaum anstelle des echten, den Anne in ihrem Tagebuch erwähnt. Jener war leider aus Altersgründen letztlich nicht mehr zu retten und stürzte trotz aufwändiger Sanierungsaktionen im Jahr 2010 endgültig um, während dafür Setzlinge von ihm um die ganze Welt gingen. An seinem im Internet verewigten Abbild ist es nun möglich, mit dem Anheften virtueller Gedenk-Blätter eigenen Gedanken Ausdruck zu verleihen und sich mit Menschen desselben Anliegens zu verbinden. Mit „Anne Frank im Land der Mangas“, ein Thema, dem im Buch ebenfalls ein eigener Aufsatz gewidmet ist, gestaltete ein Team belgisch-französischer Künstler auf der Internet-Seite des Senders Arte ein „begehbares Manga“. Ein interaktiver Comic – in der in Japan bei Kindern und Erwachsenen äußerst beliebten Form des Mangas – begleitet nachträglich eine Reise der Autoren auf der Suche nach Spuren Anne Franks im fernen Osten. Er beleuchtet mit gewissem Augenzwinkern ein Land der Widersprüche, das Anne einerseits hoch verehrt, ihr gar eine Kirche geweiht und eine Rosensorte gewidmet hat und sich mit ihr gleichsam als Weltkriegsopfer – Holocaust und Hiroshima wurden im selben Atemzug genannt – identifiziert, dem andererseits die Auseinandersetzung mit der anderen, dunklen Seite der eigenen Täterrolle bei Kriegsverbrechen ähnlich schwer fallen will, wie dem einst verbündeten Deutschland. Es handelt sich um ein geradezu erschreckendes Beispiel dafür, wie die Instrumentalisierung ausgerechnet des Namens Anne Frank Verzerrungen in der Wahrnehmung historischer Ereignisse befördern kann.

Hingegen lohnt es sich in der Tat, näher zu betrachten, inwieweit die fiktive Präsenz einer Ikone wie Anne Frank in einem sozialen Netzwerk – nehmen wir beispielsweise Facebook –  einerseits neue Möglichkeiten der Identifikation und Erinnerung schaffen, jedoch andererseits zur Trivialisierung der Erinnerung an die Opfer der Nazi-Verbrechen zum Zweck der Unterhaltung um jeden Preis führen kann. Seit Erscheinen des Beitrags „Meine Freundin Anne Frank – Die Medialisierung Anne Franks zur Facebook-Ikone“ hat sich die Situation nochmals verändert. Die Verantwortlichen von Facebook haben in der jüngsten Zeit darauf hingearbeitet, fiktive Personenprofile zu löschen, beziehungsweise diese in Seiten umzuwandeln. Das heutige Anne-Frank-Profil suggeriert somit Nutzerinnen und Nutzern nicht mehr, mit Anne ‚befreundet‘ zu sein. Vielmehr handelt es sich um eine Fan-Seite, die von diesen mit „Gefällt mir“ markiert werden kann und ihnen – wie jede andere Facebook-Seite – Einstellungen anbietet, um neue Postings an erster Stelle der persönlichen Timeline angezeigt zu bekommen. So ist auf der vom Anne-Frank-Haus in Amsterdam betreuten Anne-Frank-Seite ein Einblick in Ausstellungen und Veranstaltungen des Museums sowie ein Weiterverbreiten dieser Meldungen über die „Teilen“-Option möglich, was der Stiftung und ihren Projekten zunehmend größere Bekanntheit verschafft. Das ist in diesem Falle nur wünschenswert, da sich die Organisation Zielen wie Aufklärung, Bildung, Begegnung und internationalem Austausch junger Leute verschrieben hat, die anzustreben heute wichtiger ist denn je. Natürlich muss sich eine Seite, die auf Interaktion setzt, unter anderem mit unpassenden und destruktiven Kommentaren auseinandersetzen, und leider verwenden auch rechtsextreme Kreise die sozialen Netzwerke sehr intensiv als Plattform für ihre Zwecke. Denn mehr als jedes andere Medium kann Social Media nun einmal auf sehr unterschiedliche Weise genutzt werden. Gerade deshalb wäre es jedoch der falsche Ansatz, Plattformen wie Facebook pauschal abzuwerten oder gar schlecht zu reden – und geradezu fatal, wenn Einrichtungen und Organisationen, die auf Bildung und Aufklärung setzen, sich aus ihnen zurückziehen würden. Für diese gilt es umso mehr, soziale Netzwerke und deren Möglichkeiten intensiv zu nutzen, ihre Präsenz dort sorgfältig und aktuell zu pflegen und sich mit gleich und ähnlich gesinnten Seiten zu vernetzen, um im Prozess der öffentlichen Meinungsbildung deutlich Position zu zeigen. Dass der Basler Anne-Frank-Fonds die Aktivitäten auf seiner eigenen Facebook-Seite seit Herbst 2015 offensichtlich komplett eingestellt hat, ist zu bedauern und tut dessen Bildungszielen keinen guten Dienst. Die von der Anne-Frank-Stiftung in den Niederlanden sehr sorgfältig gepflegte Präsenz Anne Franks auf Facebook wiederum zeigt das facettenreiche Profil einer Autorin, die als Opfer der Shoah vielen anderen Opfern stellvertretend eine Stimme gab, die weiter fortwirkt. Somit gewinnt diese Seite zugleich den Charakter einer wichtigen Bildungsinstanz.

Hingegen nehmen junge Menschen Anne vor allem als eine der ihren wahr, identifizieren sich mit ihr als einer Gleichaltrigen, die sich traute, ihre Gedanken und Gefühle zu Papier zu bringen, auch viele heikle Dinge beim Namen zu nennen, die Jugendliche zu allen Zeiten beschäftigen. Sie identifizieren sich jedoch eher nicht – so sehr auch Lehrerinnen und Lehrer, Museumspädagoginnen und Museumspädagogen sich darum bemühen mögen – mit Anne als Opfer der Shoah. Dies können sie vermutlich auch nicht. Zu allen Zeiten dürfte es jungen Menschen widerstrebt haben, sich mit Opfern zu identifizieren, eine Abneigung, die sehr viel mit Selbstschutz zu tun hat – und die gegenwärtig auch in der gängigen, abwertenden Schimpfwortbezeichnung „Du Opfer!“ ihren Ausdruck findet. Zum Opfer werden, das kann niemand wollen, daran mögen wir noch nicht einmal denken! Und es lässt sich auch nicht sagen, ob Identifikation mit den Opfern tatsächlich verhindern kann, nicht eines Tages doch zu Tätern oder Mittätern zu werden. Denn gerade dies entwickelt sich ja oft aus dem – freilich simplen – Entweder-Oder-Glauben, andernfalls womöglich selbst Opfer zu werden. Mechanismen, über die nachzudenken Unbehagen bereiten muss. Bedeutet es für uns als Deutsche schließlich auch, uns damit zu konfrontieren, dass – Tatsachen und Wahrscheinlichkeitsrechnungen zufolge – in den Reihen der eigenen, mehrheitlich schweigenden Vorfahren seltenst Widerstandskämpfer, wohl aber Täter, Mittäter und feige Mitläufer gewesen sein müssen. Und notwendigerweise erfordert es im nächsten Schritt, sich mit der noch dringenderen Frage auseinanderzusetzen, wozu wir denn selbst fähig wären, vor die Wahl gestellt: In Aussicht gestellte Teilhabe an der Macht bei Mitlaufen und Mittun – oder Ausgrenzung bis hin zur Verfolgung bei Widerstand? Dies ist ein schmerzhafter Prozess; er lässt sich durch nichts abmildern, und nicht ganz zu Unrecht empfinden junge Menschen ihn als Zumutung, denn ihre Vorfahren, die es eigentlich betraf, haben diesen Prozess mehrheitlich umgangen, sich unfähig gezeigt, sich mit eigener Schuld und Mitschuld auseinanderzusetzen. Wie sollen ihnen das die nächsten Generationen abnehmen? So ganz ohne Vorbilder? Schuld, die sich einfach weitervererben lässt, nach dem Motto: Sollen sich die Nachgeborenen doch damit herumschlagen!? Wer kann es diesen verdenken, wenn sie ein solches Erbe ausschlagen? Bleibt das Erbe der Verantwortung, welches nicht ausgeschlagen werden kann: Wie lässt sich das an junge Menschen herantragen? Vielleicht bedarf es hier nicht gar so vieler Verrenkungen. Möglicherweise reichen Denkimpulse aus. Es kann – nicht nur für junge Menschen – immer wieder ein einfacher erster Schritt sein, festzustellen: Hier war jemand, der wegen angeblichen Andersseins ausgegrenzt wurde und doch ähnlich dachte und fühlte wie ich, obwohl er oder sie zu einer ganz anderen Zeit lebte. Und dann darauf zu vertrauen, dass junge Menschen durchaus zum Selbstdenken und Weiterdenken in der Lage sind, wenn dies vielleicht auch in ganz anderen, als in den von Didaktik und Methodik vorgesehenen Bahnen geschehen mag.

Was darf Erinnerung? Wie schön, wenn wir uns darauf einigen könnten, zu sagen: Alles, was dem offenen Austausch, der Begegnung und Friedensbemühungen in aller Welt dient. Alles, was hilft, künftige Barbarei zu verhindern. Um es nochmals mit den Worten Adornos zu sagen: „Die Forderung, daß Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung.“ Das Vorwort von Miep Gies in ihrem Erinnerungsbuch Meine Zeit mit Anne Frank, das vor zwei Jahren zum dritten Mal aufgelegt wurde, endet mit den Worten: „Meine Geschichte handelt von ganz gewöhnlichen Menschen in außergewöhnlich dunklen Zeiten – Zeiten, von denen ich nur inständig hoffen kann, dass sie sich nie wiederholen mögen. Niemals. Es ist an uns, den einfachen Menschen in aller Welt, dafür zu sorgen, dass dies nicht geschieht.“

Was machte Miep Gies zu einem Menschen, der anders handelte? Welche Erfahrungen in ihrer Jugend befähigten sie zu ihrer so ganz anderen Haltung? In Wien geboren, wurde sie als Elfjährige nach dem Ersten Weltkrieg im Rahmen eines Hilfsprogramms für hungernde österreichische Kinder zu einer ihr zuvor unbekannten Pflegefamilie in die Niederlande verschickt. Diese hatte bereits mehrere eigene Kinder und war keineswegs reich – der Vater ein Arbeiter –, aber der festen Überzeugung, dass dort, wo schon so viele satt werden, es auf einen mehr nicht ankomme. Wenn Miep Gies ihre Lebensbedingungen in dieser Familie beschreibt, so entbehrt dies völlig Schilderungen, wie sie aus dieser Zeit normalerweise erwartet werden, womöglich von Entbehrungen, harter Disziplin oder gar Schlägen, die angeblich „noch keinem geschadet haben“, und ähnlichem, das unseren Ohren aus Berichten unserer eigenen Vorfahren vertraut ist. Vielmehr entsteht das Bild von einer freundlich umsorgenden Atmosphäre liebevoller Akzeptanz und Wärme, die ganz offensichtlich auch von Mieps neuen Geschwistern so erfahren und weitergegeben wurde, von uneingeschränkter Hilfsbereitschaft auch von Kindern in der Umgebung, die offenbar unter ähnlichen Bedingungen aufwuchsen, und schließlich von einem insgesamt geistig aufgeschlossenen und bildungsfreundlichen Klima, in dem Heranwachsende unter anderem angehalten wurden, Zeitung zu lesen und sich eine eigene Meinung zu bilden. Hier scheint sich ganz schlicht das spätere Astrid-Lindgren-Zitat zu bestätigen: „Gebt den Kindern Liebe, mehr Liebe und noch mehr Liebe, dann stellen sich die guten Manieren ganz von selbst ein.“ Dies nur, um eine Ahnung davon entstehen zu lassen, wie die theoretisch viel diskutierte Erziehung nach Auschwitz in der Praxis aussehen könnte. Denn leider sieht es immer noch so aus, als hätten wir in dieser Hinsicht gar keinen Plan, während eine neue Generation in Teilen der Anziehungskraft des Barbarischen neu zu erliegen droht.

Und wem gehört nun Anne Frank? Einerseits zur unantastbaren Ikone verklärt, andererseits im selben Zug – oft auch gerade von den Menschen, die sie dazu erklären – nach Belieben für die unterschiedlichsten Belange herangezogen? Sie, die sich schon immer sehr darüber wunderte, „dass erwachsene Menschen so schnell, so viel und über alle möglichen Kleinigkeiten Streit anfangen“, wie es einem Tagebuch-Eintrag vom 28. September 1942 zu entnehmen ist? Wäre es nicht an der Zeit, sie ein wenig sich selbst zurückzugeben? Am ehesten kann dies gelingen, indem wir ihr eigenes Werk lesen. Unter dem Titel Denn schreiben will ich!, ein Ausruf, mit dem ein selbstkritischer Eintrag vom 5. April 1944 endet, erschien in diesem Jahr in neuer Übersetzung bei Reclam eine handliche, leinengebundene Ausgabe. Sie enthält Annes wichtigste Tagebuchauszüge, eigene Erzählungen aus ihrem „Geschichtenbuch“ und einen Auszug aus ihrem begonnenen und unvollendeten Roman Aus Cadys Leben. Hier entsteht anschaulich das Bild eines jungen Mädchens mit ungewöhnlicher schriftstellerischer Begabung, scharfer Beobachtungsgabe und herzlichem Humor, das sich das „Dennoch“ zum Motto ihres kurzen Lebens gemacht hatte, welches ihr – und mit ihr vielen anderen, die Rede ist von mehreren Millionen, darunter geschätzte eineinhalb Millionen Kinder – schließlich auf denkbar schlimmste Weise genommen wurde. Uns, die wir angesichts dieser kaum vorstellbaren Fakten immer wieder sprachlos verharren, bleibt im Grunde nur, dieses „Dennoch“ zu übernehmen, es uns zu eigen zu machen und weiterzutragen. In jeder Hinsicht.

 

Dieser Beitrag erschien am 17.08.2016 in Rezensionsforum literaturkritik.de.

