Scilla-Blütezeit in der Alten Neckarschleife Lauffen

Scilla-Blütezeit in der Alten Neckarschleife Lauffen

In der alten Neckarschlinge mit dem ihr verbliebenen Altwasser hat sich indessen eine außergewöhnliche Vegetation herausgebildet. Die Gegend ist ein Paradies für seltenere Vogelarten, – Wasservögel insbesondere. Der Wald am ehemaligen Uferprallhang ist nicht groß, ein schmaler Streifen Wald im Grunde nur, den dein Dichter „mit den Wäldern meiner Kindheit“ nicht gemeint haben kann, da er seine weiteren Kinder- und Jugendjahre in Nürtingen verbrachte, wo er vielmehr die dortige Gegend durchstreifte, in der Nähe des sagenumwobenen Ulrichsteins seine Lieblingsplätze hatte, an die er sich zurückzog, allein – oder manchmal auch mit seinem jüngeren Bruder Karl, um diesem vorzulesen. Orte, die du selbst nur vom Lesen und Hörensagen kennst.

Dies hier ist hingegen „dein“ Wald, der Wald deiner Kindheit, den du zuerst mit diesem Begriff in Verbindung bringst. Vielfältig hast du ihn durchstreift, tust es oft in nächtlichen Träumen noch, und manchmal stiehlst du dich heimlich zu ihm hin. Hier lässt sich mehr Wild beobachten als irgendwo sonst, da die Tiere sich nur in wenige Winkel zurückziehen können; häufiger als anderswo kreuzen Reh und Hase den Weg, und im letzten Frühjahr konntest du mitten auf einem grasüberwachsenen Weg zwei kleine Jungfüchse beim Spielen beobachten. Sie waren vielleicht zehn Meter entfernt und bemerkten dich lange Zeit überhaupt nicht, – du weißt es: solches Glück ist uns – wenn je im Leben – nur sehr selten beschieden.

Im März sind die Böschungen von kleinen blauen und vereinzelt weißen Sternen übersät: Wildwachsende Scilla – auch Blaustern genannt -, eine frühblühende Blumenart, die nicht überall zu finden ist, weil sie wohl diese besonderen Bodenverhältnisse benötigt. Für dich gehörte sie wie selbstverständlich zum Frühling; als Kinder pflücktet ihr sie gedankenlos, schien sie euch doch so zahlreich vorhanden, aber viele Menschen kennen sie nicht, allenfalls ihre kultivierte Verwandte in Parks und Gärten, welche sich jedoch nicht annähernd mit ihr vergleichen lässt. Erst als du für längere Zeit in anderen Gegenden lebtest, merktest du zunehmend, dass etwas am Frühling seit längerem nicht stimmte, verkehrt war, dass etwas Entscheidendes fehlte. Dieses besondere Blau, welches erst ins Auge fällt, wenn dein Blick länger auf den Grün-, Braun- und Grautönen der noch vom ausklingenden Winter kündenden Wiese verweilt. Im Wechsel von Licht- und Schattenspiel der Frühlingssonne in den noch unbelaubten Erlen und Weiden blitzt es plötzlich hier und da vereinzelt auf, – bis die Böschungen jäh von einem blauen Zauberteppich überzogen leuchten, der alles wandelt. Der Märchenwald ist eröffnet, – das Stück spielt nur für dich. Selbst der Gesang der Vögel klingt verändert, scheint unbekannten Traumsphären zu entsteigen. Zu Störenfrieden werden kurzzeitig andere Spaziergänger, Jogger und Radfahrer. Aber auch sie schaffen es merkwürdigerweise nicht, dir die Stimmung zu verderben. Du siehst sie vorbeihasten, freundlich grüßend oder stumm. Sie gehen weiter, als wäre nichts geschehen. Sie sehen es nicht. Für sie ist der Wald wie immer. Auf die wenigen, die es hingegen wahrnehmen, die sich in derselben Dimension bewegen, triffst du selten. Sie suchen die Zurückgezogenheit, möchten mit all dem allein sein, – wie du.

Aus: Holunderblüten © Bettina Johl 2013

(Der Roman erscheint voraussichtlich im Sommer 2015)

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Eingeordnet unter Autor, Bücher, Frühling, Gedichte, Literarische Wanderungen, Literaturgeschichte, Roman

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