Theoriegeschichte als Lifestylestory

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Ulrich Raulff und Philipp Felsch schreiben neue Bücher über die „Generation Theorie“

Sommer und Herbst der Theorie und der großen Welterzählungen sind wieder einmal zu Ende und einmal mehr fliegen Eulen der Minerva umher, um uns zu erklären, was denn in jenen theorieversessenen Jahrzehnten zwischen 1960 und 1990 eigentlich geschah. Zwei neue Bücher liegen zu dieser Frage vor. Sie befassen sich allerdings weniger mit den Inhalten der großen Theorien als vielmehr mit dem Sozialleben und der Zirkulation von Büchern – eben mit dem Lifestyle, den diese in jenen Zeiten schufen.

„Wiedersehen mit den Siebzigern“ von Ulrich Raulff, Direktor des Deutschen Literaturarchivs in Marbach, beschreibt schon im Untertitel „Die wilden Jahre des Lesens“ treffend die Zeit, als der Autor selbst auf dem Weg war, ein Intellektueller zu werden: Wenige Jahre nach dem Tod Theodor W. Adornos wechselte er als „Flakhelfer der 68er“ nach Paris und fand dort intellektuell und existenziell zu sich selbst. In seinem Buch skizziert er unter anderem Kurzporträts großer Theoretiker, denen er selbst begegnete, darunter Michel Foucault und Roland Barthes. Ihre großen Theorien hingegen lässt er außen vor. Raulffs Äußerungen und Bewertungen zu philosophischen Theorien und Strömungen, die offensichtlich nicht zu seinem engeren Lektürekanon zählten – wie etwa die Kantforschung in den Siebzigern  beziehungsweise „die Kantianer“ der damaligen Zeit – , wirken doch ein wenig albern und selbstgefällig; sie schmälern zudem das Lesevergnügen an seinem durchaus mit Witz und Charme ausgestatteten Porträt der „Generation Theorie“.

Philipp Felsch, Juniorprofessor für Geschichte der Humanwissenschaften an der Berliner Humboldt-Uni, versteht sein Buch „Der lange Sommer der Theorie – Die Geschichte einer Revolte 1960 bis 1990“ als Gattungsgeschichte: „Gattung“ sei, „was einem Text zu sozialem Leben verhilft – die Art der Bücher, die Erwartungen der Leser, die Strukturen der Gutenberg-Galaxis, in der er sich bewegt“. Das Wort „Theorie“ hatte in den Sechzigern etwas Magisches. Felsch beschreibt dies detailliert und prägnant. Mitten im Kalten Krieg lösten Ideen geistige und soziale Bewegungen aus, Intellektuelle wurden zu „Denkstil-Ikonen“, ihre Bücher zu Bestsellern. Felsch erzählt auch die Geschichte des Berliner Merve-Verlages, wo Peter Gente als „Enzyklopädist des Aufruhrs“ Texte publizierte, die neben denen von Suhrkamp für das deutsche Denken nachhaltig Impulse setzten. Eine empfehlenswerte Lektüre.

Copyright: Dieter Kaltwasser

Philipp Felsch: Der lange Sommer der Theorie – Die Geschichte einer Revolte 1960 bis 1990.  C.H. Beck 2015.  324 Seiten, 24,95 Euro

Ulrich Raulff: Wiedersehen mit den Siebzigern – Die wilden Jahre des Lesens. Klett-Cotta 2014. 170 S., 17,95 Euro

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