Dokument eines langsamen Abschieds

EinTagimJahrcover

Womit beginnt ein Tag? Bei Christa Wolf begann er oft mit dem Ausklang des vorherigen. Lesen oder Fernsehen über Mitternacht hinaus, Gelesenes, Gesehenes, Erlebtes, das sich auf den Verlauf der sich daran anschließenden Nacht und den darauffolgenden Tag auswirkt, sichtbar jenen Faden weiterspinnt, der das Gewebe der Zeit und des Lebens ausmacht. Als Christa Wolf sich 1960 vom Aufruf der Moskauer Zeitschrift „Iswestija“ an die Schriftsteller der Welt, einen Tag im Jahr sorgfältig zu schildern, ansprechen und inspirieren ließ, war noch nicht abzusehen, dass sie dies Jahr um Jahr weiter fortführen und daraus ein durch seine persönliche Note einzigartiges Zeitdokument entstehen lassen würde. Die Frage, warum sie sich dies antue, hat sie sich nicht zuletzt selbst immer wieder gestellt. Sie begründete es sich selbst mit „Horror vor dem Vergessen, das … besonders die von mir so geschätzten Alltage mit sich reißt“, beschreibt es als Versuch von „Anschreiben gegen den unaufhaltsamen Verlust von Dasein“. Stets beschäftigte die 2011 im Alter von 82 Jahren verstorbene Autorin die  Frage, wie ein Leben zustande kommt, ausgehend von der Beobachtung, dass dieses beständig „entwischt“, uns entgleitet, so sehr wir die Augenblicke schreibend festzuhalten versuchen, und der Erkenntnis, das gelebte Zeit „mehr ist als die Summe der Augenblicke“.

Aus ihren jährlich fortgeführten Aufzeichnungen entstand so „Ein Tag im Jahr“, eine Chronik über die Jahre von 1960 – 2000, zu deren Veröffentlichung sie sich spät entschloss. Die Buchpremiere wurde ein großer Erfolg, den sie jedoch nicht ohne gewisse Skepsis zur Kenntnis nahm. „Ich frage mich, ob ich da nicht auf der falschen Party bin“, notiert sie am 27. September 2003 unumwunden. Wiederholt stellt sie sich die Frage, ob diese Tagebuchblätter nicht ihre Unschuld verloren hätten, indem sie die Welt an ihnen teilhaben ließ, kommt zu dem Entschluss, dass die Antwort „Ja“ und „Nein“ lauten könnte. Sie wird sie fortführen bis zu ihrem Lebensende, – nur für sich selbst, nimmt sie sich zunächst vor. Der Wunsch, sich wieder zurückziehen zu können. Sie formuliert an anderer Stelle den Gedanken, „über einen Autor zu schreiben, der sich allem entzieht und von der Welt verschwindet“, den sie ihrem Mann Gerd vortrug. Seine Antwort lautete: „Machen kannst du es nicht. Aber schreiben kannst du es.“ Es ist nicht bekannt, ob der Entschluss, „Ein Tag im Jahr – im neuen Jahrhundert“ herauszugeben, ein gemeinsamer, noch vor ihrem Tode getroffener war; es liegt jedoch nahe, dass auch Gerhard Wolfs nachträgliche alleinige Entscheidung ihre Zustimmung gefunden hätte.

Christa und Gerhard Wolf, – eine besondere, äußerst liebevolle Beziehung, die sich wie ein roter Faden durch das hier vorliegende Zeitgewebe zieht, den allein für sich zu verfolgen fasziniert: eine von gegenseitiger Achtung und Wertschätzung, absolutem Vertrauen und intensivem Austausch geprägte Partnerschaft, die durch alle Lebensbereiche trägt. Wie erlangt man solches? Wer dieser Frage nachgeht, wird fündig: Viele gemeinsame oder verwandte Interessen und Projekte  – und über allem eine bewusste, um die Notwendigkeit der Balance zwischen Leben und Arbeiten wissende Gestaltung des Alltags. Das Wissen um den Wert der kleinen Dinge: Freude über ein gemeinsam zubereitetes Essen, Gespräche, Zusammensein mit der Familie, geteilte Freude und Sorge um die Enkelkinder, welche die Autorin nach eigenen Worten „gern in ein friedlicheres Jahrhundert entlassen“ hätte.

