Der dunkle Schimmelreiter – Zum 125.Todestag Theodor Storms

Theodor Storm

Theodor Storm (Photo credit: Wikipedia)

Seine Novellen, Romane hat er keine geschrieben, kennt heute fast jeder Erwachsene noch aus seiner Schulzeit. »Der Schimmelreiter«, »Immensee« und»Pole Poppenspäler« sowie die berühmten Anfangszeilen des Herbst-Gedichts »Schon ins Land der Pyramiden / Flohn die Störche übers Meer« gehören wohl zum Bildungsgut der heute Fünfzigjährigen. Der Schriftsteller Jochen Missfeldt hat zum 125. Todestag Theodor Storms eine glänzende Biographie des großen Erzählers vorlegt, die das Leben, aber auch die Physiognomie Storms in seinen nördlichen Lebenskreis einbindet, es ist eine Studie zwischen Landschafts- und klimatographischer Beschreibung Schleswig-Holsteins ebenso wie die zwischen Juristerei und Musik, Romantik und Moderne. Doch es ist auch eine Zeit enormer gesellschaftlicher Umbrüche, die der Biograph detailliert und mit profundem Wissen schildert und in denen Storm lebte und arbeitete, zumal die Auseinandersetzungen zwischen Preußen und Dänemark um die Herzogtümer Schleswig und Holstein machten dem Juristen wie auch dem Poeten zu schaffen.

Über den Biographen Jochen Missfeldt gibt es aus eigener Vita Bemerkenswertes zu berichten. 1943 in Schleswig geboren hat er seine Heimat auch als Pilot von Aufklärungsflugzeugen betrachtet, bevor er in Kiel Philosophie und Volkskunde studierte und Gedichte, Erzählungen und Romane veröffentlichte. 2010 erhielt er für das im Entstehen begriffene vorliegende Buch den Theodor-Storm-Preis der Stadt Husum. Jochen Missfeldt hat nun eine überaus detaillierte und elegante Biografie über seinen bewunderten Landsmann Theodor Storm geschrieben, und schon die Landschaftsbeschreibungen Schleswig-Holsteins sind ein Genuss. Doch lassen wir ihn zunächst kurz selber zu Wort kommen, um über die Motive seines Schreibens über den Husumer Schriftsteller im Bilde zu sein: »Storms Sprache hat mich gepackt und nicht losgelassen, als Charakter hat er mich vor den Kopf gestoßen. Sein einziges Vorbild: er selber. Seine Leitmotive: erhoffte und gescheiterte Liebe und das Ringen um ein gelungenes Leben. Mit seiner Lyrik ist er ein Meistersänger seines Jahrhunderts, mit seiner Erzählkunst ein Wegbereiter der Moderne.« Mit dieser Charakteristik in nuce ist viel angedeutet über die Geschichte dieses in der Tat Zerrissenen, der zwar noch der klassisch-romantischen Welt nachlauscht, doch gleichzeitig den technisch-wissenschaftlichen Fortschritt nicht mehr missen möchte. Und nicht nur das. Mit einigen seiner Kinder, den Söhnen hat er zum Teil große Sorgen gehabt, einer verfiel völlig dem Alkohol. Storm hat unter den vielen Schicksalsschlägen in seiner Familie kolossal gelitten. Es war seine fester Glauben, dass er seinen Söhnen sein schlechtes Erbteil mitgegeben hat, vor allem seine sexuelle Abweichung, so die Forschung. Es wird seit langem diskutiert, dass Storm pädophile Neigungen hatte und ihn kleine Mädchen vor der Pubertät faszinierten. Wir finden in seinem Werk Kinderlieben wie in der Novelle »Pole Poppenspäler«, und es sind stets die männlichen Protagonisten, die die hübsch aussehenden 10 bis 13 Jährigen Mädchen ansprechend finden. Aber kann man daraus nun tatsächlich eine »werkprägende« Homosexualität wie bei Thomas Mann und Marcel Proust herbeizaubern?

In seiner Novelle »Hans und Heinz Kirch« beschreibt Storm etwas ähnliches wie Thomas Manns »Buddenbrooks«, nämliche den »Verfall einer Familie«, und er zeigt sich hier auf der literarischen Höhe seiner Novelle »Die Schimmelreiter«. Die Umbruchszeit, in der Storm lebt, die den Menschen einerseits allerlei Annehmlichkeiten des Reisens erlaubt, sie befördert sie aber – wenn nötig – allerdings auch ins Exil, wie Theodor Storm nach der Aufhebung seiner Bestallung als Rechtsanwalt durch den dänischen König 1852 und seine Emigration von Husum nach Potsdam 1853, wo er in den preußischen Justizdienst eintritt; in Heiligenstadt wird er dann Kreisrichter.

Hier noch wenige wenige kurze biographische Anmerkungen, die das vorgetragene hoffentlich zu umrahmen mögen: Hans Theodor Woldsen Storm kommt am 14. September 1817 in Husum zur Welt. Auch Storm gehört in die Reihe der großen Künstlerpersönlichkeiten von der schleswig-holsteinischen Westküste, wie der 1813 in Wesselburen geborene Friedrich Hebbel oder der Historiker und erster deutscher Nobelpreisträger Theodor Mommsen. Theodor Storm stammt aus einer alten Juristenfamilie und auch er sollte diesen Brotberuf wählen. Er studiert an der Kieler und Berliner Universität Jura und schließt dort Freundschaft mit Theodor und Tycho Mommsen. 1846 heiratet er seine Cousine Constanze Esmarch, doch schon ein Jahr später beginnt er ein Liebesverhältnis zu Dorothea Jensen. Im Jahre 1864 zieht Storm zurück nach Husum. Nach der Geburt der Tochter Gertrud im Jahre 1865 stirbt Constanze wenige Tage später. Im Herbst des Jahres besucht Storm den russischen Dichter Iwan Turgenjew in Baden-Baden. Der Zyklus »Tiefe Schatten« entsteht. Am 13. Juni 1866 schließt Storm die Ehe mit Dorothea Jensen. Er wird Landvogtamt, preußischer Amtsrichter, schließlich Oberamtsrichter. Eine juristische Karriere rundet sich. 1874 erscheint »Pole Poppenspäler«. 1880, nach seiner vorzeitigen Pensionierung erfolgt die Übersiedlung nach Hademarschen.

Im letzten Lebensjahrzehnt Theodor Storms beginnt der Briefwechsel mit Gottfried Keller, derjenige mit Eduard Mörike hatte schon in den fünziger Jahren begonnen. In den beiden letzten Jahren seines Lebens schreibt Theodor Storm seine unsterbliche Novelle »Der Schimmelreiter«, deren Erstdruck im Mai 1888 erscheint. Am 4. Juli 1888 stirbt Theodor Storm, am 7. Juli wird er auf dem St-Jürgen-Friedhof in seiner Heimatstadt Husum beigesetzt. Ein großes Schriftstellerleben hat sich vollendet. Am Ende seiner wohl berühmtesten Novelle steht der Satz, der für so Vieles in seinem Lebens gelten könnte: »Es ist alles doch umsonst gewesen.«

Copyright: Dieter Kaltwasser

Jochen Missfeldt
Du graue Stadt am Meer
Der Dichter Theodor Storm in seinem Jahrhundert
Biographie
Carl Hanser Verlag, München 2013
496 Seiten
27,90EUR
978-3-446-24141-1

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Eingeordnet unter Autor, Bücher, Essay, Geistesgeschichte, Literaturgeschichte

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