Hermann Hesse und ich

So manches widerfährt unseren Dichtern im Nachgange, wogegen sich zu wehren ihnen keine Möglichkeit mehr gegeben ist. Hierzu darf sich wohl auch mein Foto zählen, welches vor zwei Jahren in Calw auf einem meiner Ausflüge auf den Spuren der Dichter entstand. Es ist dieses – rückblickend betrachtet – natürlich eine unverschämte Dreistigkeit meinerseits, eine Anmaßung, die mir, der Nachgeborenen, eigentlich nicht zukommen dürfte, und meinem verehrten Hermann Hesse scheint die Skepsis förmlich in Haltung und Gesicht geschrieben. Mir bleibt nur zu hoffen, dass er es mir angesichts meiner Verehrung für ihn nachsehen und großzügig verzeihen würde.

Er soll sich gern und oft auf dieser Brücke, die über das lebendige Schwarzwaldflüsschen Nagold führt, aufgehalten haben, und auch jene leicht seitwärts geneigte Haltung, die der Künstler Kurt Tassotti aus Mühlacker sehr gelungen in seiner Bronzeskulptur verewigte, soll eine für ihn typische gewesen sein. Sie gefiel mir auf den ersten Blick, verleiht sie ihm doch etwas Pfiffiges. So empfinde ich ihn, – empfand ich ihn immer. Er ist der Dichter, dem es irgendwie stets gelingt, dass ich auf ihn treffe, wenn ich ihn am nötigsten brauche. Der mich stets aufbaute mit seinen Gedichten. Dem ich mich verwandt fühlte in seiner Verbundenheit zur Natur und Landschaft, – zuerst begegnete er mir, wenn ich mich richtig entsinne, in jungen Jahren in einem kleinen, nett gestalteten Buch mit Betrachtungen und Gedichten über Bäume, welches heute noch in meinen Regalen zu finden ist.  Dessen Romane mir neue Räume erschlossen, – wenn mir auch gerade der mit seinem Namen oft zuvorderst in Verbindung gebrachte „Steppenwolf“ seltsamerweise eher fremd blieb. Der für mich die Möglichkeit von Sprache in ihrer Vollendung erahnen ließ in seinem „Glasperlenspiel“. Dennoch nannte ich ihn nie „meinen Dichter“, – mit dieser Bezeichnung versah ich einen anderen, älteren, mit dem mich verbindet, an derselben Stelle geboren zu sein, – dem ich mich schon aus diesem Grunde verpflichtet fühle, – Hölderlin, den viel gepriesenen, wenig verstandenen, oft verkannten. Er war es, mit dem ich mich auch in jenen Tagen mit der ihm gebührenden Ernsthaftigkeit – sofern ich zu solcher fähig bin – befasste. Hermann Hesse verehrte ihn, – auch hier gibt es Berührungspunkte. Neben seiner Erzählung „Im Pressel´schen Gartenhaus“, die in poetischer Weise einen fiktiven Ausflug Mörikes und Waiblingers mit dem bereits betagten und als wahnsinnig geltenden Hölderlin auf den Tübinger Österberg schildert, – eine Begegnung, welche sich durchaus ähnlich zugetragen haben könnte, gab er unter anderem gesammelte Lebensdokumente über Hölderlin heraus, die mir Stoff lieferten für mein eigenes Schreibprojekt, an dem ich während meines damaligen Kuraufenthaltes arbeitete. Ich befand mich in einem Höhenkurort in unmittelbarer Nähe Calws und war untergebracht in einem altehrwürdigen Gebäude, welches vor Zeiten ein Lungensanatorium vorstellte,  was sich an seiner Architektur noch gut ablesen ließ. Mein Zimmer hatte einen großen Balkon mit holzgeschnitztem Gebälk, auf dem es sich gut in Decken verpackt in der Märzsonne ruhen und auf die hohen Ulmen im Park schauen ließ; ich nannte es meinen persönlichen kleinen Zauberberg. Gerne denke ich an diese Tage zurück, – sie waren wie für mich geschaffen mit meinen geliebten Schwarzwald vor der Tür; selten hatte ich mich an einem Ort so wohl gefühlt, nirgends so viel