Glänzende Gefilde – Hölderlins Tübingen (Aus: „Holunderblüten“, Roman von Bettina Johl)

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Sich der Stadt annähern, von den Höhen des östlichen Schwarzwaldes her, aus dem Tal der Nagold kommend über Calw nach Herrenberg, der Deutschen Fachwerkstraße folgend entlang der Ammer, das Flüsschen, welches in Tübingen auf den Neckar trifft, entbehrt gerade im Frühling nicht eines gewissen Reizes. Die sanft auslaufenden Hügel gehen in eine offene, als „Heckengäu“ bezeichnete Landschaft über: Obstplantagen, jedoch auch weite Streuobstwiesen, die Kirsch- und Birnbäume in voller Blüte, dazwischen schneeweiß leuchtende Schlehenhecken; das Frühjahr ist hier sehr viel weiter fortgeschritten. Malerische Ortschaften, eine Bilderbuchlandschaft. Mit glänzend grün-glasierten Schindeln gedeckte Kirchturmdächer. Zur Rechten ragt auf einem frei stehenden Hügel die weithin sichtbare Wurmlinger Kapelle auf, von der euer Dichter zu Studienzeiten in einem Brief an seine Schwester schrieb:

Ich werde einen Spaziergang mit Hegel auf die Wurmlinger Kapelle machen, wo die berühmte schöne Aussicht ist.

In der Tat, denkst du, muss die Aussicht von dort einmalig sein, zumal frei in alle Richtungen. Du hoffst, dass dir später noch Zeit für einen Abstecher dorthin bleiben wird.

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Tübingen präsentiert sich dir sehr viel anders als noch drei Monate zuvor. Du hast Mühe, die Stadt wiederzuerkennen. Anlässlich eines gerade stattfindenden Marktes herrscht drangvolle Enge; lärmende Menschenmassen schieben sich durch die engen Gassen, – zügiges Vorankommen ist nahezu unmöglich. Du hast kaum ein Auge für die Altstadt, willst so schnell wie möglich zum Turm deines Dichters. An der Neckarbrücke angekommen, traust du deinen Augen kaum: Die Ufermauer, an welcher der schmale Pfad den Zwinger entlangführt, auf dem ihr euch im Winter als einzige mehr oder weniger schliddernd zum Turm hin fortbewegtet, ist voller Menschen, die darauf in Reih und Glied in der Sonne sitzen wie Sperlinge auf dem Draht und dem Treiben der Stocherkähne zusehen. Selbst der Platz vor dem Eingang ist belagert, dort stehen vollbelegte Tische und Stühle eines benachbarten Restaurants. Der Eingang zum Haus mit dem halbrunden Turm zur Neckarseite mutet hingegen schlicht an, – eine Seitentür, die sich eher wie zufällig durch Dagegen-drücken öffnen lässt. Du trittst ein – und findest stille, menschenleere Räume vor. Bis auf zwei junge Studentinnen scheint sich niemand außer dir hierher verirrt zu haben. Du kannst es nicht lassen, zu der freundlichen Dame am Empfang zu sagen: „Und ich dachte, hier drinnen sei es ebenso überfüllt wie draußen.“ Diese meint lächelnd: „Solches haben wir eher nicht zu befürchten!“

Vor dir liegt der lange Gang mit den Steinfliesen, den euer Dichter – wie überliefert ist – alle Tage „mit gewaltigen Schritten durchmessen“ habe; dieser endet an der hinteren Tür, die in ein kleines Gärtchen hinausführt. Rechterhand führt eine Wendeltreppe zum Turmzimmer hinauf. Dorthin zieht es dich zuerst. Du ersteigst die Treppe und betrittst den sonnendurchfluteten, halbrunden Raum. Er ist leer, unmöbliert bis auf zwei Stühle. Zwei der drei hohen, mehrfach unterteilten Doppelfenster zum Neckar und Garten hin stehen offen. Auf dem hölzernen Dielenboden eine Vase mit frischen Blumen.

