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Augenblicke im Advent

„Advent und Weihnachten ist wie ein Schlüsselloch, durch das auf unsren dunklen Erdenweg ein Schein aus der Heimat fällt.“ Friedrich von Bodelschwingh

Und wieder reicht es gerade noch zum Innehalten in letzter Minute, bevor eine Zeit zu Ende geht, die ich gerne bewusster begangen und gestaltet hätte, – einfach weil ich sie von Kindertagen her stets liebte, woran auch alles Seufzen über deren kommerzielle Verzerrung und auch das zunehmende Gewahrwerden des Auseinanderklaffens von Wunsch und Wirklichkeit nichts Grundlegendes zu ändern vermochte.

Es blieb bei wenigen Momentaufnahmen, gestohlenen Stunden, wie ein Besuch in meiner Heimatstadt zu einer liebevoll gestalteten Märchenlesung im Burgturm, wo eine Gruppe engagierter Menschen es sich zur Aufgabe gemacht hat, zu Gunsten von Kinderhilfsprojekten eine verlorengegangene Erzählkultur wiederzuleben.

Manches hin und wieder mit verfremdetem Blick betrachten, lässt den einen oder anderen vergangenen Zauber wieder heraufbeschwören. Trugbild? Möglicherweise. Aber welche Bilder betrügen mich nicht, welche erzählen mir schon die ganze Wahrheit – oder das, was ich dafür halte?

„Wo kämen wir hin“, mag andererseits mancher mit Recht fragen, „wenn jeder sich nach Pippi-Langstrumpf-Art die Welt machte, wie sie ihm gefällt?“ Ja, gute Frage! Wo kämen wir hin? Auf geradem Wege ins uferlose Chaos, wie mancher es uns gerne prophezeien möchte, ohne uns mit Details über das unweigerlich zu erwartende Übel zu verschonen? In den luftleeren Raum, ins Bodenlose? Oder doch vielleicht in eine schönere Welt, eine menschlichere? Wir wissen es nicht, denn es besteht keine Gefahr, dorthin zu kommen, da es nie dazu kommen wird, dass „jeder“ dies in die Tat umsetzt. Weil jenen, die es wagen, viele andere gegenüberstehen, die dies schlicht nicht wollen. Oder wieder andere, die es gerne wollten, aber nie die Kraft und den Mut dazu aufbringen würden. Und deshalb wird unsere Gesellschaft die übrige Handvoll „Spinner“ und „Phantasten“auch weiterhin aushalten, ohne dass ihr Gefüge deshalb Schaden nimmt.
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Aber ich wollte von gestohlenen Stunden erzählen. Von Spaziergängen im schönsten Dezemberlicht. Ein goldener, lichtgefluteter Sonntagnachmittag auf dem Maulbronner Klosterberg, – Zauber der stillen Winterwege. Besuch bei der 250-jährigen Linde, die viele meiner geliebten Dichter noch auf ihren Spaziergängen sah. Sahen sie auch ihn? Gewahrte der junge Hölderlin den damals jungen, wohl noch sehr unscheinbaren Baum? Wie nahm der Baumfreund Hesse die einst 100-jährige Linde wahr? Wir wissen es nicht, können es nur ahnen.

Staunen beim näheren Hinsehen: Das Laub ist vollständig gefallen, hat zarte Knospen an kleinen, aus der zerfurchten Rinde ragenden Zweigen freigelegt, die den alten Riesen außer von versunkenen Zeiten auch vom künftigen Frühling erzählen und so eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft entstehen lassen. Doch was ist die Gegenwart, und was sind zurückliegende und kommende Zeiten anderes als eine Aneinanderreihung von Augenblicken?

Sich sodann mit Einbruch der Dämmerung ins Innere der Mauern begeben,während der Stunde „zwischen Tag und Traum“, die allem, was sich in ihr zuträgt, besonderen Glanz verleiht. Auch dieser flüchtig, gewiss. Unaufdringlich auch, was seine Erscheinung zu einer angenehmen macht.

Beim Stöbern im Buchladen fand ich jenen kleinen Literaturfreund, zwischen den Regalen am Boden sitzend, selbstvergessen in seine Lektüre vertieft, sich eigene Geschichten „vorlesend“, die sich wohl mit dem eigentlichen Inhalt des Buches messen konnten, wenn sie ihn nicht gar übertrafen. Liebgewordener Satz, der während der Arbeit mit Kindern oft fällt: „Du sollst vor-le-sen!!!“ Gesammelte Hoffnungsfunken, Augenblicke, in denen das Hinforteilen der Zeit – wohl nicht anzuhalten, dies wäre sicherlich zu viel verlangt, aber zumindest – innezuhalten scheint.

Möge uns in diesem Sinne mancher Zauber dieser und künftiger Tage wenigstens immer wieder für Augenblicke gegenwärtig sein, möge dann und wann ein Schein durch das Schlüsselloch auf unseren – mal mehr, mal weniger – dunklen Erdenweg fallen!Mit allen guten Wünschen für die kommenden Festtage und das Neue Jahr…

Eure Bettine

Copyright: Bettina Johl (2013)
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November-Elegie – Bettina Johl

Auch im Herbst
singen die Vögel
dies auserwählte Volk
Wir Maskenträger
haben verlernt
zu lauschen
dem Amselgespräch
und der innern Musik
Herbst
der freundliche Feind
Leg deinen Raum
in den Rahmen
der Zeit

Rose Ausländer (Herbst)

Schon lange wollte ich gern etwas mit dem Titel „November-Elegie“ schreiben – nenne es eine Marotte – und natürlich hegen mich Zweifel, da es – wie ich mutmaße – längst zu vieles gibt, das diesen Namen trägt. Aber hier in unserem Literatur-Blog darf ich solches wagen.

An das Gedicht Rose Ausländers fand ich mich erinnert, als ich nach dem Abzug der Stare, deren unbekümmertes Schwatzen ich schmerzlich vermisse, morgens erstmals den melodischen, perlenden Gesang des Rotkehlchens hörte, welches sich unbeeindruckt von der Novemberwitterung auf einem der gegenüberliegenden Dächer niedergelassen hatte. Das Rotkehlchen, ein unverdrossener Wintersänger, der mir die lichtarmen Tage erträglich machen wird. Auch das leise, wie entfernt klingende Amselgezwitscher, zweckfrei vorgetragen, geschlossenen Schnabels mit unbeteiligter Miene: Ein Geheimnis des Herbstes, der weiter fortschreitet, um unmerklich dem Winter Platz zu machen. Freundlicher Feind? Er ist zu schnell vergangen, dieser Herbst, hatte zu wenig Raum im Rahmen der Zeit. Und mir liegt der Gedanke nahe: Möge der Winter es ihm gleich tun! Aber sogleich erinnere ich mich an versöhnlichere Töne, die ich diesem gegenüber einst anschlug, als ich schrieb: Er bringt uns die Ruhe zurück. Uns, die wir verlernt haben zu lauschen. Maskenträger, wir. Die wir zugeschüttet sind mit Lärm, gelernt haben, diesen an uns abgleiten zu lassen, – auf Kosten unserer Sensibilität für die leisen Töne.

Aufschlussreiche Beobachtung während einer mit Kindern im Vorschulalter erprobten Klangwerkstatt. Anfangs faszinieren besonders die lauten Instrumente. Selbst nach Herzenslust laute Töne erzeugen dürfen baut Spannungen ab, nimmt etwas von dem Druck, welcher durch den Lärm entsteht, der normalerweise von außen auf die Kleinen eindringt, ohne dass sie die Möglichkeit hätten, sich dagegen zu wehren. Nach einer gewissen Zeit beginnen auch die leiseren Klänge wieder ihr Interesse zu wecken, sie üben sich neu im Hinhören und Lauschen. Und mir drängt sich der Gedanke auf: Wie können sie sich schützen vor dem Lärm, den die Großen ihnen unausgesetzt zumuten? Jene Großen, die von den Kleinen so oft fordern, still zu sein, sich ruhig zu verhalten?

