Verantwortung als Erbe

Goethes Gartenhaus am Stern in Weimar

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Geschichte eines Briefes an mein Kind

Von Bettina Johl

In späten Jahren nochmals eine Schule zu besuchen, kann eine spannende Unternehmung sein. Der Austausch mit jungen Leuten, ob man diesen bisher schätzte oder nicht, wird unvermittelt Programm; es ist nicht möglich, sich ihm zu entziehen. Selbst diejenigen unter uns Älteren, die ihn stets schätzten – zu jenen zähle ich mich – finden sich im alltäglichen Leben gewöhnlich von einer gewissen Scheu und Befangenheit, jungen Menschen womöglich zu nahe zu treten, daran gehindert. Mit solchen Befindlichkeiten räumt die Schule recht schnell auf. Sie ist insofern ein großer Gleichmacher. Dies kann unbequem sein, aufreiben, aber auch eine beträchtlich verjüngende Wirkung haben. Gleichgültig lässt es uns eher selten. Und das ist gut, denn immer sind es die Widersprüche, die neue Denk- und Sichtweisen eröffnen. Die Aufforderung zur Auseinandersetzung mit Fragestellungen, die sich ursprünglich an jüngere Menschen richteten, kann wiederum zu interessanten Entdeckungsreisen führen, zumal wir hier eine erweiternde Perspektive einnehmen können, nämlich die der Rückschau und Reflexion.

Ein Handlungsfeld in der pädagogischen Ausbildung beschäftigt sich – den zeitlichen und gesellschaftlichen Anforderungen Rechnung tragend – mit Unterschiedlichkeit und Vielfalt. Eine Aufgabenstellung lautete, einen Brief an das eigene Kind zu schreiben, im Hinblick auf jenen Anteil an kulturellem Erbe, den man diesem mitgeben wolle – oder auch nicht. Dies führte bei den Jüngeren zunächst zu Irritationen; eigene Kinder gab es in ihrer Realität noch nicht, bestenfalls standen solche als künftige Möglichkeit, als vages Bild von einem Leben nach der Schule, irgendwo weit am Horizont der eigenen Perspektiven und Wünsche. Für mich, die ich nicht vor der Situation stand, mir ein künftiges Kind ausdenken zu müssen, entbehrte diese Sache nicht eines gewissen Reizes. Mein Sohn war bereits erwachsen. Kurioserweise besuchte er zu dieser Zeit sogar dieselbe Schule – oder vielmehr denselben Gebäudekomplex in einem anderen Bereich, wo er kurz vor seiner beruflichen Abschlussprüfung stand. Zuweilen trafen wir uns in der Pause am Kaffeeautomaten, ein Umstand, den die jüngeren Leute im besten Fall für „cool“ befanden. Mir blieb also nur der kritische Blick zurück; was davon noch Ausblick sein könnte, würde sich zeigen. Warum also den Brief nicht an mein erwachsenes Kind adressieren? Ich zückte also den Stift, überlegte kurz und schrieb auf dem eigens hierfür ausgeteilten, quietschbunten Papierbogen drauflos, während mir manch ratloser Blick folgte.