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Mit der Illusion, hier noch etwas Originales vorzufinden, bist Du nicht hergekommen. Chroniken zufolge brannte der Turm 1875 bis auf die Grundmauern ab, nachdem er schon vorher immer wieder Veränderungen durch Umbauarbeiten erfahren hatte. Der jetzige Zustand, sagt man, soll dem Original wieder recht nahe kommen. Schlicht weißgetüncht und schmucklos sei der Raum auch damals gewesen, geht aus Aufzeichnungen von Besuchern des Dichters hervor. Im Hinblick darauf empfindest du es als angenehm, dass auf nachgebildetes Inventar verzichtet wurde, und so Raum bleibt für eigene Vorstellungen. Ein Klavier soll es gegeben haben, auf dem er viel improvisierte, ein Sofa, an dem er, als man es ihm ins Zimmer stellte, besondere Freude hatte. An der einzigen geraden Wand des Raumes: Vier gerahmte Jahreszeiten-Gedichte, – Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Dein Blick verweilt beim Frühlingsgedicht.

Die Sonne glänzt, es blühen die Gefilde,
Die Tage kommen blütenreich und milde,
Der Abend blüht hinzu, und helle Tage gehen
Vom Himmel abwärts, wo die Tag‘ entstehen.

Das Jahr erscheint mit seinen Zeiten
Wie eine Pracht, wo Feste sich verbreiten,
Der Menschen Tätigkeit beginnt mit neuem Ziele,
So sind die Zeichen in der Welt, der Wunder viele.

d. 24 April 1839.
mit Untertänigkeit
Scardanelli.

Alle vier Gedichte sind unterzeichnet mit Scardanelli, sind seine spätesten aus der Turm-Zeit. Der Zugschaffner kommt dir wieder in den Sinn: Das Bild des „kritzelnden“ Dichters im Turm. In der Tat sollen viele dieser Gedichte auf Anfragen von Besuchern im Handumdrehen niedergeschrieben worden sein. Ob sie jedoch just zum jeweiligen Zeitpunkt entstanden, oder ob er sie aus seinem Gedächtnis holte, wo er sie seit längerem fertig hütete, – niemand vermag es zu sagen.

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Das Panorama vor dem Fenster – immerhin hieß es einst, man könne aus dem Zimmer „das ganze Neckartal samt dem Steinlacher Tal“ übersehen –, was ist davon übrig? Du öffnest einen der angelehnten Flügel des linken Fensters, schaust hinaus.
Lärm dringt vom Fluss herauf, auf dem die Stocherkähne unterwegs sind, Spektakel für die auf der Ufermauer Sitzenden. Der Blick aus dem mittleren Fenster reicht bis zu den hohen Bäumen auf der Neckarinsel; ein ähnlicher Anblick, wie ihr ihn hattet in eurem kleinen Hotel, nur dass der Fluss hier noch jung ist, schmaler und weniger tief, die Fließrichtung eine andere, die Insel mit ihrer Platanenallee hingegen begehbar ist. Vom Tal der Steinlach, die von der Schwäbischen Alb her kommend unweit hier gegenüber mündet, ist nichts zu sehen; das jenseitige Ufer ist längst zugebaut. Du lehnst dich aus dem rechten Fenster, das auf den terrassenartig angelegten, ebenfalls ans Ufer grenzenden Garten hinaus geht. Wenigstens dieser liegt ruhig, ist nur Besuchern des Museums zugänglich, mag sich noch am ehesten dazu eignen, die Stimmung früherer Zeiten herbeizuzaubern.

Dennoch, – der halbrunde, stille, weitgehend leere Raum verfehlt seine Wirkung nicht. Die Stühle laden dazu ein, sich zu setzen. Anflug von Traurigkeit, plötzlich. Ein Leben, das nach der ersten Hälfte zu Ende schien, – fortan ein nunmehr reduziertes Dasein, über Jahre auf engsten Raum beschränkt. Als wäre das gleichnamige Gedicht eine – selbsterfüllende? – Prophezeiung gewesen. Sechsunddreißig Jahre hier zugebracht in weitgehender Abgeschiedenheit.