 

 

Miep Gies Anne Frank

Miep Gies:
Meine Zeit mit Anne Frank.
Der Bericht jener Frau,
die Anne Frank und ihre Familie in ihrem Versteck versorgte,
sie lange Zeit vor der Deportation bewahrte –
und sie doch nicht retten konnte.
Übersetzt aus dem Englischen von Liselotte Julius.
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 2009.
256 Seiten, 9,95 EUR.
ISBN-13: 9783596183678

Überall im Buchhandel

umschlag_mediengeschichten_druck.indd

Peter Seibert / Jana Piper / Alfonso Meoli (Hg.):
Anne Frank. Mediengeschichten.
Metropol Verlag, Berlin 2014.
272 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783863311995

Überall im Buchhandel

Anne Frank_14.8.2015.inddDavid Barnouw:
Das Phänomen Anne Frank.
Aus dem Niederländischen
von Simone Schroth.
Klartext Verlagsgesellschaft, Essen 2015.
180 Seiten, 14,95 EUR.
ISBN-13: 9783837512465

Überall im Buchhandel

Denn schreiben will ichAnne Frank:
Denn schreiben will ich!
Aus den Tagebüchern und anderen Werken.
Reclam Verlag, Stuttgart 2016.
262 Seiten, 19,95 EUR.
ISBN-13: 9783150110553

Überall im Buchhandel

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Autor, Bücher, Bettina Johl, Buchbesprechung, Essay, Gesellschaft, Rezension

Begegnung – Eine Kurzgeschichte

DSC_0379 (1)

Ich hätte es wissen müssen. Es stand fest, dass es geschehen würde. Dennoch traf es mich unvorbereitet. An einem jener schwer lastenden Tage des alt gewordenen Sommers, an denen bereits alle Zeichen auf Herbst stehen, ohne dass der Herbst wirklich begonnen hätte. Reste von Gewitterschwüle, deren Entladung keine Erfrischung, keine Erleichterung mit sich bringen will, nur unguten Wind aufkommen lässt, vor dem wir frösteln, ohne dass uns wirklich kalt wäre. Etwas Angespanntes, fast Lauerndes scheint in der Atmosphäre zu liegen. Keine Vorstellung, wer denn wem auflauern sollte, oder wer dies von wem zu befürchten hätte. Allem Unbehagen zum Trotz hatte ich mich auf diese Wanderung begeben, allein. Nicht etwa, weil sich keine Begleitung gefunden hätte, sondern weil ich das Alleinsein vorziehe. Weil es mir ermöglicht, unterwegs Dingen Aufmerksamkeit zu schenken, an denen ich während einer Unterhaltung achtlos vorüberginge. Und auch, um in Ruhe meinen Gedanken nachzuhängen, die, von vier Wänden umgeben, oft quälende Kreise ziehen, während sie sich im Freien aufzulösen und ordnen beginnen.

Den Weg, den ich wählte, war ich oft zuvor gegangen. Er führt durch ein schattiges Tal, in dem sich entlang eines Bachlaufes mehrere Wassermühlen finden. Jede dieser Mühlen ist mehrere hundert Jahre alt. Manche wirken verlassen und heruntergekommen, sind kaum zugänglich, von verwilderten Gärten umgeben; ihre dunklen Kellergewölbe und die schwarz aus verwitterten Rahmen starrenden Fenster lassen, besonders wenn sich das Licht der untergehenden Sonne in ihren zerbrochenen Scheiben spiegelt, manchen Gedanken an Gespensterspuk aufkommen. Andere wiederum sind neu bewohnt und restauriert, wirken fast idyllisch, was über ihre wahre, wenig romantische Vergangenheit hinwegtäuschen will. Die alten Gebäude aus Stein und Fachwerk zeugen vom harten Leben eines Berufsstandes, der einst als einer der am wenigsten angesehenen galt. Ihm anzugehören bedeutete in jenen Tagen schwere Arbeit, gesellschaftliche Ächtung und Armut. Vielleicht war es eine Ahnung dessen, die mich das Tal stets mit gemischten Gefühlen durchqueren ließ; einerseits zog es mich an, andererseits drückte es mich merkwürdig nieder. Lieber wählte ich zuweilen einen Seitenpfad, der nach den ersten beiden Mühlen nach rechts abzweigt und durch Bannwald steil aufwärts zu einer Schlucht führt, die man auf einer brüchig wirkenden Holzbrücke überquert, um sodann auf die Anhöhe und freies Feld zu gelangen. Der Weg verläuft zunächst an einem entlegenen, von hohen Bäumen umstandenen, jahrhundertealten jüdischen Friedhof entlang und führt danach wieder durch Wald zu einer Burg, von deren Terrasse man einen weiten Blick über das Tal des Flusses hat, in den unterhalb des Bergsporns jener Bach mündet, der die Mühlen einst betrieb.

Wie immer hatte ich auch diesmal auf der Burg Rast gehalten und bei einer Tasse Kaffee in die Ferne geschaut. Es war später Nachmittag und die meisten der Besucher von Museum und Falknerei hatten den Heimweg angetreten. Die sonst gut besetzte Terrasse hatte sich bereits geleert, und mit dem Abzug der Menschen legte sich eine tiefe Stille über die alten, geschichtsträchtigen Mauern, in denen einst ein Märchendichter eine Novelle verfasste, die heute kaum einer mehr kennt.

Der Rückweg führte mich über den unteren Burggarten, dessen späte Rosen in der Abendsonne leuchteten, auf einen Pfad, der steil abfallend in das untere Mühlenbachtal an der Nordseite des Burgbergs führte. Neblige Kühle umfing mich; aus der Senke hatte sich das Sonnenlicht längst zurückgezogen. Außer dem Murmeln des Wassers war kein Laut zu hören. Jenseits des Baches gab es eine Straße, von der hin und wieder das Geräusch eines Fahrzeugs herüber drang; es war eine wenig befahrene Nebenstrecke. Selbst die Vögel waren hier völlig verstummt, sie schienen sich auf die Höhen zurückgezogen zu haben. Nach einem kurzen Stück durch den Wald kam eine der unteren Mühlen in Sicht, an deren Rückseite der Pfad endet. Indem man ihren Hof durchquert, gelangt man auf den Hauptweg, der über die oberhalb gelegenen Mühlen zum Ausgangspunkt zurückführt. Jene Mühle beherbergte eine kleine Gaststätte, die es schon gab, seit ich zurückdenken kann. Irgendwann hatte man sie in einen neu renovierten Gebäudeteil verlagert und modernisiert. Auf der verwinkelten Gartenterrasse saßen wenige Gäste. Das Tal lag düster und wirkte verlassen, als wäre der Tag viel weiter fortgeschritten. Über den Wiesen hingen vereinzelt Nebelschwaden. Kaum eine Spur mehr von Wanderern, Joggern, Spaziergängern und Radfahrern, die diese Gegend zu anderen Tageszeiten bevölkerten. Nun, sie würden mir nicht fehlen.

Die Mühle war kaum außer Sicht, als ich Schritte hinter mir vernahm. Sie näherten sich rasch, wirkten fest, energisch, – bei all dem nicht unbedingt eilig, aber doch forsch, deuteten auf jemanden, der ein Ziel vor Augen hatte. Kurz darauf tauchte eine Gestalt zu meiner Linken auf und ich sah, dass es eine junge Frau war. Auf meiner Höhe angelangt, sah sie kurz auf und grüßte mit der Andeutung eines Lächelns. Sie hatte mich bereits überholt, als sie sich nochmals umwandte. Etwas Erstauntes, Fragendes schien jetzt in ihrem Blick zu liegen, das sich jedoch sofort wieder verflüchtigte. Dann setzte sie ihren Weg fort, wobei sie rasch den Abstand zwischen sich und mir vergrößerte. Sie schien so groß wie ich, trug einen kleinen Rucksack, darunter eine Windjacke, ihr Haar offen über den Schultern, robuste Jeans und leichte Sportschuhe aus rauem Leder.

Frauen allein unterwegs bieten noch immer einen eher seltenen Anblick. Wenn sich zufällig zwei von ihnen begegnen, wechseln sie manchmal Blicke wie in geheimem Einvernehmen, seltener Worte. Wer die Einsamkeit aufsucht, hat seine Gründe, allein sein zu wollen. Dasselbe setzt man beim anderen voraus und respektiert es von vorneherein. In ihrem Blick hatte etwas anderes gelegen. Etwas wie Wiedererkennen. Aber woher? Ich war mir sicher, dieser jungen Frau nie begegnet zu sein, dennoch erschien mir etwas an ihr vertraut. Als ich aufsah, war sie bereits hinter der Wegbiegung verschwunden, ihre Schritte verklungen. Zur Rechten erstreckte sich ein Wiesenhang hinauf bis zum Waldrand, dort sah ich ein Reh stehen, das in meine Richtung schaute. Der Ruf eines Eichelhähers schreckte es auf, es wandte sich um und setzte mit großen Sprüngen ins Dickicht hinein. Es musste schon eine Weile dort gestanden und mich beobachtet haben. Aber warum hatte es sich von ihr nicht erschrecken lassen, die doch vor mir her ging? Und warum hatte der Häher nicht vor ihr gewarnt? Ein kühler Luftzug streifte mich.

Ich durchquerte das Wäldchen, beschleunigte, hatte es plötzlich eilig. Mein Herz hämmerte. Ich lief. Die Frau war nirgends zu sehen. Außer Atem erreichte ich schließlich eine Wegkreuzung, an der sich eine Raststelle befand. Hierhin war das fehlende Sonnenlicht zurückgekehrt, schien wie selbstverständlich golden glänzend durch die Bäume. Ich füllte meine Wasserflasche am Brunnen und ließ mich auf eine der hölzernen Bänke fallen. Noch immer jagte mein Puls. Hatte ich geglaubt, mich einholen zu können? Plötzlich stand mir alles klar vor Augen.

Ein ähnlicher Spätsommertag. Fünfundzwanzig  Jahre zuvor. Die junge Frau auf dem Rückweg von einer Wanderung, die sie alleine unternommen hatte. Obwohl – von „allein“ zu sprechen traf es nicht ganz, denn in ihrem Leib hatte sich neues Leben angekündigt, wenngleich ihr das noch nicht anzusehen war. Ihr erstes Kind, auf das sie sich freute. Eigentlich war es ihr zweites, das erste war eine Fehlgeburt gewesen. Dieses würde keine werden, sie war sich sicher. Dieses Kind würde leben. Es sollte ihr einziges bleiben, aber das konnte sie zu dieser Zeit nicht wissen. Sie war guter Dinge. Das Kleine hatte sich eingerichtet und bereitete ihr keine Beschwerden. Im Gegenteil. Sie fühlte sich kräftig, es ging ihr so gut wie nie zuvor – und nie wieder danach, aber auch das wusste sie noch nicht. Ihr Mann war zur Kur gefahren; sie verbrachte viel Zeit allein und hatte begonnen, Gefallen daran zu finden. Sie war zur Burg gewandert, auf dem bekannten Weg, hatte sich zwischendurch geringfügig verlaufen, und war auf einen entlegenen Waldweg geraten. Dort begegnete sie einem Fuchs. Es war der erste Fuchs in freier Wildbahn, den sie in ihrem Leben aus der Nähe zu sehen bekam; sie würde dies nie vergessen. Er hatte plötzlich vor ihr gestanden, wohl genauso erschrocken wie sie selbst. Eine Füchsin, denke ich mir heute – eine Fähe. Mager hatte sie ausgesehen, als wenn sie mehr für ihre Jungen jagte, die sich vermutlich irgendwo in der Nähe versteckt hielten, als für sich selbst. Und als ob sie selten schlief. Das Los aller Mütter. Die Fähe war sekundenlang wie festgewachsen auf der Mitte des Weges stehen geblieben, hatte sie mit aufmerksamen Fuchsaugen angeschaut und sich dann ohne zu große Eile ins Dickicht verzogen. Bildete sie sich ein, dass Traurigkeit in diesem Blick gelegen hatte? Die Gabe, das Leid der Tiere und mit ihm die eigene Verlorenheit zu fühlen, die zum Fluch werden kann. Füchse sind sehr klug, tröstete sie sich. Dieser wird es schaffen! Sie werden ihn nicht vor die Flinte bekommen. Sie mochte Füchse sehr und freute sich, dass es ihr vergönnt gewesen war, einem zu begegnen. Sie war weiter zur Burg gewandert, hatte auf der Terrasse in der Sonne gesessen, auf den Fluss geschaut, der ihr Fluss war, immer schon, und eine Tasse Tee getrunken – keinen Kaffee, den mochte sie während dieser Zeit nicht, das Kind wehrte sich dagegen. Es trinkt bis heute keinen. Nie. Später hatte sie noch einige Zeit im Burggarten gesessen und die Rosen bewundert. Die Sonne war tief gesunken, als sie den Rückweg an der Schattenseite des Berges antrat. Sie war zügig ausgeschritten, hatte sich nicht aufhalten lassen. Alsbald war sie zur Mühle gelangt, hatte deren Hof durchquert und befand sich nun auf dem Weg durch das obere Tal.

Außer der Frau, die vor ihr ging, schien niemand unterwegs zu sein. Diese war ähnlich gekleidet und ausgerüstet wie sie selbst. Sie ging langsam, schien es nicht eilig zu haben. Sie war nicht mehr jung; aus nächster Nähe war es ihr anzusehen. Die junge Frau hatte sie sehr bald eingeholt. Sie warf ihr einen verstohlen neugierigen Seitenblick zu und grüßte etwas verlegen, als die Ältere aufsah und ihre Blicke sich begegneten. Etwas wie Verwunderung las sie in deren Augen. Vertraut schien sie ihr – und doch fremd. Aber es war natürlich unhöflich, jemanden anzustarren. Sie ging rasch weiter. Irgendetwas veranlasste sie, sich nochmals umzudrehen und zurückzuschauen. Sie sah den Blick der anderen auf sich ruhen. Etwas in ihr ahnte dunkel, dass diese etwas wissen könnte, das mit ihr zu tun hatte. Etwas, das wichtig war. Ein kurzer Impuls, stehen zu bleiben, sie anzusprechen, sie einfach zu fragen. Sie zögerte – und ging dann weiter. Sie wagte es nicht. Als sie sich nochmals umdrehte, war die Ältere verschwunden. Wohin mochte sie so schnell abgebogen sein? Der Weg teilte sich auf diesem Abschnitt doch nirgends? Oder hatte sie etwas vergessen und war zurückgegangen? Aber wohin? Woher war sie gekommen? Auf der Burg hatte sie sie nicht gesehen. Nachdenklich setzte die Jüngere ihren Weg fort. Sie gelangte zum Rastplatz, der ruhig in der Abendsonne lag, setzte sich auf eine Bank und schloss die Augen. Sie versuchte, Ordnung in ihre Gedanken zu bringen. Die Frau, der sie begegnet war, hatte etwas mit ihr zu tun, das fühlte sie. Was immer sie suchte, diese schien den Schlüssel dazu zu besitzen. Warum bin ich an ihr vorbeigegangen, statt einfach ein Stück des Weges neben ihr zu bleiben? Wollte ich es nicht wissen? Fürchtete ich, zurückgewiesen zu werden? „Wo bist Du?“ Sie hatte diese Worte nur mehr geflüstert, dennoch erschrak sie über ihren Klang, es war ihr, als hallten sie von der nahen Schlucht her zurück.

War da ein Ruf? Es ist alles ruhig. Puls und Atemfrequenz – fast – wieder normal. Die Sonne scheint. Zwitschern vereinzelter Vögel. Manchmal knacken Äste. Es sind die Geräusche des Waldes, die mich nie beunruhigen. Stets habe ich in meinem Leben das Gefühl, dass der Wald, sobald ich mich in ihm befinde, einen Mantel um mich breitet. Das Grün der Bäume wirkt ausgelaugt, Zeichen des alternden Sommers. Bald ist Herbst.