geschrieben. Eine seltene Erfahrung von Harmonie, – Ruhe, Bewegung an frischer Luft und freiwillig verordnetes Arbeiten in völligem Einklang ineinandergreifend. Zufällig stieß ich in der Buchhandlung des Ortes, wo man mich inzwischen ob meiner skurrilen Wünsche und Bestellungen kannte, – wann fragen Kurgäste gewöhnlich nach Schillers „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ und Mörikes „Maler Nolten“ – auf die Hesse´sche Entsprechung des Zauberbergs, seinen „Kurgast“, – Jahre vor dem erstgenannten erschienen -, den ich unter Bäumen sitzend mit großem Vergnügen geradezu verschlang und mich selten herrlicher amüsierte. Thomas Mann soll diesen Roman gekannt haben, bevor er den „Zauberberg“ schrieb. Hermann Hesse und Thomas Mann – eine freundschaftliche Beziehung zweier ganz verschiedener Persönlichkeiten, auf gegenseitiger Hochachtung beruhend. Hesse dieser Tage in Calw aufzusuchen war für mich ein längst überfälliges Vorhaben. So kam es zu jener „Begegnung“ – und dem Schnappschuss auf der Brücke. Dies ist es, was bleibt. Und die Erinnerung daran, wie mir im dortigen Museum beim Anhören alter Radioaufnahmen, – entstanden, bevor ich selbst das Licht der Welt erblickte -, plötzlich bewusst wurde, wie sehr er doch Schwabe war! Seine Aussprache und Eigenart, in Verben die Endungen auf „-ern“ zusammenzuziehen und dabei mit rollendem r das e zu verschlucken, – „… blüht jede Lebensstufe zu ihr´r Zeit und darrf nicht ewig daurr’n…“ -, sie erinnert mich so sehr an den vertrauten Klang der Aussprache vieler älterer – inzwischen längst verstorbener – Menschen in meinem Heimatort, die davon nicht sehr viel verschieden ist, – so wenig, wie auch dieser Ort, an dem Hesse geboren wurde, nicht allzu weit entfernt von meinem liegt. Hölderlin und Hesse, – beide zu völlig verschiedenen Zeiten Seminaristen im unweit gelegenen Kloster Maulbronn, das ich ebenfalls oft und gerne besuche: Hölderlin, der tüchtige, fleißige Lerner, – Hesse, eher der unglückliche und sich nicht abfindende „Querulant“ und spätere „Schulabbrecher“, – mir der eindrückliche Beweis, dass sich Bildung auf vielerlei Wegen erwerben lässt, die keineswegs immer die vorgegebenen sein müssen. Die kritische Auseinandersetzung mit den Maulbronner Schulverhältnissen, unter denen er selbst immens litt, verarbeitete er in „Unterm Rad“, dennoch war er nicht einer, der sich ganz dem Zauber des Ortes selbst entziehen konnte, welcher ihn wohl in späteren Jahren zu dem unvergleichlichen – in einem eher wieder versöhnten Ton gehaltenen – Gedicht „Im Maulbronner Kreuzgang“ inspirierte:

„Verzaubert in der Jugend grünem Tale
Steh ich am moosigen Säulenschaft gelehnt
Und horche, wie in seiner grünen Schale
Der Brunnen klingend die Gewölbe dehnt.“

Wer je dort stand und in raren Augenblicken die angesichts der vorüberziehenden Besucherströme selten gewordene Stille des Kreuzgangs und den Klang des Brunnens in sich aufnehmen konnte, weiß, dass niemand dieses Bild besser ausdrücken könnte. Und so wird mir der Dichter, dessen Skulptur auf der Calwer Nikolausbrücke hier mit verschmitzter Distanziertheit meine Zudringlichkeit erdulden muss, zugleich Vertrauter und immer wieder neu zu Entdeckender sein und bleiben.

Bettina Johl

Der Beitrag ist in gekürzter Fassung erschienen in: „Hermann Hesse antwortet … auf Facebook“, Suhrkamp Berlin 2012, suhrkamp taschenbuch 4376,  95 Seiten, ISBN 978-3-512-46376-5

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