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Wem gehört Anne Frank? Oder: Was kann und darf Erinnerung?

Von Bettina Johl

AnneFrankSchoolPhoto

Wirbel um Anne Franks Tagebuch: In Frankreich hatten zu Beginn des Jahres die grüne Abgeordnete Isabelle Attard und der Informationswissenschaftler Olivier Ertzscheid von der Universität Nantes das niederländische Original erstmals für alle frei zugänglich ins Internet gestellt. Ihr Argument: Mit dem Ablauf des Jahres 2015, Annes 70. Todesjahr, sei die Urheberrechts-Schutzfrist des Textes verstrichen und es gelte nun, den „Kampf seiner Befreiung zu führen“. Ganz anders sieht dies der Anne Frank Fonds in Basel als Inhaber der Urheberrechte. Dessen Argument lautet, bei Franks Tagebüchern handle es sich um ein posthum veröffentlichtes Werk, das 1986 erstmals ungekürzt aufgelegt wurde und für das sich daraus ab diesem Zeitpunkt eine Schutzfrist von 50 Jahren ableiten ließe. Die rechtliche Auseinandersetzung darüber wird andauern.

Aufregung ganz anderer Art löste vor drei Jahren ein Eintrag im Gästebuch des Anne-Frank-Hauses in Amsterdam aus. Der zu dieser Zeit noch nicht 20-jährige kanadische Popsänger Justin Bieber hatte sich nach einem Besuch – wie das Haus berichtete –  „beeindruckt“ gezeigt, sich mit den Worten „Anne war ein tolles Mädchen“ verewigt und im Weiteren geschrieben, er hoffe, sie wäre auch ein Fan – er verwendete das unter solchen gebräuchliche Kunstwort „belieber“ – von ihm gewesen. Die darauf folgende Woge der Belustigung und Empörung, die in Presse und sozialen Netzwerken hochschlug, schien zu dem flapsigen und sicher nicht eben geistreichen Spruch des Teenie-Stars kaum im Verhältnis zu stehen. Anders als zu früheren, weniger vernetzten Zeiten erreichte und beschäftigte er weite Personenkreise, auch solche, die dem „Belieber“-Alter entwachsen sein dürften. Das wirft bei näherer Betrachtung Fragen auf. Geht es hier noch um das heranwachsende jüdische Mädchen Anne, das mit seiner und einer weiteren Familie fast zwei Jahre in Amsterdam im Versteck lebte? Das sich dort mit außergewöhnlichem Talent unter extremen Bedingungen dem Schreiben widmete, wobei unter anderem ein beeindruckendes Tagebuch entstand, von dem seine Autorin nicht wissen konnte, dass dieses später um die Welt gehen würde? Ein „tolles Mädchen“ – eine tolle Geschichte? Gewiss, so hätte es sich im Rückblick wohl sagen lassen. Wenn Anne unversehrt überlebt und womöglich als heute 87-jährige Schriftstellerin ihren Enkelkindern davon hätte berichten können. Wir wissen, dass es anders kam.

Wie unzählige andere ihrer Leidensgenossinnen und Leidensgenossen wurde Anne Frank letztlich verraten, verschleppt, gedemütigt, gequält und schließlich ermordet. Nach kurzem Aufenthalt im Lager Westerbork in den Niederlanden wurde Anne mit ihrer Familie nach Auschwitz in Polen deportiert. Sie entging den Gaskammern, weil sie jung war und damit noch für Zwangsarbeit in Betracht kam. Sie wurde mit ihrer Schwester Margot zurückgeschickt, westwärts, nach Bergen-Belsen. Ihre Mutter starb in Auschwitz-Birkenau. Bergen-Belsen in der Lüneburger Heide war kein Vernichtungslager – wenigstens das nicht –, dort herrschten ‚nur‘ Überfüllung, die übliche Brutalität, Hunger, unsägliche hygienische Bedingungen und infolge dessen Krankheit und Seuchen. Anne starb dort infolge von Entkräftung an Fleckfieber, wenige Tage nach ihrer Schwester Margot. Über ihr genaues Todesdatum herrscht bis heute Unklarheit; inzwischen wird von März oder gar Februar 1945 ausgegangen, jedenfalls – und das macht es besonders bitter – nur wenige Monate, bevor der unvorstellbar grausame Nazi-Spuk ein Ende fand. Die Leichname der Mädchen landeten in einem Massengrab. Von den ehemals im Hinterhaus der Prinsengracht 263 in Amsterdam Untergetauchten überlebte allein ihr Vater. Otto Frank verdankte dies einzig dem Umstand, dass er sich beim Herannahen der Roten Armee in Auschwitz in der Krankenbarracke befand und so den berüchtigten Todesmärschen knapp entging. Letzte Erschießungen hatten bereits begonnen. Kurz darauf waren jedoch auch die letzten Folterknechte so sehr mit ihrer eigenen Flucht beschäftigt, dass sie schließlich ihr bestialisches Mordhandwerk einstellen mussten.

Anne war es nicht mehr vergönnt, die Befreiung der Konzentrationslager zu erleben. Letzte Zeitzeugen schildern sie als „Skelett“ und „Schatten ihrer selbst“. Sie selbst war überzeugt, alle ihre Angehörigen verloren zu haben. Dass ihr Vater noch lebte, konnte sie nicht wissen. Ob ihr dies, hätte sie es gewusst, noch ausreichend Kraft verliehen hätte, länger durchzuhalten, lässt sich nicht sagen. Irgendwann ist ein Mensch physisch am Ende. Anne wurde keine 16 Jahre alt.

Eben diese bittere Tatsache, dass Anne Frank den beispiellosen Völkermord der Nazis nicht überlebte, und ihr Tagebuch, das erhalten blieb und schon kurze Zeit nach ihrem Tod weltweit zum Symbol für Auflehnung gegen Unterdrückung und Unmenschlichkeit erhoben wurde, hatten sie selbst schließlich zu einer Symbolfigur werden lassen. Zunächst für die Opfer der Shoah. Und schließlich mehr und mehr für alle Opfer von Unterdrückung und Völkermord in der Welt. Mediale Verarbeitungen des Tagebuchs sorgten für weitere Zuschreibungen. Anne stand schließlich für den „Glauben an das Gute im Menschen“, ein etwas aus dem Zusammenhang gerissenes Zitat aus ihrem Tagebuch, mit dem das 1955 am New Yorker Broadway uraufgeführte Theaterstück The Diary of Anne Frank von Frances Goodrich und Albert Hackett endete. Der originale Tagebucheintrag vom 15. Juli 1944 lautete: „Es ist ein Wunder, daß ich all meine Hoffnungen noch nicht aufgegeben habe, denn sie erscheinen absurd und unerfüllbar. Doch ich halte daran fest, trotz allem, weil ich noch stets an das Gute im Menschen glaube.“ Das Mädchen Anne Frank: Eine Ikone. Fortan unantastbar. Tatsächlich? Und für wen gilt das – und für wen nicht?

Biebers Gästebucheintrag mag unglücklich formuliert gewesen sein. Es war weder die erste, noch die letzte Selbstdarstellungsinszenierung, mit der er Unmut erregte – im Verlauf seines fortdauernden Teeniestar-Höhenflugs, mit dem einer, der selbst noch dabei ist, sich aus dem Teeniealter herauszuwursteln, auch erst einmal zurechtkommen muss. Aber: Wäre es denn grundsätzlich verwerflich, mit vielleicht etwas anderen Worten zu fragen: „Wenn wir uns denn – zu einer anderen Zeit – begegnet wären, hättest du meine Musik gemocht? Hätten wir uns womöglich gegenseitig etwas geben können?“ Denn es ist ja im Grunde der Wunsch eines jeden jungen Menschen, der soeben seine Talente entfaltet: gehört zu werden, wahrgenommen zu werden, fortzuwirken, Spuren zu hinterlassen im Gedächtnis und Wirken anderer. Gar bewundert zu werden. Eine Sehnsucht, die in jungen Jahren – und nicht nur – mit dem Bewundern anderer in Wechselwirkung steht. Anne, die sich übrigens, wie nahezu jeder Teenager, Starfotos aus Zeitschriften an die Wände pinnte, hatte dies selbst mehrfach ausformuliert. Es war ihr eigener großer Wunsch, journalistisch und schriftstellerisch fortzuwirken. Immer wieder werden andererseits auf Ausstellungen verschiedener Anne-Frank-Gedenkstätten oder auch im Schulunterricht, wo Annes Tagebuch didaktisch eingesetzt wird, junge Leute aufgefordert, fiktive Briefe an sie zu schreiben, um ihre Gedanken und Empfindungen auszudrücken. Auch hier zeigt man sich nicht immer glücklich über die Eigendynamik, die sich mit einem solchen Versuch entwickeln kann, entspricht doch die Art der Identifikation der jungen Menschen nicht immer der vom Bildungsplan angestrebten Richtung. Abhängig von der jeweiligen Entwicklungsphase haben junge Menschen nun einmal ihre eigenen Gedanken und Anliegen, die ihnen oftmals näher stehen als die pädagogisch gewollten. Sie identifizieren sich mit Anne, fühlen sich ihr nahe – gewiss, aber ihre eigentlichen Themen sind die Heranwachsender in einer Entwicklungsphase, die sie naturgegeben stark beschäftigt: körperliche Veränderungen, Gefühlswirrungen, Rollen- und Identitätsfindung, Abgrenzung von den Eltern, Zukunftspläne, die Suche nach einem eigenen Weg.