© Bettina Johl

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Autor, Herbst, Literarische Wanderungen

Anne Franks Vermächtnis

annefranklitera

Zur neu erschienenen Gesamtausgabe ihrer Werke

Von Bettina Johl

Wann bin ich erstmals mit ihr in Berührung gekommen? Ich erinnere mich an ein Buch, eine Anthologie, die ich in sehr jungen Jahren las. Darin begegnete ich Autorinnen, die mich künftig beschäftigen sollten, fand darin Texte von Virginia Woolf, George Sand, Lou Andreas Salomé, Else Lasker-Schüler, Rosa Luxemburg, Luise Rinser und Christa Wolf sowie auch einen Auszug aus Anne Franks Tagebuch. Dieses hatte ich bis dato nicht gekannt. Wenn ich in meiner Umgebung etwas davon vernommen hatte, so waren es Gerüchte und Verunglimpfungen, die besonders dort begeistert aufgegriffen wurden, wo man sonst über die Vergangenheit lieber schwieg, abgesehen von Schilderungen, wie schwer man es hatte, „nach fünfundvierzig“. Die Jahre davor waren mit Tabus belegt. Bestimmte Fragen durften nicht gestellt werden. Daran hielt man sich, wenn man als junger Mensch oft genug abgeblitzt war, sich satt gehört hatte an dem Satz: „Davon versteht ihr nichts, euch geht es heute viel zu gut, macht erst mal das mit, was wir mitgemacht haben – nach 45!“ Lesend ließ sich wohl manches in Erfahrung bringen, aber über die Lektüre sprechen ging angesichts solcher Verleugnungsstrategien ebenfalls nicht. Man blieb mit seinen Fragen allein.

Ich kannte zuvor niemanden, der Annes Tagebuch gelesen hatte, wusste daher auch nicht, dass es im Stil von Briefen verfasst war, und dass es sich bei der Adressatin Kitty um eine fiktive Freundin handelte. Ich las mich schnell fest und staunte. Dies waren die Aufzeichnungen eines jungen Mädchens, das unter äußeren Bedingungen lebte, für die meine Vorstellungskraft nicht ausreichte, und dennoch war, was sie schrieb, mir seltsam vertraut. Denn viele der inneren Kämpfe, die sie ausfocht, waren die eines heranwachsenden jungen Mädchens. Anne hätte viel darum gegeben, einfach nur das Leben eines ganz normalen jungen Mädchens führen zu dürfen. Es sollte ihr nicht vergönnt sein.

Annes Tagebuch, ein Dokument, geprägt von großer Nachdenklichkeit, aber auch ungebrochener Lebensfreude und Hoffnung, entstand – wie wir wissen, unter völlig anderen als normal zu nennenden Bedingungen – im Versteck eines Amsterdamer Hinterhauses, in das sich Annes Familie vor den Nachstellungen der Nazis in den seit 1940 deutsch besetzten Niederlanden geflüchtet hatte. Dieses teilte sie mit einer weiteren Familie und einem entfernten Bekannten. Insgesamt waren es acht Menschen, die dort fast zwei Jahre in Enge, Angst und Ungewissheit zubrachten, um schließlich verraten, entdeckt und deportiert zu werden. Das Haus an der Prinsengracht 263 beherbergt heute das Anne-Frank-Museum. Ich bin bislang nie dort gewesen. Ein virtueller Gang durch das Haus auf der Website vermittelt jedoch eine Vorstellung von den Räumlichkeiten. Ich habe diesen oft aufgerufen, die Zimmer und Flure in verschiedenen Richtungen durchquert, bis ich mich nahezu auswendig darin bewegte. Ein kläglicher Versuch, mich in die Situation hineinzudenken. Man kann es nicht.

Leben im Versteck bedeutete Zusammensein auf engstem Raum, teilweise mit fremden Menschen, inklusive aller Spannungen und Streitigkeiten, die eine solche Situation mit sich bringt. Es bedeutete Eingesperrtsein, Stillhalten, stundenweises Vermeiden jeglicher Geräusche, Mangel an Bewegung und frischer Luft – selbst das Öffnen eines Fensters bedeutete stets ein Risiko. Es bedeutete zunehmende Knappheit an Nahrungsmitteln, verheerende hygienische Bedingungen – auch das Betätigen der Toilettenspülung war nur zu bestimmten Zeiten möglich. Es bedeutete das Zurücklassen von liebgewordenen und vertrauten Gegenständen, wenngleich Annes Familie zumindest in der Lage gewesen war, viele Dinge vorab im Versteck zu deponieren, da sich das Büro der Firma Opekta, die der Vater Otto Frank leitete, im Vorderhaus befand. Es bedeutete – erschwerend für ein Kind – die Trennung von Freunden und Haustieren, das Fehlen von Außenkontakten, das Entbehren harmlosester Vergnügungen und obendrein das Fehlen jeglicher Privat- und Intimsphäre, verstärkt durch den Umstand, dass das heranwachsende Mädchen Anne gerade während der kritischsten Pubertätsphase das Zimmer mit einem ihr fremden Mann um die Fünfzig teilen musste. Es bedeutete im Weiteren für einen jungen Menschen die Unmöglichkeit, sich abzugrenzen, den so notwendigen Ablösungsprozess von den Eltern – nicht nur innerlich, auch äußerlich – zu vollziehen. Und es bedeutete vor allem Angst. Angst, die zum ständigen Begleiter wurde. Angst, die über allem lagerte. Angst vor jederzeit möglicher Entdeckung und den Folgen, um die man sehr wohl wusste. Angst, die sich nicht in den allgemeinen Schrecken des Krieges erschöpfte, die noch hinzukamen: Nächtliche Schießereien und Bombardierungen, die es unmöglich machten, Schlaf zu finden, umso mehr in dem Wissen, als Untergetauchte schutzlos ausgeliefert zu sein, nirgendwohin fliehen zu können. Stets gegenwärtig außerdem das Bewusstsein, dass sich die Helfer –  in diesem Falle Mitarbeiter der Firma und gute Freunde –  mit dem, was sie taten, in stetige Lebensgefahr brachten.

Wie ging ein von Natur aus lebhaftes Mädchen wie Anne mit dieser Situation um? Auf dem Gebiet der Pädagogik scheut man sich nicht, sie als Beispiel für die vielfach beschworene Resilienz heranzuziehen, welche die Widerstandskraft in schwierigen Lebenssituationen bezeichnet. Es verursacht mir einiges Unbehagen. Zweifelsfrei war Anne aufgeschlossen, wissbegierig und lerneifrig, ausgestattet mit einer scharfen Beobachtungsgabe und unverwüstlichem Humor. Es gab Bücher im Versteck. Die Familie hatte viele davon selbst mitgebracht, die Helfer sorgten für Nachschub, liehen Bücher aus öffentlichen Bibliotheken aus, brachten Zeitschriften mit, bestellten Fernkurse und beschafften Schreibmaterial. Anne lernte mit Fleiß und großer Disziplin, denn sie hegte bis zuletzt die Hoffnung, irgendwann wieder die Schule besuchen zu können. Die Fähigkeit, ihr Lernen weitgehend selbst zu organisieren, kennzeichnet die einstige Montessori-Schülerin. Darüber hinaus beschäftigte sie sich mit Themen, die sie besonders interessierten, wie Geschichte, Kunstgeschichte und klassische Mythologie. Sie hatte darüber hinaus, wie sicherlich viele andere junge Mädchen, ein Faible für Filmstars, über die sie Zeitungsausschnitte sammelte, und für europäische Königshäuser, über die sie Stammbaumtafeln erstellte. Sie las viel. Und sie schrieb.

Es begann mit ihrem Tagebuch, das sie zu ihrem dreizehnten Geburtstag geschenkt bekam, und mit dem sie begann, als sie noch in ihrem Zuhause, der Wohnung am Merwedeplein lebte. Fast läge es nahe, zu sagen: Als sie noch ein normales Leben führte. Ein solches hatte jedoch schon zwei Jahre zuvor mit der niederländischen Kapitulation und den sofort darauf einsetzenden Diskriminierungen und Einschränkungen für die jüdische Bevölkerung durch die deutschen Besatzer ein jähes Ende gefunden. Es bedeutete für Anne, nicht mehr zum Eislaufen zu dürfen, ein Sport, für den sie große Begeisterung entwickelt hatte, keine Kinobesuche, kein Betreten von öffentlichen Anlagen, kein Aufsuchen von nichtjüdischen Ladengeschäften, kein Benutzen von öffentlichen Verkehrsmitteln, zuletzt noch nicht einmal Fahrrad fahren, geschweige denn Aufenthalt im Freien nach Einbruch der Dunkelheit. Annes Freizeitvergnügen beschränkte sich zuletzt auf das Pingpongspiel bei Freunden, in deren Privathaus sich eine Tischtennisplatte befand. Sie durfte keine allgemeine Schule mehr besuchen und musste aufs jüdische Lyzeum wechseln, wo sie sich zwar wohl fühlte, jedoch sollte auch ihr Aufenthalt dort nicht lange dauern.

Unzählige Nadelstiche, Diskriminierungen im Alltag, die in Deutschland schon viele Jahre zuvor begonnen hatten, die offensichtlich waren und lange vor den Deportationen und Morden eingesetzt hatten, von denen später niemand etwas gewusst haben wollte. All dies spielte sich noch nicht „irgendwo im Osten“ ab, sondern mitten unter der Bevölkerung, die all dies billigend hinnahm. Machen wir uns nichts vor: Die Widerstandskämpfer bildeten unter unseren Vorfahren  die Ausnahme! Übrig blieben nur wenige unbeliebte Rollen: Die der Täter und die der feigen Mitläufer. Die Frage, welche davon die schlimmere ist, lässt sich, wie ich fürchte, noch nicht einmal eindeutig beantworten, machte doch das feige Mitläufertum die Untaten der Täter erst im vollen Umfange möglich. Und ich zögere, mir die Frage zu stellen, welche Rolle wir Nachgeborenen unter den gegebenen Verhältnissen eingenommen hätten. Machen wir uns wiederum nichts vor: In uns allen steckt, wie auch immer bedingt, leider viel mehr Potenzial – auch wenn wir die Täter heraushalten – zu Mitläufern als zu Widerstandskämpfern. So viel zu der möglicherweise ernst gemeinten Frage, ob man nicht irgendwann aufhören könne, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Man kann nicht!

Anne hatte in ihrem Schreiben einen Weg gefunden, ihre Eindrücke zu verarbeiten. Sie fand Gefallen am Schreiben, entwickelte darin wachsende sprachliche und stilistische Fertigkeit, erkannte ihr offensichtliches Talent mehr und mehr als Berufung und zog eine berufliche Zukunft als Journalistin oder Schriftstellerin in Erwägung. Neben ihrem Tagebuch schrieb sie Erzählungen und Geschichten, begann, an einem Roman zu arbeiten. Mit selbstkritischem Blick schulte sie ihre Urteilsfähigkeit hinsichtlich ihres Schaffens, lernte einzuschätzen, ob ihr ein Text gut gelungen war oder ob er der Verbesserung bedurfte. Von ihrer Familie wurde sie in ihrem Tun zumeist bestärkt und weitgehend nicht darin behindert, diente doch ihre Erzählkunst auch zeitweise der Unterhaltung ihrer Mitbewohner, wenn sie zuweilen einige ausgewählte Passagen aus ihren Werken vorlas.

In ihrem Tagebucheintrag vom 5. April 1944 lesen wir:

„[…] Mit Schreiben werde ich alles los. Mein Kummer verschwindet, mein Mut lebt wieder auf. Aber, und das ist die große Frage, werde ich jemals etwas Großes schreiben können, werde ich jemals Journalistin und Schriftstellerin werden? Ich hoffe es, ich hoffe es so sehr! Mit Schreiben kann ich alles ausdrücken, meine Gedanken, meine Ideale und meine Phantasien. […]“

Weitere Kraft mag sie geschöpft haben aus ihrer vorangegangenen glücklich zu nennenden Kindheit; sie beschrieb ihr Familienleben als harmonisch, sich selbst als den Liebling ihrer Lehrer und Mitschüler. Sie hatte viele Freundinnen und Freunde, erwähnte mit kleinem Augenzwinkern zahlreiche „Verehrer“. Umso schwerer musste sie den nachfolgenden Einschnitt in ihrem Leben empfunden haben. Vor allem während der ersten Zeit war ihr das Vertrauensverhältnis zu ihrem Vater eine große Hilfe und Stütze. Sie fand in ihm ihren Lernmentor und nahm sich im Übrigen seine stoische Ruhe und Genügsamkeit, die sie sehr bewunderte, zum Vorbild. Das Verhältnis zur Mutter hingegen zeigte sich in diesen Tagen als sehr belastet und konfliktgeladen, worunter offenbar beide litten. Die Mutter schien ihr wesensfremd, sie erlebte sie als gefühlskalt und verständnislos. Ihr Tagebuch gibt Zeugnis davon. Zugleich jedoch zeichnet sich darin über die Jahre hinweg eine Entwicklung in ihrem Denken ab, welches dazu führte, dass sie Rückschau hielt, reflektierte, relativierte, differenzierte, sich zunehmend in die sie umgebenden Menschen hineinzuversetzen versuchte und sich bemühte, deren Verhalten zu verstehen. Innigkeit sollte sich in der Beziehung zur Mutter zumindest in dieser Zeit jedoch nicht mehr einstellen. Anne musste die Loslösung von den Eltern innerlich vollziehen, äußerlich war es nicht möglich. Hierbei half ihr während der letzten Monate die Freundschaft mit Peter van Pels, dem zwei Jahre älteren Sohn der zweiten im Versteck lebenden Familie, mit dessen ruhigem, eher verschlossenen Wesen sie zuvor so wenig anfangen konnte, wie er mit ihrem lebhaften, weshalb sie sich anfangs eher aus dem Wege gingen. Zwischen beiden entspann sich eine sehr vertraute Verbindung, in der beide ihrer Sehnsucht nach Nähe und Zärtlichkeit Ausdruck verliehen. Auch die erwachende Sexualität der beiden jungen Menschen spielte eine nicht unwesentliche Rolle, allerdings gehen Versuche von Filmemachern, aus ihrer Beziehung eine wilde Affäre zu machen, wohl  an der Realität vorbei. Anne zog sich, wie aus ihren Aufzeichnungen zu ersehen ist, sehr bald wieder innerlich von Peter zurück; zu groß war doch die Verschiedenheit im Denken und Erleben. Sie vermochte die Freundschaft mit ihm durchaus weiterhin zu genießen, aber war sich sehr wohl bewusst, dass sie nicht uneingeschränkt alles, was ihr wichtig war, mit ihm teilen, nicht alle Tiefen ihres Denkens und Empfindens mit ihm gemeinsam ausloten konnte. Dies mit einem Menschen zu können, bedeutete ihr jedoch die wichtigste Voraussetzung für eine Lebenspartnerschaft. Ihr Eigenes für jemand anderen aufgeben kam für sie unter keinen Umständen in Frage; diese Haltung bescheinigt ihr im Rückblick eine für eine Fünfzehnjährige bemerkenswerte Reife. Ein späteres gemeinsames Leben mit Peter zog sie zu keiner Zeit ernsthaft in Betracht. Anne hatte eigene Ziele, sie erwartete mehr von einer möglichen Zukunft. Einer Zukunft, die ihr alsbald gewaltsam genommen wurde.

