Holunderblüten – Roman von Bettina Johl (Leseprobe II)

IV

In deinen Tälern wachte mein Herz mir auf
Zum Leben, deine Wellen umspielten mich,
Und all der holden Hügel, die dich
Wanderer! Kennen, ist keiner fremd mir.
Friedrich Hölderlin (Aus: Der Neckar)

*

Dein Dichterfreund sagt, er habe bereits beim Lesen dieser Zeilen das Gefühl gehabt, nach Hause zu kommen, und dir geht es ähnlich; du hast es nie zuvor so stark empfunden wie gerade jetzt, und du fragst dich, woran es liegen mag.

Das Frühstückszimmer mit Blick auf Kanal und Fluss; ihr beobachtet Graureiher in ihrem majestätischen Flug, farbenfrohe Nilgänse und die pfiffig aussehenden Kormorane mit ihren Tauchkünsten, wettet darüber, wie lange sie unter Wasser bleiben und wann wo wieder auftauchen würden. Unterdessen turnen die Kohlmeisen vor dem Fenster in den Ästen herum; ihr hört sie morgens singen, vorausgesetzt, ihr verfügt über ausreichend Mut, das Fenster zu öffnen und der frostigen Morgenluft Einlass zu gewähren. „Die Meisen singen, – es wird bald Frühling!“, sagst du, wider besseres Wissen.

Ab und zu ziehen Binnenschiffe durch den Kanal; ihrer sind mehr, als du um diese Jahreszeit erwartet hättest. „Schau sie Dir an, sie sind gewachsen!“, sagst du im Scherz, – wirkten sie doch am mächtigen Rhein, wo ihr euch einst kennenlerntet, bedeutend kleiner.
Die Wirtsleute sind freundlich, – auch wenn ihr sehr bald mit schwäbischen Eigenarten konfrontiert seid. „Keine Kühltaschen im Frühstücksraum, kein Mitnehmen von Frühstücksbrötchen erwünscht!“, so ist es einem am Empfang angebrachten Schild zu entnehmen. Schützt man sich hier einfach nur vor einer – nicht nur den Schwaben unterstellten – Hamstermentalität? Dein Dichterfreund liest und staunt. Dies reizt dich doch sehr, Schwabenwitze zum Besten zu geben: „Kennst du den mit den Schwaben, die in die Gletscherspalte gefallen sind? – Ruft es von oben herunter: Hier ist die Bergwacht! – Schallt es von unten rauf: Mir gebet nix!“

Frühstück gibt es bis 10 Uhr, keine Minute länger; pünktlich fünf vor zehn wird die Frage gestellt, ob ihr noch etwas vom Buffet wünscht, oder ob man abräumen könne, und kurz darauf kommt geräuschvoll und unerbittlich der Staubsauger zum Einsatz. Ihr hingegen habt tatsächlich den Nerv, bis halb elf auszuharren und eure Gespräche fortzusetzen, habt so vieles nachzuholen, handelt euch zuweilen erstaunte Blicke von umliegenden Tischen ein, liebt es, die Sache auf die Spitze zu treiben, euren letzten und allerletzten Kaffee zu genießen, bevor ihr dann doch fluchtartig das Weite sucht, denn es ist euch ja recht; ihr wollt ja noch etwas haben vom Tag, eurem Tag.

V

Froh kehrt der Schiffer heim an den stillen Strom
Von fernen Inseln, wo er geerntet hat;
Wohl möchte auch ich zur Heimat wieder;
Aber was hab ich, wie Leid, geerntet? –
Ihr holden Ufer, die ihr mich auferzogt,
Stillt ihr der Liebe Leiden? Ach! gebt ihr mir,
Ihr Wälder meiner Kindheit, wann ich
Komme, die Ruhe noch einmal wieder?

Friedrich Hölderlin (Die Heimat)

*

Welche Spuren werdet ihr noch finden in der kleinen Stadt, die, seit du zurückdenken kannst, stets ihre zehntausend Einwohner hatte, kaum mehr, kaum weniger, und auch zwischenzeitlich – da völlig ohne Eingemeindungen geblieben – nur wenig an Zuwachs zu verzeichnen hatte?

