„By a Lady“ – Zum Tee mit Jane Austen

Portrait of Jane Austen, from the memoir by J....

Portrait of Jane Austen, from the memoir by J. E. Austen-Leigh

„Man trinkt Tee, damit man den Lärm der Welt vergisst“. Das bekannte chinesische Sprichwort sehe ich in meiner Erinnerung auf einem Schild über dem Ausschank meines während langer Jahre bevorzugten Teegeschäftes prangen. Jener befand sich im hinteren Teil des Ladens, der bereits beim Eintreten für sich selbst eine Oase von Düften, Klängen und dem herzerwärmenden Anblick glänzender Teebehälter, schönen Geschirrs und allerlei wundersamer Dinge bot. Beim Schließen der Tür blieben Lärm und das hektische Treiben der Großstadt draußen; man befand sich in einer anderen Welt. Wenn die nächsten Erledigungen nicht allzu sehr drängten, zog man sich nach Aufgabe seiner Bestellung in jenen hinteren Bereich zurück, um die schweren Einkaufstaschen abzustellen und in Ruhe eine Tasse heißen, dampfenden Tees zu sich zu nehmen. Ein Zimmerbrunnen plätscherte, der Samowar summte, hin und wieder war das melodische Türglockengeläut zu hören; es gab vieles zu betrachten und zu bestaunen, – und fast immer stellte man fest, dass man noch dies und jenes benötigte, gab zuweilen mehr Geld aus als geplant, ohne dies allerdings allzu sehr zu beklagen.

Vor einiger Zeit jedoch, als ich dort wie gewohnt einkaufen wollte, stand ich unvermittelt vor verschlossener Tür – und blickte durch die Scheibe in einen kahlen Raum. Ein Schild wies darauf hin, der Laden sei keineswegs aufgegeben, man stehe in zwei Kaufhausfilialen ganz in der Nähe  selbstverständlich weiterhin mit dem gewohnten Angebot zur Verfügung. Ich bin seither nur noch selten dort gewesen. Der Zauber ist dahin, – kein bisschen tröstlich das Wissen, dass mein Tee-Laden das Schicksal mit vielen alteingesessenen kleinen Läden teilt, die in den vergangenen Jahren schließen mussten, während die große Handelsketten die Städte mehr und mehr uniformieren. Der Gedanke, nun ins Warenhaus zu müssen, wo sich die Teeabteilung zwischen Wurst- und Käsetheke zwängt, schreckt mich; ebenso könnte ich gleich den Supermarkt aufsuchen. Der sprichwörtliche „Lärm der Welt“ hat inzwischen auch mein Teegeschäft heimgesucht.

