Das entschwundene Land – In Memoriam Astrid Lindgren

Astrid Lindgren im Schwedischen Reichstag nach Verleihung des Right Liveli Award 1994

„Dann dachte sie:
Aber ich bin dann nicht mehr da, denn ohne Seele kann
niemand leben auf Erden. Doch in der Linde lebe ich dann,
bis zum Ende der Zeit wohne ich dann in meinem kühlen,
grünen Haus, und die Nachtigall singt für mich an den
Abenden und in den Nächten des Frühlings.
Und alles wird froh.“

Astrid Lindgren (Aus: Klingt meine Linde)

Zehn Jahre ist es her. Das Kind – fast dreizehnjährig – kommt verstört aus der Schule, – die Erschütterung steht ihm ins Gesicht geschrieben. “Es ist etwas Schlimmes geschehen: Astrid Lindgren ist tot!“ – Wenig mehr an Erinnerungen, – nur jene: Das Gefühl eines unwiederbringlichen Verlustes, des plötzlichen Entstehens einer Lücke, – das Bewusstsein, dass sie nicht mehr zu schließen sein wird. Wir durften sie lange bei uns haben. 94 Jahre ergeben noch dazu bei bester geistiger Verfassung und stetes Wahrung ihrer Großherzigkeit und ihres Humors ein wahrhaft gesegnetes  Alter. Aber sie fehlt. Sie wird von nun an immer fehlen.

Ernste Trauer in den Mienen vieler Kinder, auch und gerade der Größeren, die sich im Übrigen längst auf den Weg in die Pubertät gemacht haben, deren Gedanken ansonsten eher um die Dinge kreisen, die als „cool“ gelten, die begonnen haben, ihre Kinderzimmer zu Jugendzimmern umzugestalten, die Wände neu zu dekorieren. Die ihre Kinderbücher zumeist aussortiert und jüngeren Geschwistern vermacht haben. Nahezu alle, – bis auf die Bücher Astrid Lindgrens. Sie war die Ausnahme. Sie blieb.

Das Alter von dreizehn Jahren hatte sie selbst als jenes beschrieben, in dem sie eines Tages als junges Mädchen von der  plötzlichen Erkenntnis  überwältigt wurde, nicht mehr spielen zu können. Die Unbefangenheit des Kindes verloren zu haben. Unwiederbringlich. Und welche Trauer sie darüber empfand. Bei Mädchen setzt dies zumeist früher ein. Meinem Sohn sollten in dieser Hinsicht zwei Jahre länger vergönnt  sein. Eines Tages, – er war etwa fünfzehn -, fiel es mir auf. Ich sagte zu ihm: Du fährst gar keine Autorennen mehr? Er hatte ansonsten Stunden selbstvergessen auf dem Teppich liegen und seinen Matchbox-Fuhrpark durch die Gegend schieben können, während er  selbst inszenierte Formel-1-Rennen kommentierte. Er schüttelte lächelnd den Kopf: „Es geht nicht mehr.“ Mehr gab es nicht zu sagen. Ich verstand. „Erinnerst Du Dich an Astrid Lindgren, was sie darüber schrieb?“ Er nickte. „Ja. Sie hat es gut beschrieben, genauso ist es.“ Abschied von der Kindheit. Eine Tür war für immer ins Schloss gefallen. Trauer bei uns beiden.

Anders als mein Sohn, der mit ihr aufwuchs, lernte ich selbst Astrid Lindgren erst recht spät kennen. Ich entsinne mich an einen Auszug aus „Wir Kinder aus Bullerbü“ in einem Lesebuch der Grundschulzeit, der sich mir einprägte, in mir Lust auf mehr weckte. Zuhause jedoch begegnete ich ihr nicht. Kaum nachzuvollziehen  im Rückblick: Offenbar  galt sie In der Zeit der späten Sechziger und frühen Siebziger in so manchem Elternhaus als verdächtig, die Heldinnen und Helden ihrer Bücher als geradezu anarchistisch. Pippi Langstrumpf! Das könnte den Kindern wahrhaftig so passen, sich die Welt zu machen, wie sie ihnen gefällt! Man hielt nicht allzu viel von derlei Gedankengut, zumal in der Lebenswelt einer schwäbischen Kleinstadt. Überhaupt: Verhältnisse wie in Schweden, – wo es bald darauf gesetzlich verboten sein sollte, den Kindern „eins hinter die Ohren zu geben, wenn sie nicht spuren“, – was soll aus solchen Rangen werden? -, wird man ja noch sehen, wo dies hinführt, das gibt garantiert die Randalierer von morgen! -, galten geradezu als Vorboten für den vielbeschworenen Untergang des Abendlandes.