„Hölderlinstadt“ steht auf der neuen, blauen Tafel am Bahnhof, unter der ihr euch anfangs wiederfandet, einer in den Augen des anderen versinkend, alles um Euch völlig außer Acht lassend. Das Gelände ist dir unvertraut; das Bahnhofsgebäude, wie du es kanntest, gibt es längst nicht mehr. Das Areal wurde zweckmäßig – für dein Empfinden hässlich! – überbaut. Keine Ähnlichkeit mit früheren Tagen, – damals nicht minder hässlich übrigens, aber ohne die drangvolle Enge. Einen schöneren Bahnhof musste es vor dem Krieg gegeben haben, bevor die Fliegerbomben auf diesen niedergingen; du kennst ihn nur von alten Fotografien, auf denen auch noch das einst benachbarte alte Postgebäude zu sehen ist. Die Schilderungen deines Vaters, – Geschichten, die du als Kind nicht oft genug hören konntest, mit jener Neigung zum gruselig Makaberen, die Kindern zuweilen eigen ist: „Die Leute kamen aus dem Luftschutzkeller und sahen den freien Himmel und Rauchschwaden über sich, – weg war der Bahnhof!“ – „Papa, – erzähl `s nochmal!“

Die „holden Ufer“, – hiervon allerdings könntet ihr noch eine Vorstellung bekommen; dieser Abschnitt des Flusses hat sich sehr viel von seiner Ursprünglichkeit bewahren können. Die Respekt gebietenden Stromschnellen, die dem Ort seinen Namen verliehen, sind von der alten Brücke eindrucksvoll zu beobachten. Diese liegt an der Stelle, an welcher der Fluss es vor Jahrtausenden allzu eilig hatte, – keine Lust mehr verspürte, seiner alten Schleife in ihrer vollen Länge zu folgen, den Felsen durchbrach und sich selbst eine Abkürzung schuf.

In der alten Neckarschlinge mit dem ihr verbliebenen Altwasser hat sich indessen eine außergewöhnliche Vegetation herausgebildet. Die Gegend ist ein Paradies für seltenere Vogelarten, – Wasservögel insbesondere. Der Wald am ehemaligen Uferprallhang ist nicht groß, ein schmaler Streifen Wald im Grunde nur, den dein Dichter „mit den Wäldern meiner Kindheit“ nicht gemeint haben kann, da er seine weiteren Kinder- und Jugendjahre in Nürtingen verbrachte, wo er vielmehr die dortige Gegend durchstreifte, in der Nähe des sagenumwobenen Ulrichsteins seine Lieblingsplätze hatte, an die er sich zurückzog, allein – oder manchmal auch mit seinem jüngeren Bruder Karl, um diesem vorzulesen. Orte, die du selbst nur vom Lesen und Hörensagen kennst. Dies hier ist hingegen „dein“ Wald, der Wald deiner Kindheit, den du zuerst mit diesem Begriff in Verbindung bringst. Vielfältig hast du ihn durchstreift, tust es oft in nächtlichen Träumen noch, und manchmal stiehlst du dich heimlich zu ihm hin. Hier lässt sich mehr Wild beobachten als irgendwo sonst, da die Tiere sich nur in wenige Winkel zurückziehen können; häufiger als anderswo kreuzen Reh und Hase den Weg, und im letzten Frühjahr konntest du mitten auf einem grasüberwachsenen Weg zwei kleine Jungfüchse beim Spielen beobachten. Sie waren vielleicht zehn Meter entfernt und bemerkten dich lange Zeit überhaupt nicht, – du weißt es: solches Glück ist uns – wenn je im Leben – nur sehr selten beschieden.

