Unterwegs im Denken – Peter Sloterdijks „Zeilen und Tage“

Der Karlsruher Philosoph öffnet seine Notizhefte

Keine Frage: Peter Sloterdijk ist en vogue. Seine jetzt unter dem Titel „Zeilen und Tage“ veröffentlichten Denktagebücher werden vom Feuilleton gefeiert, kaum ein kritischer Ton findet sich in den zahlreichen Besprechungen. Wenn ein Buch die Bedürfnisse des feuilletonistischen Zeitalters bedient, um ein Wort Hermann Hesses zu bemühen, dann sind es die „datierten Notizen“ des rastlosen Philosophen aus Karlsruhe, der damit auch sein bislang persönlichstes Buch vorlegt. Entstanden sind sie aus tagebuchartigen Notaten, die Peter Sloterdijk handschriftlich „in linierten DIN-A4-Heften“ Morgen für Morgen festgehalten hat. Eine Publikation war nicht vorgesehen. Ende des Jahres 2011 entschloss sich der Tagebuchschreiber allerdings doch zur Veröffentlichung, indem er sich Heft 100 vornahm, das am 28. Mai beginnt, und seine Niederschriften bis zum Heft 111, das am 8. Mai 2011 endet, transkribierte. Innerhalb dieser Hefte arbeitet sich die Sloterdijksche „Themen-Maschine“ ab an dem, was ihm aufgefallen war und noch bevorstand: Begegnungen, Lektüreeindrücke, Zeitdiagnose von der Euro-Krise bis Fukushima, immer wieder Reiseerlebnisse, Reflexionen und Entwürfe, Gedanken über Gott und die Welt, Polemiken. Entstanden ist ein assoziationsreiches und selbstreflexives, komplexes und heterogenes, zum Teil widersprüchliches und vor Neologismen nur so strotzendes Denktagebuch, ein Glasperlenspiel, das zuweilen zum geisteswissenschaftlichen Quiz gerät und gelegentlich vor Peinlichkeiten nicht zurückschreckt. Bedenkt man, dass im Zeitraum der Notizen vier Bücher Sloterdijks erschienen, so erstaunt schon die rein quantitative Produktion des Karlsruher Philosophen und seine Kreativität nötigt Respekt ab.

Positiv zu konstatieren ist die weitgehend durchgängige Weigerung Sloterdijks, voyeuristische Wünsche des Publikums zu bedienen. Wir erfahren zwar einiges über den begeisternd Rad fahrenden Philosophen, seine Vorliebe für TV-Fußballübertragungen, die er mit Heidegger teilt, und seine unverdrossenen, zuweilen etwas pingeligen Schilderungen der ihn anscheinend faszinierenden Interieurs der Luxushotels während seiner zahllosen Reisen rund um den Globus, nach Stanford und Abu-Dhabi, nach Boston, Paris und New York; ein unentwegt fliegender Händler in Sachen Philosophie. Er notiert die Preise, Ehrungen und Einladungen, die er erhält, Größe der Auditorien und Zuschauerquoten des Philosophischen Quartetts werden akribisch festgehalten. Die Themen, die er in seinen Vorträgen verhandelt, sind so weit voneinander entfernt wie die Standorte, an denen er redet, in immer neuen Anläufen unterwegs zu einer «Umwandlung von Metaphysik in Allgemeine Immunologie und in den diversen Anläufen zu einer Theorie der Psychopolitik», die er als roten Faden seiner Denkbewegungen konstatiert. Im gleichen Kontext attestiert er seinem ersten Biographen Hans-Jürgen Heinrichs, davon kaum etwas wahrgenommen zu haben.

An der „Kritischen Theorie“ und den 68ern müht er sich nach wie vor ab, und seine Reaktion auf Kritik an seinen Zeitdiagnosen gerät nicht immer souverän. Seine etwas abseitigen Vorschläge zur Steuerpolitik, von ihm selbst überschwänglich  als „thymotische Steuerreform“ deklariert,  der Ersetzung der Steuern durch freiwillige „Gaben“ der Wohlhabenden, haben Axel Honneth alarmiert, exponierter Schüler von Jürgen Habermas und zugleich einer der wichtigsten Vertreter der „Frankfurter Schule“. In seinem Beitrag „Fataler Tiefsinn aus Karlsruhe“ warf Honneth seinem Kollegen die Verletzung der Normen intellektueller Redlichkeit vor, dessen Thesen zum Sozialstaat bezeichnet er als „verschroben“ und „baren Unsinn, der sich einer Mischung aus historischer Ignoranz und theoretischer Chuzpe verdankt“. In diesem philosophischen Klassenkampf,  abwechselnd in der ZEIT und FAZ ausgefochten, steckte Sloterdijk nicht zurück und bescheinigte Honneth seinerseits einen „Lektürerückstand von sechstausend bis achttausend Seiten“ bezüglich seiner Arbeit vor, wie er in den Notizen referiert. Dies alles macht „Zeilen und Tage“ für den zum Vergnügen, der derartige Dehnübungen goutiert, der Philosophie als geistiger Disziplin und Übung wird allerdings ein Bärendienst erwiesen, zu kleingeistig und ressentimentverdächtig sind hier die Attacken.

Dies schmälert insgesamt den intellektuellen Gewinn nicht, der aus der Lektüre dieses Denktagebuchs gezogen werden kann, nicht wenige der Aphorismen, Essays und Rezensionen sind sprachliche Pretiosen und treffende philosophische Analysen zugleich. Unübertrefflich das Fichte- Zitat und Sloterdijks Kurzkommentar zur Neurophilosophie vom 22. November 2010: „‘Die meisten Menschen würden leichter dahin zu bringen sein, sich für ein Stück Lava im Monde als für ein Ich zu halten.‘ Sag statt Lava Gehirn, und Du bist auf der Höhe der Diskussion.“  Unter dem 26. Juni 2010, Sloterdijk hat Geburtstag, findet sich das Notat: „Lagebestimmung, datumsgemäß. Der Philosoph ist unter der Decke eingerollt, der Autor unauffindbar, der Hochschullehrer reif für die Klinik.“  Der letzte Eintrag vom 8. Mai 2011 lautet: „Ein Freund sagt: Halte auf Dich, bleib gesund, die Welt braucht uns noch eine Weile.“ Die Geister werden sich auch in Zukunft an Peter Sloterdijk scheiden, doch auch das kann ein Zeichen philosophischen Ranges sein.

Dieter Kaltwasser

(Der Beitrag erschien erstmals am 25. September 2012 im General-Anzeiger Bonn)

Peter Sloterdijk: Zeilen und Tage. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012. 639 Seiten, 24,95 €.

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