Das Elegische will allein Klage nicht sein, abgesehen von jener um zerrinnende, unwiederbringlich verloren gehende Zeit. Ich verbringe die Tage in Gesellschaft einer hochbetagten Katze; ihr Schnurren begleitet mein Schreiben; ich versehe sie mit neuen Namen, nenne sie „Spinnrädchen“, „Nähmaschine“ und „Samt-Tiger“. Die Katze ist „nur geliehen“, was nichts zur Sache tut, denn was ist nicht alles Leihgabe von dem, was wir gern unser eigen nennen? Auf ihre Ohren ist Verlass. Sie liebt Musik von Vivaldi und Mozart. Und sie kann das Motorengeräusch meines alten Diesels unfehlbar identifizieren, kommt mir zur Begrüßung entgegen, sobald ich vorgefahren bin. Aber auch sie hat elegische Anwandlungen, Stunden, während derer sie, von sichtbarer Unruhe getrieben, auf geheimnisvolle Weise in der Nacht verschwindet oder sich am helllichten Tage in einem finsteren Winkel des Heizungskellers verschanzt, nicht ansprechbar ist, mir entgegen schaut wie eine Fremde und mich nicht an sich heranlässt. Irgendwann findet sie sich wieder vor  meiner Tür ein, als sei nichts gewesen. „Auch in meinem Katzenleben hat es Dinge gegeben, die mir manche Tage zu schaffen machen, von denen Du als Nicht-Schnurrhaarträgerin nichts ahnen kannst“, bilde ich mir ein, in ihrem Blick zu lesen. Womit sie wohl Recht haben mag. Und so lassen wir uns gegenseitig unsere Marotten und Befindlichkeiten, nach dem Motto: Leben und spinnen lassen.

Ansonsten in der Tat zu wenig Raum im Rahmen der Zeit, um den Herbst zu genießen. Vereinzelte „gestohlene Tage“, wie eine Stippvisite ins Siebengebirge zu einer meiner Lieblingsruinen, der Löwenburg, die eine traumhafte Kulisse für einen kurz währenden herbstlich-goldenen Sonnenuntergang über dem Rheintal bot.

Einer der unzweifelhaften Vorzüge, die der November aufzuweisen hat, ist der, manche Orte, die sonst von Besucherströmen heimgesucht sind, nahezu für sich allein zu haben. Das spätherbstliche, still gewordene Maulbronn, sakraler und literarischer Ort, lässt besonders in dieser Jahreszeit eine Ahnung früherer Tage vor dem inneren Auge erstehen, im Schatten der dunklen Sandsteinmauern stehend, dem Flüstern lange verklungener Stimmen lauschend. Für einen Lidschlag scheint hin und wieder ein kurzer Blick durch den Vorhang der Zeiten möglich, bevor der Novembernebel alle Bilder und Trugbilder wiederum verhüllt und es uns rückblickend schwer macht, sie voneinander zu unterscheiden.

Der Blick wird magisch angezogen von einem Transparent: „Adventskalender-Ausstellung“. Die schwere Tür zu der mächtigen ehemaligen Zehntscheune öffnen, sich im Dunkeln wiederfinden, schon glauben, im falschen Raum zu sein, dann hinter einer weiteren Tür Licht, Eintauchen in eine über hundertjährige Welt des Vorweihnachtszaubers, enges Beisammensein von Kitsch und Kunst, Faszination – aber auch Gruseln über Dokumente ideologischer Vereinnahmung zu unseligen Zeiten im Lauf der Geschichte.

Adventskalender – Zeugnisse verlogener Sentimentalität, Heraufbeschwören einer Idylle, die es nie gegeben hat? Oder schlicht eine Hommage an die kindliche Freude am Geheimnis, – auch wenn es lediglich um bunte Bildchen hinter Papptürchen geht? Sinnbild für die tief verwurzelte Sehnsucht nach Fenstern und Türen, die sich zu gegebener Zeit öffnen lassen, um hinter die sichtbaren Dinge schauen zu können? Deutungsversuche, die möglicherweise scheitern, während ich bei Kaffee und Nusstorte in einem nahegelegenen Café meine neu erworbenen Schätze – wie so oft sind Museumsladen und Buchhandlung Nutznießer meiner Stöbereien – betrachte: Ein Reprint eines schlichten Adventkalenders von 1946 und ein nostalgisches Glasmurmelspiel in einem putzigen Schächtelchen.

Nicht zuletzt ist diese Jahreszeit Lesezeit, könnte es umso mehr sein, wenn weniger andere Dinge zu tun wären. Immerhin reichte es zu einer neuen Buchbesprechung zu Lukas Hartmanns „Abschied von Sansibar“ – Diogenes Verlag, die bei Glanz & Elend erschien und auch in unserem Blog nachgelesen werden kann:Prinzessin ohne Land. Als nächstes plane ich, mich der bei Fischer neu erschienenen Anne-Frank-Gesamtausgabe etwas ausführlicher zu widmen.
Am 1. Dezember jährt sich der Todestag Christa Wolfs zum zweiten Mal. Ich vermisse sie sehr, ebenso Sarah Kirsch, die im Mai dieses Jahres verstarb. Zwei große Schriftstellerinnen, ganz unterschiedlich in Wesensart und Stil, beide unersetzlich. Das Schmökern in Sarah Kirschs ganz besonderen Tagebuchnotizen – wie „Krähengeschwätz“, „Regenkatze“ und „Märzveilchen“- ist seit Wochen meine bevorzugte Abendbeschäftigung. Zu Christa und Gerhard Wolf erschienen beim Ullstein Verlag unter dem Titel „Sei dennoch unverzagt“ aufgezeichnete Gespräche, geführt und herausgegeben von ihrer Enkelin, der Journalistin Jana Simon, – ein interessanter Austausch der Generationen. Für Winterlektüre ist also reich gesorgt. Mögen sich lediglich noch die dafür notwendigen Mußestunden finden!Und ungeachtet jährlich neu belebten inneren Grolls über Verlogenheit und Konsumwahnsinn der Weihnachtszeit freue ich mich darauf, mein im Frühjahr neu bezogenes Dachdomizil erstmals für den bevorstehenden Advent zu dekorieren…In diesem Sinne wünsche ich uns allen Mut und Kreativität, unsere persönliche Adventszeit nach jeweils eigenen Bedürfnissen individuell zu gestalten – und die Rolle der Gehetzten und von falschen Erwartungen Getriebenen konsequent von uns zu weisen!