Beim Lesen ihres Tagebuchs kennen wir im Gegensatz zur Verfasserin den späteren Ausgang der Geschichte. Das Versteck wurde verraten, die Untergetauchten deportiert. Von den Bewohnern des Hinterhauses sollte nur einer überleben und zurückkehren. Otto Frank, der Vater von Anne, wurde im Januar 1945 von der Roten Armee aus dem Konzentrationslager Auschwitz befreit, seine Frau Edith war kurz zuvor im Frauenlager Auschwitz-Birkenau an Fieber und Entkräftung gestorben. Die Schwestern Margot und Anne starben im Lager Bergen-Belsen, wohin sie im Zuge eines Rücktransports aus Birkenau gelangt waren, im März 1945 kurz nacheinander an Typhus. Anne wurde nur fünfzehn Jahre alt. Ihre Tagebücher und Aufzeichnungen wurden nach der Stürmung des Verstecks von Miep Gies, einer der Helferinnen der Versteckten, achtlos auf dem Boden verstreut gefunden, eingesammelt und verwahrt. Bis zuletzt hatte Miep Gies gehofft, es der Besitzerin bei ihrer Rückkehr aushändigen zu können. Erst als die endgültige Nachricht von Annes Tod sie erreichte, händigte sie Annes Vater die Hefte und Blätter aus, ohne zuvor je selbst einen Blick hineingeworfen zu haben. Anne hatte sich, inspiriert durch einen Aufruf des heimlich empfangenen, niederländischen Exilsenders Radio Oranje, so viele private Zeitdokumente als möglich zu verwahren und nach dem Krieg zur Verfügung zu stellen, mit dem Gedanken an eine spätere Veröffentlichung getragen. Hierzu hatte sie in sorgfältiger Arbeit begonnen, Teile ihres Tagebuchs umzuschreiben und aufzubereiten. Aus diesen und Ergänzungen aus ihrem bis zuletzt fortgeführten ersten Tagebuch entstand schließlich eine erste Ausgabe, die 1947 unter dem Titel „Het Achterhuis“ in den Niederlanden erschien und nach einigen Jahren – übersetzt in viele Sprachen – zum  Welterfolg wurde. Jedoch unterlag diese erste Aufgabe vielen Kürzungen, die zum einen dem Schutz der Privatsphäre der Familie und der Freunde dienten, zum anderen für den einstigen Zeitgeschmack zu offenherzige Äußerungen über das Thema Sexualität betrafen. Erst nach dem Tod Otto Franks 1980 veröffentlichte das Niederländische Staatliche Institut für Kriegsdokumentation, dem die Rechte testamentarisch vermacht worden waren, sämtliche Aufzeichnungen Anne Franks, nachdem deren Echtheit in wissenschaftlichen Untersuchungen zweifelsfrei festgestellt und bestätigt worden war, in einer Kritischen Ausgabe unter dem Titel „Die Tagebücher der Anne Frank“. Der Anne Frank Fonds in Basel als Universalerbe der Autorenrechte nahm weitere Textpassagen in eine neue Fassung auf, die 1986 erschien, so dass es sich bei der Version, die ich zuerst kennenlernte, um die frühere gehandelt haben musste, während ich mich mit der späteren erst im Erwachsenenalter beschäftigen sollte. Ich erinnere mich, das Tagebuch mehrmals in jeweils verschiedenen Lebensphasen gelesen zu haben, mit immer wieder verändertem Blick. Die Erschütterung, die es in mir bei jedem neuen Lesen auszulösen vermochte, wurde mit den Jahren nicht geringer.

Es ergeht mir nicht anders, nun, da ich die im vergangenen Herbst erschienene Gesamtausgabe mit sämtlichen Werken Anne Franks in den Händen halte. Erstmals enthält diese alle Versionen des Tagebuchs in vollständiger Form, sowie einige später aufgetauchte, bislang unveröffentlichte Manuskriptseiten. Ein vergleichendes Lesen wird möglich. Im Weiteren finden sich Annes „Geschichten und Ereignisse aus dem Hinterhaus“, sowie ihr Fragment eines Romans über die Entwicklung eines jungen Mädchens und  weitere Erzählungen und selbst erfundene Märchen, die sie auf losen Blättern festgehalten hatte. Diese geben einen eindrucksvollen Einblick in ihr vielseitiges Schaffen während der Jahre im Versteck. Ergänzt wird die Sammlung durch Briefe und Einträge in Poesiealben von Freundinnen vor der Zeit des Untertauchens sowie durch Fotos und Dokumente.

Keineswegs weniger interessant präsentiert sich ihr „Schöne-Sätze-Buch“, die Sammlung von Texten, die sie zum größten Teil aus Büchern, mit denen sie sich während ihrer Zeit im Versteck beschäftigte, abgeschrieben hatte, wozu ihr ein leeres Kassenbuch diente. Da es sich bei ihrer Lektüre zumeist um geliehene Bücher handelte, die alsbald zurückgegeben werden mussten, war dies die einzige Möglichkeit, die ihr wichtig gewordenen Passagen daraus zu bewahren. Neben Versen von Shakespeare und Goethe, welche sie auf Deutsch niederschrieb, finden sich Namen aus der englischsprachigen Literatur , wie Thomas Morus, Thomas Carlyle, Oscar Wilde und John Galsworthy. Die Reihe der niederländischen Autoren reicht von Jacob van Maerlant im 13. Jahrhundert  bis zu Multatuli (alias Eduard Douwes-Dekker), Justus van Maurik und Willy Corsari (alias Angela Douwes-Schmidt) im neunzehnten Jahrhundert. Ebenso vertreten ist die norwegische Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin Sigrid Undset. Anne las gern Biografien, wie aus ihrer Sammlung hervorgeht, unter anderem die berühmte des französischen Historikers André Maurois (alias Émile Salomon Wilhelm Herzog) über Lord Byron und weitere des ungarischen Schriftstellers Zsolt von Harsány über Paul Rubens und Franz Liszt. Als zentrale Themen, mit denen sich Anne in ihrer Lektüre auseinandersetzte, finden sich wiederholt Fragen um die Freiheit des Denkens und Handelns, soziale Gerechtigkeit, Glaube und Religion, auch um Tod, Verlust, Trauer und Freundschaft. Aus einem Buch der vermutlich heute eher in Vergessenheit geratenen niederländischen Autorin Frida de Clercq Zubli notierte sie interessante Passagen über die Bedeutung des Schreibens, über männliches und weibliches Rollenverständnis und über die Bedeutung von Vertrauen im Verhältnis zwischen Eltern und Kindern. Den einen oder anderen der weniger bekannten Autoren wiederzuentdecken würde sich gewiss lohnen. Ein zweites Heft mit dem Titel „Ägyptenbuch“ führte Anne, in welches sie Bilder von Kunstgegenständen der Antike einklebte und beschriftete; auch diesem ist ein Platz in der Gesamtausgabe gewidmet.

Im Anhang finden sich die beiden Versionen des Tagebuchs, die Anne anfertigte, erstmals einander gegenübergestellt. So liegen uns nun auch die frühesten Aufzeichnungen aus ihrem ersten Tagebuch vor. Hier begegnen wir dem völlig schutzlosen Kind, das aus seinem vertrauten Leben gerissen wurde – ganz verschieden von dem Rückblick einer seelisch gereifteren Fünfzehnjährigen – und wir spüren trotz seiner Frohnatur das Unglück und die Verzweiflung dieses Kindes. Und dies ist der Grund, warum ich es für unangemessen halte, Anne als literarisches Beispiel für Resilienz heranzuziehen, wie die neuere psychologische und pädagogische Literatur es tut. Anne Frank ist nicht Pippi Langstrumpf! Hier wurde ein wehrloses Kind Opfer eines beispiellosen Verbrechens, das als Einzelschicksal stellvertretend steht für geschätzte eineinhalb Millionen Kinder unter sechs Millionen Menschen, die dem Genozid der Nazis zum Opfer fielen. Eineinhalb Millionen Kinder, die keine Stimme hatten, denen keine Gelegenheit gegeben war, sich mitzuteilen, die allesamt auf unvorstellbare Weise ihre Würde beraubt, gequält, erniedrigt und bestialisch ermordet wurden. Dieses Ausmaß sollte genügen, uns zum Innehalten und Nachdenken über unsere Verantwortung zu bringen.

Anne war ein Kind, das keinen größeren Wunsch hatte, als nach dem Krieg wieder zur Schule gehen, Freunde haben und sich draußen in freier Natur bewegen zu können. Ihr Zukunftstraum, eine große Autorin zu werden, hat sich posthum erfüllt, aber nichts kann ihr das eine Leben zurückgeben, das ihr gegeben war und das sie gern weitergeführt hätte. Das eine Leben, das ein jeder Mensch nur einmal zur Verfügung hat, und das deshalb bei jedem Menschen Schutz und Achtung verdient.  Die Nazi-Ideologie funktionierte nach der Methode, in einer Gesellschaft vorhandene Ressentiments und Vorurteile zu nutzen und zu schüren, mittels Manipulation und Aufhetzung der Bevölkerung ganze Gruppen von Menschen aufgrund ihres tatsächlichen oder angeblichen Anders-seins auszugrenzen, von der übrigen Gesellschaft abzuspalten, ihnen zuletzt gar ihr Menschsein abzusprechen. Diese Methoden haben in der Vergangenheit funktioniert und sie funktionieren auch heute noch. Um sie sich bewusst zu machen, sind wir auf Zeitdokumente wie Anne Franks Tagebuch dringend angewiesen. Sechs Millionen Tote sind auf den ersten Blick eine abstrakte Zahl, die jenseits allem Vorstellbaren liegt. Aus dieser Zahl werden leicht wieder „die anderen“, mit denen man selbst am liebsten nichts zu schaffen hätte. Sobald jedoch ein Einzelschicksal aus der Anonymität heraustritt, wird auch der letzte Zeitgenosse, der es zuvor nicht wahrhaben wollte, mit der Tatsache konfrontiert, dass es hier um Menschen ging, die sich mit ihrem Denken und Fühlen kaum von ihm selbst unterschieden. Das lahmgelegte Gewissen beginnt seinen Dienst wieder aufzunehmen. Dies erklärt auch die Anfeindungen, denen eben solche persönlichen Dokumente ausgesetzt sind, die Diffamierungen, Versuche, die Echtheit zu leugnen, die immer wieder Anhänger finden, deren Wunschgedanken sie bedienen, nämlich den Wunschgedanken, das Undenkbare, weil zu Schreckliche, habe ja vielleicht gar nicht stattgefunden, sondern beruhe auf  Lügen und Unterstellungen anderer. Jedes Einzelschicksal jedoch, das auf Sympathie und Mitleid stößt, hat das Potenzial, unmenschliche Gedankengebäude zu sprengen.

Annes Vermächtnis ist ein Klares. Es lautet nicht: Macht die Kinder resilient, damit sie lernen, sich in einer unmenschlichen Gesellschaft, die ihre Rechte mit Füßen tritt, so gut als möglich anzupassen und sich mit wenigem zu begnügen. Es ruft vielmehr dazu auf, Kindern endlich bessere und würdigere Lebensbedingungen in einer menschlicheren Gesellschaft zu schaffen. Und es ruft auf, sich für die Rechte der Kinder einzusetzen, überall dort, wo diese mit Füßen getreten werden. Denn Kinder haben Rechte! Die von der UNO 1989 verabschiedete Kinderrechtskonvention wurde von ausnahmslos allen Ländern dieser Erde unterzeichnet! Wer sich die Realität vor Augen führt, dem mutet es wie Hohn an.

Der Anne Frank Fonds in Basel unter der Leitung von Anne Franks Cousin Bernhard Elias – „Buddy“, mit dem sie so gern noch einmal Eislaufen gegangen wäre! – hat es sich zur Aufgabe gemacht, sich gemeinsam mit dem Kinderhilfswerk UNICEF für die Rechte der Kinder in aller Welt stark zu machen. Diese unterliegen drei Grundprinzipien, dem Recht auf Schutz, dem Recht auf Förderung und dem Recht auf Beteiligung. Wenn wir das Erbe der Verantwortung ernst nehmen, erschließt sich uns hier ein weites Feld künftiger Betätigung. Auf diese Weise würde, was uns als Leserinnen und Lesern ihres Tagebuchs am Herzen liegt, am ehesten möglich: Ein würdiges Gedenken an Anne Frank.

Am 15. Juli 1944 notierte sie in ihr Tagebuch:

„[…] Ich sehe, wie die Welt langsam immer mehr in eine Wüste verwandelt wird, ich höre den anrollenden Donner immer lauter, der auch uns töten wird, ich fühle das Leid von Millionen Menschen mit. Und doch, wenn ich zum Himmel schaue, denke ich, dass sich alles wieder zum Guten wenden wird, dass auch diese Härte aufhören wird, dass wieder Ruhe und Frieden in die Weltordnung kommen werden. Inzwischen muss ich meine Vorstellungen hochhalten, in den Zeiten, die kommen, sind sie vielleicht doch noch auszuführen! […]“

Anne hat ihre Vorstellungen bis zuletzt hochgehalten. Nehmen wir sie für uns an – als Annes Vermächtnis an uns!

Anne Frank: Gesamtausgabe. Tagebücher, Geschichten und Ereignisse aus dem Hinterhaus, Erzählungen, Briefe, Fotos und Dokumente. Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler. Herausgeber: Anne Frank Fonds Basel. S. Fischer Verlag. 816 Seiten, 28 EUR. ISBN-13: 9783100223043

Der Essay erschien auch  in der Mai-Ausgabe 2014 von literaturkritik.de

 

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bücher, Buchbesprechung, Essay, Politik, Rezension

November-Elegie – Bettina Johl

Auch im Herbst
singen die Vögel
dies auserwählte Volk
Wir Maskenträger
haben verlernt
zu lauschen
dem Amselgespräch
und der innern Musik
Herbst
der freundliche Feind
Leg deinen Raum
in den Rahmen
der Zeit

Rose Ausländer (Herbst)

Schon lange wollte ich gern etwas mit dem Titel „November-Elegie“ schreiben – nenne es eine Marotte – und natürlich hegen mich Zweifel, da es – wie ich mutmaße – längst zu vieles gibt, das diesen Namen trägt. Aber hier in unserem Literatur-Blog darf ich solches wagen.

An das Gedicht Rose Ausländers fand ich mich erinnert, als ich nach dem Abzug der Stare, deren unbekümmertes Schwatzen ich schmerzlich vermisse, morgens erstmals den melodischen, perlenden Gesang des Rotkehlchens hörte, welches sich unbeeindruckt von der Novemberwitterung auf einem der gegenüberliegenden Dächer niedergelassen hatte. Das Rotkehlchen, ein unverdrossener Wintersänger, der mir die lichtarmen Tage erträglich machen wird. Auch das leise, wie entfernt klingende Amselgezwitscher, zweckfrei vorgetragen, geschlossenen Schnabels mit unbeteiligter Miene: Ein Geheimnis des Herbstes, der weiter fortschreitet, um unmerklich dem Winter Platz zu machen. Freundlicher Feind? Er ist zu schnell vergangen, dieser Herbst, hatte zu wenig Raum im Rahmen der Zeit. Und mir liegt der Gedanke nahe: Möge der Winter es ihm gleich tun! Aber sogleich erinnere ich mich an versöhnlichere Töne, die ich diesem gegenüber einst anschlug, als ich schrieb: Er bringt uns die Ruhe zurück. Uns, die wir verlernt haben zu lauschen. Maskenträger, wir. Die wir zugeschüttet sind mit Lärm, gelernt haben, diesen an uns abgleiten zu lassen, – auf Kosten unserer Sensibilität für die leisen Töne.

Aufschlussreiche Beobachtung während einer mit Kindern im Vorschulalter erprobten Klangwerkstatt. Anfangs faszinieren besonders die lauten Instrumente. Selbst nach Herzenslust laute Töne erzeugen dürfen baut Spannungen ab, nimmt etwas von dem Druck, welcher durch den Lärm entsteht, der normalerweise von außen auf die Kleinen eindringt, ohne dass sie die Möglichkeit hätten, sich dagegen zu wehren. Nach einer gewissen Zeit beginnen auch die leiseren Klänge wieder ihr Interesse zu wecken, sie üben sich neu im Hinhören und Lauschen. Und mir drängt sich der Gedanke auf: Wie können sie sich schützen vor dem Lärm, den die Großen ihnen unausgesetzt zumuten? Jene Großen, die von den Kleinen so oft fordern, still zu sein, sich ruhig zu verhalten?