Im März sind die Böschungen von kleinen blauen und vereinzelt weißen Sternen übersät: Wildwachsende Scilla – auch Blaustern genannt -, eine frühblühende Blumenart, die nicht überall zu finden ist, weil sie wohl diese besonderen Bodenverhältnisse benötigt. Für dich gehörte sie wie selbstverständlich zum Frühling; als Kinder pflücktet ihr sie gedankenlos, schien sie euch doch so zahlreich vorhanden, aber viele Menschen kennen sie nicht, allenfalls ihre kultivierte Verwandte in Parks und Gärten, welche sich jedoch nicht annähernd mit ihr vergleichen lässt. Erst als du für längere Zeit in anderen Gegenden lebtest, merktest du zunehmend, dass etwas am Frühling seit längerem nicht stimmte, verkehrt war, dass etwas Entscheidendes fehlte. Dieses besondere Blau, welches erst ins Auge fällt, wenn dein Blick länger auf den Grün-, Braun- und Grautönen der noch vom ausklingenden Winter kündenden Wiese verweilt. Im Wechsel von Licht- und Schattenspiel der Frühlingssonne in den noch unbelaubten Erlen und Weiden blitzt es plötzlich hier und da vereinzelt auf, – bis die Böschungen jäh von einem blauen Zauberteppich überzogen leuchten, der alles wandelt. Der Märchenwald ist eröffnet, – das Stück spielt nur für dich. Selbst der Gesang der Vögel klingt verändert, scheint unbekannten Traumsphären zu entsteigen. Zu Störenfrieden werden kurzzeitig andere Spaziergänger, Jogger und Radfahrer. Aber auch sie schaffen es merkwürdigerweise nicht, dir die Stimmung zu verderben. Du siehst sie vorbeihasten, freundlich grüßend oder stumm. Sie gehen weiter, als wäre nichts geschehen. Sie sehen es nicht. Für sie ist der Wald wie immer. Auf die wenigen, die es hingegen wahrnehmen, die sich in derselben Dimension bewegen, triffst du selten. Sie suchen die Zurückgezogenheit, möchten mit all dem allein sein, – wie du.

Für all dies jedoch ist es noch zu früh, – noch ist Winter; ihr spürt ihn kaum, ihr habt eure eigene Jahreszeit eröffnet. Ihr wollt zu eurem Dichter; dies erfordert einiges Sich-Überwinden angesichts der klirrenden Kälte und das Überqueren des Flusses über die Bogenbrücke. Hinaus in die schneidende Winterluft; es gibt kein falsches Wetter, nur falsche Kleidung, so heißt es, eine Ansicht, die nicht alle zu teilen scheinen. Ihr trefft draußen auf nur wenige, ebenso unkenntlich vermummte Gestalten. Das Museum öffnet erst am frühen Nachmittag; ihr seid zu früh und erkundet einstweilen den als „Dorf“ bezeichneten älteren Teil der Stadt auf der anderen Seite des Neckars, im Gegensatz zum „Städtle“, in dem ihr untergebracht seid. Das Dorf sei immer der bedeutendere Teil von beiden geblieben, liest du später; beide Stadtteile bildeten überhaupt erst ab dem frühen letzten Jahrhundert einen Gemeindeverband, sollen aber lange davor bereits eine gemeinsame Kasse verwaltet haben. Dies war gewiss nur mit schwäbischer Disziplin durchzuhalten!

Ihr erklimmt die steilen Gassen, die zur Kirche hinauf führen. Über eine von ihnen führt vom erhöht liegenden Kirchhof eine kleine Brücke zum Eingang des Pfarrhauses auf der anderen Seite, – der einzige Weg, direkt in die Pfarrwohnung zu gelangen. Du erinnerst dich, sie in der Konfirmandenzeit oft überquert zu haben. „Unser Pfarrer“, erzählst du, „war locker drauf. Er sagte zu uns: ‚Lernt den Katechismus nach und nach, und wenn ihr etwas auswendig könnt, kommt einfach vorbei und sagt es mir auf‘, und so hielten wir es, gingen hin und wieder nachmittags beim Pfarrer vorbei, hielten Kaffeeplausch, sagten unsre Verse auf, bekamen das entsprechende Häkchen auf unserer Liste – und für den Rückweg noch ein paar Gemeindeblättchen zum Austragen mit. Auf diese Weise war das Konfirmandenleben für beide Seiten gut auszuhalten.“ Mehr Sorgen hatten dir stets die Ankündigungen des Pfarrers, während dieser Zeit Hausbesuche durchzuführen bereitet, zu welchen es glücklicherweise jedoch nie kam, da er stets zu beschäftigt war und letztlich keine Zeit fand. Er drohte nämlich, – ob im Scherz oder im Ernst war bei ihm nie so recht festzustellen! -, bei solchen Gelegenheiten die Eltern nach einer Bibel zu fragen und an dieser die Häufigkeit ihres Einsatzes im Haushalt treffsicher an Größe und Umfang der beim Blättern aufsteigenden Staubwolke feststellen zu können. Dies war dir dann doch nicht so ganz geheuer, war doch die Frömmigkeit bei dir zuhause weniger schriftorientiert. Nach einer Familienbibel, nur zum Zweck, selbige vorsorglich rechtzeitig abzustauben und damit des erhärteten Verdachts zu entgehen, in einem heidnischen Umfeld aufzuwachsen, hättest du vermutlich erst einmal sehr lange in den Tiefen sämtlicher Bücherschränke suchen müssen.

