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Ein Kollektivwesen namens Goethe

Goethes Wohnhaus Am Frauenplan, Weimar / Foto: Bettina Johl

Die neue Dauerausstellung „Lebensfluten-Tatensturm“ im Goethe-Nationalmuseum Weimar

Keine Frage: Goethes Lebendigkeit, seine Aktualität und Anziehungskraft sind ungebrochen. Jährlich besichtigen rund 160 000 Besucher aus aller Welt die Orte seines Wirkens in Weimar. Zu seinem 263. Geburtstag am 28. August dieses Jahres feierte die Klassik Stiftung Weimar die Wiedereröffnung des Goethe-Nationalmuseums am Frauenplan mit der neuen Ausstellung »Lebensfluten – Tatensturm«; sie veranschaulicht das anhaltende Faszinosum Goethe, erklärt sein Fortwirken, in dem sie ihn als Zeugen der um 1800 einsetzenden Moderne präsentiert und Leben und Werk in zeitgenössischen Kontexten zeigt.

In elf Räumen wird die Vielschichtigkeit von Goethes Wirken über das rein literarische Schaffen hinaus verdeutlicht – von seiner politischen Funktion als Staatsmann, seinem zeichnerischen Werk bis hin zu seinen botanischen Studien. Der Titel der neuen Schau ist dem Auftritt des Erdgeistes in der Nachtszene des Faust I entnommen: »In Lebensfluten, im Tatensturm / Wall‘ ich auf und ab, / Webe hin und her! / Geburt und Grab, / Ein ewiges Meer, / Ein wechselnd Weben, / Ein glühend Leben, / So schaff‘ ich am sausenden Webstuhl der Zeit / Und webe der Gottheit lebendiges Kleid«.

Doch wie kann der gigantische Nachlass, das Goethe-Gebirge, eigentlich angemessen dargestellt werden? Hellmut Seemann, Präsident der Klassik-Stiftung, zählt auf, dass Goethe in den 83 Jahren seines Lebens mehr als 50 Millionen Zeichen schrieb , er legte zu Fuß, zu Pferde und in der Kutsche 40000 km zurück, er war mit mehr Zeitgenossen bekannt, als das Weimar seiner Zeit Einwohner hatte, sammelte Tausende von Büchern,  Kunstwerken und Naturalien und hatte einen schier unglaublichen Wortschatz von über 80000 Wörtern, schrieb 2000 Briefe, führte Gespräche, die auf über 5000 Seiten erfasst sind. Kein anderer deutscher Dichter, so Wolfgang Holler, Generaldirektor der Museen der Klassik Stiftung, sei in allen Fasern seiner Existenz so durchleuchtet worden und habe das kollektive Bewusstsein so geprägt wie Johann Wolfgang von Goethe.

Die neue Konzeption der Ausstellung, deren Bestand auf zehn Jahre angelegt ist, soll sowohl das Interesse von Besuchern befriedigen, die Goethe neu für sich entdecken wollen, wie auch das von Studienräten und Experten, so Holler. Auf 800 Quadratmetern Fläche und in den thematischen Abschnitten Genie, Gewalt, Welt, Liebe, Natur, Erinnerung und Kunst, die zentrale Gedankenräume Goethes zusammenfassen, sowie der „Faust-Galerie“ werden die Besucher in einer „Zeitbrechung“  in die Vergangenheit und wieder in die Gegenwart zurückgeführt, um Goethes Erfahrungen und Ansichten auf ihre Gegenwartsrelevanz zu prüfen, so der intendierte „kulturanthropologische Ansatz“ der Ausstellung. Auf der „Faust“-Galerie, die ein verbindendes Element der thematischen Räume ist, kann die Großdichtung nach Stichworten durchsucht werden, entsprechende Zitate werden auf Leuchtbändern sichtbar. Die Ausstellung inszeniert, so Seemann,  die „Persönlichkeit“ Goethes wie ein sich stetig vergrößerndes Netz, das durch die Epoche der ›Sattelzeit‹ vor und nach 1800 gezogen wurde, als die Grundlagen und die Antagonismen der Moderne sichtbar wurden.