Das Elegische will allein Klage nicht sein, abgesehen von jener um zerrinnende, unwiederbringlich verloren gehende Zeit. Ich verbringe die Tage in Gesellschaft einer hochbetagten Katze; ihr Schnurren begleitet mein Schreiben; ich versehe sie mit neuen Namen, nenne sie „Spinnrädchen“, „Nähmaschine“ und „Samt-Tiger“. Die Katze ist „nur geliehen“, was nichts zur Sache tut, denn was ist nicht alles Leihgabe von dem, was wir gern unser eigen nennen? Auf ihre Ohren ist Verlass. Sie liebt Musik von Vivaldi und Mozart. Und sie kann das Motorengeräusch meines alten Diesels unfehlbar identifizieren, kommt mir zur Begrüßung entgegen, sobald ich vorgefahren bin. Aber auch sie hat elegische Anwandlungen, Stunden, während derer sie, von sichtbarer Unruhe getrieben, auf geheimnisvolle Weise in der Nacht verschwindet oder sich am helllichten Tage in einem finsteren Winkel des Heizungskellers verschanzt, nicht ansprechbar ist, mir entgegen schaut wie eine Fremde und mich nicht an sich heranlässt. Irgendwann findet sie sich wieder vor  meiner Tür ein, als sei nichts gewesen. „Auch in meinem Katzenleben hat es Dinge gegeben, die mir manche Tage zu schaffen machen, von denen Du als Nicht-Schnurrhaarträgerin nichts ahnen kannst“, bilde ich mir ein, in ihrem Blick zu lesen. Womit sie wohl Recht haben mag. Und so lassen wir uns gegenseitig unsere Marotten und Befindlichkeiten, nach dem Motto: Leben und spinnen lassen.

Ansonsten in der Tat zu wenig Raum im Rahmen der Zeit, um den Herbst zu genießen. Vereinzelte „gestohlene Tage“, wie eine Stippvisite ins Siebengebirge zu einer meiner Lieblingsruinen, der Löwenburg, die eine traumhafte Kulisse für einen kurz währenden herbstlich-goldenen Sonnenuntergang über dem Rheintal bot.

Einer der unzweifelhaften Vorzüge, die der November aufzuweisen hat, ist der, manche Orte, die sonst von Besucherströmen heimgesucht sind, nahezu für sich allein zu haben. Das spätherbstliche, still gewordene Maulbronn, sakraler und literarischer Ort, lässt besonders in dieser Jahreszeit eine Ahnung früherer Tage vor dem inneren Auge erstehen, im Schatten der dunklen Sandsteinmauern stehend, dem Flüstern lange verklungener Stimmen lauschend. Für einen Lidschlag scheint hin und wieder ein kurzer Blick durch den Vorhang der Zeiten möglich, bevor der Novembernebel alle Bilder und Trugbilder wiederum verhüllt und es uns rückblickend schwer macht, sie voneinander zu unterscheiden.

Der Blick wird magisch angezogen von einem Transparent: „Adventskalender-Ausstellung“. Die schwere Tür zu der mächtigen ehemaligen Zehntscheune öffnen, sich im Dunkeln wiederfinden, schon glauben, im falschen Raum zu sein, dann hinter einer weiteren Tür Licht, Eintauchen in eine über hundertjährige Welt des Vorweihnachtszaubers, enges Beisammensein von Kitsch und Kunst, Faszination – aber auch Gruseln über Dokumente ideologischer Vereinnahmung zu unseligen Zeiten im Lauf der Geschichte.

Adventskalender – Zeugnisse verlogener Sentimentalität, Heraufbeschwören einer Idylle, die es nie gegeben hat? Oder schlicht eine Hommage an die kindliche Freude am Geheimnis, – auch wenn es lediglich um bunte Bildchen hinter Papptürchen geht? Sinnbild für die tief verwurzelte Sehnsucht nach Fenstern und Türen, die sich zu gegebener Zeit öffnen lassen, um hinter die sichtbaren Dinge schauen zu können? Deutungsversuche, die möglicherweise scheitern, während ich bei Kaffee und Nusstorte in einem nahegelegenen Café meine neu erworbenen Schätze – wie so oft sind Museumsladen und Buchhandlung Nutznießer meiner Stöbereien – betrachte: Ein Reprint eines schlichten Adventkalenders von 1946 und ein nostalgisches Glasmurmelspiel in einem putzigen Schächtelchen.

Nicht zuletzt ist diese Jahreszeit Lesezeit, könnte es umso mehr sein, wenn weniger andere Dinge zu tun wären. Immerhin reichte es zu einer neuen Buchbesprechung zu Lukas Hartmanns „Abschied von Sansibar“ – Diogenes Verlag, die bei Glanz & Elend erschien und auch in unserem Blog nachgelesen werden kann:Prinzessin ohne Land. Als nächstes plane ich, mich der bei Fischer neu erschienenen Anne-Frank-Gesamtausgabe etwas ausführlicher zu widmen.
Am 1. Dezember jährt sich der Todestag Christa Wolfs zum zweiten Mal. Ich vermisse sie sehr, ebenso Sarah Kirsch, die im Mai dieses Jahres verstarb. Zwei große Schriftstellerinnen, ganz unterschiedlich in Wesensart und Stil, beide unersetzlich. Das Schmökern in Sarah Kirschs ganz besonderen Tagebuchnotizen – wie „Krähengeschwätz“, „Regenkatze“ und „Märzveilchen“- ist seit Wochen meine bevorzugte Abendbeschäftigung. Zu Christa und Gerhard Wolf erschienen beim Ullstein Verlag unter dem Titel „Sei dennoch unverzagt“ aufgezeichnete Gespräche, geführt und herausgegeben von ihrer Enkelin, der Journalistin Jana Simon, – ein interessanter Austausch der Generationen. Für Winterlektüre ist also reich gesorgt. Mögen sich lediglich noch die dafür notwendigen Mußestunden finden!Und ungeachtet jährlich neu belebten inneren Grolls über Verlogenheit und Konsumwahnsinn der Weihnachtszeit freue ich mich darauf, mein im Frühjahr neu bezogenes Dachdomizil erstmals für den bevorstehenden Advent zu dekorieren…In diesem Sinne wünsche ich uns allen Mut und Kreativität, unsere persönliche Adventszeit nach jeweils eigenen Bedürfnissen individuell zu gestalten – und die Rolle der Gehetzten und von falschen Erwartungen Getriebenen konsequent von uns zu weisen!

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Autor, Blog, Essay

„Das Leben ohne Phlox ist ein Irrtum“ – Über Karl Foerster

Karl Foerster

Im Frühjahr 2009, ein Jahr vor ihrem Tode, lernte ich in Potsdam-Bornim Marianne Foerster kennen, die Tochter des berühmten Staudenzüchters, Gartengestalters und Autors Karl Foerster. In seinem legendären Senkgarten, direkt neben der von ihm erbauten Villa, wurden damals, im Darwin- und Humboldt-Jahr, Dreharbeiten für eine Gartensendung durchgeführt, und ich unterhielt mich mit der Moderatorin der Sendung über Literatur rund um Natur und Garten. Unter anderem stellte ich zwei Bücher über Alexander von Humboldt vor: Daniel Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“ und „Alexander von Humboldt. Über einen Versuch den Gipfel des Chimborazzo zu ersteigen“, herausgegeben von Oliver Lubrich und Ottmar Ette.

In beiden Büchern ist von der gescheiterten Gipfelbesteigung die Rede, Humboldt selber hingegen hat sie in seinen Veröffentlichungen verschwiegen. Marianne Foerster hörte meinen Ausführungen zu, kam nach der Aufzeichnung zu mir und sagte: „Sie haben von Humboldts Barometer gesprochen, das er damals zur Höhenmessung nutzte. Humboldt hat es meinem Großvater geschenkt. Den Roman von Kehlmann kenne ich nicht, möchte ihn aber gerne lesen.“

Ich überließ ihr mein Exemplar und schrieb auf ihren Wunsch noch ein paar Zeilen hinein. Später verabschiedete ich mich von ihr und sie dankte mir noch einmal für das Buch, der Nehmende jedoch war ich selbst. Mir wurde deutlich, dass sich hier die Lebensspuren von Karl Foerster verwoben mit der Weltsicht des Pantheismus und des Humanismus; sowohl seine Eltern als auch seine Vorbilder Goethe und Humboldt teilten diese Weltanschauung.

Karl Foerster war einer der bedeutendsten Staudenzüchter und Gartenschriftsteller des letzten Jahrhunderts, und er wurde geprägt durch seinen Vater, den Astronomen Wilhelm Foerster, der mit Alexander von Humboldt befreundet und dessen Schüler war, und seiner Mutter Ina, einer Malerin. Der 1874 in Berlin geborene Karl besuchte das Gymnasium und absolvierte von 1889 bis 1891 eine Gärtnerlehre in der Schlossgärtnerei Schwerin. Nach einigen „Lehr- und Wanderjahren“ gründete er 1903 seine eigene Staudengärtnerei in Berlin-Westend. Nach dem Umzug der Gärtnerei nach Potsdam-Bornim im Jahre 1903 verwandelte Foerster dort ein über sechstausend Quadratmeter großes Ackergelände zu einem „Gartenreich“ mit dem heute berühmten Senkgarten, in dem die Blumen und Bäume, die Gräser, Farne und Sträucher wie in einem Amphitheater um einen Teich angeordnet sind, gleichsam Akteure und Zuschauer zugleich. Foerster wurde zu einem der wirkungsreichsten Gartengestalter des frühen 20. Jahrhunderts und zudem ein erfolgreicher Schriftsteller.

„Karl Foerster – Seine Blumen, seine Gärten“ von Carsten Mehliß gibt dem Leser einen fundierten und detaillierten Einblick in das lange und reiche Leben des Gartenkünstlers und Philosophen, der seine Lebensaufgabe darin sah, einer neuen Kultur des Gartens den Weg zu bereiten. Foersters Prinzipien zur Gestaltung des Gartens werden ebenso detailliert beschrieben wie die von ihm angelegten Gärten und sein Schaffen als Züchter. 1911 veröffentlichte Foerster sein erstes Buch „Winterharte Blütenstauden und Sträucher der Neuzeit“, 1920 erschien die erste Ausgabe der Zeitschrift „Gartenschönheit“. 1926 heiratete er die Sopranistin Eva Hildebrandt, 1931 wurde Marianne Foerster geboren.

1932 kamen seine ersten Phlox-paniculata-Sorten in den Handel sowie neue Sorten von Rittersporn und Astern. Im Jahre 1934 entstand mit den Gartenarchitekten Herbert Mattern und Herta Hammerbacher die Arbeitsgemeinschaft „Gartengestaltung in Bornim“. 1941 wurde der auf seine Anregung hin eingerichtete öffentliche Schaugarten auf der Potsdamer Freundschaftsinsel eröffnet.

Mehliß thematisiert auch Karl Foersters Stellung zum Nationalsozialismus und merkt an, dass diese umstritten sei. Im Umfeld der Bundesgartenschau in Potsdam im Jahre 2001 erschienen zwei Artikel, in denen von nationalistischen und antisemtischen Äußerungen in den Schriften Foersters die Rede ist, ohne sie im Wortlaut und Zusammenhang mitzuteilen. Eine Beurteilung und Einordnung auf einer solchen Basis erscheint mehr als fragwürdig. Foerster war mit vielen Künstlern und Schriftstellern befreundet, darunter auch Emigranten. Sein Bruder Friedrich Wilhelm Foerster, ein Philosoph und Pazifist, der in die Schweiz emigrierte und dessen Schriften von den Nationalsozialisten verbrannt wurden, schrieb bis zu seinem Tode im Jahre 1966 Briefe an Karl Foerster und dessen Familie. Es deutet nichts darauf hin, dass Friedrich Wilhelm an der persönlichen Integrität und Weltsicht seines Bruders zweifelte. In der Nazi-Zeit beschäftigte Foerster in der Gärtnerei jüdische Freunde, die so überleben konnten. Der Gartenarchitekt Walter Funcke, damals Mitarbeiter Foersters, berichtete, dass er als Mitglied der KPD 1933 verhaftet, nach einem halben Jahr entlassen und von Foerster sofort wieder eingestellt worden sei, wozu zweifellos Mut gehörte. Unter den vielen Künstlern und Schriftstellern, Theologen und Forschern, mit denen Foerster in engem Kontakt stand, finden wir auch den solitären Rudolf Borchardt, dessen Blumenbuch „Der leidenschaftliche Gärtner“, ein letzter Ausdruck seiner Kulturvision, erst posthum veröffentlicht wurde. 1939 hatte er es fertig gestellt und anempfahl es seinem alten Freund Karl Foerster, wohl wissend, dass es vorerst nicht erscheinen konnte. Im Sommer 1941 schrieb er an Karl Foerster aus völliger existenzieller Isolation: „Dass ich nach Ihnen verlange, liegt daran, dass ich den furchtbaren Weltmoment mir habe ins Herz treten fühlen wie eine Thrombose, und an ihm zu ersticken drohe, wenn nicht zu mir ein Bruder tritt.“ Karl Foerster war ihm ein solcher Bruder, ihm und vielen anderen.

Als Pflanzenzüchter widersetzte er sich den Forderungen vieler Nationalsozialisten nach einer ausschließlichen Verwendung heimischer „bodenständiger“ Pflanzen: „In unseren nordischen Geistesadern kreist auch Blut südlicher Geisteswelten, auf unserem Mittagstisch stehen Gerichte aus fünf Erdteilen und in unseren Bauerngärten wachsen „althergebrachte“ Stauden aus chinesischen Alpenwiesen und amerikanischen Prärien, nämlich Tränendes Herz und Phlox, bodenständige Embleme unseres Heimatgefühls. Also für Heimatpuritaner und ihre Überfremdungsängste haben wir nur ein Lächeln und empfinden sie gewissermaßen als vom Sturm der Entwicklung entwurzelte Leute.“ Diese Grundhaltung hat Foerster stets beibehalten, sie ist sein philosophisches und weltanschauliches Erbteil.

Drei Jahre nach Kriegsende bekam Foerster den Auftrag, den Goethe-Garten in Weimar zu restaurieren. Seine Gärtnerei nahm die Züchtungsarbeit wieder auf, da Foerster einen Bestand von Mutterpflanzen rechtzeitig vor der Kriegszerstörung hatte schützen können. Foerster nahm in der DDR zweifellos eine Sonderstellung ein, es fanden auch Treffen westdeutscher Staudenfreunde in Bornim statt, obwohl keine Genehmigung durch den Staat vorlag. Foerster galt als Aushängeschild, und bei ihm wurden Ausnahmen geduldet. Zahlreiche neue Bücher erschienen in den letzten zwanzig Jahrens seines Lebens, er wurde mit Preisen und Auszeichnungen überhäuft.