Was darf Erinnerung? Oder: Gibt es ‚richtige‘ Formen des Erinnerns und wer legt fest, welche das sind? Die anhaltende Aufregung um Anne Frank zeigt es. Sie dokumentiert das Ringen um die ‚richtige‘ Form der Erinnerung, um die ,richtige‘ Verwendung von Geld für die ,richtigen‘ Zwecke, und immer wieder um Urheber- und Deutungsrechte. Im Jahr 2014 scheiterte ein vom ZDF geplantes Filmprojekt, das der Sender schließlich auf Betreiben des Anne Frank Fonds in Basel einstellen musste. Bei dieser von Otto Frank 1963 gegründeten Stiftung – nicht zu verwechseln mit der sechs Jahre älteren, 1957 ebenfalls durch ihn ins Leben gerufenen Anne-Frank-Stiftung, die das Anne-Frank-Haus in Amsterdem als Gedenk- und Begegnungsstätte unterhält – handelt es sich um eine gemeinnützige Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Einnahmen aus dem Erlös von Urheberrechten gezielt Projekten der Bildung, der Aufklärung und des Gedenkens zugute kommen zu lassen. Des Weiteren macht sie sich weltweit für Kinderrechte stark. Aus nachvollziehbaren Gründen wendet sie sich gegen eine Kommerzialisierung des Namens Anne Frank durch Dritte. Um ein vom Fonds unterstütztes Projekt handelt es sich hingegen bei der deutschen Literaturverfilmung Das Tagebuch der Anne Frank unter der Regie von Hans Steinbichler, die Anfang des Jahres in deutschen Kinos anlief. Diese stammt, ebenso wie das ein Jahr zuvor von der ARD ausgestrahlte, sehr sehenswerte Doku-Drama Meine Tochter Anne Frank unter Regie von Raymond Ley, aus der Produktion von Walid Nakschbandi, der sich als aus Afghanistan eingewanderter Vierzehnjähriger erstmals mit Anne Franks Tagebuch beschäftigt hatte. Dessen Firma, inzwischen Inhaberin der exklusiven Filmrechte, gehört wiederum wie der S. Fischer Verlag, in dem seither alle Anne Frank-Bücher, einschließlich der 2013 aufgelegten Gesamtausgabe, erschienen sind, zur Holtzbrink Verlagsgruppe. Steht dahinter der Wunsch, möglichst ,alles unter einem Dach‘ haben zu wollen? Auf jeden Fall wurde großer Wert auf eine authentische ,Film-Anne‘ gelegt. In beiden Inszenierungen überzeugen mit Mala Emde und Lea van Acken sorgfältig ausgewählte, starke Hauptdarstellerinnen, die bis zu diesem Zeitpunkt keine Berufsschauspielerinnen waren.

Der Schweizer Fonds und die Niederländische Stiftung wiederum haben sich in den letzten Jahrzehnten – von der Öffentlichkeit eher unbemerkt – stark auseinandergelebt. Das mag auch damit einhergehen, dass die meisten der Menschen, die Anne noch persönlich gekannt hatten, inzwischen nicht mehr am Leben sind. Nach Otto Frank im Jahr 1980 verstarb 2010 in den Niederlanden 100-jährig Miep Gies, die berühmte Helferin im Versteck und Bewahrerin der Tagebücher. Mit ihr verließ uns eine überaus wichtige Zeitzeugin, die noch in hohem Alter die Ereignisse aus ihrer Sicht in ihrem Buch Meine Zeit mit Anne Frank veröffentlichte. Dieses liest sich – auch für Menschen, die überzeugt sind, die ganze Geschichte bereits in- und auswendig zu kennen – packender als jeder Thriller, umso mehr, als in ihm die immer drückendere Atmosphäre, die das Geschehen begleitet, sehr intensiv zu spüren ist und lange nachwirkt. Im März 2015 schließlich verstarb der Schweizer Schauspieler Buddy Elias, jener Cousin Anne Franks, der in ihr einst die Begeisterung für das Eislaufen geweckt hatte. Eine neue Generation steht nun hier wie dort vor der Aufgabe, sich mit dem Erbe Anne Franks und dessen ‚richtiger‘ Verwendung zu beschäftigen. Nicht einfacher wird dies durch den Umstand, dass alle Tagebücher, Fotos und anderen Aufzeichnungen Anne Franks durch ihren Vater per Testament weder der einen noch der anderen Stiftung, sondern vielmehr dem Niederländischen Institut für Kriegsforschung (NIOD – Nederlands Instituut voor Oorlogsdocumentatie) vermacht wurden. Zu dieser Entscheidung mögen rein praktische Beweggründe geführt haben, wie der Wunsch, die Dokumente einem staatlichen Institut, das übrigens später auch die Echtheit der Tagebücher untersuchen und belegen sollte, zu Forschungszwecken zur Verfügung zu stellen, als auch der Umstand, dass das Anne-Frank-Haus selbst damals noch nicht über geeignete klimatisierte Räumlichkeiten verfügte. Die Vermutung liegt nahe, dass Anne selbst es wohl für richtig befunden hätte, ihren Nachlass dem Niederländischen Staat anzuvertrauen, da es ihre eigene – durch Radio Oranje inspirierte – Idee war, ihr Tagebuch später unter anderem als Kriegsdokument zur Verfügung zu stellen. Bei dem im Anne-Frank-Haus zu besichtigenden Original-Tagebuch handelt es sich somit um eine dauerhafte Leihgabe des Instituts.

Inzwischen wurde Anne Frank, das jüdische Mädchen aus Frankfurt, von vielen geradezu selbstverständlich als Niederländerin angesehen und wahrgenommen. Als im Jahr 2004 ein holländischer Fernsehsender sie gar auf die Kandidatenliste seiner Show Größte Niederländer aller Zeiten setzte, fiel dann doch manchem auf, dass Anne nie wirklich Niederländerin war. Gewiss war sie in ihrem Herzen Niederländerin und schrieb auf Niederländisch. Sie war Deutsche von Geburt, doch das ‚Deutschsein‘ war ihr schließlich allzu gründlich ausgetrieben worden. Durch die Aberkennung der Staatsbürgerschaft als Jüdin infolge der Nürnberger Rassengesetze von 1935 galt sie fortan als staatenlos. Eine postume Einbürgerung konnte nach niederländischem Gesetz nicht erfolgen, während das deutsche Bundesinnenministerium sich wiederum beeilte, die Ausbürgerung durch die Nazis für nichtig, da nicht rechtens, und Anne somit zur Deutschen zu erklären. Einige Jahre später hätten auch die USA, in die der Familie Frank zu Lebzeiten keine Einwanderung mehr möglich war, Anne gern rückwirkend die amerikanische Staatsangehörigkeit verliehen. Doch solcherlei Versuche, die Geschichte nachträglich zu glätten, bleiben fragwürdig.