Mein bestes Teeservice erstand ich dort in jungen Jahren und trug es mit Stolz nach Hause. Es ist noch vollständig erhalten, – kein Stück fehlt, nichts davon ging bislang zu Bruch. Ich habe es allerdings nicht so oft benutzt wie mein rustikales  Alltagsteegeschirr, welches deutlich mehr Gebrauchsspuren aufzeigt. Der Knauf am Deckel der in gestuften Brauntönen gehaltenen, bauchigen Steingutkanne ist geleimt, da er gleich in den ersten Jahren einmal hart zu Boden ging; er wackelt unter dem dampfendem Inhalt  der Kanne zuweilen bedenklich, hielt jedoch über die Jahre hinweg allen Belastungen stand. Es handelt sich hier um eine Teekanne der ersten Stunde einer wahren Teebegeisterungswelle, die in den achtziger Jahren Deutschland heimsuchte, während man zuvor, sofern man nicht in Küstengegenden wohnte, Teeblätter nur in Beutelform gepresst kannte. So gab es  plötzlich in Spezialgeschäften offene Tees aller Sorten – oft unsäglich aromatisiert, aber sie alle wollten von uns neugierigen jungen Leuten durchprobiert werden. In meinem Heimatort gab es plötzlich einen kleinen Laden, der nebst Tee allerlei Geschenk-Krimskrams und vor allem Scherzartikel vertrieb, so dass er uns als zu jedem Unsinn aufgelegte vierzehnjährige Schülerinnen ohnehin magisch anzog. Ich selbst jedoch hatte bald andere Sorgen: Dort in einem der Regale stand mein Teeservice! Es bestand nur aus jener Kanne, Stövchen und sechs schlichten Bechern, und es kostete für meine Verhältnisse ein Vermögen: das Taschengeld von eineinhalb Monaten! Ich weiß nicht, wie oft ich mich in den Wochen, während derer ich knickerte und knauserte wie der sprichwörtliche Geizhals, immer wieder zu diesem Laden schlich, um ängstlich nachzusehen, ob es noch an derselben Stelle stand, mir buchstäblich die Nase an der Schaufensterscheibe platt drückte. Ich hatte Glück, nach einiger Zeit war es glücklich in meinem Besitz und hat mich seither überall hin begleitet. Wo immer es im Schrank steht, bin auch ich zu finden, wo es hingegen verschwindet, ist zu Recht zu befürchten, dass auch ich das Weite gesucht habe, – und dass aus seiner Kanne – dieser meiner ältesten! – der Tee am besten schmeckt, ist ein offenes Geheimnis.

Von jeher umgab den Tee stets das Flair des Besonderen. Als im 17. Jahrhundert mit den Handelsschiffen, die zunehmend Ware aus fernen Kontinenten an Bord führten, die ersten Teeclipper vor der niederländischen Küste anlegten, ließ sich noch nicht vorhersehen, welchen Wandel in der europäischen Trinkkultur dies auf den Weg bringen würde. Die zuvor unbekannten Genussmittel Kaffee, Tee und Schokolade verbreiteten sich in Windeseile, wenngleich sie auch zunächst Kreisen vorbehalten waren, die sich diese leisten konnten. Während sich auf dem Kontinent vor allem der Kaffee etablierte, setzte sich der Tee vermehrt in Küstenregionen und auf den britischen Inseln durch. Zuvor kannte man in Europa nahezu ausschließlich alkoholische Getränke, die jahrhundertelang in beträchtlicher Menge konsumiert wurden. So trank man in England, dem Land, welches wir heute gedanklich ganz selbstverständlich mit Tee in Verbindung bringen, noch zu Zeiten von Königin Elisabeth I. bevorzugt – selbst zu früher Morgenstunde – Bier. Es sind nicht nur böse Zungen, die behaupten, die zunehmende Ernüchterung, die mit dem Siegeszug des Tees und Kaffees einsetzte, hätte der europäischen Aufklärung Vorschub geleistet!

Bevorzugt die Frauen waren es, die das neue Getränk schätzen und lieben lernten. Als erste soll Katharina von Braganza, die Frau König Charles II., den Tee auf der Insel eingeführt haben; nach der Glorious Revolution begann Queen Anne, die Bier auf nüchternen Magen offenbar nur schlecht vertrug, den Tee auch als Frühstücksgetränk populär zu machen. Im Laufe der Zeit wurde der Tee auch in bürgerlichen Kreisen erschwinglich. Insbesondere die Damenwelt schätzte ihn, weil er ihnen ermöglichte, eigene Einladungen zu Geselligkeiten auszusprechen, während derer ein edles und hochwertiges Getränk unter aller Wahrung von Schicklichkeit angeboten werden konnte. Während Frauen zu den damaligen Kaffeehäusern keinen Zutritt hatten, standen ihnen die Teegärten offen, welche sich bei beiden Geschlechtern zunehmender Beliebtheit erfreuten. Dem „Lärm der Welt“ entging man so freilich weniger, aber der Tee hatte einen entscheidenden Vorzug: Er galt – nachdem anfängliche Verteufelungsversuche von Tee-Gegnern kläglich gescheitert waren – als gesund und ermöglichte Erholung, Entspannung und Regenerierung bei einem Getränk, welches anregte, ohne jedoch zu berauschen.