Fernsehen wiederum bildete die absolute Ausnahmeerscheinung. Ein Fernsehgerät  besaßen nur die Großeltern – „zum Nachrichtenschauen“, wie sie sagten, und dieses blieb bei Besuchen stets ausgeschaltet. „Vom Fernsehen gehen die Augen kaputt!“, sagte die Oma, und sie musste es wissen, – dabei blieb es. Basta! Das verschüchterte Kind von damals nahm es so wörtlich, dass es, als der Opa doch mal in seiner Gegenwart Nachrichten schaute, vorsichtshalber die Hände vors Gesicht legte und es lediglich wagte, vorsichtig zwischen den Fingern hindurch zum Bildschirm hin zu spähen. Es hatte unklare Vorstellungen, was sonst mit seinen Augen passieren könnte. „Kaputtgehen“ brachte es wohl am ehesten mit Zerbrechen und Zerbersten in Verbindung, – vielleicht glaubte es auch, sie würden ihm unverzüglich aus dem Kopf fallen, wenn es einen Blick zu viel riskierte.  Auch als es schließlich feststellte, dass seine Augen eine ganze Menge mehr aushielten, als es ihnen zugetraut hatte, – ab und an war dann doch schon mal Sandmännchen schauen erlaubt, und wenn es sich besonders ruhig verhielt, – der Gipfel dessen, was man sich herauszunehmen wagen durfte! -, hin und wieder sogar die fünf Minuten Werbefernsehen davor und danach, war es dennoch weit entfernt davon, sich von den Großeltern belogen zu fühlen. Die Oma hat Recht behalten, und die Überzeugung ist bis heute geblieben: Fernsehen verdirbt tatsächlich die Augen, – insofern, als diese das Sehen verlernen und Gefahr laufen, sich aufs Glotzen zu reduzieren -, auch dies ein Augenleiden, und beileibe kein ungefährliches! Aber solches steht auf einem anderen Blatt.

Dennoch war es das Fernsehen, welches das Kind zuerst mit Pippi und Michel aus Lönneberga bekannt machte, noch bevor es das erste Buch zu lesen bekam. Die eher ruhige Straße, in der es die ersten sieben Jahre seines Einzelkind-Daseins verbrachte, stellte kein Bullerbü-Idyll vor, aber man konnte im Gegensatz zu heute noch auf ihr spielen. Zwar kamen hin und wieder Autos, – dann ging man eben beiseite, denn so schnell fuhren sie dort nicht. Es war zu einer Zeit, als spielende Kinder auf der Straße noch keine exotische Erscheinung vorstellten, vor der Schilder explizit zu warnen hatten. Und es gab Nachbarskinder! Nicht, dass sie sich alle untereinander „grün“ gewesen wären, aber sie fanden sich miteinander ab, und manchmal freundeten sie sich auch an. Es gab im Übrigen nur einen einzigen jener gefürchteten Störenfriede, die es sich zum Zeitvertreib zu machen pflegten,  andere Kinder zu terrorisieren, – in der Erinnerung ein eher bleiches, schmächtiges Bürschchen, – warum in aller Welt hatten wir Angst vor ihm? -, dessen Lautäußerungen sich zumeist auf „Peng, peng!“, „Paff, paff!“ und „Tatütata!!!“  reduzierten und dessen Verbreiten von Angst und Schrecken sich höchstwahrscheinlich darin erschöpfte, die Kleineren einzuschüchtern. Er wuchs bei seinen Großeltern auf. Dies galt bereits als verdächtig. Die Eltern der Kinder, die Angst vor ihm hatten, klingelten dort unentwegt, um sich zu beschweren. Infolgedessen wurde er hin und wieder von seinem Großvater, dem nichts Besseres einfiel, verdroschen, worauf wiederum dem armen Kerl nichts anderes übrigblieb, als unverzüglich loszuziehen und Rache zu nehmen. Ein Teufelskreis.