Christa Wolfs letzte elf Jahrestage beginnen am 27. September 2001 mit den einer unbekannten Stimme zugeschriebenen Worten: „Ein Riss im Gewebe der Zeit…“ Prophetische Eingebung? Der Schock von 9/11, erst wenige Tage zurückliegend. Kriegsvorbereitungen der USA. Über der Ungewissheit die Ahnung, dass auf jeden Fall schwierige Zeiten bevorstehen würden. Das neue, alte Kassandra-Thema: Aussprechen müssen, was keiner hören will, das Nicht-anders-Können, Anfeindungen zum Trotz – an Vernunft gemahnende und um Verständigung und Ausgleich bemühte Stimmen sind grundsätzlich verdächtig in Zeiten der Terrorhysterie. Das eigene Leiden an der Bürde dieser prophetischen Gabe – und an den Verhältnissen der Zeit. Kein Ort. Nirgends. Was bereits in den früheren Zeiten der deutschen Teilung empfunden wurde, gilt zunehmend wieder für die letzten Jahre. Das immer wieder erwähnte Gefühl, nicht mehr hineinzupassen. Es kann den bevorstehenden Abschied erleichtern, – muss aber nicht.

Die Bedeutung von Freunden und Weggefährten. Zunehmend während der letzten Jahre die Trauer um die Verstorbenen unter ihnen: „Verlorene Substanz von Menschlichkeit“. Immer wieder bleibt die Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit ein Thema. Sie erwähnt die nachträglich „schmerzliche Überschattung“ von Erinnerungsbildern, die sich in der Kindheit eher als „hell“ eingeprägt hatten, welche in vielen Deutschen so viel Gegenwehr auslöst und wirkliches Erinnern erschwert, – das Thema ihres 1976 erschienenen Romans „Kindheitsmuster“, eines ihrer wichtigsten Bücher. Die ebenfalls vor wenigen Monaten posthum erschienene, ursprünglich ihrem Mann als privates Geschenk gewidmete Erzählung „August“, die vom weiteren Lebensweg und den rückblendenden Erinnerungen des einst kleinen Jungen handeln, den Nelly in „Kindheitsmuster“ im Lungensanatorium kennenlernt, lädt zum Wieder-Lesen des Romans ein.

Ihr letztes Buch wiederum berührt durch das Wissen um ein langsames Abschied-Nehmen. Immer wieder sind die Jahre von Krankheit, Schmerzen, offen ausgesprochener Angst und Müdigkeit überschattet. Der Bericht von 2008, als der Jahrestag in eine Zeit mehrerer langer Krankenhausaufenthalte fällt, liegt im Original nur handschriftlich vor. Rückblickend spricht sie von einem „Altersschub“, nimmt an sich selbst das Nachlassen der inneren Teilnahme am Weltgeschehen und politischen Konflikten wahr. Es fällt der für sie untypische Satz: „Ich fühle mich nicht mehr verantwortlich für das, was geschieht.“ Über allem immer wieder die Frage: „Wie lange noch? Wie oft noch?“ Spricht mit Galgenhumor vom „Warteraum des Gevatters“. Liest im Krankenbett viel in ihren eigenen Büchern, die sie sich zum Verschenken mitbringen ließ, und findet die Texte „zu meinem Erstaunen ‚nicht schlecht‘“. Der wiederum handschriftliche Eintrag von 2011 bricht mitten im Satz ab. Ein Jahr zuvor noch hatte sie notiert, dass sie sich vorstellen könne, „nicht untröstlich zu sein, wenn ich nicht mehr schreiben könnte“. Gelesen, nachgedacht, reflektiert jedoch hat sie bis zuletzt. Der Verlust ihrer Stimme wiegt schwer.

Copyright Bettina Johl

Diese Buchbesprechung erschien am 10.05.2013 in
Glanz & Elend, Magazin für Literatur und Zeitkritik.

Christa Wolf: Ein Tag im Jahr im neuen Jahrhundert – 2001-2011. Suhrkamp Verlag, Berlin 2013. 163 Seiten, 17,95 €. ISBN: 978-3-518-42360-8

Christa Wolf: August – Erzählung. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012. 38 Seiten, 14,95 €. ISBN: 978-3-518-42328-8

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Autor, Bücher, Buchbesprechung, Rezension

Eine Antwort zu “Dokument eines langsamen Abschieds

  1. Ich danke herzlich für diese wunderbare Besprechung, die mich in der Hinsicht glücklich macht, dass ich das Buch schon besitze und mich nun noch mehr auf die Lektüre freue!🙂

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