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Maler Herbst

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Soeben noch mühsam versöhnt mit einem altgewordenen Sommer, der dir mit den Jahren – du ahnst es – ähnlicher zu werden beginnt, – ihn durchwandert, allein, frei – Altweibersommer, Sommer der alten Weiber! Warum nicht? – auf uralten Wegen, einst von Dichtern und Denkern beschritten, dem immer länger werdenden eigenen Schatten folgend, immer wieder unter hohen Bäumen verweilend, die Wange an sonnenwarme Rinde gepresst. Sich weiter eine Spur bahnen über steinige und verwachsene Pfade, die Arme von Disteln zerkratzt, Spinnweben im Haar, die glühende Haut an über Felsvorsprünge sprühenden Wassertropfen dankbar kühlend. Mittagsstille Dörfer, inmitten derer mit der Turmuhr auch die Zeit stehengeblieben zu sein scheint, – wie lange schon? Stunden, Tage? Jahre? Einziges Geräusch das Summen der Bienen über einem violetten und scharlachroten Blütenmeer auf  Asternstauden hinter hinfälligen Staketenzäunen, welches die Luft erfüllt, während als vermeintlich einzige weitere Lebewesen Katzen – bunt, getigert und schwarz – lautlos deinen Weg kreuzen oder verschlafen in Fenstern und Toren liegen, mit jenem wissendem Blick unter schweren Lidern, der nur Katzen eigen ist. Gedankenspiele, ob du nicht unwissentlich durch eine unsichtbare Pforte getreten bist, die sich als Tor in eine andere Zeitdimension erwies, in der du dich nun bewegst, für alle unsichtbar – außer für die Katzen, versteht sich! -, und vielleicht noch die Ziegen, die sich niemals etwas vormachen lassen – und die schwatzhaften Stare auf den Drähten und Zweigen, die das Jahr wie du im freien Herumziehen ausklingen  lassen, sich hier und da was sie benötigen stibitzen, ohne je darüber ein schlechtes Gewissen zu haben, – denn es ist ihre eigene Art, nichts ernst zu nehmen, schon gar nicht sich selbst! -, die Stimmen anderer Vögel ungeniert imitieren, dich mit Bussard-, Blässhuhn- und Pirol-Rufen zum Narren halten, hier wie dort, – vielleicht durchqueren auch sie nicht nur räumliche, sondern auch zeitliche Dimensionen? Während auf der Seite, die du verlassen hast, das Fehlen eines Einzelnen schwerlich auffallen wird, – vielleicht wird man anfangs verwundert nach ihm fragen, bevor sich mehr und mehr der Schleier des Vergessens über ihn legen wird, ohne dass dies jemandes ernster Wille wäre, – die einstigen Weggefährten sind ihrer Natur gemäß nur zu beschäftigt, folgen anderen Rufen und Dringlichkeiten, –  warum also nicht bleiben? Herr, lass uns Hütten bauen! -, aber du weißt im selben Moment, dass dies nicht erlaubt ist, nie erlaubt war, ja – und auch niemals erlaubt sein wird, – wo kämen wir da auch hin!

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Und so weht alsbald schon ein eisiger Windhauch, gepaart mit schweren Regentropfen, der die ersten, noch grünen Blätter mit sich fortreißt, über die Szene und lässt den Zauber jäh dahinschwinden. Er saust in den Ohren, bringt die stärksten Bäume zum Erzittern, kündet vom nahen Winter, gemahnt an Pflichten und Versäumnisse, erzählt von Frost und Verlorenheit. Und dir bleibt nichts übrig, als fröstelnd den Schal fester um dich zu ziehen, wissend dass dieser nicht ausreichen wird, um gewappnet zu sein. Durch jenes Sausen und Raunen, das Ächzen der Äste und Knistern der Zweige vermeinst du Stimmen zu vernehmen, Rufe, Wortfetzen, geflüsterte Satzfragmente vertrauter alter Dichterworte – Rilke! Hölderlin! -, wie zufällig fallen gelassen, in den Wind gestreut  – … Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß… – Weh mir, woher nehm ich, wenn es Winter ist, die Blumen und wo den Sonnenschein und Schatten der Erde… – … in den Alleen hin und her einsam wandern, wenn die Blätter treiben… – und du weißt, dass all dies seine Gültigkeit hat, und du es nicht aufhalten wirst. „Wer jetzt nicht reich ist, da der Sommer geht… Wer jetzt nicht seine Augen schließen kann, gewiss, dass eine Fülle von Gesichten in ihm nur wartet, bis die Nacht begann, um sich in seinem dunkel aufzurichten, der ist vergangen wie ein alter Mann!“

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Und die alten Weiber? Was bleibt ihnen? Etwa, sich auf den Besen schwingen, sich den Herbstböen aussetzen, den Stürmen ausliefern, abwarten, wohin sie euch treiben werden? Doch eure Besen tragen nicht, zu viel Ballast lässt euch nicht an Höhe gewinnen. Und es bleibt keine Zeit zur Trauer, denn unversehens hat der Wind sich gelegt, als hätte es ihn nie gegeben, und ein anderer, – ein bei weitem fröhlicherer Geselle macht sich auf den Weg, um das Land mit seinem Zauber zu überziehen. Ein altes Jahreszeiten-Quartett, welches die Mutter aus ihrer Kindheit im Nachtkästchen verwahrte, vier Karten für jeden Monat des Jahres, der Oktober geprägt von der Figur des Malers Herbst, im bunten Gewand mit Farbpalette und Pinsel durch die Lande ziehend, seine kraftvollen Farbakzente setzend, Silber-, Gold- und Kupfertöne, dazwischen Töne von leuchtendem Rot, Orange und Gelb auf sich mehr und mehr zurücknehmendem Grün, jeden Tag ein wenig mehr, – Nuancenspiel von Licht und Schatten. Der Versuch, das Leuchten mit optischen Linsen einzufangen, bleibt klägliches Stückwerk. – Geheimnis wird bleiben, warum es beim Sich-Annähern allzu oft verblasst, sich entzieht, gleich einem Gemälde, welches den Betrachter veranlasst, einige Schritte zurückzutreten, um es erfassen zu können. Dennoch kannst du es nicht lassen, ihm nachzuschleichen, die Kamera im Hinterhalt, auf der Jagd nach Augenblicken, den so vergänglichen, die du allzu gerne bannen möchtest, wie das Aufflammen der Kirschbäume auf der Streuobstwiese, deren zarte Blüten einst den Frühling prägten, und die, nachdem sie Früchte getragen hatten, diskret zurückgezogen den Rest des Sommers im dunkelgrünen Kleid verbrachten, träumend, Schatten spendend, sich selbst vergessend. Das Glühen der Hagebutten, vormals  zartrosa-filigran, vollendet duftend in Heckenrosentagen, jetzt auf dampfende Teekannen an verregneten Novembertagen hindeutend. Schwarzblau hingegen die herb schmeckenden Schlehen, – Herbstgeschmack! -, an Frühlingstagen ein weißer Blütentraum von honigsüßem Duft, ihre Gehölze dornenreiche Schutzburgen vieler Singvögel, die auch jetzt ihre vielfältigen Rufe daraus vernehmen lassen. Das Vanillegelb der kleinen, wohlgeformten Blätter des Feldahorns. Der nahezu metallische Glanz der Birnbäume – von Grün über kupferleuchtendes Orange bis ins Rotviolett -, keine Herbstfärbung – hörst du – Birnengitterrost! – und wenn? Wer will ernstlich dem Maler die letzten Geheimnisse seiner Farbenmischungen entlocken? Anreiz jedoch, sich beim Nachhause-Kommen selbst mit Pinsel, Farbenkasten und Papier auszustatten, um sich über kommende, farblosere Tage zu retten. Kreativität wiedererlangen, die dir einst verlorenging, manchmal auch geraubt wurde, – eine winterfüllende Aufgabe? Wohlan! Den Maler Herbst vermag dies nicht zu erschüttern. Seine Kunst bleibt unerreicht.