Am 11. September 1806 brachte ihn ein auf Veranlassung seiner Mutter und seines Freundes Sinclair bestellter Wagen von Homburg nach Tübingen ins Autenriethsche Klinikum, – warum passieren immer wieder zu diesem Datum folgenreiche Ereignisse, die alles verändern, nichts mehr so sein lassen wie zuvor, die Welt auf den Kopf stellen? Fast könnte man darüber abergläubisch werden! Ob Sinclair mit der Betreuung des depressiven Freundes überfordert war, oder ob das Ganze einen Versuch der Freunde darstellte, in jenen politisch unruhigen Zeiten den wegen seiner Nähe zu revolutionärem Gedankengut verdächtigen Dichter mittels eines ärztlichen Attests vor drohender Inhaftierung zu schützen, bleibt im Dunkeln. Nach dem Klinikaufenthalt jedenfalls war endgültig auf eine Besserung seines Zustandes nicht mehr zu hoffen. Dass die Anstalt zur Behandlung von sogenannten Geisteskrankheiten zu den für die damalige Zeit modernsten und – es widerstrebt dir, das Wort zu verwenden – humansten zählte, die sich immerhin an neuesten Forschungserkenntnissen aus den noch jungen Vereinigten Staaten von Amerika orientierte, macht es nicht besser und mutet wie Hohn an. Beschreibungen der Zwangsmaßnahmen, denen die Insassen ausgesetzt waren, lassen einem das Blut in den Adern gefrieren.

Nach einem halben Jahr entließ man ihn. Diagnose: Unheilbar, aber ungefährlich. Er hatte Glück im Unglück, kam im Hause jenes belesenen Handwerkers unter, der ihn bei Schreinerarbeiten in der Klinik kennengelernt, im Laufe der Zeit öfter besucht und sein Vertrauen gewonnen hatte, dem es nach eigenen Worten leid darum war, „dass ein so schöner, herrlicher Geist zu Grund gehen soll“, und ihn zu sich in fürsorgliche Pflege nahm. Höchstens zwei oder drei Jahre hatte man dem Siebenunddreißigjährigen noch an Lebenserwartung zuerkannt. Er sollte ein Alter von – Zahlendreher! – dreiundsiebzig Jahren erreichen. Während der gesamten Zeit, heißt es, sei er selten krank gewesen. Nur die Unruhe, – sie sollte ihn nicht mehr verlassen. Rastlos soll er in dem Raum, den du hier auf dich wirken lässt, auf und ab gegangen sein, endlose Selbstgespräche geführt haben. Wenn das ein Zeichen von Wahnsinn ist? Lieber nicht darüber nachdenken!

[…]

Die Bettine, deine Namensvetterin, die du dir inzwischen getreulich hinzuzuziehen getraust, die euren Dichter nie selbst traf, ihn jedoch mit ihrer Sensibilität besser zu verstehen schien, als manch anderer Zeitgenosse, schrieb, bezugnehmend auf die Diskussion, die sich über dessen Wahnsinn entsponnen hatte, freimütig und treffsicher über den Zustand der Gesellschaft, in der beide lebten:

„Aber wir sind uns der eignen Krankheit nicht mehr bewusst… und das ist unser Wahnsinn.“

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Nachdenklich den Raum verlassen. Hinuntergehen. Am Fuß der Treppe geht es rechts zur hinteren Tür; diese steht offen, führt in den kleinen Garten hinaus. Er wirkt verträumt, könnte früher ähnlich ausgesehen haben. Steinstufen, Wiese, Hecken, ein schmaler Kiesweg, zur Rechten die Stadtmauer, mit wilden Weinreben bewachsen, auf der sich das nächste Haus anschließt; hinter einem alten Staketenzaun mit verschlossenem Tor der angrenzende Obstgarten mit teilweise schon blühenden Apfelbäumen, davor ein steinerner Brunnentrog, ein noch recht junger Kastanienbaum, umrundet von kleinen, tiefblauen Traubenhyazinthen.

