Ein Bourgeois und Kommunist – Neue Engels-Biographie setzt Maßstäbe

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Muss, wer Marx sagt, auch Engels sagen? Der Geschichte des Marxismus ist zwar ohne Friedrich Engels nicht zu denken, doch ihm wird die Schuld dafür zugeschoben, dass der Marxismus in die Gulags der Sowjetunion führte. Tristram Hunt, der Nachwuchsstar der englischen Historikerzunft, setzt mit seiner soeben ins Deutsche übersetzten Biographie zur Ehrenrettung eines Mannes an, der sich schon mit den Theorien des Kommunismus beschäftige, lange bevor er 1847 mit Marx am „Kommunistischen Manifest“ schrieb, und am Ende seines Lebens davor warnte, das Werk von Marx doktrinär auszulegen. Hunt schildert Friedrich Engels als einen eigenständigen Denker, dessen Werk dem von Marx an Originalität und Wirkungsmächtigkeit nicht nachstand, der aber aufgrund seines abenteuerlichen Privat- und widersprüchlichen Berufslebens die spannendere Biographie bietet.

Engels war geradezu die Personifizierung der dialektischen Methode, die den Marxismus auszeichnet, ein wandelnder Hegelscher Widerspruch. Er besaß eine schillernde Persönlichkeit: Bonvivant, Frauenheld, passionierter Fuchsjäger und erfolgreicher Textilmagnat, ein tiefsinniger Moralist, ein scharfer Kritiker der kapitalistischen Produktionsweise und Verräter seiner Klasse. Als er 1820 als Sohn des rheinischen Kaufmanns Friedrich Engels in Barmen zur Welt kam, wurde er in eine Familie hineingeboren, in der nichts auf revolutionäre Neigungen hinwies. Eleanor Marx bemerkte 1890: „Wohl nie wurde in einem solchen Hause ein Sohn geboren, der mehr aus der Art schlug.“ Der älteste Sohn seiner Familie war schon früh zum Kaufmann bestimmt. Als er im Juni 1869 seine zwanzig Jahre dauernde Tätigkeit im Familienunternehmen Ermen & Engels in Manchester beendete und wohlhabender Rentier wurde, ging für ihn die „Zwangsarbeit in seinem Kontor“ zuende, die er auch deswegen ausübte, um Karl Marx finanzielle Spielräume zu schaffen. In Manchester hatte er 1845 seine beeindruckende empirische Studie „Zur Lage der arbeitenden Klasse in England“ verfasst, die den Theoretiker Marx sehr beeindruckte und die zu einem grundlegenden Werk des Sozialismus wurde. Marx und Engels hatten sich Anfang der vierziger Jahre in Köln kennengelernt, wo Marx als Chefredakteur der Rheinischen Zeitung arbeitete. 1844 schlossen die beiden dann nach bierseligen Tagen in Paris ihren Bund fürs Leben. Engels sprach von einem „Compagniegeschäft“ mit Marx, in dem er selbstlos die „Zweite Violine“ spielte, aus dem später das „Kommunistische Manifest“ und das „Kapital“ entstanden. Marx bezeugte er Genie, sich selber nur Talent, und sorgte fortan für den Lebensunterhalt der gesamten Familie Marx. 1870 zog er mit Lizzy Burns, einer irischen Proletarierin, und deren Nichte nach London, um dort bis zu seinem Lebensende als das „große Lama aus der Regent`s Park Road“ wieder den Kampf um die Sache des Sozialismus aufzunehmen, gemeinsam mit Marx, der zehn Gehminuten von ihm entfernt wohnte. Er wurde zum Organisator und Strategen der sozialistischen Arbeiterbewegung, arbeitete von 1872 bis 1883 an seiner „Dialektik der Natur“, die er wegen seiner Schrift gegen den Sozialisten und Philosoph Eugen Dühring, der Marx und Engels „Zentralismus und ökonomischen Determinismus“ vorgeworfen hatte, unterbrach. Der „Anti-Dühring“ ist wie die „Dialektik der Natur“ eine Definition und Verteidigung der dialektischen Methode und der kommunistischen Weltanschauung von Marx und Engels. Teile des Buches wurden später von Engels umformuliert und separat unter dem Titel „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“ veröffentlicht. Tristram Hunt verteidigt Engels gegen Vorwürfe, Marx in diesen Werken populistisch dargestellt zu haben und verweist darauf, dass Marx das Manuskript des „Anti-Dühring“ noch vollständig gelesen und empfohlen habe. 1883 starb Karl Marx in London, zwölf Jahre später Friedrich Engels. Der „General“, wie er von seinen Freunden und Mitstreitern ehrfürchtig genannt wurde, war in seinen letzten Lebensjahren der angesehenste marxistische Theoretiker und Stratege seiner Zeit, der wohlhabende Privatier wurde in einen absurden finanziellen Streit mit der Familie der Nichte von Lizzy Burns hineingezogen. Die Widersprüche blieben bis zuletzt.

Hunt hat eine brillante Lebensbeschreibung von Friedrich Engels und eine detaillierte Theoriegeschichte des Sozialismus geschrieben, eingebunden in ein großes Gemälde des viktorianischen Zeitalters in England und des 19. Jahrhunderts in Europa. Ein Meisterwerk!

Dieter Kaltwasser

Der Artikel erschien erstmals am 27.03.2012 im General-Anzeiger Bonn

Tristram Hunt: Friedrich Engels – Der Mann, der den Marxismus erfand

Propyläen Verlag, Berlin 2012, 576 Seiten, € 24,99

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Bücher, Geistesgeschichte

2 Antworten zu “Ein Bourgeois und Kommunist – Neue Engels-Biographie setzt Maßstäbe

  1. Eva

    Dieses Buch scheint mir der gegebene Anlaß, die Studien meiner jungen Jahre noch einmal aufzunehmen und unter neuen Einfallswinkeln zu bedenken. Denn ich habe damals das ganze „Kapital“ zusammen mit einer Studiengruppe durchgearbeitet und profitiere bis heute davon. Vielen Dank für Ihre Besprechung, auf eine solche Anregung habe ich, scheint mir nun, gewartet.

    Viele Grüße
    Eva Cader-Benedix

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