Am 27. Januar 1970 starb Karl Foerster im Alter von 96 Jahren. Er wurde auf dem alten Bornimer Friedhof beigesetzt, in der Familiengrabstätte, in der auch sein Vater seine letzte Ruhe fand und seit 2010 seine Tochter Marianne. In „Der Garten meines Vaters“, das Buch, das sie vor wenigen Jahren veröffentlichte, beschrieb sie ihre Begegnungen und Erfahrungen mit dem Potsdamer Garten, der schließlich auch der ihre wurde. Die schönsten Gartenwochen des Jahres erlebte die weitgereiste Marianne Foerster dann, wenn der Phlox blühte, in seinen so verschiedenen Farben. „In welchem Land auch immer ich war – Phloxduft bedeutete Bornim-Heimatduft.“

Dieter Kaltwasser

Copyright: Dieter Kaltwasser

Der Essay erschien erstmals in der Oktober-Ausgabe 2012 von literaturkritik.de.

Literaturhinweise:

Rudolf Borchardt: Gesammelte Werke in Einzelbänden. Der leidenschaftliche Gärtner.
Herausgegeben von Marie L. Borchardt.
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2003.
433 Seiten, 32,00 EUR.
ISBN-10: 9783608935
ISBN-13: 9783608935929

Marianne Foerster: Der Garten meines Vaters Karl Foerster.
Mit Fotos von Gary Rogers.
Herausgegeben von Ulrich Timm.
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2005.
144 Seiten, 29,90 EUR.
ISBN-13: 9783421035035

Alexander von Humboldt: Ueber einen Versuch den Gipfel des Chimborazo zu ersteigen. Mit dem vollständigen Text des Tagebuches „Reise zum Chimborazo“.
Herausgegeben von Oliver Lubrich.
Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2006.
195 , 17,90 EUR.
ISBN-13: 9783821807676

Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt. Roman.
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2009.
379 Seiten, 10,00 EUR.
ISBN-13: 9783499253034

Karl Foerster: Ein Garten der Erinnerung. Leben und Wirken von Karl Foerster – dem großen Garten-Poeten und Staudenzüchter.
Eugen Ulmer Verlag, Stuttgart 2009.
478 Seiten, 24,90 EUR.
ISBN-13: 9783800158935

Carsten Mehliß: Karl Foerster – seine Blumen, seine Gärten.
42 Farbfotos, 50 Schwarzweißfotos.
Eugen Ulmer Verlag, Stuttgart 2012.
142 Seiten, 34,90 EUR.
ISBN-13: 9783800176328

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Autor, Essay, Geistesgeschichte

Kollektivsingular und Lebenskunstwerk

500px-Goethe_(Stieler_1828)

Rüdiger Safranskis Goethe-Biographie für unsere Zeit

Als vor 50 Jahren eine Goethe-Biographie erschien, deren Verfasser der heutzutage leider in Vergessenheit geratene Richard Friedenthal war, schlug über ihm der geballte Zorn deutscher Goethe-Verehrung zusammen. Das sich gebildet dünkende Kleinbürgertum des Landes schäumte vor Wut ob der „verantwortungslosen und zerstörenden Verzerrungen“ ihres Dichters. Jedenfalls erschien 1963 die „schädliche Karikierung“ Goethes im Piper Verlag, nachdem in einer Hamburger Zeitung monatelang ein Vorabdruck zu lesen war, begleitet vom Gejammer der volksaufklärerisch inspirierten Leserbriefschreiber, dass der „vergötterte“ Goethe „auf das Niveau der Reportagen über ehemalige Fürstinnen, Filmstars und Sängerinnen herab“ und in „den Staub gezogen würde.“ Was hatte der Biograph eigentlich getan? Der 1896 in München geborene Richard Friedenthal, 1938 nach England emigriert, hatte in seiner Biographie „Goethe – Sein Leben und seine Zeit“ für einen Teil der Deutschen schlichtweg das gekränkt, was sie ihren Nationalstolz nannten. Und er hatte eine Biographie geschrieben, die zum Bestseller avancierte; sie hatte angelsächsisches Format. Goethe war vom Podest genommen worden, seine Hände wurden unverschämt als Arbeiterhände beschrieben, auch die dunklen Seiten in seinem Leben sparte die Biographie nicht aus. Goethe wurde durch Friedenthal für die junge, nachgewachsene Generation wieder lesbar gemacht, ironisch gebrochen und doch bejaht, der letztlich nicht korrumpierbare Wesenszug des Weimarer Dichters durch die Zeiten hinweg wieder sichtbar und fühlbar.

Von Rüdiger Safranski gibt es eine Reihe von Biographien, über E.T.A Hoffmann, Schopenhauer, Heidegger, Nietzsche und Schiller, seine Epochen-Bücher über die Romantik und die Freundschaft zwischen Goethe und Schiller, die ihn in die direkte Nachfolge Friedenthals rücken. Auch das große Leserpublikum, das er mit seinen Werken erreicht, lässt Analogien zu. Seine zu Goethes Geburtstag im August erschienen Biographie „Goethe – Kunstwerk des Lebens“ jedenfalls hat das sehr Unwahrscheinliche bereits jetzt geschafft, dass ein Buch über Goethe zahlreiche Leser findet.

Die Biographie sei, so wird es vom Verlag umschrieben, ein Höhepunkt des biographischen Schaffens von Safranski, der sich dem Höhepunkt der deutschen Literatur, einem „Jahrhundertgenie“ widme. Mit den Forschungen über Goethe lassen sich Bibliotheken füllen, so oft und viel ist über ihn zusammengetragen und geschrieben worden. Es gibt seine Korrespondenz, seine Jahres- und Tageshefte, seine autobiographische Schrift „Dichtung und Wahrheit“, seine Gedichte, Dramen und Romane. Doch wie kann der gigantische Nachlass, das Goethe-Gebirge, eigentlich angemessen dargestellt werden? Hellmut Seemann, der Präsident der Klassik-Stiftung mit Sitz in Weimar, zählte einmal auf, dass Goethe in den 83 Jahren seines Lebens mehr als 50 Millionen Zeichen schrieb, er legte zu Fuß, zu Pferde und in der Kutsche 40000 km zurück, er war mit mehr Zeitgenossen bekannt, als das Weimar seiner Zeit Einwohner hatte, sammelte Tausende von Büchern, Kunstwerken und Naturalien und hatte einen schier unglaublichen Wortschatz von über 80000 Wörtern, schrieb 2000 Briefe, führte Gespräche, die auf über 5000 Seiten erfasst sind. Kein anderer deutscher Dichter, so Wolfgang Holler, Generaldirektor der Museen der Klassik Stiftung, sei in allen Fasern seiner Existenz so durchleuchtet worden und habe das kollektive Bewusstsein so geprägt wie Johann Wolfgang von Goethe.

Safranski nähert sich Goethe über die primären Quellen, er will uns einen Goethe „wie zum ersten Mal“ präsentieren, aus seinem literarischen Werk, seinen Briefen, Tagebüchern und Gesprächen und den Aufzeichnungen seiner Zeitgenossen. Wir werden so zu Beobachtern eines Menschen, dessen Lebenszeit vom Rokoko bis zum Maschinenzeitalter des 19. Jahrhunderts reichte. Was Safranski vor allem fasziniert, ist die individuelle Gestaltung dieses Lebens im Gegenzug zur modernen digitalen Vernetzung aller mit allen, die er als „Stunde des Konformismus“ interpretiert. Goethe habe es trotz aller Verbundenheit mit seiner Zeit verstanden, „ein Einzelner zu bleiben“. Hier wird ein Zug Goethes ins Positive gedeutet. Goethe nahm nur das auf, was er auch produktiv verarbeiten konnte. Alles andere ignorierte er. Das hatte Folgen, für ihn selber wie auch für einige seiner Schriftstellerkollegen, die sich an ihn wandten, wie Jean Paul und Friedrich Hölderlin. Dem Barockdichter Johann Christian Günther, der mit 28 Jahren 1723 verarmt und ausgezehrt in Jena starb, verbaute er mit seinem Richterspruch sogar noch eine postume Karriere in der Literaturgeschichte. Dieses bedenkenswerte Urteil lautete so kurz wie ignorant: „Er wusste sich nicht zu zähmen und so zerrann ihm sein Leben wie sein Dichten.“ Diesen Spruch haben Generationen von Studienräten und Professoren bis ins 20. Jahrhundert hinein nachgebetet.

Leben und Werk Goethes jedenfalls, der Schriftsteller ebenso wie der „Meister seines Lebens“ machen ihn, so Safranski, für die Nachwelt unerschöpflich. Die Intention des Biographen bestehe vor allem darin, dass die heutige Generation die Chance habe, im Spiegel Goethes sich selbst und die eigene Zeit besser zu verstehen. Das Buch Safranskis ist dieser Versuch; es beschreibt einerseits das Leben und Werk eines „Jahrhundertgenies“, andererseits will es „die Grenzen und Möglichkeiten einer Lebenskunst erkunden.“ Das Resultat dieser Bemühungen ist allerdings in Teilen ein Goethebild, dessen Widersprüche und auch Kanten wegretuschiert erscheinen, die Gegensätze und Härten in Goethes Wesenszügen werden einwattiert und zum Lebenskunstwerk stilisiert.

Bei der Schilderung der „schwierigen Geburt“ Goethes verzichtet Safranski wohltuend auf die Zeilen aus Goethes autobiographischer Schrift „Dichtung und Wahrheit“, in denen schicksalsträchtig vom Schlag der Uhr und der Konstellation der Gestirne die Rede ist. Dies ist eine Ausnahme in der Goethe-Biographik, und der Autor setzt allein damit schon einen eigenen Akzent. Safranski fragt sich, ob es vielleicht Ironie sei, dass Goethe bei der Schilderung der Geburt deren „erfreuliche Folgen für die Allgemeinheit“ erwähnt. Der Großvater und Schultheiß Johann Wolfgang Textor nahm nämlich die „lebensgefährliche Geburt“ zum Anlass, die Geburtshilfe der Stadt Frankfurt zu verbessern, „welches denn“, so Goethe, „manchem der Nachgeborenen mag zu Gute gekommen sein.“

Der heranwachsende Goethe wurde von Hauslehrern erzogen, studierte in Leipzig und Straßburg, ohne Promotion, und wurde, wie sein Vater, Jurist. Eine Reise führte Goethe 1770 nach Sesenheim, wo er Friederike Brion kennenlernte. Er schildert in „Dichtung und Wahrheit“ diese Zeit als eine Idylle, die so idyllisch allerdings nicht war. Sie fand ein jähes Ende. Goethe verließ Friederike. Über das Ende der Beziehung bemerkte er lakonisch: „Es waren peinliche Tage, deren Erinnerung mir nicht geblieben ist.“ Hier ist sie spürbar, die Kälte Goethes, die aus seiner Autobiographie zuweilen tritt, trotz aller Versuche der Harmonisierung und Glätte, ein Wesenszug, der vielen, die ihn kannten, nicht verborgen blieb. Zu seinen Gunsten muss hinzugefügt werden, dass er später bekannte, an Friederike schuldig geworden zu sein. In die Straßburger Zeit fiel seine Freundschaft mit Lenz, die andauerte, er ließ ihn sogar nach Weimar kommen, wo er ihn allerdings nach einem peinlichen Zwischenfall per Amtsgewalt polizeilich ausweisen ließ. Goethe hat sich für das weitere Schicksal von Lenz nicht mehr interessiert.

Das Schauspiel „Götz von Berlichingen“ machte Goethe in Deutschland berühmt, der Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ wurde in Europa zum Bestseller. Napoleon behauptete bei einem Treffen mit Goethe im Jahre 1808 in Erfurt, er habe diesen Roman sieben Mal gelesen. Noch in Frankfurt begann er sein „Faust“-Projekt, bis er, des genialischen Treibens der Stürmer und Dränger und des literarischen Lebens überdrüssig, einen radikalen Schritt vollzog, als er 1775 in das kleine Herzogtum Sachsen-Weimar ging, wo er es, als Favorit und Freund des Herzogs, zum Minister brachte. Er hatte die Pyramide seines Daseins zugespitzt, zumindest, was die eine Seite des praktischen Lebens betraf. Er betrieb Naturforschungen, aber sein Beruf engte ihn ein und er floh nach Italien, der Herzog zahlte sein Gehalt großzügig weiter. Nach der Rückkehr lernte er zum Verdruss der ohnehin verärgerten Charlotte von Stein ein Blumenmädchen namens Christiane Vulpius kennen und lebte mit ihr in wilder Ehe. Es kommt 1794 schließlich die Dichterfreundschaft mit Friedrich Schiller, das „glückliche Ereignis“ nannten sie es. Safranski hat schon in seinen vorausgegangenen Büchern darauf aufmerksam gemacht, wie die beiden unterschiedlichen Bildungs- und Erziehungskonzepte Goethes und Schillers nun ineinandergriffen und in einen gemeinsamen Feldzug gegen den damaligen Literaturbetrieb mündeten, und wie stark sich die beiden Autoren gegenseitig in ihren literarischen Arbeiten bis zum Tode Schillers 1805 beeinflussten und unterstützten. In diesem Zusammenhang muss auf ein Buch aufmerksam gemacht werden, das leider nicht zu einer breiteren Rezeption geführt hat, obwohl die Autorin Katharina Mommsen heißt. Die Germanistin, die zahlreiche Veröffentlichungen, insbesondere zu Goethe und Goethes Werk und seinem Verhältnis zur islamischen Welt, aber auch zur Lebenskunst Goethes vorgelegt hat, schreibt in ihrem 2010 erschienen Buch „Kein Rettungsmittel als die Liebe – Schillers und Goethes Bündnis im Spiegel ihrer Dichtung“, dass die meisten Biographen in Goethes und Schillers Verbindung lediglich ein bloßes Zweckbündnis sehen und ihren Fokus eher auf die „gemeinsame Lebensarbeit“ richten. Mommsen deckt eine ganz andere, bislang verborgene Dimension des Dichterbundes auf: In vielen Liebesgedichten der beiden und in „chiffrierten Zeugnissen“ sei ein „geheimer Dialog“ zu entdecken, der den „innersten Grund“ ihrer Partnerschaft offenbare. Katharina Mommsen beschreibt die Geburt der Weimarer Klassik aus dem Geist des platonischen Eros. In der Biographie Safranskis ist auf diese These der großen Goethe-Forscherin kein Bezug genommen worden.

Goethe arbeitete an seinem literarischen Werk, machte Politik und pflegte Umgang mit Wissenschaftlern und Künstlern. Er wurde zu einer Instanz, zu einem lebenden Denkmal. Er betrachtete sich selbst als ein historisches Sujet, schrieb, so Safranski, neben Augustins „Confessiones“ und Rousseaus „Confessions“ die „für das alte Europa wohl bedeutendste Autobiographie, „Dichtung und  Wahrheit“. Das Würdevolle und Steife seines Lebens werde mit dem Alterswerk „Faust“ auffällig kontrastiert, in dem „er sich … auch als kühner und sardonischer Mephisto, der alle Konventionen sprengt“, zeige.