Im Übrigen interessierte diesen Pfarrer – ihm sei an dieser Stelle ein Denkmal gesetzt! – grundsätzlich alles, was seine Schäfchen beschäftigte; er war unter anderem ein großer Sports- und Pferdefreund, so auch bei sportlichen Ereignissen stets mitten unter den Menschen zu finden. Wenn ein Reitturnier stattfand, ging es Sonntag früh hinaus aufs weit entlegene Reitgelände, und dort wurde im Freien ein Gottesdienst für Pferd und Mensch abgehalten. Er selbst hatte sichtlich seine Freude an den Vorführungen, blieb oft noch lange vor Ort, setzte sich mit den Leuten in lockerer Runde zusammen und auseinander, teilte Freud und Leid mit ihnen. Leider war ihm kein langes irdisches Leben mehr vergönnt; jemand erzählte vor Jahren, er sei bereits kurz nach Eintritt in den Ruhestand gestorben und liege auf einem der hiesigen Friedhöfe begraben.

Du selbst warst ja lange nicht hier, hattest den Bezug zu allem verloren, triffst auch heute nahezu auf keine bekannten Gesichter, – am ehesten noch auf diejenigen, die du lieber nicht kenntest, aber wer kann sich das aussuchen? Du bist immer eigene Wege gegangen und tust das auch jetzt wieder. Und wenn du in diese Stadt zurückgekehrt bist, dann um des Dichters und deines geliebten Freundes Willen, der wie du auf dessen Spuren ist, der ihn dir unerwartet wieder nahe brachte, dir Verse ins Gedächtnis zurückrief, die du einst zwar gelesen, aber inzwischen längst vergessen hattest, darunter auch viele, die du noch nicht kanntest, so dass du dir den einzigen Gedichtband, der eher ein Alibi-Dasein in deinem Regal fristete, wieder vornahmst und stauntest über den neu gewonnenen Reichtum dieser Verse, und darüber, wie vieles davon mit euch zu tun hatte.

Die Kirche, in spätgotischer Zeit errichtet, nachdem eine Vorgängerkirche durch Blitzschlag abgebrannt war, wie es eine Schrift an der Wand eindrücklich in alter Sprache und schwer lesbarer, verschnörkelter Schrift schildert, umfängt euch mit der Stille und Würde, die solch ursprünglich alten Gemäuern oft noch innewohnt. Du erinnerst dich an sehr schöne, feierliche Christmettgottesdienste, die – wie es sich gehört, findest du! – wirklich noch zur Mitternacht gehalten wurden, nicht wie heute fast allerorten bereits um 10 Uhr abends. Warum dies eigentlich? Weil es jeder eilig hat, zurückzukehren zu Punschglas und Geschenkwahnsinn? Ob sich diese Tradition der Mitternachtsmette wenigstens hier erhalten hat? Es wäre wohl eine Erkundung wert. Aber die Weihnachtszeit ist soeben vorüber. Hier für künftige Tage die Zelte aufschlagen? Er neu, – du wieder neu? Wäre dies eine Option? Ihr seid Teil des Schweigens an diesem Ort, eure Gedanken jedoch gehen in ähnliche Richtungen.

VI

Seliges Land! kein Hügel in dir wächst ohne den Weinstock,
Nieder ins schwellende Gras regnet im Herbste das Obst.
Fröhlich baden im Strome den Fuß die glühenden Berge,
Kränze von Zweigen und Moos kühlen ihr sonniges Haupt.

Friedrich Hölderlin (Aus: Der Wanderer, 1. Fassung)
Inschrift des Hölderlin-Denkmals

*

Das Museum, wo ihr fündig zu werden hofft, ist klein, – zu klein, wie ihr meint, für einen Dichter seiner Größe! – und liegt auf besagtem Klostergelände. Dort entstand um das einstige Frauenkloster eines Dominikanerordens eine eigene Siedlung, die den Namen „Zur Brücken“ getragen haben soll, welche später dann schlicht „Dörfle“ genannt wurde. Der Vater des Dichters war Klosterhofmeister, zu einer Zeit, da es längst nur noch um die Verwaltung von Gütern ging. Nonnen lebten dort schon seit zweihundert Jahren zuvor keine mehr; unmittelbar nach der Reformation wurden keine Novizinnen mehr aufgenommen. In der Regel verhielt es sich, dass aufgelöste Frauenklöster zu Wirtschaftsgütern, die Mönchsklöster hingegen – wie Maulbronn – zu theologischen Bildungsstätten für angehende protestantische Pfarrer umgewandelt wurden.