Bettina Johl

Copyright für Fotos und Text: Bettina Johl

 

 

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Ein stilles Haus am Rhein

Der Rhein bei Unkel, Foto von Bettina Johl

Der Rhein bei Unkel, Foto von Bettina Johl

Immer wieder wird er Mensch geboren
Spricht zu frommen, spricht zu tauben Ohren,
Kommt uns nah und geht uns neu verloren…

Hermann Hesse (Aus: Der Heiland)

Immer wieder um diese Zeit: Zuflucht nehmen zu Dichtern, die sich dazu bekannten, Weihnachtsmuffel zu sein, wie mein geschätzter Hermann Hesse, der nach eigenen Worten die „verlogene Sentimentalität“ als unerträglich empfand, nicht ohne jedoch aus dieser Haltung heraus immer wieder den Blick auf dennoch Bleibendes zu richten: Winzige Momentaufnahmen oft nur, – Augenblicke des Innehaltens, des Auffindens so manchen Edelsteins im allgemeinen Lametta-Flimmern, – wie das empfundene Glück des Anteilhabens an der Verzauberung kleiner Kinder, deren Blick noch ungetrübt ist, die noch nicht erfasst wurden vom allgemeinen Sog des Sich-verstellen-Müssens und des Überdrusses.

Meine eigenen Rückzugsversuche, immer wieder tageweise: Ein stilles Haus in Unkel am Rhein, an einem Ort, in welchen seit einigen Wochen winterliche Ruhe Einzug gehalten hat, – vorüber die lärmende Herbstsaison weinseliger Ausflugstouristen, – die sich allerdings in diese alt-ehrwürdigen Mauern ohnehin nicht zu verirren drohen; hier ziehen sich allenfalls Geistliche zur Erholung zurück, und kleinere Gemeindegruppen treffen sich zu Exerzitien und Einkehrtagen. Mein Blick aus dem Fenster geht hinaus auf den ewigen Strom; ein Zimmer zum Rhein hin ist in diesen Tagen ohne Schwierigkeiten zu bekommen, obwohl auch die andere Seite ihre Vorzüge hat. Sie wiederum ist die ruhigere, mit Ausblick auf einen parkähnlichen Garten, von einer hohen Mauer mit schmiedeeisernem Tor gegen ein wenig befahrenes Gässchen abgeschirmt. Hier gedeihen prächtige Rosen, die auch noch jetzt im Dezember vereinzelt blühen; es gibt einen beleuchteten Brunnen, der an wärmeren Tagen für akustische Untermalung sorgt, Sitzbänke und ein kleines Kiesrondell, in dessen Mitte eine zierliche weiße Skulptur des Heiligen Jakobus uns daran gemahnt, dass wir Pilger sind. Mehrere Katzen pflegen dort herumzustreichen; eine von ihnen, mit mehr weiß als schwarz geflecktem Fell und einer lustigen Gesichtszeichnung, begrüßt mich stets nach Katzenart mit Nasenkuss, was ich mir als besondere Ehre verbuche. Ihren Namen kenne ich nicht, nenne sie seit längerem nur „die Klosterkatze“, obwohl sie, wie die Nonnenschwestern, die sie offensichtlich ins Herz geschlossen haben, mir erzählten, irgendwo in der Nachbarschaft ihr Zuhause hat. Zu bestimmten Tageszeiten findet sie sich regelmäßig ein; sie kommt einfach über die angrenzenden Dächer oder springt elegant durch die Gitterstäbe des Tors, sonnt sich an wärmeren Tagen im Rosenbeet, hierbei stets wachsamen Auges die Küchentür im Blick behaltend, – wohl wissend, dass diese sich zur gegebenen Zeit öffnen wird, um den dort versammelten schnurrenden Mäusefängern ihren Anteil an dem zukommen zu lassen, was in einer Küche so an Übrigem anfällt.

Die Seite zum Rhein ist lauter als jene zum Garten, betriebsam, – viel Schiffsverkehr auch um diese Zeit, welcher jedoch nicht stört. Der uralte Strom ist nun einmal lebendig, – dies gehört sich so für ihn -, er bietet dem Auge stets neue Bilder und erzählt seine eigenen Geschichten. Die alten Mauer zittern spürbar beim Stampfen der Motoren stromaufwärts fahrender Lastschiffe, die vom Wellengang bewegte Schiffslandebrücke unmittelbar unter dem Fenster gibt quietschende Geräusche von sich, – aber das alles muss so sein, verleiht mir das Gefühl, selbst Anteil an dieser Lebendigkeit zu haben, wie selbstverständlich in diesem großen Ganzen aufzugehen.

Das Haus mit den ehrwürdig anmutenden, hohen Räumen hingegen versetzt in eigentümliche Stimmung, – fast vermittelt es den Eindruck, aus der Zeit gefallen zu sein: Das Knarren der hölzernen, weitläufigen Wendeltreppe, Lichtspiegelungen der bunten Glasfenster auf den Stufen, die Eingangshalle und die hohen Flure mit den mächtigen alten Möbeln und Gemälden, Schilder, die noch aus früheren Tagen stammen, bezeichnen die Räume: Speisesaal, Konveniat, Bibliothek, – ja, es gibt wahrhaftig eine Bibliothek! -, das Herzstück des Hauses, gut bestückt, keineswegs nur mit geistlicher Literatur; ein Raum, der zum ruhigen Arbeiten wie geschaffen wäre, zöge der Blick aus dem Fenster mich nicht alsbald hinaus.

Hier springe ich über meinen Schatten und genieße die Morgenstunden, die ich nirgendwo so sehr als hier schätze: Den kühlen, dieser Tage schlicht adventlich geschmückten Frühstücksraum betreten und die Stille in sich aufnehmen. Kaum Gäste sonst, Kaffee steht bereit, – von den Ordensfrauen ist keine zu sehen; die Stunde, die mir früh erscheint, ist für sie eine fortgeschrittene, – längst sind sie in der Heiligen Messe. Wer in dieser Zeit ein Anliegen hat, wartet eben, bis der Gottesdienst vorüber ist, – so ist das hier. Gedämpfter Gesang ist von der Hauskapelle im obersten Stock her zu vernehmen, ansonsten wird das Schweigen, in welches das Haus sich hüllt wie in einen schützenden Mantel, nur hin und wieder vom Viertelstundenschlag der alten Standuhr im Gemeinschaftsraum unterbrochen. In Ruhe die erste Tasse Kaffee trinken und dabei durch ein Erkerfenster auf das Siebengebirge und den Fluss schauen. Das Kreisen der Möwen beobachten, die sich spielerisch vom Wind tragen lassen, um dann wieder ihre Lieblingsplätze auf der Landebrücke einzunehmen, den majestätischen Flug der Kormorane, die sich irgendwann auf dem Wasser niederlassen, um sich auf ihre ausgedehnten Tauchgänge zu begeben, über deren lange Dauer sie uns Beobachtende stets aufs Neue zu verblüffen verstehen. Später werden sie sich auf dem Felsgestein auf Inseln im Fluss oder am Ufer niederlassen und mit ausgebreitet hängenden Flügeln ihr Gefieder trocknen, was ihnen ein drolliges Aussehen verleiht. Sie sind mir ans Herz gewachsen und haben die Anfeindungen mancher Zeitgenossen gewiss nicht verdient; die Probleme; für die sie zuweilen verantwortlich gemacht werden, sind – wie vieles – menschengemacht.

Etwas Gebietendes und zugleich  Beruhigendes hat er, der Strom, der in Wirklichkeit unbezähmbare, der uns mit seiner Urgewalt immer wieder die Grenzen unserer Möglichkeiten, unseres menschlich und technisch Machbaren aufzeigt. Wir fühlen: Es muss so sein. Die Farben an seinen Ufern sind verblasst, – Winterruhe -, dennoch wechselt er beständig sein Bild, zeigt sich mit dem dahinter liegenden Gebirge zu jeder Tageszeit in anderem Licht, – mal in trübem Grau, mal leuchtend blau, dann wieder in Rot und Gold, mit gleißender Oberfläche durch Spiegelungen von Morgen- oder Abendsonne, manchmal auch gänzlich nebelverhangen oder in Regenschleier gehüllt. Zuweilen noch zieht ein Trupp verspäteter Wildgänse in typischer Flugformation mit lauten Rufen vorüber, – selten glückliche Zufallsmomente.