Eine Beeinträchtigung des Spielvergnügens anderer Art waren die vielen freilaufenden Hunde; es schien in jenen Tagen irgendwie üblich zu sein, dass selbst die größten Exemplare dieser Gattung leinenlos ohne Begleitung ihre Gassi-Runden drehten, und so sah sich das verträumte Kind schon mal plötzlich Auge in Auge mit einem Schäferhund derselben Höhe, – der selbstverständlich nur spielen wollte und die darauf folgende panische Flucht begeistert als Aufforderung zum Nachlaufen nahm. Die Angst vor Hunden hat es erst in viel späteren Jahren überwinden können. Dennoch war nichts darüber bekannt, dass je ein Kind aus der Gegend von einem Hund gebissen worden wäre, wovor die Erwachsenen stets warnten. Das Schlimmste, was einem bei einem solchen Abenteuer passieren konnte, war, hinzufallen und sich die Hosen zu zerreißen. Es hatte sich bereits mehr und mehr durchgesetzt, dass Mädchen Hosen trugen, – die Erwachsenen fanden dies ganz praktisch -. aber Kleidung galt als teuer, und man hatte darauf achtzugeben. Auch das Spielen mit früher eher als „jungentypisch“ bezeichnetem Spielzeug setzte sich bei Mädchen zunehmend durch, – ich erinnere mich, dass ich wenig Puppen besaß, aber eine stattliche Anzahl an Spielzeugautos mein eigen nannte, die ich in einer alten, abgelegten Handtasche meiner Mutter sammelte, welche ich stets zu Sonntagsbesuchen bei irgendwelchen kinderlosen Bekannten mitführte, um mich dort nicht zu Tode zu langweilen. Diese Fahrzeuge waren zumeist billig und aus schlichtem Plastik, – man bekam sie beim Kaufmann geschenkt, sofern man artig war, die Regale stehen ließ und an der Kasse nicht allzu laut um Süßigkeiten quengelte.

Jungs hingegen hatten es noch deutlich schwerer, wenn sie sich für Spiele interessierten, die als den Mädchen vorbehalten galten. Es gab einen anderen Jungen in der Nachbarschaft von eher ruhigem, gesetztem Wesen, der mich hin und wieder meines Puppenhauses wegen besuchte, – heimlich, um nicht von seinem Vater verspottet und von seinen beiden älteren Brüdern ausgelacht zu werden. Ebenso heimlich besuchte ich ihn – zum Fernsehen! Anders als heute, wo selbst bei vorhandenen Geschwistern jedes Kind isoliert im eigenen Zimmer mit separatem TV-Anschluss sitzt, war Fernsehen ein Gemeinschaftserlebnis, zu dem sich die Kinder eines ganzen Straßenzuges bei einer Familie, bei der ein solcher Apparat vorhanden war, verabredeten. Selten weniger als fünf oder sechs Kinder drängten sich im dunklen Wohnzimmer vor der Mattscheibe auf allen vorhandenen Sitzgelegenheiten zusammen, um sich die „Kinderstunde“ – und manchmal auch etwas mehr – anzuschauen. Vor halb vier war an Fernsehen nicht zu denken; wer es nicht glauben wollte und früher einschaltete, erhielt nur ein graues Flimmern. Deshalb wurde vor dieser Uhrzeit draußen gespielt. Dann jedoch ging es los, und wir begegneten den Fernsehhelden unserer Kindheit: Winnetou, Lassie – und eben auch Pippi Langstrumpf und Michel, welcher im schwedischen Original Emil hieß und nur in Deutschland umbenannt wurde, um Verwechslungen mit Kästners Emil auszuschließen. Verhielten wir uns mäuschenstill, schafften wir es manchmal noch, die eigentlich schon nicht mehr für unser Alter vorgesehene „Bonanza“-Serie  zu schauen, bevor man uns nach Hause jagte, wo es dann meist bereits wegen zu späten Erscheinens zum Abendessen Ärger gab, – aber die Uhr konnten wir ja noch nicht lesen, und Telefon zum Hinterherrufen gab es glücklicherweise auch längst noch nicht in allen Haushalten!

Finden sich hier noch Anlehnungen an das „entschwundene Land“, wie es Astrid Lindgren bezeichnete?  Ein Land für Kinder, das es so nicht mehr gibt? Vielleicht. Eher jedoch der Verdacht, dass es dieses nie gab. Jedenfalls nicht für uns, und auch für viele Kinder aus früheren Zeiten nicht. Dass wir schon immer Vertriebene waren, um dieses Land dauerhaft betrogen und darauf angewiesen, uns Ersatz zu schaffen, – in Form von Geschichten, mit denen es sich überleben lässt. Astrid Lindgren wusste dies.