Aus dem NIOD wiederum meldet sich mit dem Historiker David Barnouw ein Insider zu Wort, der sich mit Anne beschäftigt hat, seit ihre Dokumente in den Besitz seines Instituts übergingen. Sei es, dass er während der ersten Jahre persönlich im Anne-Frank-Haus einmal im Quartal die Tagebuchseiten umwendete, um ihrem Ausbleichen entgegenzuwirken, oder dass er später Mitherausgeber der wissenschaftlichen Ausgabe der Tagebuchtexte werden sollte. Rückblickend erscheint es, als sei er in der Vergangenheit immer dann zu Stelle gewesen, wenn der Hype um Anne sich einmal wieder zu überschlagen drohte; sei es, als immer wieder – vor allem von Seiten rechter Gruppierungen – versucht wurde, die Echtheit der Tagebücher anzufechten, oder auch, als es um die Frage ging, wer die Familie Frank letztlich verriet. Mit einer Veröffentlichung unter dem Titel Wer verriet Anne Frank? erläuterte er 2006 alle bis dahin vorliegenden Fakten, verwies den Rest ins Reich der Phantasie und machte damit mancher wilden und unfruchtbaren Spekulation ein Ende. Unfruchtbar deshalb, weil die nachträgliche Suche nach Sündenböcken kontraproduktiv ist. Wer immer die Bewohner des Hinterhauses, die durch Annes Tagebücher allgemein bekannt wurden, verriet, ist kein schlimmerer und kein besserer Verräter, als jeder andere miese Denunziant aus jener Zeit, der andere Menschen auf dem Gewissen hat, an die sich zu deren Unglück nur niemand mehr erinnert. Vielmehr gilt es, der Frage nachzugehen, wie eine menschliche Gesellschaft überhaupt in die Situation geraten kann, mehrheitlich zu einem Volk der Mitläufer, Denunzianten und Mittäter zu werden, und nach Wegen zu suchen, dies künftig dauerhaft zu verhindern, umso dringender angesichts der jüngsten gesellschaftlichen Entwicklungen und des zunehmenden Rechtspopulismus in Europa. Um es mit Theodor W. Adorno zu sagen: „Man muß die Mechanismen erkennen, die die Menschen so machen, daß sie solcher Taten fähig werden, muß ihnen selbst diese Mechanismen aufzeigen und zu verhindern trachten, daß sie abermals so werden, indem man ein allgemeines Bewußtsein jener Mechanismen erweckt.“

Davids Barnouws jüngstes Buch Das Phänomen Anne Frank, das uns eine chronologische Darstellung der historischen Ereignisse und zugleich eine ausführliche Rezeptionsgeschichte der Texte Anne Franks sowie deren medialen Verarbeitungen liefert, erschien erstmals 2012 in den Niederlanden unter dem Titel Het fenomeen Anne Frank. Seit letztem Jahr liegt es in überarbeiteter Form nun auch in deutscher Sprache vor. Es bietet allen, die sich näher mit Anne Frank beschäftigen möchten, eine gute und umfassende Übersicht über alle Ereignisse, inklusive der Medienereignisse vom Beginn bis in die Gegenwart, nicht ohne die Instrumentalisierung und Vermarktung des Namens Anne Frank kritisch zu beleuchten. Dies wiederum trug dem Autor – auch und gerade bei der Anne-Frank-Stiftung – nicht nur Freunde ein. Mit ihrer unbeirrt sachlichen Haltung steht seine Veröffentlichung jedoch einmal mehr als ruhender Fels in der Brandung aller mehr oder weniger hitzig geführten Debatten.

Inwieweit ein Name, eine Person oder auch ein Stoff bei der Umsetzung in ein mediales Format der Gefahr der Instrumentalisierung, im schlimmeren Fall auch der Trivialisierung, ausgesetzt ist, bleibt eine spannende Frage. Dies zeigt eine Sammlung von Aufsätzen, die vorletztes Jahr unter dem Titel Anne Frank – Mediengeschichten erschien. Verschiedene Autorinnen und Autoren, die sich im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit oder Lehrtätigkeit mit unterschiedlichen Medialisierungen von Anne Franks Geschichte beschäftigten, kommen hier zu Wort und gehen vor allem der Frage nach, inwieweit eine Geschichte durch eine andere mediale Verarbeitung neu erzählt oder auch umerzählt wird. Angefangen beim unbewegten Medium, beispielsweise der Fotografie oder dem Denkmal, und der Botschaft, die es transportiert – einmal durch das, was es erzählt und zum anderen auch durch das, was es nicht erzählt – über die vielfältigen szenischen Umsetzungen des Stoffes für Bühne oder Film, bis hin zu Übertragungen der Geschichte in modernere Formen, zum Beispiel die der Graphic Novel oder des japanischen Mangas, und schließlich den Möglichkeiten, die neue, interaktive Medien wie das Internet und die sozialen Netzwerke bieten, zeigt sich hier ein weites Spektrum an unterschiedlichsten Erzählformen. Als jüngstes Beispiel sei hier noch das neue Theaterstück ANNE von Leon de Winter und Jessica Durlacher angefügt, 2014 uraufgeführt in einem eigens zu diesem Zweck neu erbauten Theater in Amsterdam.

Die diversen Erzählformen wiederum können, abhängig von der Motivation des Senders, der Art und Weise der Übermittlung und nicht zuletzt von Alter, Persönlichkeit, Vorbildung und Vorerfahrungen der Empfänger innerhalb einer Zielgruppe sehr unterschiedliche Auslegungen und Deutungen hervorbringen. Neue Medien schaffen überdies Möglichkeiten des Zugangs, an die früher niemand auch nur zu denken gewagt hätte. Zum Beispiel bietet das Anne-Frank-Haus auf seiner Homepage einen virtuellen Rundgang durch das gesamte Haus in der Prinsengracht, welcher auch Menschen, denen keine Besichtigung vor Ort möglich ist, erlaubt, sich einen Eindruck der Räume und des ehemaligen Verstecks im Hinterhaus zu verschaffen. Als eine originelle Idee ist auch der „Anne-Frank-Tree“ zu nennen, ein virtueller Kastanienbaum anstelle des echten, den Anne in ihrem Tagebuch erwähnt. Jener war leider aus Altersgründen letztlich nicht mehr zu retten und stürzte trotz aufwändiger Sanierungsaktionen im Jahr 2010 endgültig um, während dafür Setzlinge von ihm um die ganze Welt gingen. An seinem im Internet verewigten Abbild ist es nun möglich, mit dem Anheften virtueller Gedenk-Blätter eigenen Gedanken Ausdruck zu verleihen und sich mit Menschen desselben Anliegens zu verbinden. Mit „Anne Frank im Land der Mangas“, ein Thema, dem im Buch ebenfalls ein eigener Aufsatz gewidmet ist, gestaltete ein Team belgisch-französischer Künstler auf der Internet-Seite des Senders Arte ein „begehbares Manga“. Ein interaktiver Comic – in der in Japan bei Kindern und Erwachsenen äußerst beliebten Form des Mangas – begleitet nachträglich eine Reise der Autoren auf der Suche nach Spuren Anne Franks im fernen Osten. Er beleuchtet mit gewissem Augenzwinkern ein Land der Widersprüche, das Anne einerseits hoch verehrt, ihr gar eine Kirche geweiht und eine Rosensorte gewidmet hat und sich mit ihr gleichsam als Weltkriegsopfer – Holocaust und Hiroshima wurden im selben Atemzug genannt – identifiziert, dem andererseits die Auseinandersetzung mit der anderen, dunklen Seite der eigenen Täterrolle bei Kriegsverbrechen ähnlich schwer fallen will, wie dem einst verbündeten Deutschland. Es handelt sich um ein geradezu erschreckendes Beispiel dafür, wie die Instrumentalisierung ausgerechnet des Namens Anne Frank Verzerrungen in der Wahrnehmung historischer Ereignisse befördern kann.