Andere haben vor mir hier Zuflucht gesucht, unter ihnen Konrad Adenauer, als er zu Zeiten des Nazi-Regimes aus dem Regierungsbezirk Köln ausgewiesen war und im selben Haus Aufnahme fand. Saß er womöglich hier an diesem Platz, schaute so wie wir aus dem Fenster auf den Rhein? Es liegt nahe, aber wir wissen es nicht. Überhaupt, – was wissen wir später Geborenen, vor nichts Bedrohlicherem auf der Flucht als vor Alltags-Überdruss und gelegentlich vor uns selbst, von wirklicher Verfolgung und Exil? Nichts. Nichts – oder wenig – vom Ausgegrenzt- und Eingeschränkt-sein durch äußere Zwänge bis hin zur Bedrohung von Leib und Leben, vom Bangen und Hoffen in einer hoffnungslos anmutenden Situation mit ungewissem Ausgang. Die Zwänge, gegen die wir heute kämpfen, sind anderer Natur. Das Schwierige an ihnen ist: Nicht immer lassen sie sich klar benennen, – dennoch sind sie da und machen uns nicht wenig zu schaffen. Sie kommen aus größtenteils unerforschten Regionen, – aus unserem eigenen Inneren. Der Kampf, den wir gegen sie zu führen versuchen, gerät uns manchmal zum Kampf gegen uns selbst.

Als wenn es diesem Ort bestimmt wäre, die These zu untermauern, dass sich Dynamik aus der Wechselwirkung von Gegensätzlichem ergibt, verbrachte auch Willy Brandt seine letzten Lebensjahre ganz in der Nähe. Adenauer und Brandt, – Persönlichkeiten, wie sie sich unterschiedlicher nicht denken ließen, – und doch verbindet sie, dass sie große Staatsmänner waren, herausragende Politiker, die sich in keinen Rahmen, kein Muster pressen ließen, die den Mut hatten, auch ungewöhnliche Wege zu gehen, – mit großen Visionen, derer viele sich über ihre Lebenszeit hinaus als tragfähig erwiesen.

Wand an Wand steht das Haus Freiligraths, des großen Dichters des Vormärz, welcher hier sein Leben als freier Schriftsteller begründet haben soll. Manchmal ertappe ich mich beim nächtlichen Lauschen auf dem kleinen Balkon, – im Lärm der Schiffe genügt nur ein wenig Phantasie, um sich im Nebenhaus Stimmen aus Unterhaltungen längst vergangener Zeiten einzubilden. Große Namen, die hier verkehrten: Levin Schücking, Annette von Droste-Hülshoff,  Johanna und Adele Schopenhauer, vielleicht auch Goethe. Ihnen mag sich kein sehr viel anderes Bild als heute geboten haben, wenn man sich die Straßen und die Bahnlinie wegdenkt, – der Strom ist hier wenig gezähmt und trotz aller Bewegung und Lebendigkeit immer derselbe, – der uralte, ewiggleiche, der noch fließen wird, wenn sich unserer längst niemand mehr erinnert, – noch weniger unserer Vorhaben und Projekte, von denen zu unseren Lebzeiten für uns so vieles abhängen will. Diese Erkenntnis erschreckt – und hat zugleich doch wieder etwas Beruhigendes, denn wohl sehen wir vor diesem Hintergrund die Bedeutung unserer Anliegen verblassen,  aber gleichermaßen sehen wir auch deren Bedrohungen ins Nichtige und Kümmerliche zusammenschrumpfen. Dies wäre eigentlich ein Grund zu heiterer Gelassenheit, welche auch den Ordensschwestern hier eigen ist. Aus dem fernen Indien hat es sie hierher verschlagen, – heute hier, in ein paar Jahren vielleicht wieder ganz woanders im Einsatz, – was tut es? Gott, – nennen wir ihn so, in tiefem Respekt vor diesem Ort -, ist überall und kann überall Menschen für seine Sache brauchen; so viel ist sicher, – unabhängig davon, in welcher Gestalt er sich den Menschen, welchen Glaubens und wo auch immer, offenbaren mag.
Frieden ist ein Bedürfnis, welches viele Menschen aller Religionen teilen. Die Weihnachtsbotschaft ist eine Botschaft des Friedens. Sie stößt auf viele fromme, – leider auch auf noch mehr taube Ohren. Und sie geht schnell flüchtig, wo sie nicht sorgsam bewahrt wird. „Das Licht scheint in der Finsternis, doch die Finsternis hat’s nicht ergriffen“, wusste der Prophet Jesaja bereits in alttestamentarischen Zeiten vorauszusagen. „Kommt uns nah und geht uns neu verloren“, sagt unser Dichter Hermann Hesse viele Jahrhunderte später. Er bringt unser Dilemma auf den Punkt. Das Verlorengehen bereits vorweggenommen im Nahe-kommen, Sich-Annähern, – vielleicht ist es dieses Wissen, das es uns so schwer macht, der Botschaft Glauben zu schenken? Nichts festhalten können! Aber was wäre die Alternative? Sie deshalb gar nicht mehr an uns heranzulassen? Aus Angst vor der Flüchtigkeit, dem Wieder-verloren-gehen, ihr den Zugang verweigern? Uns ihr verschließen? – Es wäre schlimm, – wir ahnen es! Und genau deshalb geht es nicht.

„Wir machen dieses Fest nicht“, hörte ich vor Jahren einmal den Pfarrer meines damaligen Wohnortes in der Christmette sagen, „wir sind Eingeladene.“ – Im Erinnern denke ich, es könnte etwas dran sein.

Bettina Johl

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Herbstgedanken

Es ist Herbst und die Vögel singen. Dichter dürften so etwas vermutlich nicht schreiben, aber die Vögel, – sie wissen dies zum Glück nicht…

Sie singen zweckfrei, etwas verhaltener zuweilen, – kein Revierkampf mehr, für den es nötig wäre, sich zu verausgaben, gar zu übertönen -, dennoch vernehmlich, und es klingt fröhlich. Die Amsel im Garten flötet ihr gesamtes Repertoire, während sie am Boden ohne besondere Eile nach Regenwürmern sucht, leise, unsichtbar, mit geschlossenem Schnabel, so dass es wirkt, als kämen die Laute von woanders, weither. Aber es ist ihr typischer Gesang, – ich erkenne ihn, sie pflegt während einzelner Passagen wie ein Huhn zu gackern -, freue mich, dass sie es ist, dass sie nicht dem allgemein beklagten Amselsterben zum Opfer fiel; ihre Melodien scheinen geradezu unaufhaltsam in ihrem Inneren aufzusteigen. Ich fühle mich an kleine Kinder erinnert, die solches manchmal auf den Punkt zu bringen verstehen, mit Aussagen wie: „Ich kann nichts dafür, – es singt mich so…“ 

Es hat der Herbst etwas Belebendes, das Lähmende des Sommers,  – gleich, ob er uns Hitze oder verregnete Kühle bescherte -, weicht, der Himmel bekommt wieder Farbe, der Wind erfrischt, die Erde trägt den Duft der Verwandlung. Es zieht uns hinaus, die Berge hinauf – oder ans Wasser – oder zu beidem, es spielt keine Rolle! -,  sinkender Nebel verheißt einen schönen Tag, auch wenn die ersten Steigungen den Atem knapp werden lassen; das Licht, das in jedem Wassertropfen funkelt und die herbstlichen Farben der Blätter zum Leuchten bringt, entschädigt für vieles. Mit jedem Höhenmeter werden die Schritte leichter, Ballast bleibt zurück, die Häuser im Tal werden kleiner, der Straßenlärm geringer, bis er keine Rolle mehr spielt; die Schiffe auf dem Strom scheinen lautlos dahinzugleiten, die Züge auf den Schienen nur mehr noch mit leisem Rauschen.