Ihre Bücher las ich selbst erst als Erwachsene, – vielmehr als werdende Mutter, in jener Phase des Hochgefühls, in der die meisten Schwangeren plötzlich anfangen, Strampelhosen und Babymützchen zu stricken, das Kinderzimmer – je nach Interpretation der Mondlandschaft des Ultraschallbildes – rosa oder himmelblau zu streichen und allerhand verrücktes Rasselspielzeug zu kaufen. Meine eigene mangelnde Begabung für Handarbeiten stieg leider nicht gleichermaßen proportional mit dem Hormonspiegel; ich meinte zwar auch, wenigstens eine schön viereckige Kinderwagendecke häkeln zu müssen, – in neutralerem Weiß und Lila für alle Fälle, obwohl ich das Ultraschallbild richtig ausgelegt hatte! -, für deren Fertigstellung ich dann allerdings die ganzen neun Monate brauchte. Stattdessen kaufte ich Unmengen Kinderbücher, staffierte die Regale damit aus – und las, was das Zeug hielt, – Astrid Lindgren bevorzugt. Tauchte in die Welt von Pippi, Michel, Lisa aus Bullerbü, Madita, Lotta aus der Krachmacherstraße – welch herrlicher Name! -, Ronja und den Melchersons auf Saltkrokan – unvergessen: „Entweder man mag es, wenn es durchs Dach regnet, – oder man mag es nicht!“ Småland wurde zum Land meiner Sehnsucht. Das entschwundene Land.

“ Falls du je an einem frühen Juni-Morgen in einem Wald in Småland gewesen bist, dann wirst du sofort wissen, wie es ist. Du hörst den Kuckuck rufen und die Amsel flöten, du fühlst, wie weich die Kiefernnadeln unter deinen nackten Füßen sind und wie wohltuend die Sonne dir den Nacken wärmt. Du genießt den Duft des Harzes von den Kiefern und Tannen und du siehst, wie weiß die Walderdbeeren auf den Lichtungen blühen.“

Beim Lesen solcher Sätze hören, fühlen und riechen wir, was wir lesen. Es prägt sich ein. Unauslöschlich. Wir brauchen das Idyll, brauchen jemanden, der es für uns in Worte fasst, damit wir es uns vor unserem geistigen Auge vorstellen können. Dass es in der Regel nicht die Wirklichkeit vorstellt, braucht uns niemand zu sagen. Wir wissen es. Auch Astrid Lindgren wusste es. Sie wusste um die sich der Kindheit unweigerlich anschließenden Jugendjahre voller Schwermut und Selbstzweifel. Und sie wusste um die Beschwernisse des Erwachsenseins, die Bürde der Verantwortung für eigene Kinder in schwierigen Zeiten. Erfuhr, wie es war, in noch jungen Jahren mit einem „nicht ehelichen“  Sohn allem damit Verbundenen ausgesetzt zu sein: Unverständnis, Häme, Spott, Armut, Existenznöte. Sie musste das Kind lange bei Pflegeeltern lassen, bevor sie es zu sich holen konnte. Kaum nachzuvollziehen: Der Trennungsschmerz, die damit einhergehenden Schuldgefühle. Auch später, in nach bürgerlicher Vorstellung „geordneten“ Verhältnissen: Die Eintönigkeit des häuslichen Frauenalltags. Stets die Sorge um die Kinder. Nächtliches Wachen an Krankenbetten. Die Idee zu Pippi Langstrumpf, welche die Heldin ihres ersten Buchs werden sollte, kam ihr durch einen Einfall ihrer erkrankten Tochter, der sie durch Erzählen die Langeweile zu lindern versuchte. Sie fragte, wovon sie ihr erzählen solle. Die Antwort war: Erzähl von Pippi Langstrumpf! Eine unsterbliche Figur war geboren!