Hingegen lohnt es sich in der Tat, näher zu betrachten, inwieweit die fiktive Präsenz einer Ikone wie Anne Frank in einem sozialen Netzwerk – nehmen wir beispielsweise Facebook –  einerseits neue Möglichkeiten der Identifikation und Erinnerung schaffen, jedoch andererseits zur Trivialisierung der Erinnerung an die Opfer der Nazi-Verbrechen zum Zweck der Unterhaltung um jeden Preis führen kann. Seit Erscheinen des Beitrags „Meine Freundin Anne Frank – Die Medialisierung Anne Franks zur Facebook-Ikone“ hat sich die Situation nochmals verändert. Die Verantwortlichen von Facebook haben in der jüngsten Zeit darauf hingearbeitet, fiktive Personenprofile zu löschen, beziehungsweise diese in Seiten umzuwandeln. Das heutige Anne-Frank-Profil suggeriert somit Nutzerinnen und Nutzern nicht mehr, mit Anne ‚befreundet‘ zu sein. Vielmehr handelt es sich um eine Fan-Seite, die von diesen mit „Gefällt mir“ markiert werden kann und ihnen – wie jede andere Facebook-Seite – Einstellungen anbietet, um neue Postings an erster Stelle der persönlichen Timeline angezeigt zu bekommen. So ist auf der vom Anne-Frank-Haus in Amsterdam betreuten Anne-Frank-Seite ein Einblick in Ausstellungen und Veranstaltungen des Museums sowie ein Weiterverbreiten dieser Meldungen über die „Teilen“-Option möglich, was der Stiftung und ihren Projekten zunehmend größere Bekanntheit verschafft. Das ist in diesem Falle nur wünschenswert, da sich die Organisation Zielen wie Aufklärung, Bildung, Begegnung und internationalem Austausch junger Leute verschrieben hat, die anzustreben heute wichtiger ist denn je. Natürlich muss sich eine Seite, die auf Interaktion setzt, unter anderem mit unpassenden und destruktiven Kommentaren auseinandersetzen, und leider verwenden auch rechtsextreme Kreise die sozialen Netzwerke sehr intensiv als Plattform für ihre Zwecke. Denn mehr als jedes andere Medium kann Social Media nun einmal auf sehr unterschiedliche Weise genutzt werden. Gerade deshalb wäre es jedoch der falsche Ansatz, Plattformen wie Facebook pauschal abzuwerten oder gar schlecht zu reden – und geradezu fatal, wenn Einrichtungen und Organisationen, die auf Bildung und Aufklärung setzen, sich aus ihnen zurückziehen würden. Für diese gilt es umso mehr, soziale Netzwerke und deren Möglichkeiten intensiv zu nutzen, ihre Präsenz dort sorgfältig und aktuell zu pflegen und sich mit gleich und ähnlich gesinnten Seiten zu vernetzen, um im Prozess der öffentlichen Meinungsbildung deutlich Position zu zeigen. Dass der Basler Anne-Frank-Fonds die Aktivitäten auf seiner eigenen Facebook-Seite seit Herbst 2015 offensichtlich komplett eingestellt hat, ist zu bedauern und tut dessen Bildungszielen keinen guten Dienst. Die von der Anne-Frank-Stiftung in den Niederlanden sehr sorgfältig gepflegte Präsenz Anne Franks auf Facebook wiederum zeigt das facettenreiche Profil einer Autorin, die als Opfer der Shoah vielen anderen Opfern stellvertretend eine Stimme gab, die weiter fortwirkt. Somit gewinnt diese Seite zugleich den Charakter einer wichtigen Bildungsinstanz.

Hingegen nehmen junge Menschen Anne vor allem als eine der ihren wahr, identifizieren sich mit ihr als einer Gleichaltrigen, die sich traute, ihre Gedanken und Gefühle zu Papier zu bringen, auch viele heikle Dinge beim Namen zu nennen, die Jugendliche zu allen Zeiten beschäftigen. Sie identifizieren sich jedoch eher nicht – so sehr auch Lehrerinnen und Lehrer, Museumspädagoginnen und Museumspädagogen sich darum bemühen mögen – mit Anne als Opfer der Shoah. Dies können sie vermutlich auch nicht. Zu allen Zeiten dürfte es jungen Menschen widerstrebt haben, sich mit Opfern zu identifizieren, eine Abneigung, die sehr viel mit Selbstschutz zu tun hat – und die gegenwärtig auch in der gängigen, abwertenden Schimpfwortbezeichnung „Du Opfer!“ ihren Ausdruck findet. Zum Opfer werden, das kann niemand wollen, daran mögen wir noch nicht einmal denken! Und es lässt sich auch nicht sagen, ob Identifikation mit den Opfern tatsächlich verhindern kann, nicht eines Tages doch zu Tätern oder Mittätern zu werden. Denn gerade dies entwickelt sich ja oft aus dem – freilich simplen – Entweder-Oder-Glauben, andernfalls womöglich selbst Opfer zu werden. Mechanismen, über die nachzudenken Unbehagen bereiten muss. Bedeutet es für uns als Deutsche schließlich auch, uns damit zu konfrontieren, dass – Tatsachen und Wahrscheinlichkeitsrechnungen zufolge – in den Reihen der eigenen, mehrheitlich schweigenden Vorfahren seltenst Widerstandskämpfer, wohl aber Täter, Mittäter und feige Mitläufer gewesen sein müssen. Und notwendigerweise erfordert es im nächsten Schritt, sich mit der noch dringenderen Frage auseinanderzusetzen, wozu wir denn selbst fähig wären, vor die Wahl gestellt: In Aussicht gestellte Teilhabe an der Macht bei Mitlaufen und Mittun – oder Ausgrenzung bis hin zur Verfolgung bei Widerstand? Dies ist ein schmerzhafter Prozess; er lässt sich durch nichts abmildern, und nicht ganz zu Unrecht empfinden junge Menschen ihn als Zumutung, denn ihre Vorfahren, die es eigentlich betraf, haben diesen Prozess mehrheitlich umgangen, sich unfähig gezeigt, sich mit eigener Schuld und Mitschuld auseinanderzusetzen. Wie sollen ihnen das die nächsten Generationen abnehmen? So ganz ohne Vorbilder? Schuld, die sich einfach weitervererben lässt, nach dem Motto: Sollen sich die Nachgeborenen doch damit herumschlagen!? Wer kann es diesen verdenken, wenn sie ein solches Erbe ausschlagen? Bleibt das Erbe der Verantwortung, welches nicht ausgeschlagen werden kann: Wie lässt sich das an junge Menschen herantragen? Vielleicht bedarf es hier nicht gar so vieler Verrenkungen. Möglicherweise reichen Denkimpulse aus. Es kann – nicht nur für junge Menschen – immer wieder ein einfacher erster Schritt sein, festzustellen: Hier war jemand, der wegen angeblichen Andersseins ausgegrenzt wurde und doch ähnlich dachte und fühlte wie ich, obwohl er oder sie zu einer ganz anderen Zeit lebte. Und dann darauf zu vertrauen, dass junge Menschen durchaus zum Selbstdenken und Weiterdenken in der Lage sind, wenn dies vielleicht auch in ganz anderen, als in den von Didaktik und Methodik vorgesehenen Bahnen geschehen mag.

Was darf Erinnerung? Wie schön, wenn wir uns darauf einigen könnten, zu sagen: Alles, was dem offenen Austausch, der Begegnung und Friedensbemühungen in aller Welt dient. Alles, was hilft, künftige Barbarei zu verhindern. Um es nochmals mit den Worten Adornos zu sagen: „Die Forderung, daß Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung.“ Das Vorwort von Miep Gies in ihrem Erinnerungsbuch Meine Zeit mit Anne Frank, das vor zwei Jahren zum dritten Mal aufgelegt wurde, endet mit den Worten: „Meine Geschichte handelt von ganz gewöhnlichen Menschen in außergewöhnlich dunklen Zeiten – Zeiten, von denen ich nur inständig hoffen kann, dass sie sich nie wiederholen mögen. Niemals. Es ist an uns, den einfachen Menschen in aller Welt, dafür zu sorgen, dass dies nicht geschieht.“