Der Weg führt durch Buchen- und Eichenwald, – der bunte Teppichläufer aus Blättern und Schalen der Früchte belegt es auch den Wanderern, die seltener den Blick nach oben zu richten wagen, um nicht auf den nassen Wurzeln auszugleiten. Vogelstimmen werden vernehmlicher, – die der munteren Kohlmeisen, und auch die des Rotkehlchens, – ein Wintersänger ohnehin -, niemals gewillt, sich in seinem Gesang durch äußere widrige Umstände beeinträchtigen zu lassen. Kurze Zeit später auch der Ruf des Kleibers, – ich finde ihn nach alter Kleiber-Gewohnheit kopfunter am Stamm hängend, ein lustiger, kleiner Clown-Vogel, der nichts dabei zu finden scheint, dass die Welt für ihn zuweilen auf dem Kopf steht. In der knorrigen Wurzel einer riesigen Buche wohnt eine kleine Rötelmaus, – ich sehe sie hinein huschen, sie hatte meine Schritte wahrgenommen. Ich bleibe stehen und verhalte mich ruhig, – da erscheint sie wieder, bleibt im Eingang zu ihrem Wurzelbau still sitzen und schaut mich interessiert und ohne besondere Scheu an. Sie hat verstanden, – von mir droht ihr keine Gefahr. Wir sind Freunde.

Der Herbst hat etwas Entspanntes. Die Natur nimmt sich nie zu viel vor; sie leistet es sich, immer nur für ein Jahr vorzuhalten, für dieses eine alles zu geben, – wie es auch ausfallen mag -, und dann herunterzufahren, um im nächsten ganz neu anzufangen. Warum nicht wir?

Der Weg wird zum Pfad. Stufen. Zur Rechten felsiges Schiefergestein, mit Moosen und Flechten überzogen, dazwischen Hagebuttensträucher und Brombeerranken. Zur Linken der Abgrund. Nicht bedrohlich, – nein, das nicht. Die Notwendigkeit, sich mit Umsicht fortzubewegen, ergibt sich hier wie überall sonst. Die Felskanzel ist erreicht, bietet Platz zum Ausruhen und Ausblick über das Gebirge diesseits und jenseits des Stromes, der sich als silbriges Band in der Ferne verliert, um den Beschreibungen aller Dichter Rechnung zu tragen. Worte – zu oft gebraucht – nutzen sich bisweilen ab; das Erleben selbst bleibt davon glücklicherweise unbeeinträchtigt, ist immer wieder einzigartig, – lässt jeden Versuch, es zu beschreiben, blass und armselig aussehen. So muss es wohl sein.

Der Strom ist derselbe von alters her, ihn kümmert es nicht. Kurz ist das Leben der Menschen, die ihn für ihre Zwecke ausbeuten und ausbaggern, ihn als Verkehrsweg nutzen, sich auf ihm und an seinen Ufern wichtig tun und – für ihn zu allem Überfluss – über ihn dichten. Er war lange vor ihnen und wird lange nach ihnen sein; die Urgewalt seines Wassers hat sie noch immer wieder in ihre Schranken verwiesen. Komische Winzlinge sind sie von hier oben; ihr Treiben mutet seltsam an. Was haben wir mit ihnen zu schaffen? Nichts – für wenige Stunden…  

Bettina Johl

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Im Frühsommer

Buchfink

Image by karsten.planz via Flickr

Juni

Mein Freund, der Buchfink
Drüben auf dem Holzstapel
Schmettert sein Lied
In den Abendwind
Gleich wie er es tat
In der Morgendämmerung

Sein Lied
Ist Anbetung
Ist Leidenschaft
Eine Liebeserklärung an den Tag
Seiner Schattenseiten
Ungeachtet

Ein Gedicht, das ich in sehr jungen Jahren niederschrieb, mit der gewissen Holprigkeit von Gedichten, die heranwachsende Menschen zu schreiben pflegen, – eines, dem ich – dem Zeitpunkt dieser Momentaufnahme entsprechend – den schlichten Titel „Juni“ verlieh. Es war eines der wenigen, die allen wütenden Vernichtungsaktionen, denen vieles damals zu Papier gebrachte stets wenig später zum Opfer fiel, – übrigens, ohne dass ich im Rückblick darüber Reue empfinde -, standhalten konnten, weil es mir im Gedächtnis haften geblieben ist.

Juni, – das war ein Monat, den ich mochte, – ein ehrlicher Monat, in dem sich die überladene Süßlichkeit des vorausgehenden Mai allmählich verzog, auflöste und in einen schlichteren Frühsommer überzugehen versprach, mit dem ich bei weitem mehr anfangen konnte.

Der kleine Vogel mit seiner ganzen Hingabe an seinen Gesang muss bei mir bereits damals einen tiefen Eindruck hinterlassen haben. Kaum dass ich ansonsten in jenen Tagen mehr als einen Sperling von einer Amsel zu unterscheiden vermochte. Außer der Bewunderung für die Fähigkeit, sich ungehindert in der dritten Dimension bewegen zu können, blieb mir in dieser Lebensphase die Vogelwelt eher fremd, waren mir ihre Vertreter im wahrsten Sinne zu flüchtig, war ich mehr den vierbeinigen Wesen wie Pferden und Katzen zugeneigt, in deren Fell man sein Gesicht vergraben konnte, wenn die Welt ein weiteres Mal wieder nicht zu ertragen war.

Der Buchfink mit seinem anmutigen Charme jedoch hatte es irgendwie geschafft, sich in mein Herz zu stehlen, – er, der wenig Scheue -, der es auch in späteren Jahren verstand, sich immer wieder unvermittelt  am richtigen Ort zur richtigen Zeit zu zeigen, – manchmal schicksalhaft, manchmal nur als erfreuliche Zufallsbegegnung, den Weg kreuzend während einer Wanderung, oder – Ferienerinnerung! – beim frechen Kuchenkrümel-vom-Tisch-stibitzen unterm Leuchtturm einer Ostseeinsel.

War es sein Name, der mich ihm eine besondere Weisheit andichten ließ? Immerhin lässt dieser ja seinem Klang nach geradezu auf einen belesenen Vogel schließen, wider das bessere Wissen, dass man ihn natürlich nicht nach dem bedruckten Buch benannte, sondern vielmehr nach der Buche, die wiederum  dem Buch den Namen verliehen haben soll, – dem Baum, dessen Früchte ihm als Zugehörigen der Finkenfamilie – neben anderen Sämereien und Früchten – zur Nahrung dienen.

Dies jedoch nimmt ihm nichts. Ich mag die Buche, die vielerorts Mutter des Waldes genannt wird, ihren geraden, hohen Wuchs, – stattlich mit zunehmendem Alter, lehne mich gern an ihren kraftvollen Stamm und fühle ihre sonnenwarme, glatte Rinde, – es hat etwas Aufbauendes , Tröstendes , etwas,  wozu die Unverdrossenheit des kleinen Vogels, den sie nebenbei nährt, gut passt.