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Zur Linken führen Stufen hinunter zum Zwinger, der unterhalb des Hauses zwischen dem Turm und der äußeren Mauer entlang führt. Er muss den Weg oft gegangen sein, euer Dichter, zuweilen sehr früh am Morgen, und er dehnte seine Spaziergänge oft über mehrere Stunden aus. Dieser Teil des Weges ist ebenfalls glücklicherweise nicht öffentlich zugänglich; ein ruhiger Uferabschnitt zum Atemholen. Im Wasser spiegelndes Sonnenlicht, Weiden in frischem Grün, die Hausmauer teilweise mit dichtem Efeu bewachsen, eine Büste des Dichters in einer Maueraussparung, gelbblühende Forsythien, auch ein Holunderstrauch, Ruhebänke, vereinzelte Tulpenbeete. Dies alles schön und schlicht angelegt, nichts Überladenes, – Idyll zum Innehalten.

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Lieber, wärest Du hier – denkst du – könnte ich es mit Dir teilen. Ich musste mir die Frage stellen, ob ich ohne Dich kann. Um zu überleben, musste ich mich dazu durchringen, zu sagen: Ich kann! Es wäre sehr schmerzhaft, sehr traurig, – gewiss! Wie einen Farbfilm in Schwarz-Weiß weiterschauen müssen, weil die Bildröhre im Fernsehgerät kaputt ist. Aber: Ich kann! Die Frage ist, ob ich es will. Und eigentlich will ich es nicht!

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Impuls: Den Rest des Tages einfach weiter hier zu verbringen, – nur sitzen und schauen, eurem Dichter nahe zu sein. Jedoch: Es treibt dich weiter; wie immer läuft dir die Zeit davon.

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Die Ausstellungsräume passierst du zügig; du wirst wiederkommen. In einem der Schaukästen begegnest du schließlich der Büste der Diotima, – vielmehr der Frau, die euren Dichter zur Diotima im Hyperion inspirierte: Susette Gontard, seiner großen Liebe. Einer Liebe, für die es keine Zukunft gab, – ja, nicht einmal eine Gegenwart.

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Das Haus der Gontards, wo er jene Hauslehrerstelle antrat, lag in Frankfurt am Großen Hirschgraben, nur einen Steinwurf vom Geburtshaus des großen Goethe entfernt, – welche bittere Ironie auch dies! Der Hausherr galt als erfolgreicher Tuchhändler und Bankier, gänzlich damit ausgefüllt, die Geschäfte am Laufen zu halten. Die Bedürfnisse seiner Frau mögen hiervon ganz verschieden gewesen sein und hatten vermutlich dahinter zurückzutreten. Zweifelsohne muss sie eine sehr schöne Frau gewesen sein; dies zeigt jener Abguss eines Hochreliefs des zeitgenössischen Künstlers Landolin Ohnmacht, welcher hier ausgestellt ist. Die plastische Darstellung lässt sich durchaus mit dem Bild in Einklang bringen, das sich aus Schilderungen anderer Zeitgenossen ergibt, die sie als klug, gütig und sanftmütig beschreiben. Duldsam wohl auch. Rebellion, Aufbegehren, – gar den Ausbruch in Erwägung ziehen, schien ihre Sache nicht zu sein, war ihr nicht gegeben, – wie es überhaupt immer nur Sache von ganz wenigen war, die es tatsächlich wagten. Außerdem hatte sie Kinder, die sie nicht verlieren wollte. Die rechtliche Stellung der Frau ließ keine großen Handlungsspielräume. Gründe fürs Ausharren in einer meist arrangierten Ehe waren oft rein wirtschaftlicher Natur, – Gefühle konnte man sich selten leisten.

Dennoch: Zwei Menschen begegnen sich, stellen fest, dass sie dieselbe Sprache sprechen, ähnlich fühlen, ähnlich denken. Ihr wisst aus jüngster Erfahrung, welchen Verlauf solches nimmt. Gegensteuern zwecklos! Es kommt, wie es kommen muss, – früher oder später ist der Konflikt unausweichlich. Der Dichter verlässt das Haus, um sich in Homburg niederzulassen. Es bleibt nur noch die Möglichkeit zu kurzen, heimlichen Treffen und dem Austausch von Briefen durch die Hecke. Ein Zustand zermürbend, nervenzerfetzend! Er versucht, sich neu zu orientieren, kehrt schließlich zurück in seine schwäbische Heimat, nimmt im Lauf der Zeit nochmals entfernt liegende Hofmeisterstellen an, in Hauptwil in der Schweiz, später in Bordeaux, reist jeweils zu Fuß über die Gebirge, – rastloser Wanderer, der er ist und bleiben wird. Dann die Nachricht vom Tode Susettes, die ihn nach der Rückkehr aus Frankreich – oder bereits unterwegs? – erreicht. Ein Riss in der Seele, der durch nichts mehr zu kitten sein wird.