Dass mir mein Text recht flüssig aus der Hand ging, überraschte mich; es ist ja gewiss nicht so, dass mir das Schreiben fremd wäre, aber gewöhnlich gestaltet es sich als ein eher zäher Prozess, in dessen Verlauf ich so manchen Satz hundertmal verwerfe und verändere, ehe er endlich so steht, dass ich ihn akzeptieren kann. Handgeschriebene Manuskripte pflegen entsprechend auszusehen und sind kaum vorzeigbar. Und meist fallen sie, sobald es eine getippte, endkorrigierte Version gibt, wütender Vernichtung anheim. Als der Brief mir nun nach drei Jahren wieder in die Hände fiel, heute, da jene Zeit hinter mir liegt, und ich mich zuweilen noch immer ordnend und sortierend durch Papierberge grabe, fand ich zu meiner Verblüffung ein recht ansehnliches, beidseitig beschriebenes Blatt vor, das zwar, wie üblich, viele Einfügungen zwischen den Zeilen, aber nur wenige Streichungen einzelner Wörter aufwies. Ich weiß noch, dass ich damals Mühe hatte, mit der vorhandenen Zeit auszukommen; als die Frage gestellt wurde, ob jemand seine Niederschrift vorlesen möge, schrieb ich noch immer – soviel ich weiß, sogar noch mehr oder weniger heimlich während der darauffolgenden Stunde – und war froh, dass später nicht nochmals gefragt wurde und ich das Blatt ungesehen in meiner Mappe verschwinden lassen konnte. Nicht, dass ich mich nicht notfalls zum Vorlesen hätte überwinden können, aber vieles, was mich im Zuge des Schreibens gedanklich beschäftigte, war einfach noch zu frisch. Meinem Sohn hatte ich diesen Brief zunächst gar nicht gegeben; wohl wollte ich es immer und verschob es dann wieder. Es hatte damit keine Eile; es stand ja nichts darin, was er nicht ohnehin längst wusste. Nunmehr beim zweiten Lesen auf die mir selbst gestellte Frage hin, ob ich all dies heute noch einmal so schreiben würde, erstaunt es mich wiederum, sagen zu können: „Ja! Genau so! Oder ähnlich.“ Also kann ich ihn hier getrost nachträglich auf die Reise schicken. Für Raphael. Und für alle, die sich mit uns auf dem Weg sehen.

„Lieber Raphael,

nun ist es tatsächlich so weit gekommen, dass ich in derselben Schule sitze wie Du, wenn auch einem anderen Gebäudetrakt, und nun lautet hier unsere Aufgabe, einen Brief an unsere künftigen Kinder zu schreiben. Nun – weitere Kinder wird es für mich nicht mehr geben; die Frage, was ich ihnen an kulturellem Erbe mitgeben wollte – denn darum geht es –, erübrigt sich für mich. In meinem Alter geht es dann eher schon ums Reflektieren, und auch das ist uns beiden vertraut, da wir ja in unseren Gesprächen, die wir miteinander führen, kaum je etwas anderes tun. Denn diese Frage, sie beschäftigt uns ja beide; wir haben viel erlebt, wurden mit vielem konfrontiert, was uns bis in die Grundfesten erschütterte – von stabilen Wurzeln keine Spur! – und alles, was uns blieb, war stets, uns um größtmögliche Offenheit zu bemühen, Fragen zu stellen – Fragen und immer wieder Fragen – und mit dem Umstand umgehen zu lernen, dass es auf manche von ihnen keine Antwort gibt.

Wie nun aber definiert sich Kultur für uns? Die Kultur, zu der wir uns zugehörig fühlen – oder fühlen sollten? Gibt es eine „deutsche Kultur“? Muss uns dieses Wort nicht zwangsläufig im Halse stecken bleiben? Oft habe ich mir gewünscht, eine Ausweichkultur zu haben, schaue mit fast neidischem Seitenblick auf Mitmenschen mit kulturell unterschiedlichen Wurzeln, die hin und wieder das andere Land als Fluchtpunkt aufsuchen können, als Kontrapunkt, als Land ihrer Sehnsüchte, mögen dessen Vorzüge nun echt oder projiziert sein. Du und ich, wir haben diese Möglichkeit nicht. Unsere Wurzeln sind über mindestens vier Generationen unverkennbar deutsch, und es hilft mir und Dir auch nicht, meine sagenumwobene französische Ururgroßmutter ins Feld zu führen; wir wissen, dass es ein Erbe gibt, das auszuschlagen uns nicht frei steht. Nur – welchem Erbe sind wir letztlich verpflichtet? Dem des „Volkes der Dichter und Denker“? Oder dem der größten Mitläufer, Feiglinge und Verbrecher? Vielleicht ist die eine Aussage so wahr wie die andere und bedeutet nur, dass wir es mit einer Kultur der extremsten Widersprüche zu tun haben? Andererseits: War das „Volk der Dichter und Denker“ nicht ohnehin immer nur Konstrukt? Wunschgedanke? Hatten nicht viele „unserer“ Dichter und Denker schlicht europäische, oft auch jüdische Wurzeln? Und – haben wir „unseren“ Dichtern und Denkern, sofern wir meinen, auf sie so etwas wie Besitzansprüche erheben zu dürfen, nicht allzu oft übel mitgespielt? Während viele um uns herum offenbar noch heute versuchen, Schuld und Verantwortung für die dunklen Kapitel unserer Geschichte von sich zu weisen?

