In den Gedächtnishalden – Über Botho Strauß

Herkunft botho strauss

Zwei neue Bücher des großen deutschen Schriftstellers: „Herkunft“ und „Allein mit Allen“.

Am 2. Dezember 2014 wird der in Naumburg an der Saale geborene Schriftsteller Botho Strauß 70 Jahre alt. Über seine Herkunft, seine Kindheit und Jugend, hat Botho Strauß noch nie geschrieben. In seinem neuen Buch „Herkunft“ erzählt er nun von seiner Kindheit und Jugend, von Naumburg und Bad Ems, den Orten, in denen er aufgewachsen ist, von seinen frühen, ihn prägenden Erinnerungen.

Da ist vor allem der Vater, die Portalfigur des Buches, der zuhause arbeitet, freiberuflich für Arzneimittelfirmen: „Mein Vater war Alchemist. Er stand in der Verwandlung der Stoffe.“ Er wird beschrieben in seiner ganzen bürgerlichen Genauigkeit und Strenge, der stets im Anzug an seinem Schreibtisch arbeitende Vater, mit Strumpfhalter und einer Krawattennadel, auf der eine Perle sitzt. Unweigerlich taucht vor den Augen des Lesers schemenhaft die Figur Thomas Manns auf, und der wird dann auch prompt als Lieblingsschriftsteller des Vaters beschrieben.

Es ist allerdings keine großbürgerliche Welt, von der uns Botho Strauß erzählt, sondern es ist eher ein Festhalten an bürgerlichen Normen und Fassaden, was den Vater aufrecht erhält, der im Ersten Weltkrieg eine Auge verloren hat und seine Familie in der Kurstadt Bad Ems in einem ehemaligen Hotel über die Runden bringt. Auf lediglich 90 Seiten zaubert Botho Strauß seine Kindheit in Bad Ems herauf, die Zeit zwischen seiner Ankunft dort in den Fünfzigern als Sohn von Flüchtlingen aus der sowjetisch Besatzungszone und dem Abschied als junger Mann in den frühen Siebzigern.

Mit diesem „Herkunft“ findet Strauß noch einmal zu einer neuen Seite seines Schreibens: zum Ton des Erinnerns, der Vergewisserung über die eigenen Ursprünge. Nicht nur die Genauigkeit und Präzision des Vaters wiederholt sich im Schreiben und Empfinden des Sohnes: „Den Vater und mich verbindet so etwas wie eine bürgerliche Moral des Scheiterns, das über die Generationen sich fortsetzt in unserem schlichten Geschlecht.“

Gegen Ende seiner Erzählung notiert der Schriftsteller: „Das warst du! Ein Herr der Möglichkeiten, ein Dunkelprinz. Und heute ein kleiner Schaufelsklave in den Gedächtnishalden.“

Das Werk eines wichtigen deutschen Erzählers.

(Hanser 2014, 96 S., 14,90 Euro).

Ganz anders ist das von Sebastian Kleinschmidt herausgegebene Gedankenbuch „Allein mit allen“, das den Reflexionsartisten Botho Strauß in den Mittelpunkt stellt. Diese Gedanken erscheinen thematisch geordnet in siebzehn Kapitel, wie „Von der Person: Gesicht, Stimme, Blick“, „Technik, Medien, Künstlichkeit“ oder „Alter und Tod“. So heißt es auf den letzten Seiten:

„Was in unserer Mitte so vor sich geht, ist dazu angetan, die Geister unserer Ahnen zu vergnügen. Jeder Lebende amüsiert ein ausverkauftes Haus voll Toter. Sie setzen Preise aus für die größte Nichtigkeit und Nichtswürdigkeit des Tages, um die wir auf der Szene mit blutigem Ernst konkurrieren.“

Keine Blütenlese, sondern unzeitgemäße, kluge Betrachtungen eines Autors über die voranschreitende Transformation der Einzelnen und ihrer Welt. Eine bereichernde Leseerfahrung!

(Hanser 2014, 352 S., 21,90 Euro)

Dieter Kaltwasser

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