Oft habe ich seine Schönheit bewundert. Sein Gefieder ist farbenprächtig, aber nicht schreiend bunt, vielmehr  in harmonischen Tönen und Nuancen auf seine bevorzugte Umgebung abgestimmt. Das der Weibchen ist ganz ähnlich, – etwas schlichter, aber unverwechselbar. Letztere fielen mir stets durch ihr selbstbewusstes Gebaren auf, – sie stehen gar im Ruf, zuweilen im Winter fortzuziehen, die Männchen vor Ort zurücklassend, – Auszeit, Urlaub allein, ganz unter Frauen! -, um hernach ihre Partnerschaft in einer selbst gewählten Beziehung mit gleichberechtigter Aufgabenverteilung fortzusetzen. Allen Respekt!

Im Garten meiner Eltern sind die Bäume inzwischen hoch gewachsen. Mein Freund, der Buchfink – natürlich ist es nicht mehr derselbe wie einst – ist nicht mehr auf den Holzstapel als Singwarte angewiesen; ich höre ihn auf dem Wipfel einer hohen Fichte, während ich dies schreibe. Viele Vogelarten suchen den Garten auf, sind mir liebe Freunde: Das Rotkehlchen mit seinem perlenden Gesang, die Kohlmeisen, welche schon einmal neugierig ins Fenster geflogen kommen, die kleineren, lebhaften Blaumeisen – geschickte Akrobaten auf dünnsten Zweigen -, streitlustige Grünlinge mit durchdringenden Rufen, die farbenfroh leuchtenden Stieglitze in ganzen Schwärmen auf der Durchreise, prächtige Bergfinken als Wintergäste, beinahe handzahme Amseln. Dann die Haussperlinge – zeternde Raufbolde im Efeu an der Hauswand -, der Jahr für Jahr unter dem Dach nistende Hausrotschwanz, der pfiffige, kopfunter an den Gehölzen hängende Kleiber, der sich von den bereitgestellten Sonnenblumenkernen immer so viele mitnimmt, wie irgend in seinen langen Schnabel passen, der Buntspecht, der wohl auf der gegenüberliegenden Streuobstwiese seine Nisthöhle hat. Man erzählte mir von einer Begebenheit, die ich nicht selbst beobachten konnte: Einer der jungen Buntspechte – noch mit der roten Punkfrisur des Jungvogels -, habe Nüsse vom Haselstrauch in die Rindenspalten des benachbarten Fliederbusches gesteckt, um sie auf diese Weise zu knacken. Er muss einen lustigen Anblick geboten haben, wie er emsig hämmerte, während unter dieser Spechtschmiede, wie es die Fachleute nennen, zu denen ich nicht gehöre, kleine, erst wenige Tage flügge Kohlmeisen aufgeregt herum hüpften, in der Erwartung ihres dabei zu Boden fallenden Anteils. Mein Buchfink hingegen hält sich eher im Hintergrund. Falls sich sein Nest in der Nähe befindet, so zeigt er es nicht. Nur sein Gesang ist stets zu hören.

Auch an anderen Orten findet er sich schnell in nächster Nähe ein, – es scheint unter seiner Art eine geheime Absprache zu geben, die ich nur vage durchschaue. Einmal, als du, mein Freund, mich während eines Kuraufenthaltes besuchtest, saß er bei einem Spaziergang vor uns auf dem Weg, ohne wegzufliegen, bis wir uns auf weniges genähert hatten. Du machtest einen raschen Schritt auf ihn zu, und ich versuchte, dich daran zu hindern, – rief – zu spät: Verjag ihn nicht! – Du wolltest jedoch nur feststellen, ob er vielleicht eine Verletzung hatte und womöglich nicht mehr fliegen konnte. Er flog erschrocken auf. Du konntest nicht wissen, dass er zu mir gehörte, in meiner Nähe sein musste. Mein Erschrecken war tiefer, anhaltender, ich fühlte mich verlassen und nahm es als kein gutes Omen, konnte die Traurigkeit, die sich in mir ausbreitete, nicht mehr so leicht loswerden, – es folgten beschwerliche Zeiten. Irgendwann jedoch war er wieder da, ein anderer – gewiss! – und doch schien es stets derselbe zu sein.

Auf seiner Belesenheit jedoch bestehe ich, – zu oft erschien er in der Nähe meines Dichters, und dies oft in entscheidenden Augenblicken, wenn ich – einmal wieder in Krisenstimmung, eigene Projekte in Frage stellend, abergläubisch auf ein Zeichen hoffend – jenen aufgesucht hatte. Wie es einmal so ist, werden eindeutige Zeichen stets auf sich warten lassen – oder wir übersehen diese; es liegt an uns selbst, was wir als ein solches Zeichen ansehen wollen, wie wir es für uns deuten – und was wir letztlich daraus machen. Der Dichter jedenfalls würde sich unterstehen, mir von seinem Bronzerelief herunter verschwörerisch zuzublinzeln oder ähnliches, – so viel stand fest, – ich war ohne überzogene Erwartungen zu ihm gekommen. In der Nähe befand sich ein Biergarten, den wir – Mutter und Sohn – besucht hatten, um uns eine Live-Leinwandübertragung eines Fußball-WM -Spieles – welches wir übrigens verloren – anzuschauen, und ich hatte das Areal klammheimlich für kurze Zeit verlassen, weil Dinge anderer Art mich umtrieben.

Mein Freund, der Buchfink, war vor mir an Ort und Stelle, saß im Schein der untergehenden Sonne nahe dem Relief des Dichters auf einem vorspringenden Ast – und sang aus Leibeskräften. Als ich mich näherte, hüpfte er noch ein Stück vor, saß einen Augenblick still, während ich den Atem anhielt, sah mich eine Zeitlang an – und flog auf. Stille umgab mich. Der Blick des Dichters blieb wie gewohnt in sich versunken in die Ferne gerichtet. Dennoch schien er zu sagen: Auf welches weitere Zeichen wartest du? Noch dazu, nachdem es von Anfang an nie Zweifel darüber gab, wie du dich entscheiden würdest? – Ich zögere einen Augenblick lang. Er – und mein Buchfink – hatten wie immer Recht. Ich murmelte meinen Dank, mich indessen verstohlen umsehend, ob es nicht etwa jemand mitbekommen haben könnte, – keine Gefahr, wer verirrt sich um diese Zeit zu den Dichtern, während die WM läuft? – und kehrte zum bunten Treiben des Gartenlokals zurück.

Im darauf folgenden Frühjahr besuche ich das Grab des Dichters an dem Ort, wo dieser bis zu seinem Tod die zweite Hälfte seines Lebens verbrachte, – in geistiger Umnachtung, sagen viele. Wir wissen es anders. Und wieder – ich verwundere mich noch nicht einmal sehr – ist der kleine Vogel vor Ort, tummelt sich fröhlich in den Zweigen der Bäume, fliegt herunter, hüpft durchs Gras, bis er sich schließlich auf den Grabstein setzt, auf dem außer Blumen auch – wohl nach jüdischer Sitte – Steine abgelegt sind, und dort laut schmetternd  sein Lied singt. Ich versuche ihn zu fotografieren, – er entwischt mir natürlich. Es gibt Momente, die sich nicht mit technischen Mitteln einfangen lassen.

Er bleibt in der Nähe, sieht mich herausfordernd an, turnt durch die Zweige, spielt den Clown. Na, na, – necke ich ihn, wie verträgt sich dies mit der Friedhofsordnung, – du weißt doch: der Würde des Ortes angemessen… Er legt sein Köpfchen schief, – es fällt nicht schwer, sich einzubilden, als frage er zurück: Kennst du jemanden, der sich der Würde dieses Ortes und unseres Dichters angemessener verhält als ich? – Nein, – gebe ich zu, – wahrhaftig nicht! – Aber, – wie kommt es eigentlich, – frage ich leise, während er wieder zu einem etwas höher gelegenen Zweig flattert, – dass ich dich stets zuverlässig an diesen Orten antreffe? – Warum fragst du, – glaube ich meinen Freund von oben zu hören, – du weißt es doch längst? Mein Name ist nun mal – Buchfink…

© Bettina Johl

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Frühlingstage am Niederrhein – Bettina Johl

Unterwegs in mir bisher unbekannten Gegenden, im Land zwischen Niederrhein und Maas, – erfahren, dass anfangs nicht selbst Gewähltes ebenfalls zu Vertrautem werden kann, wovon es einst – ich ahne es voraus – schwerfallen wird, sich wieder zu trennen. Woran werde ich zurückdenken, – welche Erinnerungen werden mir erhalten bleiben?

