An-Schreiben gegen die Sprachlosigkeit – Zum Tod von Christa Wolf

Sie ist gegangen… – und sie fehlt! Ein Augenblick, vor dem ich mich lange gefürchtet habe, ist eingetreten. Jener, in dem mir jemand die Nachricht überbringt: Christa Wolf ist gestorben.

Wie sehr hatte ich mir gewünscht, sie würde uns noch lange erhalten bleiben. So vieles hätte sie uns noch zu sagen gehabt, sie, die „Jahrhundertfrau“, wie ich sie in einem der zahlreichen Nachrufe durchaus zu Recht bezeichnet fand. Vieles, was mich persönlich mit ihr verband, hatte ich zu Anfang des Jahres in meine Buchbesprechung „Das Tonband im Kopf“ zu „Stadt der Engel“ einfließen lassen, ein Roman, von dem ich gehofft – ja, gebangt – hatte, es würde nicht ihr letzter sein, ich würde mich noch an weitere wagen dürfen. Leider war er ihr letzter. Und mir selbst bleibt nur dieser Nachruf. Er fällt mir schwer. Wieder einmal quäle ich mich. „An-Schreiben gegen die Sprachlosigkeit“ – auch dies ein Satz, den ich oft verwende, den ich ihr wahrscheinlich „geklaut“ – vornehmer ausgedrückt: von ihr „entlehnt“ – habe. An-Schreiben gegen die Unmöglichkeit, ihr auch nur annähernd gerecht zu werden – jemand wie ich. Du meine Güte! So viele Jahrzehnte später geboren, eine Generation irgendwo sozusagen dazwischen: Die ihrer Kinder nicht mehr, die ihrer Enkel noch nicht. Eine Generation, die – so empfinde zumindest ich es – mit ihren offenen Fragen im Regen stehen gelassen wurde, ja, gar nicht wusste, welche Fragen überhaupt zu stellen wären. Unsere Eltern, Angehörige einer traumatisierten Generation, die als Kinder zu viele Nächte in Luftschutzkellern zubrachten, wo Kinder einfach nicht hingehören, nirgendwo auf der Welt! Die sich bei unseren Fragen die Ohren zuhielten: „Was wollt denn ihr? Ihr habt das nicht erlebt, ihr habt nichts mitgemacht, was wollt ihr denn? Wir waren klein, wir konnten nichts dafür, und ihr sollt ’s mal besser haben und wir schuften uns ab dafür! Seid froh und dankbar, dass es euch so gut geht! Haltet den Mund und schaut, dass ihr was Rechtes werdet!“ Es war nicht böse gemeint. Die Sache hatte nur einen Haken: „Etwas Rechtes“ werden, ohne sich mit der Geschichte und den Fragen, die sich daraus für die Zukunft ergeben, auseinanderzusetzen, das funktioniert so nicht!

War es diese unbewusste Einsicht, die mich an Christa Wolfs Bücher heranführte, an ihnen hängen bleiben ließ, obwohl ich zunächst wohl kaum verstand, was ich da las? Fremde Welt, fremde Lebenshintergründe, spannend wohl, aber zuweilen weit weg von mir. Ich war jung und ungeduldig, hatte ein kleines Kind, eine Familie, in der es turbulent zuging, was konzentriertem Lesen nicht eben zuträglich ist, und Bücher, die mir schwer verständlich waren oder die mich nicht zu fesseln vermochten, wurden schnell beiseite gelegt. Mit ihren Büchern war dies nicht der Fall. Ich blieb dran, selbst wenn ich mich seitenweise quälte. Irgendetwas muss es gewesen sein, ein vages Gefühl nur, noch weit vom eigentlichen Verstehen entfernt: Dass es hier um etwas geht, das mich betrifft, und dass dieses Unfassbare bedrängende Aktualität hat. Dass so viele dieser Themen und Konflikte, trotz eines völlig anderen Lebenshintergrunds, genau meine eigenen sind!

Solches oder Ähnliches muss ich ihr geschrieben haben, in einem Brief, den ich ihr während eines meiner vielen späteren Ferienaufenthalte in Mecklenburg ganz in der Nähe des Ortes, wo sie – wie ich durch glücklichen Zufall erfuhr – ihren Sommersitz hatte, verstohlen im Vorbeifahren in den Briefkasten schmuggelte. Ich wünschte, ich könnte mich erinnern; ich fertige mir niemals Abschriften von Briefen, und was ich schreibe, ist auf merkwürdige Weise ausgelagert und würde ein Wiederlesen erfordern – und selbst dann ist nicht immer gesagt, dass ich mich sofort darin wiedererkenne. Was mir geblieben ist – umso kostbarer jetzt: Eine Postkarte, mit der sie mir in kürzester Zeit antwortete, die seither einen Ehrenplatz in meinem Regal bei ihren Büchern einnimmt. Sie habe – schrieb sie – meinen Brief mehrmals gelesen, er beschäftige sie! Das war mehr, als ich je zu hoffen gewagt hatte!

