Alle brauchen Geschichten! – Zum Welttag des Buches

Bild

Die Frage, die uns zum Welttag des Buches beschäftigte: Erschöpft sich ein hierfür „ausgelobter“ Tag in Insider-Diskussionen um die Zukunft des Buches – oder kommt auch etwas davon „draußen“ bei den Menschen an, denen das Lesen ans Herz gelegt werden soll? Und wie sieht es mit den Kleinsten aus, – den Kindern? Kann es etwa ausreichen, ihnen zu sagen: „Ihr müsst lesen!“, während der Schulunterricht bereits den Verdacht in ihnen gefestigt hat, dass dies mehr mit Mühe und Anstrengung als mit Spaß verbunden zu sein scheint? Wie gewinnen Kinder Freude am Lesen und Zuhören, vielleicht auch am Sich-Ausdenken und Erzählen oder gar Schreiben eigener Geschichten?

Bild

Auf der Suche nach Projekten und Veranstaltungen in der heimatlichen Region brauchten wir glücklicherweise nicht weit zu gehen. Unter dem Motto „Ich schenk Dir eine Geschichte“ lauschte in der Stadtbücherei Eppingen in Baden-Württemberg eine bunte Kinderschar im Alter zwischen fünf und zwölf Jahren lustigen und phantasievollen, teils erfundenen, teils aus verschiedensten Ländern der Welt überlieferten Geschichten. Zuvor jedoch machten sie sich gemeinsam Gedanken über das Entstehen von Geschichten und die frühesten Versuche von Menschen, diese dauerhaft festzuhalten, sei es zunächst in Bildern – wie in Höhlenmalereien zu bestaunen – oder als eingeritzte Zeichen auf Stein oder Wachstafeln, bis all dies schließlich zu der Idee führte, Bücher aus Papier herzustellen. Erzählerin Barbara Scheel, die Leiterin des Eppinger Babuschka-Theaters, , welches als das kleinste professionelle Theater mit eigenem Haus und regelmäßigem Spielplan in Deutschland gilt. veranschaulicht am Beispiel der Skizze einer alten Steintafel – eine Sonne, zwei Strichmännchen, ein Pfeil vom einen zum anderen -, was Bilderbotschaften zu erzählen vermochten. Sie fragt einen Jungen, der noch in den Kindergarten geht: „Was glaubst du, was das wohl bedeuten könnte?“ Der Kleine zögert kurz und sagt: „Der eine soll zu dem anderen kommen, weil die Sonne scheint!“ – „Siehst du“, sagt sie, „sogar du hast dies jetzt lesen können, obwohl du noch gar nicht zur Schule gehst!“  Der Junge strahlt. Zwei Mädchen wiederum tragen sehr lebhaft ihre Ideen und Anregungen vor. Zwei schon etwas ältere Jungen – mindestens einer von ihnen bekennender Harry-Potter-Fan – geben unumwunden zu, dass sie versuchen, nach Möglichkeit keine dieser regelmäßig stattfindenden Erzählrunden zu verpassen, „weil es immer wieder toll, lustig und spannend ist!“

Bild

Dann beginnt „Babuschka“ – wie die Kinder sie nennen – zu erzählen. Entwirft kühn eine eigene Geschichte aus Ländern und Personen, die sich die Kinder ausdenken dürfen. Erzählt im Anschluss daran Überliefertes aus Ägypten, Afrika, China und Birma, vom gelangweilten ägyptischen Pharao, vom eitlen Löwen und listigen Hasen, von der Kaiserin mit der roten Nase und von einer anspruchsvollen Mäuseprinzessin, die wild entschlossen ist, nur den „Stärksten und Mächtigsten“ zu heiraten. Hierbei verbindet sie Länder und Kontinente, nicht ohne immer wieder den Bezug zur Lebensrealität der Mädchen und Jungen herzustellen. Diese lauschen wie gebannt, verhalten sich – kaum zu glauben! – mäuschenstill, um sich hernach jedoch umso lebendiger am gemeinsamen Austausch zu beteiligen.

Bild

Barbara Scheel hat sehr viele Länder dieser Erde bereist und hierbei nicht nur viele Geschichten und Märchen, – auch reichhaltige Erfahrungen im Austausch mit verschiedenen Kulturen, mit Lese- und Lernprojekten und auch mit therapeutischem Puppenspiel gesammelt. All dies fließt in die Aufführungen ihres eigenen Erzähltheaters ein, was diese – wie auch ihre Gastveranstaltungen an anderen Orten – stets zu einem besonderen Erlebnis werden lässt.

Bild

In eigenen Geschichtenwerkstatt-Projekten sammeln Kinder unter ihrer Anleitung überdies erste Erfahrungen im eigenen Ausdenken von Geschichten, lernen, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen und Spaß am Schreiben, bildnerischem Ausgestalten und Erzählen eigener Geschichten zu entwickeln. Das vielfältige Spektrum an Wissen und die langjährige pädagogische Erfahrung Barbara Scheels ist der eine Aspekt ihres Erfolgsgeheimnisses, – der andere – wohl noch entscheidendere – ihre ganz besondere Art, die Persönlichkeit eines jeden Kindes zu respektieren und es mit seinen Fragen und Anliegen ernst zu nehmen. Auf die Frage, was zu tun sei, wenn vielleicht einmal das Wetter zu schön und eine Erzählveranstaltung dadurch weniger gut besucht wäre, erwidert sie mit Überzeugung: „Und wenn nur EIN Kind kommt, dann erzähle ich für dieses EINE Kind. Das kann ich doch nicht machen: Das Kind wegschicken, nur weil es zufällig ganz alleine kommt! Es schenkt mir schließlich eine ganze Stunde seiner kostbaren Zeit!“

Bild

Dies ist es, was die Kinder spüren, – dies ist es, was bleibt. Und es zeigt sich: Viele, die das seit 1985 vor Ort bestehende Babuschka-Theater als Kinder kennenlernten, kommen auch heute als Erwachsene wieder zu Veranstaltungen, – oft inzwischen mit ihren eigenen Kindern. Denn es zeigt sich: Alle brauchen Geschichten! Die Kinder –  und auch einige „große Leute“ – aus Eppingen und Umgebung jedenfalls hatten in der Stadtbücherei einen tollen, spannenden und erfrischenden Erzählnachmittag am Welttag des Buches.

Bettina Johl

Links:

http://welttag-des-buches.de/de/135916

http://www.babuschka-theater.de/

http://www.eppinger-figurentheater.de/

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Ausstellung, Bücher, Kinder- und Jugendliteratur, Veranstaltung

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s