Da ist die Weite der Ebene, – ungewohnt zunächst -, die jeder Mensch auf seine eigene Weise wahrnimmt. So wie Berge dem einen Geborgenheit vermitteln oder Herausforderung sein können, im anderen jedoch das Gefühl von Enge und Beklemmung auszulösen vermögen, so kann auch das flache Land dem einen Freiheit, dem anderen Verlorenheit bedeuten. Ich entscheide mich für Freiheit.

Symbol werden mir die morgens vorüberziehenden Graugänse, deren Geschnatter mir wie Gesang anmuten will. Es gibt einen See in der Nähe, doch diesen suchen sie nicht auf. Er ist zu klein, zu gut besucht, sein Ufer zu sehr beansprucht. Immerhin finden sich dort zwei Haubentaucherpaare, die sich davon offensichtlich nicht schrecken ließen, und es ist faszinierend, ihrem Balztanz zuzusehen, in dessen Verlauf sie sich fast mit den Hälsen berühren, sich drehen und symmetrische Formen  bilden, die sich wiederum auf der Wasseroberfläche spiegeln. Dann wieder tauchen sie mit elegantem Sprung unter, sind lange verschwunden, um an einer weit entfernt liegenden Stelle plötzlich unvermutet wieder aufzutauchen, als wäre nichts geschehen.

Bettina Johl

In der Flugrichtung, welche die Wildgänse nehmen, liegt jedoch ein Seegebiet  mit kleinen Wasserflächen zwischen niedrigem Gehölz und feuchten Wiesen. Ich suche sie dort an einem der nächsten Tage auf,  – bin verwachsen mit meinem geliehenen blauen Fahrrad, das mich hier überall hinbringt, fahre durch schattige Eichenalleen, – viele dieser Bäume scheinen mir älter als hundert Jahre zu sein, stehen wie mächtige Säulen, ihr junges Laub filtert das Sonnenlicht, lässt ein hohes Gewölbe von leuchtendem Grün entstehen -, komme vorüber an großen, weiten Pferdekoppeln, an von blühenden Weißdorn- und Rosenhecken gesäumten Feldern. Mehrere Fasane kreuzen meinen Weg. Dort wo ich herkomme, sind sie längst verschwunden, bietet ihnen die, – wie man es nennt – „bereinigte“ Flur und die Zersiedelung keinen Lebensraum mehr. Ich werde sie vermissen!

An einer großen Wiese in der Nähe der Seen sehe ich sie lagern, – meine Gänse! Mein Erscheinen stört sie auf, – sie ziehen sich unter aufgeregten Lautäußerungen etwas zurück, beeilen sich, die Mindestdistanz zwischen sich und mich zu bringen. Als sie sehen, dass ich nicht näherkomme, mich am Feldrain auf die Erde setze und ruhig sitzenbleibe, beruhigen sie sich und recken interessiert die Hälse, – manche nähern sich wieder etwas. Ein wenig spreche ich ihre Sprache. Meine innigen Zwiegespräche mit Hausgänsen sind durchaus geeignet, mir zuweilen besorgte Blicke einzuhandeln. Diese hier sind wildlebend. Sie werden immer auf Distanz bedacht sein, dies ist wichtig zu ihrem Schutz. Um mit ihnen vertraut zu werden, würde ich sehr viel Zeit benötigen, – mehr, als ich hier haben werde. Aber sie lassen mich aus der Ferne teilhaben, damit muss ich mich zufrieden geben. Ich frage mich, ob sie nur auf der Durchreise sind oder gar hier brüten.

Tage später durchstreife ich vorsichtig das Seengebiet, schwankend zwischen Neugier und dem Wunsch, nicht zu stören. An einem kleinen See mit schwer zugänglichem Ufer finde ich, durch Erlen- und Birkenzweige spähend, zunächst nur Stockenten und Blesshühner vor. Am gegenüberliegenden Ufer steht ein Graureiher unbeweglich, gleich einem Denkmal, im seichten Wasser. Kurz darauf hebt er ab, segelt über die Wasserfläche, majestätisch, in seiner ihm eigenen Haltung, – mit zurückgelegtem Kopf und Hals, um sich etwas tiefer im Gehölz auf einem Baumwipfel niederzulassen. Dann – mich durchfährt ein freudiger Schrecken – entdecke ich weiter hinten ein Gänsepaar, das junge Küken zu führen scheint. Es sind sehr umsichtige Eltern, – mit Mühe kann ich einen Blick auf die Kleinen erhaschen, jedoch nicht feststellen, wie viele es sind. Ich ziehe mich still zurück.

Anderntags, in der Stille der Mittagsstunden, halte ich erneut Ausschau nach ihnen. Am Ufer führt eine schmale ausgetretene Spur durch die Wiese. Ich folge dem Pfad. Von Grashalmen, die ich streife, fliegen Dutzende blauschillernder Libellen auf, tanzen im funkelnden Sonnenlicht, um sich danach wieder im Grün niederzulassen, – fast unwirkliches Farbenspiel. Der See liegt still, wirkt verzaubert. Nichts ist dort sonst zu hören, außer dem Ruf des Kuckucks im Gehölz und dem Gesang des Pirols, – der erste, den ich in diesem Jahr vernehme. Einige Graugänse sind zu sehen, – jedoch von meiner Gänsefamilie keine Spur. Flüchtiger Gedanke, ich könnte mich gar getäuscht haben, aber ich vermute sie im hohen Gras einer benachbarten eingezäunten Wiese, wo sie sicherlich Mittagsruhe hält. Dennoch reut es mich nicht, mich auf den Weg gemacht zu haben.

Und genau dort, auf der Weide, sehe ich sie – am folgenden Abend, als ich denselben Weg nehme – unter Rufen Richtung Seeufer aufbrechen, beide Elterntiere, zwischen sich ihre Jungen, – alle sehr klein, Flaumkügelchen noch -, sicherlich erst wenige Tage alt. Bald sind sie im Wasser, bleiben jedoch im Schutz des Schilfs. Soweit ich mich auch bis zur äußersten Spitze einer Halbinsel vortaste, kann ich sie doch stets nur flüchtig erkennen. Aber ich habe sie gesehen! Kurz darauf holt mich der helle, warnende Ruf eines Blesshuhns aus meiner Versunkenheit. Wenige Meter entfernt sehe ich nahe am Ufer sein Schwimmnest mit einem Gelege von mehreren Eiern, das ich zunächst nicht bemerkt hatte. Ich bin zu nahe. Ich zeige ihm, dass ich verstanden habe, trete langsam den Rückweg an. Es beruhigt sich und setzt sich wieder auf sein Nest.

Zeit für mich zu gehen. Mir bewusst zu machen, was nicht neu ist: Die Natur braucht mich nicht. Ich brauche sie. Ich bin ein geduldeter Gast, – eine Zeitlang, wenn ich mich umsichtig verhalte. Mehr nicht. Wenn ich mir dies erhalten will, muss ich bereit sein zum Verzicht. Und so hoffe ich auf weitere Abende, an denen es mir vergönnt sein wird, Gast zu sein. Für eine kurze Zeit.

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