Geselligkeiten bereicherten den Alltag, ermöglichten Austausch und lieferten nicht zuletzt Stoff für eine neue Literaturgattung, die sich im 19. Jahrhundert herausbildete: den Roman. Und so wird auch in den Romanen der großen Schriftstellerin Jane Austen, selbst einer großen Teekennerin und –liebhaberin, mit großer Leidenschaft Tee getrunken.

Jane Austen, die 1775 geborene Pfarrerstochter, die ihre Romane stets ohne Nennung ihres Namens, lediglich mit dem Vermerk „By a Lady“ veröffentlichte, brachte es sehr bald zu einer sprachlichen Formvollendung, die ihr bei der Literaturkritik einen mit dem Dramatiker Shakespeare vergleichbaren Rang eintrug. Der Versuch, eine deutsche Entsprechung für sie zu finden, will nicht gelingen. Ich rufe mir den Zeitraum ins Gedächtnis: Geboren fünf Jahre nach Hölderlin, fünf Jahre vor Karoline von Günderrode, zehn Jahre vor Bettine Brentano, spätere von Arnim. Beispiele für begabte junge Menschen aus dem Bürgertum, die sich allesamt schwer taten mit der Zeit und der Gesellschaft, in die sie hineingeboren waren, die oft außergewöhnliche Wege gingen, manchmal vermeintlich scheiterten, jedoch alle weit über ihre Zeit und die Grenzen ihres Landes hinaus wirkten. Der Versuch, in jenen Tagen literarisches Schaffen und ein lebbares Leben in Einklang zu bringen, wurde gerade für Frauen oftmals zur Zerreißprobe. Die sensible Karoline von Günderrode litt unsäglich darunter und wählte mit sechsundzwanzig Jahren den Freitod, die eher robustere Bettine verschwand für viele Jahre, während derer sie ein Gut bewirtschaftete und sieben Kinder gebar und großzog, mehr oder weniger in der Versenkung und veröffentlichte erst in späteren Jahren, in einem Alter, das viele Frauen ihrer Zeit oftmals gar nicht erreichten.

Auch Jane Austen war leider nur ein kurzes Leben beschieden, in dessen Verlauf sie unverheiratet und kinderlos blieb. Während in Deutschland manche gebildete Pfarrerstochter heiratete und zur Dichtermutter wurden – man nehme Johanna Christiana Hölderlin, geb. Heyn, und Charlotte Dorothea Mörike, geb. Bayer -, taten sich in England vermehrt Pfarrerstöchter hervor, die – zumeist weniger aus eigenem Antrieb, denn aus Mittellosigkeit – unverheiratet blieben und das Beste aus ihrer Situation machten, die Chance ergriffen, sich ein Minimum an persönlichem Freiraum zu erkämpfen und zu behaupten, – und – wie Jane Austen und die Schwestern Brontë – selbst zu Schriftstellerinnen wurden. Welche Rolle dem Tee bei solcher Entwicklung zugekommen sein könnte, – diese Frage bleibt natürlich wilde Spekulation!

Wie die üblichen Gesellschafts- und Sittenromane handeln auch die Werke Jane Austens zumeist vom Schicksal noch unverheirateter Frauen, die darum kämpfen, letztlich den geliebten Partner fürs Leben heiraten zu können. Allerdings verwandelt sie den romantischen Erzählstoff mit feinsinnigem Humor und spitzer Feder in ein Spiegelbild der Gesellschaft ihrer Zeit, kritisiert und karikiert treffend die herrschenden Verhältnisse und die Menschen, die sich in ihnen bewegen, samt all ihrer Schrullen und Befindlichkeiten, was ihre Bücher noch heute in aller Welt zur beliebten Lektüre macht. Bereits zu ihren Lebzeiten wurden einige ihrer Werke ins Französische und Deutsche übersetzt.