Goethes Reisemantel / Foto: Bettina Johl

Die über 500 Exponate sind Dokumente von Goethes Hand, Objekte aus seiner naturkundlichen Sammlung und Werke der Kunst wie die Federzeichnung »Genius des Ruhms« von Johann Heinrich Meyer und der »Juno Ludovisi«, aber auch Alltägliches aus Goethes Leben – von seiner Hofuniform,  über seinen Reisepass nach Rom bis hin zu seinem auf Reisen benutzten Schreibzeug, den Handschuhen von Ulrike von Levetzow, seiner letzten Liebe. Die Ausstellung ergänzt somit den atmosphärischen Eindruck des Wohnhauses auf eindrucksvolle Weise. Wer einmal in Weimar war, wird wiederkehren. Denn wir können dort auch etwas über uns selbst lernen, wenn wir es denn wollen. Am 17. Februar 1832, einen Monat vor seinem Tod, sagte Goethe in einem Gespräch mit Frédéric Soret: „Was bin ich denn selbst? Was habe ich gemacht?  … mein Lebenswerk ist das eines Kollektivwesens, und dies Werk trägt den Namen Goethe.“

Dieter Kaltwasser

Zur Ausstellung „Lebensfluten-Tatensturm“ ist ein Begleitbuch mit Beiträgen der Kuratoren sowie u.a. von Herbert Grönemeyer, Durs Grünbein, Michael Jaeger, Harald Lesch und Rafik Schami erschienen (288 Seiten, 162 Abbildungen, 14,90 Euro).

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Alle brauchen Geschichten! – Zum Welttag des Buches

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Die Frage, die uns zum Welttag des Buches beschäftigte: Erschöpft sich ein hierfür „ausgelobter“ Tag in Insider-Diskussionen um die Zukunft des Buches – oder kommt auch etwas davon „draußen“ bei den Menschen an, denen das Lesen ans Herz gelegt werden soll? Und wie sieht es mit den Kleinsten aus, – den Kindern? Kann es etwa ausreichen, ihnen zu sagen: „Ihr müsst lesen!“, während der Schulunterricht bereits den Verdacht in ihnen gefestigt hat, dass dies mehr mit Mühe und Anstrengung als mit Spaß verbunden zu sein scheint? Wie gewinnen Kinder Freude am Lesen und Zuhören, vielleicht auch am Sich-Ausdenken und Erzählen oder gar Schreiben eigener Geschichten?

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Auf der Suche nach Projekten und Veranstaltungen in der heimatlichen Region brauchten wir glücklicherweise nicht weit zu gehen. Unter dem Motto „Ich schenk Dir eine Geschichte“ lauschte in der Stadtbücherei Eppingen in Baden-Württemberg eine bunte Kinderschar im Alter zwischen fünf und zwölf Jahren lustigen und phantasievollen, teils erfundenen, teils aus verschiedensten Ländern der Welt überlieferten Geschichten. Zuvor jedoch machten sie sich gemeinsam Gedanken über das Entstehen von Geschichten und die frühesten Versuche von Menschen, diese dauerhaft festzuhalten, sei es zunächst in Bildern – wie in Höhlenmalereien zu bestaunen – oder als eingeritzte Zeichen auf Stein oder Wachstafeln, bis all dies schließlich zu der Idee führte, Bücher aus Papier herzustellen. Erzählerin Barbara Scheel, die Leiterin des Eppinger Babuschka-Theaters, , welches als das kleinste professionelle Theater mit eigenem Haus und regelmäßigem Spielplan in Deutschland gilt. veranschaulicht am Beispiel der Skizze einer alten Steintafel – eine Sonne, zwei Strichmännchen, ein Pfeil vom einen zum anderen -, was Bilderbotschaften zu erzählen vermochten. Sie fragt einen Jungen, der noch in den Kindergarten geht: „Was glaubst du, was das wohl bedeuten könnte?“ Der Kleine zögert kurz und sagt: „Der eine soll zu dem anderen kommen, weil die Sonne scheint!“ – „Siehst du“, sagt sie, „sogar du hast dies jetzt lesen können, obwohl du noch gar nicht zur Schule gehst!“  Der Junge strahlt. Zwei Mädchen wiederum tragen sehr lebhaft ihre Ideen und Anregungen vor. Zwei schon etwas ältere Jungen – mindestens einer von ihnen bekennender Harry-Potter-Fan – geben unumwunden zu, dass sie versuchen, nach Möglichkeit keine dieser regelmäßig stattfindenden Erzählrunden zu verpassen, „weil es immer wieder toll, lustig und spannend ist!“