Was machte Miep Gies zu einem Menschen, der anders handelte? Welche Erfahrungen in ihrer Jugend befähigten sie zu ihrer so ganz anderen Haltung? In Wien geboren, wurde sie als Elfjährige nach dem Ersten Weltkrieg im Rahmen eines Hilfsprogramms für hungernde österreichische Kinder zu einer ihr zuvor unbekannten Pflegefamilie in die Niederlande verschickt. Diese hatte bereits mehrere eigene Kinder und war keineswegs reich – der Vater ein Arbeiter –, aber der festen Überzeugung, dass dort, wo schon so viele satt werden, es auf einen mehr nicht ankomme. Wenn Miep Gies ihre Lebensbedingungen in dieser Familie beschreibt, so entbehrt dies völlig Schilderungen, wie sie aus dieser Zeit normalerweise erwartet werden, womöglich von Entbehrungen, harter Disziplin oder gar Schlägen, die angeblich „noch keinem geschadet haben“, und ähnlichem, das unseren Ohren aus Berichten unserer eigenen Vorfahren vertraut ist. Vielmehr entsteht das Bild von einer freundlich umsorgenden Atmosphäre liebevoller Akzeptanz und Wärme, die ganz offensichtlich auch von Mieps neuen Geschwistern so erfahren und weitergegeben wurde, von uneingeschränkter Hilfsbereitschaft auch von Kindern in der Umgebung, die offenbar unter ähnlichen Bedingungen aufwuchsen, und schließlich von einem insgesamt geistig aufgeschlossenen und bildungsfreundlichen Klima, in dem Heranwachsende unter anderem angehalten wurden, Zeitung zu lesen und sich eine eigene Meinung zu bilden. Hier scheint sich ganz schlicht das spätere Astrid-Lindgren-Zitat zu bestätigen: „Gebt den Kindern Liebe, mehr Liebe und noch mehr Liebe, dann stellen sich die guten Manieren ganz von selbst ein.“ Dies nur, um eine Ahnung davon entstehen zu lassen, wie die theoretisch viel diskutierte Erziehung nach Auschwitz in der Praxis aussehen könnte. Denn leider sieht es immer noch so aus, als hätten wir in dieser Hinsicht gar keinen Plan, während eine neue Generation in Teilen der Anziehungskraft des Barbarischen neu zu erliegen droht.

Und wem gehört nun Anne Frank? Einerseits zur unantastbaren Ikone verklärt, andererseits im selben Zug – oft auch gerade von den Menschen, die sie dazu erklären – nach Belieben für die unterschiedlichsten Belange herangezogen? Sie, die sich schon immer sehr darüber wunderte, „dass erwachsene Menschen so schnell, so viel und über alle möglichen Kleinigkeiten Streit anfangen“, wie es einem Tagebuch-Eintrag vom 28. September 1942 zu entnehmen ist? Wäre es nicht an der Zeit, sie ein wenig sich selbst zurückzugeben? Am ehesten kann dies gelingen, indem wir ihr eigenes Werk lesen. Unter dem Titel Denn schreiben will ich!, ein Ausruf, mit dem ein selbstkritischer Eintrag vom 5. April 1944 endet, erschien in diesem Jahr in neuer Übersetzung bei Reclam eine handliche, leinengebundene Ausgabe. Sie enthält Annes wichtigste Tagebuchauszüge, eigene Erzählungen aus ihrem „Geschichtenbuch“ und einen Auszug aus ihrem begonnenen und unvollendeten Roman Aus Cadys Leben. Hier entsteht anschaulich das Bild eines jungen Mädchens mit ungewöhnlicher schriftstellerischer Begabung, scharfer Beobachtungsgabe und herzlichem Humor, das sich das „Dennoch“ zum Motto ihres kurzen Lebens gemacht hatte, welches ihr – und mit ihr vielen anderen, die Rede ist von mehreren Millionen, darunter geschätzte eineinhalb Millionen Kinder – schließlich auf denkbar schlimmste Weise genommen wurde. Uns, die wir angesichts dieser kaum vorstellbaren Fakten immer wieder sprachlos verharren, bleibt im Grunde nur, dieses „Dennoch“ zu übernehmen, es uns zu eigen zu machen und weiterzutragen. In jeder Hinsicht.

 

Dieser Beitrag erschien am 17.08.2016 in Rezensionsforum literaturkritik.de.

 

 

Miep Gies Anne Frank

Miep Gies:
Meine Zeit mit Anne Frank.
Der Bericht jener Frau,
die Anne Frank und ihre Familie in ihrem Versteck versorgte,
sie lange Zeit vor der Deportation bewahrte –
und sie doch nicht retten konnte.
Übersetzt aus dem Englischen von Liselotte Julius.
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 2009.
256 Seiten, 9,95 EUR.
ISBN-13: 9783596183678

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umschlag_mediengeschichten_druck.indd

Peter Seibert / Jana Piper / Alfonso Meoli (Hg.):
Anne Frank. Mediengeschichten.
Metropol Verlag, Berlin 2014.
272 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783863311995

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Anne Frank_14.8.2015.inddDavid Barnouw:
Das Phänomen Anne Frank.
Aus dem Niederländischen
von Simone Schroth.
Klartext Verlagsgesellschaft, Essen 2015.
180 Seiten, 14,95 EUR.
ISBN-13: 9783837512465

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Denn schreiben will ichAnne Frank:
Denn schreiben will ich!
Aus den Tagebüchern und anderen Werken.
Reclam Verlag, Stuttgart 2016.
262 Seiten, 19,95 EUR.
ISBN-13: 9783150110553

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Wolfgang Herrndorfs unvollendet gebliebener Roman „Bilder deiner großen Liebe“

Als der an einem unheilbaren Gehirntumor leidende Autor Wolfgang Herrndorf sich am 26. August 2013 erschoss, arbeitete er zuvor an einem Roman, von dem er wusste, dass er ihn nicht mehr vollenden konnte. In seinem Blog „Arbeit und Struktur“, worin er über sein Leben mit der schweren Erkrankung berichtet, findet sich der früheste Hinweis auf das Werk schon im Juni 2011: „Tschick-Fortsetzung aus Isas Perspektive angefangen. Mach ich aber nicht. Mach ich nicht.“ 

„Isa“, so der Arbeitstitel, sollte ein Roman kleineren Umfangs werden. Doch die Arbeit gestaltete sich schwierig, Herrndorf litt unter Erschöpfung und Konzentrationsstörungen. Es folgten Hirnoperationen, aber die Krankheit schritt unbarmherzig voran. Auf Nachfragen antwortete er im August 2012:„Isa wird nie fertig.“ Von dem 1965 in Hamburg geborenen Schriftsteller war 2002 sein Roman „In Plüsch- gewittern“ erschienen, 2007 der Erzählband „Diesseits des Van-Allan- Gürtels“, 2010 und 2011 folgten „Tschick“ und „Sand“, erst 2013 dann posthum „Arbeit und Struktur“. In seinem Testament vom 1. Juli 2013 legt Herrndorf fest: „Keine Fragmente aufbewahren, niemals Fragmente veröffentlichen. Niemals Germanisten ranlassen. Freunde bitten, Briefe etc. zu vernichten. Journalisten mit der Waffe in der Hand vertreiben.“

Da ausgeschlossen schien, den Roman fertigzustellen, wurde für Herrndorf der Blog zum letzten Projekt. Doch bei einem Treffen der Herausgeber kam das Gespräch auf „Isa“. Herrndorf schildert es in „Arbeit und Struktur“: „Passig liest die ersten zwei Kapitel von »Isa« laut vor. Die hab ich noch nie gehört, die anderen auch nicht. Gutfinden sie’s. Ich schreie und schreie und heule und tobe, und dann ist es vorbei.“ „Isa“ sollte nun doch noch veröffentlicht werden. Herrndorf akzeptierte am Ende das für ihn Schwerste: einen Roman als Fragment zu hinterlassen. So ist „Bilder deiner großen Liebe“ (der Titel stammt noch von Herrndorf) ein unvollendeter Roman geblieben, ein „kaputtes“, ungeordnetes, aber großartiges Werk, in dem seine zahlreichen Leser ihren Autor finden – nicht nur allein in der Figur des Mannes in einer grünen Trainingsjacke auf dem Friedhof. Das Landschaftsgemälde auf dem Schutzumschlag ist von der Hand des Autors.