Vom Kloster selbst sind nur noch Teile des Kreuzganges erhalten, die inzwischen nicht mehr an ihrem ursprünglichen Platz stehen. Die ehemalige Kirche, welche heute das Museum beherbergt, wurde erst in späteren Tagen neu aufgebaut. Sie wurde zu der Zeit, in die deine Erinnerung zurückreicht, noch als solche für die katholische Gemeinde genutzt, welche eher klein war, denn seit die Stadt – übrigens als erste Württembergs – reformiert wurde, überwog stets der Anteil der Bevölkerung evangelischen Bekenntnisses.

Um dorthin zu gelangen, gilt es, die Bahnlinie zu unterqueren, an die zu eures Dichters Kinderzeit zunächst noch niemand dachte. Immerhin fiel die Erfindung der Eisenbahn selbst noch in dessen Lebenszeit; fraglich allerdings, ob er davon noch etwas mitbekommen hatte. Wo die Straße zum Klosterhof abzweigt, hat man einen Kreisverkehr angelegt und in dessen Mitte ein monströs anmutendes Kunstwerk errichtet, welches eurem Dichter ein modernes Denkmal setzen sollte.

Ihr betrachtet es staunend; es wird ein wenig dauern, bis es sich euch völlig erschließen wird. Was um Himmels Willen soll der tote Hirsch, auf dem in aufreizend despotischer Haltung eine Figur steht, die den einstigen Herzog Carl Eugen von Württemberg vorstellen soll? Und was tut hier Nietzsche auf dem Fahrrad mit einer Rose in der Hand? Es ist keine Rose, wirst du später erfahren, vielmehr ein Thyrsosstab aus der griechischen Mythologie. Natürlich! Nietzsche, der euren Dichter sehr verehrte, und seine Verbindung zum Dionysischen, das Glück im Diesseits Suchenden. Der Hirsch, so erfährst du, wurde nicht etwa von irritierten Verkehrsteilnehmern überfahren, die vor lauter Kunstwerkbetrachtung einen Wildwechsel nicht bemerkten, sondern ist Symbol für das einst geknechtete Württemberg und die unterdrückte Gedankenfreiheit. Nur, welcher Autofahrer kann solches auf die Schnelle deuten, ohne ein Verkehrschaos auszulösen?

Das alte Denkmal steht unverändert, wie du es kanntest. Das Bronzerelief – erfahrt ihr – habe sich einst über der Eingangstür des alten Amtshofes befunden, bevor dieser abgerissen wurde. Es bestehen gewisse Zweifel darüber, ob dies auch das Geburtshaus war. Man zieht hierfür noch ein weiteres, bis heute erhaltenes Haus in der Nachbarschaft in Betracht, welches im Besitz der Familie und noch für einige Jahre Witwensitz der Mutter war. Dorthin musste früher zeitweilig ausgewichen werden, wenn der herzogliche Hof zum Fischen – zur sogenannten „Seefischete“ – an den künstlich angelegten Seen in der alten Neckarschleife vor Ort war und mehr Platz beanspruchte, als vermutlich für die dort Ansässigen erträglich war. Es heißt übrigens, damals sei diese Stadt Hauptlieferant von Fisch für ganz Württemberg gewesen, – kaum vorstellbar!

Die unter dem Relief angebrachten Verse aus dem „Wanderer“ beziehen sich in ihrem ursprünglichen Zusammenhang gelesen wohl eher auf die Gegend des Rheins, lassen sich jedoch auf das Land am Neckar durchaus übertragen, wenn auch dein Dichterfreund vom Rhein es nicht lassen kann, zu spotten, es könne hier von „Bergen“ ja wohl kaum die Rede sein. Nun wieder hier am Denkmal stehen, diesmal mit einem Menschen an der Seite, dem dies etwas bedeutet, mit ihm deine Empfindungen teilen, – das allerdings hat etwas.

Ein älterer Herr öffnet die Museumstür, fragt, wofür ihr euch interessiert. Zu eurem Dichter wollt ihr, sagt ihr. „Ha no“, meint er, „do müsset Se awr tätich werda! Do hat’s Schublada zum Nausziaga und so Sacha!“ Tätig werden? Warum nicht! Ihr stürzt euch, ohne abzuwarten, in das bezeichnete Zimmer, schwelgt darin, zerlegt es halb. Später werdet ihr bei der Spendenkasse ein Schild mit der Warnung lesen: „Im Hölderlin-Zimmer ist eine Webcam installiert!“ Zu spät. Ihr lacht. Solange ihr wiederkommen dürft!