Du ringst die Schwermut nieder. Ins Gästebuch schreibst du in einem Anfall von Kühnheit: Nächstens mehr. Fragst die Dame am Empfang nach dem Weg zum Stadtfriedhof und zum Österberg, wohin Wilhelm Waiblinger, Hölderlins erster Biograph, euren Dichter in jenen Jahren öfters mitnahm, wie in dessen „Friedrich Hölderlins Leben, Dichtung und Wahnsinn“ zu lesen ist:

Womit ich ihn am meisten vergnügte, das war ein hübsches Gartenhaus, das ich auf dem Österberg bewohnte, dasselbe, worin Wieland die Erstlinge seiner Muse niederschrieb. Hier hat man Aussicht über grüne freundliche Thäler, die am Schloßberg emporgelagerte Stadt, die Krümmung des Neckars, viele lachende Dörfer und die Kette der Alb.

Der Österberg sei zu Fuß gut zu erreichen, hörst du, aber wo jenes Gartenhaus stand, wisse heute niemand mehr. Du machst dich dennoch auf den Weg, willst dich umschauen, wirst – wie vorherzusehen war – enttäuscht. Der Berg ist zugebaut, fast nirgends freie Sicht; wo diese möglich wäre, ist sie durch hohe Bäume eingeschränkt. Dennoch: Du warst oben, hast eine Vorstellung von seiner Lage erhalten. Sehr gut vorstellbar, dass es hier früher statt der Häuser Gartengrundstücke gab, die eine Aussicht wie die beschriebene boten.

Auf der Suche nach dem Weg zum Friedhof verlierst du die Orientierung, bringst die Wegbeschreibung nicht mehr auswendig zusammen, hast nur einen dürftigen Stadtplan, der so weit nicht reicht. Im Alten Botanischen Garten gibt es ein Hölderlin-Denkmal, das als solches gar nicht ohne weiteres erkennbar ist. Der Rasen ist über und über von jungen Menschen – sicher hauptsächlich Studierenden – belagert, denen er als Liegewiese dient. Nachfragen führt zu nicht unfreundlichem, aber ratlosem Achselzucken. Hölderlin? Keine Ahnung!

Ein Mann, wie du schätzt, im besten Schwabenalter wie du selbst, der deine Bemühungen mitbekommen hat, weist dir schließlich den Weg zum Friedhof, geht selbst noch ein ganzes Stück mit, bis fast vors Tor, beschreibt dir auch die Lage des Grabs. Er scheint sich sehr gut auszukennen, interessiert sich für dein Projekt; er weiß wahrscheinlich mehr als du selbst über die Hölderlin-Gesellschaft, fragt, ob du Härtlings Roman und die Texte von Ulrich Gaier kennst. Siehe da: Ein ähnlich Gesinnter und obendrein angenehmer Weggefährte in der hoffnungslos überlaufenen kleinen Universitätsstadt!

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Der Stadtfriedhof – Grablege für zahlreiche Tübinger Persönlichkeiten, darunter auch Ludwig Uhland und Ottilie Wildermuth – ist schmal und langgezogen; es führt eine verkehrsreiche Straße daran vorbei, die es etwas schwer macht, ihn als Ort des Rückzugs und der Besinnung wahrzunehmen. Aber vielleicht müssen diese Gegensätze gerade hier deutlich werden, – wie auch bei den lärmenden Studenten im Alten Botanischen Garten rund um die aufgestellten Denkmäler, wo die Statuen schon einmal einen herumfliegenden Ball an den Kopf bekommen. Blitzlichtartige Erinnerung eingedenk des Besuchs im Turm: Auszüge an der Treppenwand aus der späten Schrift „In lieblicher Bläue“. Sie endet mit den schlichten Worten:

Leben ist Tod, und Tod ist auch ein Leben.

 

Aus dem noch unveröffentlichten Roman „Holunderblüten“

© Bettina Johl

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