Zu Beginn des Romans steht ein Mädchen im Hof einer Anstalt. Das Tor geht auf, das Mädchen huscht hinaus und beginnt seine Reise, durch Wälder, Felder, Dörfer, an der Autobahn und auf der Landstraße entlang: „Die Sterne wandern, und ich wandre auch.“ Isa heißt das geheimnisvolle Mädchen. Es wird auf seiner Wanderung einigen Menschen begegnen – freundlichen und verrätselten, schlechten und tief melancholischen, einem Binnenschiffer, der vielleicht ein Bankräuber ist, einem merkwürdigen Schriftsteller, einem toten Förster, einem Fernfahrer auf Holz- wegen. Auf einer Müllhalde trifft sie zwei Vierzehnjährige, Maik und Tschick. Maik verliebt sich in die etwa gleichaltrige Isa. In der Nacht beugt sie sich zu den schlafenden Jungen hinab, erst zu Tschick, dann zu Maik. Der Roman steht an dieser ungeheuren Stelle nahezu still: „Meine Knie berühren fast seinen Kopf. So bleibe ich lange und sehe ihn an. Sein Gesicht ist nachtbleich und friedlich und säuglingshaft, fast wie ein Mädchen sieht er aus. Ich mache magische Bewegungen, ich halte meine Hände über seine Stirn, über die Schläfen, über die geschlossenen Augen mit den langen Wimpern. Ich spüre seine Körperwärme in meinen Handflächen. Er spürt es nicht. Lautlos geborgen und im Schutz meiner Hände und der schirmenden Nacht liegt er da.“

Vordergründig ist „Bilder deiner großen Liebe“ die Geschichte einer jugendlichen Ausreißerin. Was im Hintergrund stets präsent bleibt und den Roman noch einmal ganz anders beglaubigt, ist die Tragödie eines Sterbenden, der nicht allein in den Tod gehen möchte und in „Isa “seinen Schutzengel und seine Totengöttin zugleich gefunden hat – die Figur eines dunklen Engels, die (wenn man „Arbeit und Struktur“ sorgfältig liest) aus zumindest zwei realen Vorbildern und mythischen Figuren zusammengesetzt ist, auf die er vieles projiziert und die ihn beim Sterben begleiten soll. Mit „Bilder deiner großen Liebe“ liegt ein Roman vor, der in der Gegenwartsliteratur seinesgleichen sucht; ein Leseerlebnis, das unvergesslich bleibt.

Copyright: Dieter Kaltwasser

 

Wolfgang Herrndorf: Bilder deiner großen Liebe. Rowohlt, 144 S., 16,95 Euro

ders.: Arbeit und Struktur. Rowohlt, 448 S.,19,95 Euro

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In den Gedächtnishalden – Über Botho Strauß

Herkunft botho strauss

Zwei neue Bücher des großen deutschen Schriftstellers: „Herkunft“ und „Allein mit Allen“.

Am 2. Dezember 2014 wird der in Naumburg an der Saale geborene Schriftsteller Botho Strauß 70 Jahre alt. Über seine Herkunft, seine Kindheit und Jugend, hat Botho Strauß noch nie geschrieben. In seinem neuen Buch „Herkunft“ erzählt er nun von seiner Kindheit und Jugend, von Naumburg und Bad Ems, den Orten, in denen er aufgewachsen ist, von seinen frühen, ihn prägenden Erinnerungen.

Da ist vor allem der Vater, die Portalfigur des Buches, der zuhause arbeitet, freiberuflich für Arzneimittelfirmen: „Mein Vater war Alchemist. Er stand in der Verwandlung der Stoffe.“ Er wird beschrieben in seiner ganzen bürgerlichen Genauigkeit und Strenge, der stets im Anzug an seinem Schreibtisch arbeitende Vater, mit Strumpfhalter und einer Krawattennadel, auf der eine Perle sitzt. Unweigerlich taucht vor den Augen des Lesers schemenhaft die Figur Thomas Manns auf, und der wird dann auch prompt als Lieblingsschriftsteller des Vaters beschrieben.

Es ist allerdings keine großbürgerliche Welt, von der uns Botho Strauß erzählt, sondern es ist eher ein Festhalten an bürgerlichen Normen und Fassaden, was den Vater aufrecht erhält, der im Ersten Weltkrieg eine Auge verloren hat und seine Familie in der Kurstadt Bad Ems in einem ehemaligen Hotel über die Runden bringt. Auf lediglich 90 Seiten zaubert Botho Strauß seine Kindheit in Bad Ems herauf, die Zeit zwischen seiner Ankunft dort in den Fünfzigern als Sohn von Flüchtlingen aus der sowjetisch Besatzungszone und dem Abschied als junger Mann in den frühen Siebzigern.

Mit diesem „Herkunft“ findet Strauß noch einmal zu einer neuen Seite seines Schreibens: zum Ton des Erinnerns, der Vergewisserung über die eigenen Ursprünge. Nicht nur die Genauigkeit und Präzision des Vaters wiederholt sich im Schreiben und Empfinden des Sohnes: „Den Vater und mich verbindet so etwas wie eine bürgerliche Moral des Scheiterns, das über die Generationen sich fortsetzt in unserem schlichten Geschlecht.“

Gegen Ende seiner Erzählung notiert der Schriftsteller: „Das warst du! Ein Herr der Möglichkeiten, ein Dunkelprinz. Und heute ein kleiner Schaufelsklave in den Gedächtnishalden.“

Das Werk eines wichtigen deutschen Erzählers.

(Hanser 2014, 96 S., 14,90 Euro).

Ganz anders ist das von Sebastian Kleinschmidt herausgegebene Gedankenbuch „Allein mit allen“, das den Reflexionsartisten Botho Strauß in den Mittelpunkt stellt. Diese Gedanken erscheinen thematisch geordnet in siebzehn Kapitel, wie „Von der Person: Gesicht, Stimme, Blick“, „Technik, Medien, Künstlichkeit“ oder „Alter und Tod“. So heißt es auf den letzten Seiten:

„Was in unserer Mitte so vor sich geht, ist dazu angetan, die Geister unserer Ahnen zu vergnügen. Jeder Lebende amüsiert ein ausverkauftes Haus voll Toter. Sie setzen Preise aus für die größte Nichtigkeit und Nichtswürdigkeit des Tages, um die wir auf der Szene mit blutigem Ernst konkurrieren.“

Keine Blütenlese, sondern unzeitgemäße, kluge Betrachtungen eines Autors über die voranschreitende Transformation der Einzelnen und ihrer Welt. Eine bereichernde Leseerfahrung!

(Hanser 2014, 352 S., 21,90 Euro)

Dieter Kaltwasser

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Begegnung – Eine Kurzgeschichte

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Ich hätte es wissen müssen. Es stand fest, dass es geschehen würde. Dennoch traf es mich unvorbereitet. An einem jener schwer lastenden Tage des alt gewordenen Sommers, an denen bereits alle Zeichen auf Herbst stehen, ohne dass der Herbst wirklich begonnen hätte. Reste von Gewitterschwüle, deren Entladung keine Erfrischung, keine Erleichterung mit sich bringen will, nur unguten Wind aufkommen lässt, vor dem wir frösteln, ohne dass uns wirklich kalt wäre. Etwas Angespanntes, fast Lauerndes scheint in der Atmosphäre zu liegen. Keine Vorstellung, wer denn wem auflauern sollte, oder wer dies von wem zu befürchten hätte. Allem Unbehagen zum Trotz hatte ich mich auf diese Wanderung begeben, allein. Nicht etwa, weil sich keine Begleitung gefunden hätte, sondern weil ich das Alleinsein vorziehe. Weil es mir ermöglicht, unterwegs Dingen Aufmerksamkeit zu schenken, an denen ich während einer Unterhaltung achtlos vorüberginge. Und auch, um in Ruhe meinen Gedanken nachzuhängen, die, von vier Wänden umgeben, oft quälende Kreise ziehen, während sie sich im Freien aufzulösen und ordnen beginnen.

Den Weg, den ich wählte, war ich oft zuvor gegangen. Er führt durch ein schattiges Tal, in dem sich entlang eines Bachlaufes mehrere Wassermühlen finden. Jede dieser Mühlen ist mehrere hundert Jahre alt. Manche wirken verlassen und heruntergekommen, sind kaum zugänglich, von verwilderten Gärten umgeben; ihre dunklen Kellergewölbe und die schwarz aus verwitterten Rahmen starrenden Fenster lassen, besonders wenn sich das Licht der untergehenden Sonne in ihren zerbrochenen Scheiben spiegelt, manchen Gedanken an Gespensterspuk aufkommen. Andere wiederum sind neu bewohnt und restauriert, wirken fast idyllisch, was über ihre wahre, wenig romantische Vergangenheit hinwegtäuschen will. Die alten Gebäude aus Stein und Fachwerk zeugen vom harten Leben eines Berufsstandes, der einst als einer der am wenigsten angesehenen galt. Ihm anzugehören bedeutete in jenen Tagen schwere Arbeit, gesellschaftliche Ächtung und Armut. Vielleicht war es eine Ahnung dessen, die mich das Tal stets mit gemischten Gefühlen durchqueren ließ; einerseits zog es mich an, andererseits drückte es mich merkwürdig nieder. Lieber wählte ich zuweilen einen Seitenpfad, der nach den ersten beiden Mühlen nach rechts abzweigt und durch Bannwald steil aufwärts zu einer Schlucht führt, die man auf einer brüchig wirkenden Holzbrücke überquert, um sodann auf die Anhöhe und freies Feld zu gelangen. Der Weg verläuft zunächst an einem entlegenen, von hohen Bäumen umstandenen, jahrhundertealten jüdischen Friedhof entlang und führt danach wieder durch Wald zu einer Burg, von deren Terrasse man einen weiten Blick über das Tal des Flusses hat, in den unterhalb des Bergsporns jener Bach mündet, der die Mühlen einst betrieb.