Safranski betont, dass Goethe stets der Unterschied zwischen literarischen Werken einerseits und dem zu führenden Leben andererseits bewusst gewesen sei. Aber auch seinem Leben wollte er den Charakter eines Kunstwerks geben: „Diese Begierde, die Pyramide meines Daseins, deren Basis mir angegeben und gegründet ist, so hoch als möglich in die Luft zu spitzen, überwiegt alles andre und läßt kaum augenblickliches Vergessen zu.“ Die eine Seite bilden die Werke, die andere Seite kommt in der Aufmerksamkeit zum Vorschein, die er der Natur und der Welt widmete. Er glaubte, dass die Aufmerksamkeit, die „zarte Empirie“, ausreiche, das Wichtige und Wahre zu erkennen, so Safranski. Andere Menschen waren ihm egal, sie kamen nicht in Betracht, was ihn störte, wurde missachtet.  Goethe sei ein bis zur Grausamkeit hartherziger Mensch gewesen, sagte Marcel Reich-Ranicki einmal. Davon konnten sie alle ein Lied singen: Lenz, Jean Paul, Kleist und Hölderlin. Der arme Hölderlin. An seine resignierten Worte aus Weimar „Sie können mich nicht gebrauchen“ darf in diesem Zusammenhang erinnert werden. Goethe hat nichts hintertrieben, er hat sich nicht für Hölderlin interessiert, den jungen Mann jovial angemahnt, „kleine Gedichte“ zu schreiben. Vielleicht kam ihm sein „Heideröslein“ in den Sinn. Safranski beschäftigt sich nicht weiter mit Hölderlin, erwähnt, dass Hölderlin Goethe während eines Besuchs bei Schiller nicht erkannt habe, eine Todsünde. Der junge Dichter versuchte, den Fehler wiedergutzumachen. Vergebens. Götter und Kunstwerke übersieht man nicht. Goethe, so Safranski, war ein Sammler. Er fragte sich stets bei persönlichen Gesprächen und Begegnungen, ob sie ihn, so sein Lieblingsausdruck, „gefördert“ hätten. Ein Augenblick galt als gerettet, wenn er in eine Form gebracht werden konnte, schreibt der Biograph und erzählt die Episode, wie Goethe ein halbes Jahr vor seinem Tode „noch einmal auf den Kickelhahn“ kletterte, „um jenes Gekritzel von einst an der Innenwand der Jägerhütte zu lesen: ‚Über allen Gipfeln ist Ruh.’“

Safranski hat eine Biographie geschrieben, die Goethes Leben und Werk als ein Gesamtkunstwerk erscheinen lässt, von dem auch wir etwas über uns selbst lernen könnten, so der Biograph. Wenn der alte Goethe von der Kollektivität seines Ichs spricht, dann findet darin keineswegs ein Gefühl der eigenen Wichtigkeit, kein Narzissmus seinen Ausdruck, sondern eher artikulieren sich am Ende seines langen Lebens eine Demut und eine Bescheidenheit, die so gar nicht zu einer Deutung Goethes als Gesamtkunstwerk passen. Goethe spricht hier von sich als Autor, und seine Worte nehmen um nahezu 150 Jahre jenen legendären Vortrag „Was ist ein Autor?“ von Michel Foucault vorweg. Am 17. Februar 1832, ein Monat vor seinem Tod, sagte Goethe in einem Gespräch zu Frédéric Soret: „Was bin ich denn selbst? Was habe ich gemacht? … Zu meinen Werken haben Tausende von Einzelwesen das ihrige beigetragen, Toren und Weise, geistreiche Leute und Dummköpfe, Kinder, Männer und Greise, sie alle kamen und brachten mir ihre Gedanken, ihr Können, ihre Erfahrungen, ihr Leben und ihr Sein; so erntete ich oft, was andere gesäet; mein Le­benswerk ist das eines Kollektivwesens, und dies Werk trägt den Namen Goethe.“

Copyright: Dieter Kaltwasser

Der Beitrag ist in der November-Ausgabe 2013 von literaturkritik.de und in einer gekürzten Fassung am 20. November 2013 im General-Anzeiger Bonn erschienen. Am 29. November 2013 erschien der Beitrag im Online-Magazin für Literatur und Zeitkritik „Glanz & Elend“.

Literaturempfehlungen:

Rüdiger Safranski: Goethe – Kunstwerk des Lebens. Biografie. Carl Hanser Verlag, München 2013. 748 Seiten, 27,90 EUR. ISBN: 978 3-4462-3581-6

Katharina Mommsen: Kein Rettungsmittel als die Liebe. Schillers und Goethes Bündnis im Spiegel ihrer Dichtungen. Wallstein Verlag, Göttingen 2010. 328 Seiten, 28 EUR. ISBN: 978-3-8353-0761-2

Wolfgang Holler (Hg.): Lebensfluten – Tatensturm. Begleitbuch.
Klassik Stiftung Weimar, Weimar 2012. 288 Seiten, 14,90 EUR. ISBN: 978-3-7443-0154-1

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bücher, Essay, Geistesgeschichte, Literaturgeschichte

Der Enzyklopädist und Weltliterat

Denis_Diderot_111

L’Encyclopédiste et littérature mondiale

Zum 300. Geburtstag von Denis Diderot / Pour le 300éme anniversaire de Denis Diderot

Von Dieter Kaltwasser / De Dieter Kaltwasser

Französische Übersetzung: Camille Goldschmidt

Traduction francaise: Camille Goldschmidt

„Diderot ist Diderot, ein einzig Individuum. Wer an ihm oder seinen Sachen mäkelt, ist ein Philister.“ Johann Wolfgang von Goethe

In seiner Geburtsstadt Langres steht er als Bronzefigur auf dem nach ihm benannten Platz, der romanisch-gotischen Kathedrale den Rücken kehrend, in direkter Nähe liegt sein Geburtshaus und pünktlich zu seinem 300. Geburtstag am 5. Oktober wird dort ein Museum eröffnet, das sich dem Leben und Werk des großen französischen Aufklärers widmet. Der Bildhauer Frédéric Auguste Bartholdi, Schöpfer der amerikanischen Freiheitsstatue, hat dieses Denkmal in Langres geschaffen. Die Errichtung fand 1884 unter heftigen Protesten der katholischen Kirche statt, die sich nicht damit abfinden wollte, dass ein Atheist und Materialist eine solche Auszeichnung erfuhr.

Dans sa ville natale Langres, sur la place portant son nom, se trouve une statue de bronze faite à son éfigie, tournant le dos à la cathédrale romane-gothique, à proximité se trouve sa maison natale. Le 5 Octobre, jour de son 300ème anniversaire, un musée qui se consacre à sa vie et à ses ouvrages sera ouvert. C’est le sculpteur Frédéric Auguste Bartholdi, créateur de la Statue de la Liberté, qui crééa ce monument à Langres. La construction eut lieu en 1884 sous les protestations fortes de l’église catholique qui ne voulait pas accepter le fait qu’un athée et matérialiste prenne une si grande place.

Denis Diderot wird am 5. Oktober 1713 als Sohn eines wohlhabenden Klingenschmieds in Langres geboren. Nach dem Besuch des Jesuiten-Kollegs geht er nach Paris und studiert am Lycée Louis-le-Grand, später am Collége d’Harcourt. Das Magisterexamen legt er im Jahr 1732 ab. An der Sorbonne beendet er sein Studium 1735 mit dem Baccalauréat, das ihm bescheinigt, zwei Jahre mit Erfolg Philosophie und drei Jahre mit Erfolg Theologie studiert zu haben. Da Diderot zum Leidwesen seines Vaters die Laufbahn als Geistlicher ablehnt und der Vater daraufhin jegliche finanzielle Unterstützung verweigert, schlägt er sich ein Jahr als Anwaltsgehilfe durch, lebt von schlecht bezahlten Gelegenheitsarbeiten, schreibt Predigten für Missionare und ist als Hauslehrer tätig. Diderot besucht häufig die Pariser Cafés, wo er sich mit Intellektuellen, den philosophes, wie Jean Baptiste le Rond d’Alembert, Jean-Jacques Rousseau, Étienne Bonnot de Condillac und Melchior Grimm anfreundet. Als er dem Vater ankündigt, die Wäscheverkäuferin Anne-Toinette Champion zu heiraten, lehnt dieser ab und lässt den Sohn mit väterlicher Gewalt ins Kloster von Troyes bringen. Dort gelingt Diderot die Flucht nach Paris, wo er die Heirat mit Anne-Toinette im Jahre 1743 heimlich vollzieht. Drei Jahre später ist der Entwurf der Encyclopédie fertig und Diderot erhält das Druckprivileg. Zusammen mit einem Autorenkollektiv beginnt er sein berühmtestes Projekt: die 28-bändige Encyclopédie, eine Zusammenstellung des gesamten Wissens seiner Zeit. 1755 beginnt die Freundschaft mit Sophie Volland. Ab 1765 unterstützt ihn die russische Zarin Katharina II. Sie kauft seine Bibliothek und bezahlt ihn als Bibliothekar 50 Jahre im Voraus. 1773 reist er für ein halbes Jahr nach St. Petersburg. Am 31. Juli 1784 stirbt er in Paris nach einem Diner an Herzversagen. Diderot und sein Mitstreiter und Mitarbeiter an der Encyclopédie Paul Thiry d’Holbach sind beide in der Église Saint-Roch in Paris begraben.

Fils d’un forgeron aisé de Langres, Denis Diderot est né le 5 octobre 1713. Il suivit les cours au collège de jésuite, pour ensuite aller à Paris et commencer ses études au Lycée Louis le Grand, et, plus tard, au Collége d’Harcourt. Il obtient sa maitrise de théologie en 1732. Il finit ses études en 1735 à la Sorbonne en obtenant son Baccalauréat qui lui certifie d’avoir étudié, avec succès, deux ans la philosophie et trois ans la théologie. Puisque Diderot rejetta toute carrière se trouvant dans le même milieu de celle de son père et que celui-cirefusa, après cela, de lui donner un soutien financier, Diderot se débrouilla pendant un an comme adjoint d’avocat, vécut de travails occasionnels mal payés, écrivit des sermons pour des missionnaires et fut souvent engagé comme précepteur. Diderot se rendit souvent dans les cafés parisiens, où il se lia d’amitié avec des intellectuels ainsi que des philosophes comme Jean Baptiste le Rond d’Alembert, Jean-Jacques Rousseau, Étienne Bonnot de Condillac et Melchior Grimm. Quand il annonca à son père son désir de se marier avec la vendeuse de lingerie Anne-Toinette Champion, celui-ci refusa et fit amener son fils avec violence dans le cloître de Troyes. De là Diderot réussit à s’enfuir à Paris, où il maria secrètement avec Anne-Toinette en 1743. Trois ans plus tard, le projet de l’Encyclopédie est prêt et Diderot en prend la responsabilité. Ensemble avec un groupe d’auteur, il commenca son plus célèbre projet : l‚Encyclopédie, en 28 volumes: un inventaire de toutes les connaissances de son temps. C’est en 1755, que son amitié avec Sophie Volland vit le jour et c’est à partir de 1765 que la tsarine russe Katharina II commenca à le soutenir. Elle achèta la bibliothèque de Diderot et le paya comme bibliothécaire avec 50 ans d’avance. En 1773 il voyage pour une demi-année à St. Pétersbourg. Le 31 juillet 1784, il meurt de défaillances cardiaques à Paris. Diderot et son partisan et collaborateur de l’Encyclopédie Paul Thiry d’Holbach sont enterrés dans Église Saint-Roch à Paris.

Diderot nur als Enzyklopädisten zu bezeichnen, wäre falsch. Er hat Romane, Erzählungen und Theaterstücke geschrieben, als Autor von Bühnenwerken besitzt er großen Anteil am Entstehen des bürgerlichen Dramas. Seine Romane La Religieuse, Jacques le fataliste oder Le Neveu de Rameau, die meisten davon erst postum erschienen, zählen zur Weltliteratur. Goethe und Schiller haben Romanauszüge von Diderot übersetzt, Ramaeus Neffe wird erstmals 1805 gedruckt, und zwar in Goethes deutscher Übersetzung. Hegel erläutert in seiner Phänomenologie des Geistes das Verhältnis von Herrschaft und Knechtschaft auch am Beispiel von Jacques le fataliste, Hans Magnus Enzensberger bezeichnet den Roman als eines der intelligentesten Bücher der Weltliteratur.

Il serait faux de qualifier Diderot comme simple encyclopédiste. Il a écrit des romans, des récits et des pièces de théâtre. En ce qui concerne ses pièces de théâtre, il représente une grande partie dans l’apparition du drame civil. Ses romans La Religieuse, Jacques le fataliste ou Le Neuveu de Rameau ,qui apparurent pour la plupart à titre posthume, appartiennent à la littérature mondiale. Goethe et Schiller ont traduit des extraits de roman de Diderot, Le Neveu de Rameau est imprimé pour la première fois en 1805 dans la traduction allemande de Goethe. Hegel explique, dans sa Phénoménologie de l’esprit, le rapport de la domination et de la servitude en prenant l’exemple de Jacques le fataliste. Hans Magnus Enzensberger qualifia le roman comme „l’un des livres les plus intelligents de la littérature mondiale.“

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts verändern sich die Paradigmen der einzelwissenschaftlichen Disziplinen. In der Geschichtsbetrachtung, der Rechtsphilosophie und in der literarischen Kritik löst man sich von außermenschlichen, religiösen Normen. Fortschrittsglaube, Toleranz und eine naturwissenschaftlich-empirische Methode kennzeichnen dieses neue Zeitalter, das in Frankreich vor allem mit dem Namen Voltaire in Verbindung gebracht wird. Typisch für diese neue Richtung ist auch das Projekt der Encyclopédie, die neben der reinen Wissensvermittlung einen aufklärerischen Anspruch besitzt. Immanuel Kant wird später darauf hinweisen, dass die Aufklärung kein Zustand ist, sondern ein Prozess mit offenem Ausgang. Für den Erfolg der praktischen Philosophie, ihre Umsetzung, gibt es keine Garantie auf Erden. In der Encyclopédie von Diderot und seines Mitherausgebers d’Alembert heißt es: Projekt (Moral). Ein Plan, den man zu verwirklichen beabsichtigt, doch es ist ein weiter Weg vom Projekt zur Ausführung & ein noch weiterer Weg von der Ausführung zum Erfolg. Wie oft verfällt der Mensch auf unsinnige Unternehmungen. Über zwei Jahrzehnte lang wird dieses aufklärende Gemeinschaftswerk einer französischen Gelehrtengesellschaft, so Manfred Geier in seinem Buch „Aufklärung – Das europäische Projekt“, gegen die heftigsten Widerstände von Kirche und Staat ankämpfen. Die Geschichte der Aufklärung ist ohne die Geschichte der Gegenaufklärung nicht zu haben.

Au début du XVIIIème siècle, les paradigmes  des disciplines scientifiques changent. Aussi bien dans la façon d’apprécier l’histoire, dans la philosophie du droit comme dans la critique littéraire, on s’émancipe des normes surnaturelles et des canons religieux. La croyance dans le progrès, la tolérance  et une méthode empirique dans les sciences naturelles, voilà quels sont les marqueurs  de ce siècle nouveau, qui est à relier à la France et surtout au nom de Voltaire.  Le projet de l’Encyclopédie est également caractéristique de cette nouvelle direction de la pensée.Cette œuvre en effet n’est pas seulement une œuvre permettant la vulgarisation des sciences mais comporte un projet tout à fait en rapport avec les Lumières. Emmanuel Kant expliquera plus tard que les Lumières ne sont pas un aboutissement en soi mais un processus ouvert.La philosophie pratique, sa transformation n’a en effet aucune garantie de succès sur terre. Dans l’Encyclopédie de Diderot et de son collaborateur D’Alembert, on peut lire: «Projet (morale): un plan , qu’on utilise pour concrétiser quelque chose,et cependant il y a un long chemin entre le projet et sa réalisation et un un chemin plus long encore entre la réalisation et le succès. C’est souvent que les hommes trébuchent contre des entreprises insensées.» Pendant deux décennies, «cette œuvre commune d’une société d’érudits»  selon Manfed Geier, dans son livre «Les Lumières –Le projet européen «eut à lutter contre une farouche opposition venue aussi bien de l’état». L’histoire des Lumières est inséparable de l’histoire de l’opposition à ces mêmes Lumières.