Die Welt in Astrid Lindgrens Büchern ist keine heile Welt. Pippi wächst mutterlos auf, während ihr Vater sich in südlichere Gefilde davongemacht hat. Karlsson vom Dach und Bosse in „Mio, mein Mio“ sind ebenfalls Waisen. Pelle fühlt sich ungeliebt, schnürt sein Bündel und zieht aus, – ins Haus mit dem Herzchen an der Tür. In ihrem Buch „Das entschwundene Land“ beschreibt Astrid Lindgren diesen Vorfall als auf eigenen Erfahrungen beruhend. Sie selbst habe ebenfalls – trotz ihrer sonst als glücklich beschriebenen Kindheit – eines Tages aus Frust beschlossen, ins Plumpsklo umzuziehen, – und gehofft,  infolge dessen von der Familie vermisst zu werden. Die gehegte Erwartung erfüllte sich nicht; irgendwann schlich sie sich kleinlaut ins Haus zurück. Die spätere Geschichte Pelles, dessen Eltern bedeutend sensibler reagieren, wurde notwendig, um dem Ereignis wenigstens im Nachhinein den gewünschten guten Ausgang zu verschaffen. Geschichten, die wir brauchen, haben immer sehr viel mit unseren Wünschen und Sehnsüchten zu tun. Wenn die Welt nicht passt, machen wir sie uns nach Pippi-Langstrumpf-Art:  „… widdewidde-wie sie uns gefällt!“ Michel hat zwar eine liebevolle Mutter, aber einen zuweilen furchterregend jähzornigen Vater. Ronja und ihr Freund Birk haben alle Hände voll zu tun, den Zwist ihrer bis aufs Blut verfeindeten Räuberfamilienclans zu schlichten, und in den Brüdern Löwenherz geht es ohne große Beschönigung um Krankheit und Tod.

Den Helden in all jenen Geschichten sind leidvolle Erfahrungen keineswegs fremd. Sie überleben vielmehr durch Zuhilfenahme ihrer Phantasie und durch die Erfahrung von Freundschaft und Solidarität. Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf, wie ihr voller Name lautet, genießt ihre Freiheit, findet für alle Probleme kreative Lösungen und baut auf Freundschaften, insbesondere der zu Thomas und Annika. Sie nimmt „Pillen gegen das Großwerden“, geht unter die „Sachensucher“ und legt sich verkehrt herum ins Bett, um mit den Füßen auf dem Kopfkissen ungestört mit den Zehen wackeln zu können. Eine Unerhörtheit, welche in Zeiten, zu denen Bücher mit Titeln wie „Verdammte Scheiße, schlaf ein!“ die Bestsellerlisten stürmen, vielleicht durchaus wieder  geeignet wäre, den Untergang des Abendlandes einzuläuten! In meiner Phantasie baut sich ein vergnügliches Bild auf: Ich sehe die aufs Funktionieren ausgerichtete Welt verzweifelt gehetzter Karriereeltern zusammenbrechen, da ihre Kinder gemeinschaftlich beschließen, nicht länger mitzuspielen und sich künftig abends verkehrt herum ins Bett zu legen!

Übrigens gaben die Kinderpsychologen in jüngster Zeit Entwarnung. Die Kinder, so die Ergebnisse ihrer Studien, identifizierten sich mit Thomas und Annika, nicht mit Pippi selbst. Wörtliche Aussage: „Sie wollen eine Pippi haben, aber keine Pippi sein.“ Thomas und Annika sind weitgehend brave Kinder, die sich zwar mit Pippi treffen und sie bewundern, sich auch auf vieles Neue einlassen, aber dennoch darauf achten, pünktlich zu Hause zu sein und ihren Eltern keinen unnötigen Ärger zu machen. Grund zum Aufatmen! Allerdings – merkt es Euch, liebe Eltern! – zeigen sich deren Eltern zwar sehr besorgt, aber sie tun stets eines: Sie achten und respektieren ihre Kinder als Persönlichkeiten, – deshalb werden sie auch ganz selbstverständlich von ihnen respektiert. Und: Sie akzeptieren Pippi. Sie erkennen, dass Pippi ihnen etwas zu geben hat, welches außerhalb ihrer eigenen Möglichkeiten liegt. Und sie sehen und spüren, dass Pippi ihren Kindern gut tut. Der Reise nach Taka-Tuka-Land steht nichts mehr im Wege.

Die Begegnungen zwischen der Ephraimstochter Langstrumpf und ihrem Vater hingegen beruhen auf herzlichem Austausch, gegenseitigem Respekt und  dem Prinzip „Leben und leben lassen“, ohne dass einer dem anderen je Vorhaltungen machen wollte. Freiheit als oberstes Prinzip. Bei Ronja sind es die Kinder, die mit ihrer vorbehaltlosen Kreativität und Ausdauer schließlich gar den Starrsinn der Erwachsenen überwinden. Auch die Kinder des vergleichsweise idyllischen Bullerbü genießen als wesentlichsten Komfort: Freiheit!