Wie immer hatte ich auch diesmal auf der Burg Rast gehalten und bei einer Tasse Kaffee in die Ferne geschaut. Es war später Nachmittag und die meisten der Besucher von Museum und Falknerei hatten den Heimweg angetreten. Die sonst gut besetzte Terrasse hatte sich bereits geleert, und mit dem Abzug der Menschen legte sich eine tiefe Stille über die alten, geschichtsträchtigen Mauern, in denen einst ein Märchendichter eine Novelle verfasste, die heute kaum einer mehr kennt.

Der Rückweg führte mich über den unteren Burggarten, dessen späte Rosen in der Abendsonne leuchteten, auf einen Pfad, der steil abfallend in das untere Mühlenbachtal an der Nordseite des Burgbergs führte. Neblige Kühle umfing mich; aus der Senke hatte sich das Sonnenlicht längst zurückgezogen. Außer dem Murmeln des Wassers war kein Laut zu hören. Jenseits des Baches gab es eine Straße, von der hin und wieder das Geräusch eines Fahrzeugs herüber drang; es war eine wenig befahrene Nebenstrecke. Selbst die Vögel waren hier völlig verstummt, sie schienen sich auf die Höhen zurückgezogen zu haben. Nach einem kurzen Stück durch den Wald kam eine der unteren Mühlen in Sicht, an deren Rückseite der Pfad endet. Indem man ihren Hof durchquert, gelangt man auf den Hauptweg, der über die oberhalb gelegenen Mühlen zum Ausgangspunkt zurückführt. Jene Mühle beherbergte eine kleine Gaststätte, die es schon gab, seit ich zurückdenken kann. Irgendwann hatte man sie in einen neu renovierten Gebäudeteil verlagert und modernisiert. Auf der verwinkelten Gartenterrasse saßen wenige Gäste. Das Tal lag düster und wirkte verlassen, als wäre der Tag viel weiter fortgeschritten. Über den Wiesen hingen vereinzelt Nebelschwaden. Kaum eine Spur mehr von Wanderern, Joggern, Spaziergängern und Radfahrern, die diese Gegend zu anderen Tageszeiten bevölkerten. Nun, sie würden mir nicht fehlen.

Die Mühle war kaum außer Sicht, als ich Schritte hinter mir vernahm. Sie näherten sich rasch, wirkten fest, energisch, – bei all dem nicht unbedingt eilig, aber doch forsch, deuteten auf jemanden, der ein Ziel vor Augen hatte. Kurz darauf tauchte eine Gestalt zu meiner Linken auf und ich sah, dass es eine junge Frau war. Auf meiner Höhe angelangt, sah sie kurz auf und grüßte mit der Andeutung eines Lächelns. Sie hatte mich bereits überholt, als sie sich nochmals umwandte. Etwas Erstauntes, Fragendes schien jetzt in ihrem Blick zu liegen, das sich jedoch sofort wieder verflüchtigte. Dann setzte sie ihren Weg fort, wobei sie rasch den Abstand zwischen sich und mir vergrößerte. Sie schien so groß wie ich, trug einen kleinen Rucksack, darunter eine Windjacke, ihr Haar offen über den Schultern, robuste Jeans und leichte Sportschuhe aus rauem Leder.

Frauen allein unterwegs bieten noch immer einen eher seltenen Anblick. Wenn sich zufällig zwei von ihnen begegnen, wechseln sie manchmal Blicke wie in geheimem Einvernehmen, seltener Worte. Wer die Einsamkeit aufsucht, hat seine Gründe, allein sein zu wollen. Dasselbe setzt man beim anderen voraus und respektiert es von vorneherein. In ihrem Blick hatte etwas anderes gelegen. Etwas wie Wiedererkennen. Aber woher? Ich war mir sicher, dieser jungen Frau nie begegnet zu sein, dennoch erschien mir etwas an ihr vertraut. Als ich aufsah, war sie bereits hinter der Wegbiegung verschwunden, ihre Schritte verklungen. Zur Rechten erstreckte sich ein Wiesenhang hinauf bis zum Waldrand, dort sah ich ein Reh stehen, das in meine Richtung schaute. Der Ruf eines Eichelhähers schreckte es auf, es wandte sich um und setzte mit großen Sprüngen ins Dickicht hinein. Es musste schon eine Weile dort gestanden und mich beobachtet haben. Aber warum hatte es sich von ihr nicht erschrecken lassen, die doch vor mir her ging? Und warum hatte der Häher nicht vor ihr gewarnt? Ein kühler Luftzug streifte mich.

Ich durchquerte das Wäldchen, beschleunigte, hatte es plötzlich eilig. Mein Herz hämmerte. Ich lief. Die Frau war nirgends zu sehen. Außer Atem erreichte ich schließlich eine Wegkreuzung, an der sich eine Raststelle befand. Hierhin war das fehlende Sonnenlicht zurückgekehrt, schien wie selbstverständlich golden glänzend durch die Bäume. Ich füllte meine Wasserflasche am Brunnen und ließ mich auf eine der hölzernen Bänke fallen. Noch immer jagte mein Puls. Hatte ich geglaubt, mich einholen zu können? Plötzlich stand mir alles klar vor Augen.

Ein ähnlicher Spätsommertag. Fünfundzwanzig  Jahre zuvor. Die junge Frau auf dem Rückweg von einer Wanderung, die sie alleine unternommen hatte. Obwohl – von „allein“ zu sprechen traf es nicht ganz, denn in ihrem Leib hatte sich neues Leben angekündigt, wenngleich ihr das noch nicht anzusehen war. Ihr erstes Kind, auf das sie sich freute. Eigentlich war es ihr zweites, das erste war eine Fehlgeburt gewesen. Dieses würde keine werden, sie war sich sicher. Dieses Kind würde leben. Es sollte ihr einziges bleiben, aber das konnte sie zu dieser Zeit nicht wissen. Sie war guter Dinge. Das Kleine hatte sich eingerichtet und bereitete ihr keine Beschwerden. Im Gegenteil. Sie fühlte sich kräftig, es ging ihr so gut wie nie zuvor – und nie wieder danach, aber auch das wusste sie noch nicht. Ihr Mann war zur Kur gefahren; sie verbrachte viel Zeit allein und hatte begonnen, Gefallen daran zu finden. Sie war zur Burg gewandert, auf dem bekannten Weg, hatte sich zwischendurch geringfügig verlaufen, und war auf einen entlegenen Waldweg geraten. Dort begegnete sie einem Fuchs. Es war der erste Fuchs in freier Wildbahn, den sie in ihrem Leben aus der Nähe zu sehen bekam; sie würde dies nie vergessen. Er hatte plötzlich vor ihr gestanden, wohl genauso erschrocken wie sie selbst. Eine Füchsin, denke ich mir heute – eine Fähe. Mager hatte sie ausgesehen, als wenn sie mehr für ihre Jungen jagte, die sich vermutlich irgendwo in der Nähe versteckt hielten, als für sich selbst. Und als ob sie selten schlief. Das Los aller Mütter. Die Fähe war sekundenlang wie festgewachsen auf der Mitte des Weges stehen geblieben, hatte sie mit aufmerksamen Fuchsaugen angeschaut und sich dann ohne zu große Eile ins Dickicht verzogen. Bildete sie sich ein, dass Traurigkeit in diesem Blick gelegen hatte? Die Gabe, das Leid der Tiere und mit ihm die eigene Verlorenheit zu fühlen, die zum Fluch werden kann. Füchse sind sehr klug, tröstete sie sich. Dieser wird es schaffen! Sie werden ihn nicht vor die Flinte bekommen. Sie mochte Füchse sehr und freute sich, dass es ihr vergönnt gewesen war, einem zu begegnen. Sie war weiter zur Burg gewandert, hatte auf der Terrasse in der Sonne gesessen, auf den Fluss geschaut, der ihr Fluss war, immer schon, und eine Tasse Tee getrunken – keinen Kaffee, den mochte sie während dieser Zeit nicht, das Kind wehrte sich dagegen. Es trinkt bis heute keinen. Nie. Später hatte sie noch einige Zeit im Burggarten gesessen und die Rosen bewundert. Die Sonne war tief gesunken, als sie den Rückweg an der Schattenseite des Berges antrat. Sie war zügig ausgeschritten, hatte sich nicht aufhalten lassen. Alsbald war sie zur Mühle gelangt, hatte deren Hof durchquert und befand sich nun auf dem Weg durch das obere Tal.