Am frühen Morgen des 24. Juli 1749 wird Denis Diderot in Paris verhaftet und zur Festung Vincennes gefahren, wo er in eine Einzelzelle gebracht wird. Dort wird er bis zum November des gleichen Jahres bleiben. Der polizeibekannte philosophe hatte im Juni sein Buch Lettre sur les aveugles veröffentlicht, was ihm das Lobe Voltaires und die heftige Reaktion der Staatsgewalt einbrachte. In einem polizeilichen Dossier ist festgehalten: Diderot, Autor, 36 Jahre alt. Mittelgroß, einigermaßen anständige Physiognomie. Ein sehr geistreicher Bursche, doch äußerst gefährlich. Er ist verheiratet, hat jedoch Mme Puysieux seit einiger Zeit als Mätresse. In Vincennes besucht ihn Rousseau, den die Verhaftung seines Freundes erschüttert. Auf dem Weg zu ihm hat er eine Erleuchtung, die zum Schlüsseldatum in der Geistesgeschichte der Moderne werden sollte. Von diesem Oktobertag 1749  an wird Rousseau für die Aufklärung wichtig. Er verfasst seinen „Diskurs über Wissenschaft und Künste“ und stellt als erster philosophe eine Dialektik der Aufklärung fest: Die Wohltaten des wissenschaftlichen und kulturellen Fortschritts werden aufgewogen durch die zahlreichen Laster, die vom Trug des Scheins stammen. Mit dieser Kulturkritik setzt sich Rousseau von den Enzyklopädisten ab, aber auch von Voltaire. Diderot bleibt ihm als Freund gewogen, bis sie sich einige Jahre später öffentlich und irreparabel entzweien.

Le 24 juin 1749 Denis Diderot est arrêté à Paris et incarcéré à la forteresse de Vincennes , où il obtient une cellule individuelle. Il y restera jusqu’au mois de novembre de la même année . Le philosophe « bien connu des services de polices » avait publié en Juin sa « Lettre aux aveugles » qui lui valut un éloge de Voltaire et une violente réaction des autorités judiciaires officielles. On lit dans un dossier de police « Diderot, auteur, 36 ans taille moyenne, une physionomie relativement avenante.  Un individu plein d’esprit et cependant extrêmement dangereux.Il est marié et a cependant , depuis peu de temps, une maîtresse, Madame Puysieux.».A Vincennes il reçoit la visite de Rousseau, que l’arrestation de son ami a ébranlé. Cheminant vers Vincennes, il a une illumination qui compte pour une date clé dans l’histoire de la pensée moderne. Car à partir de ce jour de 1749, Rousseau devient un pilier des lumières. Il écrit son «Discours sur les sciences et les arts » et propose, le premier, en tant que philosophe,  une Dialectique des Lumières. Les bienfaits du progrès scientifique et culturel sont mesurés à l’aune des innombrables fardeaux  surgis de l’illusion du paraître  par cette critique de la civilisation, Rousseau diverge là des encyclopédistes mais aussi de Voltaire.. Diderot restera un temps son ami, jusqu’à ce que, finalement, quelques années plus tard, ils se brouillent, publiquement et définititvement.

Der erste Band der Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers erscheint im Jahre 1751, ein Epochendatum für die europäische Aufklärung. Mit changierenden Verantwortlichkeiten und Beteiligungen haben die Enzyklopädisten fünfundzwanzig Jahre an diesem Großprojekt gearbeitet, vom Vertragsabschluss im Jahre 1747 bis zur Versendung des letzten Bandes 1772 an die Subskribenten. Der Mitherausgeber d’Alembert zog sich 1759 aus dem Projekt zurück. An seine Stelle trat ab 1760 Louis de Jaucourt. 72998 Artikel, von über 100 Autoren geschrieben, darunter Rousseau und Voltaire, und 28885 Bildtafeln umfasst das Werk. Diderot bezeichnet den Kampf um die Enzyklopädie als einen moralischen Streit zwischen Gut und Böse. Gegen das kleine Licht der Aufklärung (éclairer und lumière) setzen seine Gegner auf die obskure und ignorante Dunkelheit.

Le premier tome de l’ „Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers“ paraît en 1751,une date fondatrice de l’«Aufklärung» européenne. Avec des jugements fluctuant au cours du temps et bien des contributeurs, les encyclopédistes furent mobilisés , 25 ans durant, à la réalisation de cet ouvrage, depuis le contrat initial de 1749, jusqu’à l’envoi, en 1772, du dernier tome aux souscripteurs. D’Alembert se retira du projet en 1759 . Pour le remplacer , Diderot choisit Louis de Jaucourt. 72998 articles, rédigés par plus de 1000 auteurs, comptant parmi eux Rousseau et Voltaire, et 28885 planches de gravures. Diderot définit la controverse à propos de „l’Encyclopédie, comme la lutte du Bien contre le Mal“. A la petite lumière émanant de la Raison, ses détracteurs opposent une énergie de ténèbres

Der Mensch ist der einzigartige Begriff, von dem man ausgehen und auf den man alles zurückführen muss, so Diderot in der Encyclopédie und weist auf deren Strukturprinzip hin. Sie verfolgt zwei Absichten: Als Encyclopédiebeschreibt das Werk die Ordnung und Vernetzung der menschlichen Kenntnisse, als Dictionaire raisonnée ist sie ein Sachwörterbuch, das die Prinzipien und die wichtigsten Details aller Wissenschaften, Künste und Gewerbe enthält. Diese Rückbindung an die menschliche Perspektive und an die Anfänge der europäischen Philosophie, an den Vorsokratiker Protagoras und dessen Formulierung, dass der Mensch das Maß aller Dinge ist, war folgenschwer. Diderots Entscheidung für den Menschen brachte ihm Kritik ein, nicht nur von der katholischen Kirche, die das Mammutwerk 1759 auf den Index setzte,  sondern auch von Rousseau, der anfänglich mit Diderot befreundet war, und jüngst noch aus der postmodernen Gegenwartsphilosophie.

„L’homme est une chose bien singulière, de qui tout part et vers qui tout converge“, écrit Diderot dans l’Encyclopédie annonçant le principe fondamental de la structure de l’ouvrage. Elle poursuit deux buts. En tant qu’ Encyclopédie  l’oeuvre décrit comment s’organisent et interagissent les connaissances humaines et ,en tant que „Dictionnaire raisonné“, elle est un traîté savant contenant tous les principes et les détails essentiels de toutes les sciences, arts et métiers. Ce lien avec les perspectives humaines et avec les débuts de la philosophie européenne, à celle  du présocratique Protagoras, et sa formule selon laquelle l’homme est la mesure de toute chose eut des conséquences profondes. Cette orientation de Diderot pour l’Homme lui valut une pluie de critiques, non seulement de la part de l’eglise catholique qui mit à l’index l’œuvre monumentale en 1759, , mais aussi de Rousseau, au départ très ami avec Diderot en désaccord avec cette philosophie du temps présent.

Wolfgang Welsch sieht zum Beispiel in seinem Buch Homo mundanus. Jenseits der anthropischen Denkform der Moderne in Diderots Entscheidung für den Menschen und somit nach Welschs Interpretation gegen die Natur das Symptom einer in der Moderne grassierenden Krankheit. Für den Jenaer Philosophen gehört zu diesem Krankheitsbild die Vorstellung, die Natur als kalt und dumpf, den Menschen aber als das sinngebende Prinzip von allem zu betrachten. Aus diesen Vorstellungen habe sich die Matrix des modernen Denkens herausgebildet,das anthropische Axiom. Welschs philosophische Bemühungen bestehen nun in der Kritik und Aushebelung der Annahmen, dass wir alles nur nach menschlichem Maß erfahren und erkennen können. Diese Interpretation des Diderotschen Denkens mutet einigermaßen willkürlich an, da der französische Philosoph durchaus Positionen eines monistischen Naturalismus vertritt, wenn auch nicht in der Konsequenz eines La Mettrie, wie er sie in seiner Schrift L’homme machine ausführt.

Wolfgang Welsch voit ,par exemple dans son livre Homo mundanus. „Par delà la forme de pensée anthropique chez les modernes“ dans cette décision de Diderot que tout se concentre autour de l’Homme, la maladie toujours plus fréquente des modernes. Pour le philosophe d’Iéna, cette maladie consiste à considérer la Nature comme „froide et insensible“, quand l’homme, lui serait la matrice du principe de toute chose. C’est cette conception dont serait né la pensée moderne, l’axiome anthropique les réflexions philosophiques de Welsch tournent à présent dans „Critique et Remise en cause, autour de l’idée que nous ne pensons et n’expérimentons qu’à l’échelle humaine“. Cette interprétation de la pensée de Diderot apparaît bien arbitraire, car le philosophe français incarnait un monisme naturaliste, , même si les conséquence de cette pensée n’allaient pas de le sens de La Mettrie et de son „Homme Machine“.

Auch Diderots Infragestellen des Begriffs der „Individualität“ in seinem Dialog „D’Alemberts Traum“ spricht gegen diese Auslegung seines Philosophierens. Es scheint, dass Diderot in diesem Dialog sogar den Foucaultschen Gedanken vom Tod des Subjekts, vom Verschwinden des Menschen,  wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand, um mehr als 200 Jahre vorwegnimmt. Auf die Frage d’Alemberts, wie wir Schlüsse ziehen, antwortet Diderot: „Nicht wir ziehen sie. Sie werden alle von der Natur gezogen.“ Haben wir also auch als Autoren nicht die alleinige Macht und Autorität über unsere Gedanken? Darauf geht Alexander Becker in einem profunden Nachwort einer Sammlung philosophischer Schriften Diderots ein, die im Suhrkamp Verlag erschienen sind. Die Sammlung enthält in der überarbeiteten Übersetzung Theodor Lückes den Brief über die Blinden, zum Gebrauch für die Sehenden, D’Alemberts Traum und den Nachtrag zu „Bougainvilles Reise“.

La remise en question de Diderot de la notion de l'“individualité“ dans son dialogue „le rêve de D’Alembert“ rejette cette interprétation de sa philosophie. Il semble même que Diderot anticipa de 200 ans sur les pensées de Foucault dans „la mort du sujet“, “la disparition de l’Homme“, „comme à la limite de la mer un visage de sable“. Diderot répond à la question de D’Alembert, comment tirons-nous nos conclusions: „Non nous les tirons pas. Elles sont toutes tirées par la nature.“ N’avons nous pas nous aussi,en tant qu’auteurs, le pouvoir et l’autorité sur nos pensées ? Alexander Becker recueillit dans une postface profondes les écritures philosophiques de Diderot, receuil qui parut dans l’Edition Suhrkamp. Le recueil dont la traduction fut révisée par Theodor Lücke „Lettre sur les aveugles à l’usage de ceux qui voient“, “ Le rêve de D’Alembert“  et „le supplément au voyage de Bougainvilles“.

Becker sieht in Diderot ein mögliches Vorbild für naturalistisch gestimmte Philosophen, die vor der Frage stehen, was einer nicht-empirischen Disziplin wie der Philosophie  eigentlich noch zu tun bleibe, wenn alles, was es gibt, natürlich ist. Diderot verfolge einen monistischen Naturalismus bis in Bereiche hinein, die das Selbstverständnis als Person betreffen, sei es in der Frage der eigenen Identität, sei es in Fragen der Moral. Auch Widersprüche scheue er sich nicht offenzulegen. Und er spekuliere dort, wo die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse fehlten. Dieser Tage erscheint das Buch des amerikanischen Philosophen Thomas Nagel, der naturalistischen Positionen nicht fern steht, mit dem Titel „Geist und Kosmos“. Darin experimentiert Nagel mit der These, dass die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist. Der Streit in der Philosophie dauert also an.

Becker voit en Diderot un modèle possible pour les philosophes naturalistes se trouvant face à la question: „que peut encore faire une discipline non empirique comme la philosophie“, quand tout „ce qu’il y a, est naturel“. Diderot poursuit un naturalisme moniste jusqu’à „des domaines se portant sur l’image de soi-même en tant que personne, ce serait la question de la propre identité, ce serait des questions de morale.“ Il ne recula pas non plus devant les contradictions. Et il spécula là où les connaissances en sciences naturelles manquaient. Aujourd’hui, parut le livre du philosophe américain Thomas Nagel, dont les positions naturalistes n’étaient pas loin, avec le titre „l’esprit et cosmos“. Dans celui-ci, Nagel expérimente la thèse que la conception néodarwinienne matérialiste de la nature est surement inexacte. La dispute perdure dans la philosophie.

Literaturhinweise / Literaturempfehlungen:

Conseil littéraire/ recommandations littéraires:

Denis Diderot: Philosophische Schriften. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Alexander Becker. Suhrkamp Verlag, Berlin 2013. 281 Seiten, 17 EUR. ISBN-13: 9783518296844

Denis Diderot: Écrits philosophiques. Éditer et avec un épilogue de Alexander Becker. Édition Suhrkamp, Berlin 2013. 281 pages, 17 EUR. ISBN-13: 9783518296844

Diderots Enzyklopädie. Mit Kupferstichen aus den Tafelbänden. Neu ediert von Annette Selg und Rainer Wieland. Übersetzt aus dem Französischen von Holger Fock, Theodor Lücke, Eva Moldenhauer, Sabine Müller. Verlag AB – DIE Andere Bibliothek, Berlin 2013. 500 Seiten, Einführungspreis bis 31. Dezember 2013 79 EUR. ISBN-13: 9783847700135

L’Encyclopédie de Diderot. Avec des gravures des volumes. Ré-éditer par Annette Selg et Rainer Wieland. Traduit du francais par Holger Fock, Theodor Lücke, Eva Moldenhauer, Sabine Müller.  Édition AB-DIE Andere Bibliothek. Berlin 2013. 500 pages, prix d’inauguration jusqu’à Décembre 2013, 79 EUR. ISBN-13: 9783847700135

Manfred Geier: Aufklärung. Das europäische Projekt.Rowohlt Verlag, Reinbek 2012. 415 Seiten, 24,95 EUR. ISBN-13: 9783498025182

Manfred Geier: Siècle des Lumières. Le projet européen. Édition Rowohlt, Reinbeck 2012. 415 pages. 24,95 EUR. ISBN-13: 9783498025182

Wolfgang Welsch: Homo mundanus. Jenseits der anthropischen Denkform der Moderne. Verlag Velbrück Wissenschaft, Weilerswist-Metternich 2012. 1004 Seiten, 78 EUR. ISBN 9783942393416

Wolgang Welsch: Homo mundanus. De l’autre côté de la forme d’esprit anthropique de l’époque moderne. Édition Velbrück Wissenschaft, Weilerswist-Metternich 2012. 1004 Seiten, 78 EUR. ISBN 9783942393416

2 Kommentare

Eingeordnet unter Bücher, Essay, Geistesgeschichte, Literaturgeschichte, Philosophie