Astrid Lindgren hatte wie keine andere zuvor verstanden und aufgezeigt, dass es dies ist, was Kinder in erster Linie brauchen: Freiheit. Die Freiheit, sich zu entwickeln und zu entfalten. Sie meinte damit nicht das gänzliche Fehlen von Normen und Regeln. Kinder, die frei aufwachsen, sehen meist ganz von selbst die Notwendigkeit von gewissen Normen und Regeln, damit Zusammenleben funktionieren kann. Wichtig sei – so Astrid Lindgren -, die Kinder hierin nicht zu unterschätzen, und sie vor allem in ihrer Persönlichkeit und Individualität zu respektieren.

Dies passte zu gewissen Zeiten durchaus noch nicht ins Weltbild eines jeden. Ihre Rede „Niemals Gewalt!“, die sie anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1978 in Frankfurt hielt, in welcher sie  Auswirkungen von Gewalt im Kleinen – und gegenüber Kleinen – auf spätere Gewalt im Großen  thematisiert und der daraus für sie selbstverständlich abzuleitenden Notwendigkeit der gewaltfreien Erziehung das Wort redet, stieß im Vorfeld auf wenig Gegenliebe. Gar wurde sie gebeten, von ihrer Absicht, diese Rede zu halten, Abstand zu nehmen. Dann, meinte sie schlicht, werde sie von ihrem Kommen Abstand nehmen. Keine leere Drohung, – soweit kannte man sie! -, woraufhin man sie schließlich bat, zu erscheinen und ihre Rede zu halten. Sie erschien. Der Wortlaut ihrer Rede wurde mehrmals schriftlich aufgelegt und galt ein ums andere Mal binnen kürzester Zeit als vergriffen.

Sie war konsequent in ihrem Engagement für alles, was ihr am Herzen lag, sei es für Kinderrechte, Frieden oder Tierschutz. Und sie hatte Erfolg. Immer wieder erkämpfte sie sich Zugeständnisse der Politik zu ihren Anliegen. 1994 erhielt sie den „Right Livelihood Award, den sogenannten Alternativen Nobelpreis „für ihre einmalige schriftstellerische Tätigkeit, die sie den Rechten der Kinder und dem Respekt für ihre Individualität widmet.“

Die Kinder lieben sie, – denn sie fühlen sich von ihr ernst genommen. Dies reicht – wie wir sehen können – weit über ihre eigene Lebenszeit hinaus. Der Funke ist entzündet. Die als Kinder mit ihr aufwuchsen, tragen ihn als Erwachsene weiter, und es sind glücklicherweise so viele, dass ein völliges Erlöschen desselben nicht zu befürchten ist.

Der schwedische Ministerpräsident Göran Persson endete vor zehn Jahren seine Trauerrede mit den Worten:

„Danke, Astrid, danke für alles, was du uns gegeben hast. Du warst Schwedens am meisten gelesene und beliebteste Schriftstellerin. Du hast wie wenige die Kinder gesehen – in ihrer Not, in ihrer Kraft, in ihrem ganzen Wert. Du hast Millionen Kindern in aller Welt eine Stimme gegeben.“

Damit wäre nahezu alles gesagt. Der Name Astrid Lindgren steht für alle Zeiten für unsere Sehnsucht nach einer besseren,  für Kleine und Große bewohnbareren Welt. Die Wege, die dort hinführen, hat sie uns aufgezeigt. Gehen müssen wir sie selbst!

Bettina Johl

Bei OSIANDER Bestellen

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Autor, Bücher, Essay, Kinder- und Jugendliteratur

Eine Antwort zu “Das entschwundene Land – In Memoriam Astrid Lindgren

  1. Ursula Jürgensen

    Astrid Lindgren gab uns mehr als „nur“ Geschichten. Sie regte uns an zum Nachdenken, sie erinnerte uns daran, dass Kinder ein Stück Freiheit brauchen, unsere Welt nicht grau sein muss, sondern durchaus bunt sein kann und darf. Viele lernten ihre Erzählungen übers Fernsehen kennen und kamen dann erst zu den Büchern, was nicht schlimm ist, denn die Inhalte sind wichtig und es liegt an uns, die Welt ein wenig farbiger zu sehen. Großen Dank an diese großartige Frau.

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