Außer der Frau, die vor ihr ging, schien niemand unterwegs zu sein. Diese war ähnlich gekleidet und ausgerüstet wie sie selbst. Sie ging langsam, schien es nicht eilig zu haben. Sie war nicht mehr jung; aus nächster Nähe war es ihr anzusehen. Die junge Frau hatte sie sehr bald eingeholt. Sie warf ihr einen verstohlen neugierigen Seitenblick zu und grüßte etwas verlegen, als die Ältere aufsah und ihre Blicke sich begegneten. Etwas wie Verwunderung las sie in deren Augen. Vertraut schien sie ihr – und doch fremd. Aber es war natürlich unhöflich, jemanden anzustarren. Sie ging rasch weiter. Irgendetwas veranlasste sie, sich nochmals umzudrehen und zurückzuschauen. Sie sah den Blick der anderen auf sich ruhen. Etwas in ihr ahnte dunkel, dass diese etwas wissen könnte, das mit ihr zu tun hatte. Etwas, das wichtig war. Ein kurzer Impuls, stehen zu bleiben, sie anzusprechen, sie einfach zu fragen. Sie zögerte – und ging dann weiter. Sie wagte es nicht. Als sie sich nochmals umdrehte, war die Ältere verschwunden. Wohin mochte sie so schnell abgebogen sein? Der Weg teilte sich auf diesem Abschnitt doch nirgends? Oder hatte sie etwas vergessen und war zurückgegangen? Aber wohin? Woher war sie gekommen? Auf der Burg hatte sie sie nicht gesehen. Nachdenklich setzte die Jüngere ihren Weg fort. Sie gelangte zum Rastplatz, der ruhig in der Abendsonne lag, setzte sich auf eine Bank und schloss die Augen. Sie versuchte, Ordnung in ihre Gedanken zu bringen. Die Frau, der sie begegnet war, hatte etwas mit ihr zu tun, das fühlte sie. Was immer sie suchte, diese schien den Schlüssel dazu zu besitzen. Warum bin ich an ihr vorbeigegangen, statt einfach ein Stück des Weges neben ihr zu bleiben? Wollte ich es nicht wissen? Fürchtete ich, zurückgewiesen zu werden? „Wo bist Du?“ Sie hatte diese Worte nur mehr geflüstert, dennoch erschrak sie über ihren Klang, es war ihr, als hallten sie von der nahen Schlucht her zurück.

War da ein Ruf? Es ist alles ruhig. Puls und Atemfrequenz – fast – wieder normal. Die Sonne scheint. Zwitschern vereinzelter Vögel. Manchmal knacken Äste. Es sind die Geräusche des Waldes, die mich nie beunruhigen. Stets habe ich in meinem Leben das Gefühl, dass der Wald, sobald ich mich in ihm befinde, einen Mantel um mich breitet. Das Grün der Bäume wirkt ausgelaugt, Zeichen des alternden Sommers. Bald ist Herbst.

© Bettina Johl

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Dylan Thomas: Under Milk Wood

Unter dem MilchwaldUnder Milk Wood von Dylan Thomas

Drei legendäre Hörspiel-Inszenierungen. Zum 100. Geburtstag des walisischen Dichters  Dylan Thomas hat der Hörverlag drei legendäre Inszenierungen des wohl berühmtesten Hörspiels – ein exemplarisches  „Spiel für Stimmen“ –  in einer  anspruchsvollen Edition vorgelegt:  die historischen Sendungen von BBC und NWDR sowie die Produktion des MDR aus dem Jahre 2003. Den beiden deutschen Inszenierungen liegt die Übersetzung von Erich Fried zugrunde. Zu Lebzeiten war Dylan Thomas ebenso bewundert wie umstritten, heutzutage gehört  sein dichterisches Werk zum Kanon der modernen Poesie. Zu hören sind in den Inszenierungen die Stimmen von Richard Burton, der die Sprecherrolle seines kurz zuvor verstorbenen Freundes und Trinkkumpans  Dylan Thomas übernahm, Inge Meysel, Manfred Steffen, Sophie Rois und Harry Rowohlt. Ein großer Reigen von Bildern, Träumen und Symbolen des Lebens! (der Hörverlag, 6 CDs, 24,99 EUR)

Dieter Kaltwasser

 

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Menschen im Augenblick ihrer Wahrheit

botho Strauß Anthologie

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Literaturempfehlung zu Botho Strauß: Der zurück in sein Haus gestopfte Jäger.

Für Heinz Strunk, Herausgeber dieser neuen Anthologie, ist der in der Uckermark zurückgezogen lebende Botho Strauß zum „Autor seines Lebens“ geworden. Die Zusammenstellung der Prosastücke und Miniaturen, von denen die längste  „Skizze eines Schicksals“ sieben Seiten, die kürzeste nur wenige Zeilen umfasst, ist nicht repräsentativ, sondern subjektiv erfolgt. Ein Leser trifft auf einen Autor, dem „kein anderer gleichkommt“, dessen Texte ihn von früh an faszinieren. Ob es die titelgebende Geschichte des in sein Haus zurückgestopften Jägers ist, der mit seiner Gier „den Gipfel der Verformung“ erreicht, oder ein „Hintermann“ im Kino, der sich als Unheilsbringer und „Verderber der Lebensfrühe“ offenbart: Botho Strauß zeigt Menschen im Augenblick ihrer Wahrheit, in einer Sprache, wie sie nur ihm möglich ist.

Copyright: Dieter Kaltwasser

Botho Strauß: Der zurück in sein Haus gestopfte Jäger. Herausgegeben von Heinz Strunk. Rowohlt Verlag , Reinbeck 2014. 256 Seiten, 9,99 EURO. ISBN: 978-3-499-26755-0

 Leseprobe

Die Anthologie ist auch als Hörbuch erschienen: 2 CDs. Gelesen von Heinz Strunk

Cover: Der zurück in sein Haus gestopfte Jäger

Roof Music, Berlin 2014
ISBN 9783864840845
CD, 14,99 EUR

 

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Ulysses in nuce

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Reto Hänny hat mit „Blooms Schatten“ den Joyce’schen „Ulysses“  in einem Satz nacherzählt 

Wie James Joyce in seinem Roman Ulysses folgt auch der Schweizer Autor seiner Hauptfigur, dem Annoncenakquisiteur Leopold Bloom, in einer Stadt „weit oben auf der nördlichen Halbkugel“ durch einen fast ereignislosen Tag, den ein Geschehnis verdüstert: Nachmittags empfängt die Gattin des Protagonisten, eine dralle Opernsängerin, ihren Liebhaber. Hänny ist mit seiner Erzählung das Wagnis eingegangen, den Roman des Meisters des „Stream of Consciousness“ in einem einzigen Satz über 145 Seiten nachzuerzählen, und es gelingt ihm glänzend, Literatur aus Literatur entstehen zu lassen. Neben Ulysses finden wir in diesem kühnen Sprachkunstwerk noch andere „Spuren und Ablagerungen“ der Lektüre des Autors: Vom Alten Testament über die Odyssee bis hin zu Shakespeare, Flaubert, Proust und anderen. Ein Fest für Joyceianer!

Dieter Kaltwasser

Reto Hänny: Blooms Schatten. Matthes & Seitz, Berlin 2014. 145 Seiten, 17,90 EURO. ISBN: 978-3-88221-199-3

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