Die Ausstellung teilt sich auf in die Schwerpunkte „Werden“, „Schreiben“ und „Wirken“. Auch hier klärt sich die Frage nach dem Geburtshaus nicht; es lässt sich nicht genau ermitteln, wo sich die Familie am 20. März 1770 nun genau aufhielt. Von einer Einquartierung der angelwütigen herzoglichen Gesellschaft gibt es zu diesem Datum jedenfalls keine Belege. So entnimmst du dies jedenfalls einer Niederschrift über die Familie des Dichters, die, wie du feststellst, einer deiner ehemaligen Lehrer verfasst hat. Stimmt! Er war schon früher im Stadtarchiv tätig; inzwischen ist er sicher pensioniert – und umso unermüdlicher mit seinem Steckenpferd Heimatgeschichte beschäftigt. Er dürfte der Einzige gewesen sein, der euch in der Schulzeit manchmal etwas von Hölderlin erzählte; du erinnerst dich, dass man dafür im eigentlichen Fach Englisch nicht allzu viel bei ihm lernte, eben weil er stets und gern abschweifte und Geschichten aus der Gegend zum Besten gab. So ist es nun einmal: Was bleibt, steht oft in keinem Lehrplan!

Du warst bislang noch nie in Weimar, wundertest dich über mancherlei Merkwürdiges, das du nur vom Hörensagen kennst. Dass man, als die Stadt vor wenigen Jahren Kulturhauptstadt wurde, ein Duplikat von Goethes Gartenhaus baute, welches hernach von mehr Besuchern aufgesucht wurde als das Original! Verrückte Welt. Aber auch zur Zeit Goethes schien man sich dort auf viel eitlen Pomp und schönen Schein verstanden zu haben. Die Aura Goethes hingegen überstrahlte die gesamte Epoche, ließ viele dichterisch befähigte Zeitgenossen zu Unrecht ein Schattendasein fristen. Dir ist bewusst, dass man eurem Dichter hier auf ganz andere Weise gerecht werden müsste, abgesehen von jener Kunst im Kreisverkehr, welche eben diese Dominanz Goethes auf geradezu vulgäre Weise anschaulich werden lässt, sich jedoch nur dem Betrachter erschließen will, der sie etliche Male umrundet. Fahrenderweise könnte solches dazu führen, angehalten und auf den Promillegehalt des Blutes hin kontrolliert zu werden. Erzähle einmal einem Polizisten glaubhaft, du habest lediglich den Versuch unternommen, Hölderlin zu verstehen! Ihr selbst werdet das Gebilde schließlich zu Fuß erkunden – und dabei mehrfach riskieren, überfahren zu werden. Aber erst an eurem letzten Tag.

Die Kälte ist unerträglich, dringt durch jede noch so gut gepolsterte Winterkleidung, lässt alle Knochen mürbe werden. Der Anblick des heruntergekommenen, unbewohnten Dichterhauses macht es nicht besser; es beginnt auch schon wieder dunkel zu werden. Ihr macht euch auf den Rückweg, folgt an der alten Ölmühle dem Lauf der Zaber zum Neckar. Zusätzliche Kälte steigt vom Fluss auf; es sind kaum Wasservögel zu sehen, außer einer einsamen Hausgans. Womöglich flüchtete sie letztes Jahr rechtzeitig vor dem Schicksal, als Weihnachtsbraten zu enden, sagte sich: Lieber ein gefährliches Leben in der Kälte, als im warmen Stall dem sicheren Ende entgegensehen. Sie hat eine Verbündete in dir.

Ihr findet ein Restaurant, „Lichtburg“ genannt, nach einem Kino, das sich früher in dem selbigen Haus befunden haben muss. Du müsstest deinen Vater fragen, er könnte sich sicher noch daran erinnern. Für zwei halb Erfrorene, die ihr seid, lässt es sich dort gut aushalten. Als die Lebensgeister bei einem ordentlichen Abendessen zurückkehren, entschließt ihr euch, zunächst einmal auf den Rat des emsigen Schaffners zu hören. Morgen also nach Tübingen, – vielleicht findet ihr ihn dort.

Copyright: Bettina Johl

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