Orte für die Suchenden (Aus: „Holunderblüten“)

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Unvergessliche Fahrt nach der Abtei Maria Laach, – heiliger Ort für deinen Dichterfreund, den ansonsten erklärten Atheisten. Wie kommt es? – „Ich weiß es nicht. Ich war schon als Kind oft hier. Mit meiner Mutter. Und immer, wenn ich hier herkomme, zünde ich eine Kerze für sie an.“ Die Sprache des Herzens ist manchmal eine andere als die des Verstandes.

Die romanische Klosterbasilika mit ihren klaren, schlichten Formen, am geheimnisumwitterten Laacher See gelegen, dessen Umgebung mit außergewöhnlichen Gesteinsformationen anschaulich seinen vulkanischen Ursprung aufzeigt, – auch dich hat sie bereits in früheren Jahren magisch angezogen. Schon mit dem Eintauchen in die mystische Stimmung im Paradieshofgarten mit dem marmornen Löwenbrunnen eintreten in eine andere Welt. Der Chorraum mit seinen beeindruckenden Mosaiken. Heilig schwere Stille im Gewölbe der Krypta. Eine umfangreiche, verwinkelte Bibliothek, bei deren Anblick sich in euren Tagen mancher an den Film und Roman „Der Name der Rose“ von Umberto Eco erinnert fühlt.

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Ihr nehmt an der Vesper der Mönche teil. Gregorianische Gesänge, jahrhundertealt. Wechselspiel von Frage und Antwort, je von einer Seite des mächtigen Chorgestühls zur anderen. Unergründliches Geheimnis, welches sich irdischer Deutung entzieht. Spontan  hebt am Ende der Hore aus den Reihen der Besucher ein Chor, offenbar ebenfalls auf Reisen, einen mehrstimmigen Vater-unser-Gesang an, welcher die Akustik des romanischen Gewölbes nochmals eindrucksvoll zum Tragen kommen lässt.

Ihr rätselt, woher die besondere Stimmung des Ortes rührt. Sicherlich spielt hier auch die gelungene Trennung von Sakralem und dem auch hier unvermeidlichen Kommerz eine Rolle. Es gibt eine sehr schön eingerichtete Buch- und Kunsthandlung, in der ihr ausgiebig stöbert, auch eine große Gärtnerei und einen Bioladen mit vielen Lebensmitteln aus eigenem Anbau und artgerechter Tierhaltung, aber all dies findet sich so weitläufig angelegt, dass die Kirche  selbst davon weitgehend unberührt und ungestört bleibt. Auf die Besucher der Abtei scheint sich die Würde des Ortes zu übertragen, sie verhalten sich mehrheitlich ihr entsprechend. Du denkst mit Grauen zurück an Köln, an die Ströme laut schwatzender, Kaugummi kauender Touristen, die den Dom heimsuchten und unter ein monströses Blitzlichtgewitter setzten.

Vielleicht spielt der heilige Ernst der hiesigen Mönche eine Rolle. Wohl segnen sie auf Anfrage Kreuze und Rosenkränze, die es in der Kunsthandlung zu erwerben gibt. Wer dies möchte, muss jedoch eigens an der Pforte der Abtei läuten und seinen Wunsch vortragen, findet daraufhin Einlass und wird am Ende mit einem persönlichen Segensgebet wieder entlassen. Dies geschieht gänzlich abseits des Rummels, in aller Stille. Auch du trägst von diesem Augenblick an ein Kreuz an einer Silberkette, Geschenk deines Dichterfreundes, welches dir schon aus diesem Grund sehr viel bedeutet.

Und eure Dichter? Goethe besuchte den Ort auf seiner Rheinreise 1815 in Begleitung des Freiherrn von Stein; ein Relief kündet hiervon. Allerdings sprach er von Koblenz aus rückblickend von der „verödeten Abtey Laach“, deren „bedeutende Reste“ er „mit Vorsicht und Sorgfalt hieher zu retten“ vorschlug, was gewisse Schlüsse auf den damaligen Zustand der Anlage ziehen lässt. Den vulkanischen Charakter des Sees jedoch zweifelte er an,  sprach gegenüber dem Kunstsammler Sulpiz Boiseree in Wiesbadenvom „Loch mit seinen gelinden Hügeln und Buchenhainen“, befand, „es möchte dem Vulkanismus schwerer fallen, die Menniger Steine als Lava durchzuführen und zu erklären vollständig, wie sie geflossen und dahin gekommen…“ Ein solcher Gedanke schien ihm nicht geheuer zu sein.

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Ihr verbringt noch einige Stunden am Ort, lasst die einzigartige Stimmung auf euch wirken. Dein Dichterfreund, in prägender katholischer Tradition erzogen, jedoch infolge der langjährigen Beschäftigung mit der Philosophie sich nicht eben als gläubigen Menschen bezeichnend, scheint offensichtlich dennoch Kraft zu schöpfen aus kirchlichen Symbolen und Ritualen. Du selbst, obwohl protestantisch – und damit eher wortbetont, bildkritisch und ritualarm aufgewachsen, fühlst merkwürdigerweise ähnlich.

„Ich glaube, ich weiß, woran es liegt“, sagst du, „es hat damit zu tun, dass dies ein Ort ist, der von vielen wahrhaft Suchenden aufgesucht wird.“

In der Tat: Euch alle – gleich welchen Bekenntnisses -, euch treibt eine Sehnsucht hierher, die euch vereint. Und das Bewusstsein, dass ihr von den letzten Dingen nichts wissen könnt, ihr vielmehr immer Suchende bleiben werdet, die es stets aufs Neue wagen müssen, sich darauf einzulassen, sich immer wieder neu auf den Weg und auf die Suche zu begeben.

Auszug aus „Holunderblüten“ –
Roman um zwei Liebende auf den Spuren der Dichter
(bisher unveröffentlicht)

Bettina Johl

Weitere drei Leseproben findet ihr durch die Eingabe von „Holunderblüten“ in der Suchfunktion.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Autor, Bücher, Literarische Wanderungen, Roman

Eine Antwort zu “Orte für die Suchenden (Aus: „Holunderblüten“)

  1. Ganz wunderbar beschrieben, ich erkenne ich mich wieder, diese „andere Welt“ liebe ich auch so sehr! Übrigens, „Der Name der Rose“ wurde zum großen Teil im Kloster Eberbach am Rhein gedreht, auch so ein herrlich meditativer Ort, der eine Reise wert ist.

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