Es ist die Frage, inwieweit Schuld vererbt werden kann, – ohne hier die kirchliche Sichtweise mit dem Begriff der „Erbsünde“, die ja als spannendes Thema für sich selbst genommen oft Gegenstand unserer Diskussionen ist, erörtern zu wollen. Ich kann keine endgültige Antwort darauf finden. Wovon ich aber überzeugt bin – und darin waren wir uns immer einig – ist, dass wir die Verantwortung erben. Die Verantwortung unter anderem, an einem vereinten Europa mitzuwirken, in dem ein Zusammenleben unterschiedlichster Menschen in Frieden, Freiheit und gegenseitiger Akzeptanz in einer von Offenheit, Respekt und Vertrauen geprägten Atmosphäre möglich wird.

Also sind wir dann zuerst und vor allem Europäer? Oder gar – ganz im Kant’schen Sinne – „Weltbürger“? Wohl auch dies, zumal der Begriff eine längere Tradition hat, als wir bislang glaubten. Bereits der griechische Philosoph Diogenes von Sinope soll sich, nach seinem Heimatort befragt, als „Weltbürger“ bezeichnet haben, zu einer Zeit, als weniger Leute die Kugelgestalt der Erde anzweifelten, als gemeinhin angenommen wird. Dass man beim Sich-Hinausbegeben über den Horizont herunterfallen könnte, lehrten bekanntlich zu allen Zeiten vor allem jene, die ein persönliches Interesse daran hatten, andere Menschen in ihrem verengten Weltbild verhaftet zu halten, auf dass diese nicht womöglich auf eigenwillige Ideen kämen.

Allerdings ist es EINE Sache, sich den Weltbürger auf die Fahnen zu schreiben und munter damit herumzuwedeln, eine andere, sich wirklich auf andere Denk- und Sichtweisen einzulassen, sie kennen und verstehen lernen zu wollen, eine ernsthaften Austausch zu suchen, der bei allen Unterschieden die Gemeinsamkeiten im Blick behält und diese als Fundament für ein künftig friedliches und respektvolles Miteinander erkennt. Solches jedoch ist nicht zu erreichen durch Verleugnen und Verdrängen der Schwierigkeiten und Hürden, die auf dem Weg dort hin auftreten können, übrigens auch nicht mit Schön-Reden manches Unangenehmen, welches im Zuge des Sich-Befassens mit der eigenen Kultur und Biografie zwangsläufig mit zutage treten wird, ja – muss. Und hier sind wir wieder an unserem Thema: Nur im Bemühen um so viel Offenheit wie irgend möglich kann es gelingen, neue Wege einzuschlagen, die zu neuen Denkweisen und zur Überwindung von Trennendem führen können. Und auch diese Wege können einen weiten und verschlungenen Verlauf nehmen. Einfache Lösungen für komplexe Probleme gibt es nicht und hat es nie gegeben. Hüten wir uns sehr vor den großen Vereinfachern! Sie haben in der Vergangenheit immer wieder immensen Schaden angerichtet.

Heute nach nahezu vierundzwanzig Jahren bin ich sehr glücklich darüber, dass wir beide diese Sichtweise teilen, über anderen Dingen von untergeordneter Bedeutung, in denen wir zuweilen unterschiedlicher Auffassung sein mögen. Wir werden unsere Sache im Blick behalten und uns gegebenenfalls gegenseitig daran erinnern, dessen bin ich zuversichtlich. Ob Du selbst einst Kinder haben wirst, denen Du all dies weitervermitteln kannst, wissen wir noch nicht; die Zeit wird es zeigen. Dennoch wirst Du in ein Alter kommen – oder befindest Dich schon darin – in dem junge Menschen Dich nach dem Weg fragen und Orientierung suchen. Es müssen nicht die eigenen Kinder sein. Dann weise sie nicht ab! Wer, wenn nicht sie, soll sonst den Weg für uns weitergehen? Neben unseren leiblichen Kindern gibt es auch Kinder unseres Geistes und unseres Herzens. Lass uns immer für sie da sein und ein offenes Ohr für sie haben!

In Liebe

Deine Mama

am 6. Dezember 2012“

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