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Dann beginnt „Babuschka“ – wie die Kinder sie nennen – zu erzählen. Entwirft kühn eine eigene Geschichte aus Ländern und Personen, die sich die Kinder ausdenken dürfen. Erzählt im Anschluss daran Überliefertes aus Ägypten, Afrika, China und Birma, vom gelangweilten ägyptischen Pharao, vom eitlen Löwen und listigen Hasen, von der Kaiserin mit der roten Nase und von einer anspruchsvollen Mäuseprinzessin, die wild entschlossen ist, nur den „Stärksten und Mächtigsten“ zu heiraten. Hierbei verbindet sie Länder und Kontinente, nicht ohne immer wieder den Bezug zur Lebensrealität der Mädchen und Jungen herzustellen. Diese lauschen wie gebannt, verhalten sich – kaum zu glauben! – mäuschenstill, um sich hernach jedoch umso lebendiger am gemeinsamen Austausch zu beteiligen.

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Barbara Scheel hat sehr viele Länder dieser Erde bereist und hierbei nicht nur viele Geschichten und Märchen, – auch reichhaltige Erfahrungen im Austausch mit verschiedenen Kulturen, mit Lese- und Lernprojekten und auch mit therapeutischem Puppenspiel gesammelt. All dies fließt in die Aufführungen ihres eigenen Erzähltheaters ein, was diese – wie auch ihre Gastveranstaltungen an anderen Orten – stets zu einem besonderen Erlebnis werden lässt.

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In eigenen Geschichtenwerkstatt-Projekten sammeln Kinder unter ihrer Anleitung überdies erste Erfahrungen im eigenen Ausdenken von Geschichten, lernen, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen und Spaß am Schreiben, bildnerischem Ausgestalten und Erzählen eigener Geschichten zu entwickeln. Das vielfältige Spektrum an Wissen und die langjährige pädagogische Erfahrung Barbara Scheels ist der eine Aspekt ihres Erfolgsgeheimnisses, – der andere – wohl noch entscheidendere – ihre ganz besondere Art, die Persönlichkeit eines jeden Kindes zu respektieren und es mit seinen Fragen und Anliegen ernst zu nehmen. Auf die Frage, was zu tun sei, wenn vielleicht einmal das Wetter zu schön und eine Erzählveranstaltung dadurch weniger gut besucht wäre, erwidert sie mit Überzeugung: „Und wenn nur EIN Kind kommt, dann erzähle ich für dieses EINE Kind. Das kann ich doch nicht machen: Das Kind wegschicken, nur weil es zufällig ganz alleine kommt! Es schenkt mir schließlich eine ganze Stunde seiner kostbaren Zeit!“

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Dies ist es, was die Kinder spüren, – dies ist es, was bleibt. Und es zeigt sich: Viele, die das seit 1985 vor Ort bestehende Babuschka-Theater als Kinder kennenlernten, kommen auch heute als Erwachsene wieder zu Veranstaltungen, – oft inzwischen mit ihren eigenen Kindern. Denn es zeigt sich: Alle brauchen Geschichten! Die Kinder –  und auch einige „große Leute“ – aus Eppingen und Umgebung jedenfalls hatten in der Stadtbücherei einen tollen, spannenden und erfrischenden Erzählnachmittag am Welttag des Buches.

Bettina Johl

Links:

http://welttag-des-buches.de/de/135916

http://www.babuschka-theater.de/

http://www.eppinger-figurentheater.de/

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