In dem liebevoll gestalteten Buch „Jane Austen bittet zum Tee“ der Amerikanerin Kim Wilson, welche sich als langjähriges Mitglied der Jane Austen Society of North America ausgiebig mit Leben und Werk der Schriftstellerin befasst hat, feiern wir Wiedersehen mit unvergessen gebliebenen Figuren wie Mr. Darcy in „Stolz und Vorurteil“ und Miss Bates in „Emma“. Es gewährt kurzweiligen Einblick in die gesellschaftlichen Verhältnisse, Gebräuche und Gepflogenheiten der Zeit, auf deren Schilderung Jane Austen sich mit ihrer scharfen Beobachtungsgabe wie keine andere verstand. Wir begleiten die Dichterin und ihre Protagonisten durch den Tag und erfahren eine Menge über den Einsatz von Tee vom Frühstück über den Fünf-Uhr-Tee bis zum abendlichen High-Tea, ebenso dessen Einsatz in kritischen oder anstrengenden Lebenssituationen wie bei Krankheit oder auf Reisen. Selbst die in Romanen jener Zeit beliebten entführten Heldinnen, über die Jane Austen sich bevorzugt lustig zu machen pflegte, kommen hier nicht zu kurz. Wir begleiten sie desweiteren zu Einladungen und Gastaufenthalten auf Godmersham, dem vornehmen Anwesen ihres Bruders Edward oder bei ihrem Cousin in der Abtei von Stoneleigh in Warwickshire- oder zu Einkaufstouren in nächstgelegene Städte und in die Londoner Geschäfte, erstehen mit ihr den Tee bei Twinings und das Porzellan selbstverständlich bei Wedgwood. Ferner erfahren wir Interessantes und Abenteuerliches über Teehandel und Teeschmuggel und bekommen aufgezeigt, warum selbst Hausherrinnen, die sich viel Personal leisten konnten, die Zubereitung des Tees lieber selbst in die Hand nahmen und diesen sorgfältig unter Verschluss hielten. Fotos aus dem Jane-Austen’s-House-Museum in Chawton sowie Detailansichten aus Gemälden, Zeichnungen und Stichen lassen die Zeit der Schriftstellerin vor unseren Augen lebendig werden. Auszüge aus ihren Briefen, von denen leider nur wenige erhalten sind, aber auch Dokumente von Zeitgenossen, helfen, das Bild zu vervollständigen.

Wer zum Tee köstliche Beigaben schätzt, kann sich darüber hinaus an allerlei alte Rezepte heranwagen oder diese in abgewandelter Form ausprobieren, vom üppigen Plumcake über Eiscreme, Syllabub und Orangengelee bis hin zum berühmt-berüchtigten Haferschleim, auf welchen Emmas Vater, Mr. Woodhouse, unter keinen Umständen verzichten mochte. Angenehm fällt auf: Bei den häufig sehr promillelastigen Zutaten der vorgestellten Rezepte fehlt niemals eine alkoholfreie Variante als Alternative. „Jane Austen bittet zum Tee“ ist eine vergnügliche, literarische wie informative Lektüre für die Tee-Bibliothek, aber ebenso für alle, die Jane Austens Werke kennen und schätzen – oder gerne noch kennenlernen möchten. Am besten natürlich bei einer guten Tasse Tee!

© Bettina Johl

Kim Wilson/Birgit Fricke (Übers.): Jane Austen bittet zum Tee
Gerstenberg Verlag, 128 Seiten, 19,95 €
ISBN 978-3-8369-2673-7

Bei OSIANDER bestellen

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Autor, Bücher, Buchbesprechung, Gesellschaft, Literaturgeschichte, Rezension

Eine Antwort zu “„By a Lady“ – Zum Tee mit Jane Austen

  1. Toller Blog! Tee ist zwar nicht meine Baustelle, aber die Rezensionen gefallen mir gut.

    Viele Grüße

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s