Kassandras Vermächtnis

Bundesarchiv Bild 183-1989-0313-107, Leipzig, ...

Über Christa Wolfs „Rede, daß ich Dich sehe“

Ihre Stimme fehlt. Während die Zeit – wie es ihre Art ist – weitereilt. Ohne sie. Und nun doch noch ein letztes Buch von Christa Wolf, das sie vor ihrem Tod im Dezember vorigen Jahres noch zur Veröffentlichung bestimmt hat: Reden, Essays, Gespräche, von ihr selbst ausgewählt, manches davon bereits an früherer Stelle veröffentlicht, das meiste in Zeitungen. Texte, zu schade, um ins Vergessen zu geraten.

Um Vergessen und Erinnern mit allen dafür notwendigen Bedingungen und Voraussetzungen geht es im vorliegenden Buch unter dem Titel und Motto „Rede, daß ich dich sehe“. Eine Aufforderung, deren Ursprung sich bei Sokrates findet, im Weiteren bei dem Philosophen Johann Georg Hamann, der den Gedanken aufgriff, erweiterte und seinen Betrachtungen über die Einheit der Schöpfung und die „Poesie Gottes“ – Gott als Schriftsteller! – hinzufügte. Auch der deutsche Schriftsteller Johannes Bobrowski hat das Zitat in einem seiner Werke verwendet. Nach diesem gibt sich, wer redet – wer das Wort ergreift -, sich selbst zu erkennen, – auf welche Weise auch immer.

„Rede, dass wir dich sehen“ ist ein Vortrag von Christa Wolf, den sie auf dem Kongress „Wer redet, führt“ im Jahr 2000 in Berlin gehalten hat. Hier geht es anschaulich um den Zusammenhang von Rede und Führung, die Frage nach dem Wer und Wohin, auch um die Frage, warum Reden so oft in Sonntagsreden auslaufen, statt Nachdenken und konstruktiven Dialog zu fördern. Eine Rede, hinter der die Autorin selbst, die es auf ihrer unerbittlichen Wahrheitssuche weder sich noch ihren Leserinnen und Lesern je leicht gemacht hat, in Erscheinung tritt, sich zu erkennen gibt.

In Interviews und Vorträgen zu besonderen Anlässen findet sich im Weiteren manches lesenswerte Portrait von Zeit- und Weggenossen aus dem literarischen wie politischen Leben, – stellvertretend seien Uwe Johnson, Volker Braun, Egon Bahr genannt-, ferner aus den Reihen bildender Künstler. Erinnerungen an manches interessante gemeinsame Text-Bild-Projekt, auf das näheres Hinsehen lohnt. Nachdenklich stimmen Guenther Ueckers Bilder aus Asche, die in Auseinandersetzung  mit der Tschernobyl-Katastrophe entstanden und vor dem Hintergrund von Fukushima erneut beklemmende Aktualität erlangt haben. Es folgt mancher Denkanstoß zum Thema „Autobiografisches Schreiben“ in Anmerkungen zu „Beim Häuten der Zwiebel“ von Günter Grass. Schließlich Erinnerungen an das denkwürdige 11. Plenum der SED, welches für Christa Wolf unter dem Zeichen „Jetzt musst du reden!“ stand und einen entscheidenden Wendepunkt im Denken, Leben und Schaffen der Autorin bezeichnet. Wichtig in diesem Kontext auch ihr Vorwort zu Werner Bräunigs zu eben jener Zeit vom DDR-Regime verworfenen und 2007 posthum erschienenen Roman „Rummelplatz“.

Interessant vor diesem Hintergrund die Frage, die Thomas Manns „Dr. Faustus“ aufwirft: Welchen Preis zahlt der Künstler für sein Werk? Ihr widmete sie sich 2000 in ihrer Dankesrede anlässlich der Verleihung des Thomas-Mann-Preises. Schicksal und Werk des großen deutschen Schriftstellers, dem sein eigenes Land so fremd geworden war, dass er nicht mehr nach Deutschland zurückzog, beschäftigten sie besonders während ihres USA-Stipendium-Aufenthaltes in Los Angeles, dem sogenannten „Weimar unter Palmen“, so benannt, seit dort viele bedeutende deutsche Autoren während der NS-Diktatur Exil fanden. Im Aufsuchen der Orte, die diesen einst Zuflucht gewährten, wagt Christa Wolf manche Annäherung und den Versuch des Sich-hinein-Versetzens in eine Lage, die sich heute unserer Vorstellungskraft zumeist entzieht.

Schließlich widmet sie sich in ihrem bisher unveröffentlichten Essay „Nachdenken über den blinden Fleck“ unter Verweis auf historische Zusammenhänge ausführlicher der Frage nach Erinnern, Gewissen, Schuld und Verantwortung. Auch hier wieder Faust. Diesmal der klassische von Goethe. Die beklemmende Aktualität des Teufelspaktes. Welcher Preis ist zu zahlen für grenzenlosen Fortschritt? Und schließlich: Die Frage nach den Müttern. Die Verdrängung des Weiblichen in der Geschichte, „das Hinschwinden der Frau in der öffentlichen Wahrnehmung“. Kassandra. Die Mahnerin, deren Prophezeiungen man umso weniger hören will, je mehr sie sich bewahrheiten? Für deren Eintreffen sie vielmehr die Schuld aufgeladen bekommt, – weil eine Gesellschaft Sündenböcke braucht, um sich selbst der Verantwortung nicht stellen zu müssen? Der Bogen spannt sich zu Medea.

Wer einfache Antworten für komplexe Fragen unserer Zeit sucht, wird sie in diesem Buch nicht finden, – so wenig wie im gesamten Werk von Christa Wolf. Simplizitäten und Phrasen sind ihre Sache nicht, waren es nie. Nur Schwarz und Weiß Raum geben, Nuancen nicht gelten lassen, würde bedeuten, nie die volle Sehkraft zu erlangen, die zum Urteilen befähigt. Dann werden schnell aus Urteilen Vorurteile, – und daraus wiederum Verurteilungen, die dazu führen, dass sich wahre Erkenntnis verschließt, – wie die Autorin selbst in einem Interview 2010 deutlich aussagte.

Und daher müssen die großen Fragen unbeantwortet bleiben; vielmehr werden sie neu gestellt, – aufbereitet für kommende Generationen mit der unmissverständlichen Aufforderung, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Ein Vermächtnis. Können – mit Christa Wolfs Worten gefragt – die Kräfte, die Alternativen schaffen, schnell genug wachsen? Hierin sind wir Nachfolgenden gefordert. Und wir verstehen: Rede, daß ich dich sehe, – rede so, dass ich dich sehe! – meint eine reife Form von Reden, die als einzige zum notwendigen Austausch und verantwortlichem Handeln führen kann.

Bettina Johl

Der Artikel ist am 28. August 2012 im General-Anzeiger Bonn erschienen.

Christa Wolf: Rede, daß ich Dich sehe, Berlin 2012, Suhrkamp Verlag, 208 Seiten

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