Ich habe es leider nicht geschafft, ihr persönlich zu begegnen, was ich nun als umso schmerzhafter empfinde. Ein einziges Mal noch traute ich mich zu dem alten ehemaligen Pfarrhof hin, um ein Buch signieren zu lassen. Sie war leider unpässlich an diesem Tag, aber ihr Mann, Gerhard Wolf, im Garten beschäftigt und mich sehr freundlich empfangend, trug ihr das Buch ins Haus und brachte es signiert zurück. So war es mir zumindest vergönnt, ihn kennenzulernen, dessen Essay über Hölderlin zum Allerbesten gehört, was es über den Dichter zu lesen gibt – und im Besitz eines handsignierten Exemplars ihres vorletzten Buchs „Mit anderem Blick“ zu sein.

Mit diesen beiden Andenken sitze ich hier und kämpfe mit den Tränen. Der Verlust ist unermesslich. Ich fühle mich alleingelassen, auch in meinen eigenen Versuchen, zu schreiben, und ich denke mit Sorge an die jungen Menschen der nachfolgenden Generationen, die heranwachsen mit ebensolchen offenen Fragen. Kann es noch gelingen, ihnen einen Zugang zu ihren Werken zu vermitteln? Die Weichen hierzu könnten jetzt gestellt werden. Ein Blick in die Medien lässt staunen: Ehrenbezeugungen, wohin das Auge blickt. Es gab andere Zeiten, das wissen wir. Zeiten bösester Diffamierungen im „deutschen Literaturstreit“, Abstempelung zur „DDR-Staatsdichterin“, dann der Vorwurf, in verhältnismäßig jungen Jahren für kurze Zeit als Stasi-IM angeworben worden zu sein, eine Situation, der viele ihrer Berufsgruppe ausgesetzt waren und sehr unterschiedlich damit umgingen. Sie selbst schlug dem System ein Schnippchen und verfasste einige wenige nichtssagende Berichte, welche die zu überwachenden Personen in durchweg positives Licht stellte, Verdachtsmomente gegen sie entkräftete und von staatlicher Seite missbilligtes Verhalten entschuldigte. Der Staatssicherheitapparat gelangte sehr schnell zu der Überzeugung, dass mit ihr in dieser Hinsicht nichts Großes anzufangen sei – und befand es nur wenig später für notwendig, sie selbst zu überwachen. Die Debatte beendete sie schließlich 1993, indem sie, was wohl nicht jeder vorbehaltlos getan hätte, ihre gesamte Stasi-Akte kurzum veröffentlichte. Zehn Seiten „Täterakte“, die fast nichts enthalten, stehen hier über 40 Ordnern (!) „Opferakte“ gegenüber. Jedoch – die Häme blieb, hat Spuren hinterlassen, am meisten bei ihr selbst, wovon sie sich auch nie vollständig erholte. Solches macht mich traurig und ist ein erschreckendes Beispiel dafür, was Medienkampagnen anrichten können.

Was hatte man ihr sonst vorzuwerfen? Dass sie blieb, als andere gingen? Dass ihr die Menschen und das Land – nicht das System – wichtiger waren als anderes? Gewiss, sie war „privilegiert“, sie durfte reisen. Aber wer sonst hätte ihr Land – und damit meine ich wiederum die Menschen, die darin lebten, nicht das System, das sie unterdrückte – besser nach außen vertreten können? Dass sie dennoch die Zukunft im Sozialismus sah? Der Sozialismus, der ihr Ideal war, hatte mit Diktatur nichts gemein. Einer Diktatur – gleich welcher – hat sie nie das Wort geredet. Ihre Gesinnung war demokratisch durch und durch. Wer etwas anderes behauptet, sagt die Unwahrheit. Es ist einfach, zu kritisieren, wenn man nicht in der Haut des anderen steckt. Aber es ist unverantwortlich, Menschen, die in einer Gesellschaft wie unserer eine so wichtige – weil seltene – Vorbildfunktion einnehmen können, durch ungeprüfte und unwahre Behauptungen zu diffamieren. Sie in die Enge zu treiben und durch Rufmord um alle Möglichkeiten zu bringen, sich zu erklären. Dann ist in der Tat: „Kein Ort. Nirgends.“

„Medea“: Die Gesellschaft, die ihre Sündenböcke braucht, um selbst der Anstrengung ledig zu sein, sich zu hinterfragen. Und dieselbe Gesellschaft, die wie in „Kassandra“ die ihr lästigen mahnenden Stimmen zum Schweigen bringt. Christa Wolfs Stimme wird uns fehlen, ihre besondere leise, unaufdringliche Art, sich frei von Besserwisserei mit unseren äußeren und inneren Konflikten selbstkritisch und durchaus mit Augenzwinkern und feinsinnigem Humor auseinanderzusetzen. Ihre unbedingte Aufrichtigkeit, ihr zähes Ringen um Wahrheit, ihr unentwegtes Prüfen und Infrage-stellen eigener Aussagen, ohne sich dabei jedoch zu verlieren, vielmehr stets – mit schonungsloser Offenheit auch sich selbst gegenüber – zu ihren Überzeugungen stehend. Diese bleibt unerreicht, und ich habe sie so sonst nirgendwo gefunden. Dies ist es, was wir ab jetzt schmerzlich vermissen werden. Christa Wolf hinterlässt in der Literaturlandschaft eine klaffende Lücke, die in absehbarer Zeit nicht zu schließen sein wird.

Um mit ihren Worten einmal mehr zu fragen: Was bleibt? Ihre Werke, die für sich sprechen. Wir können sie mit der Fülle an Gedankenreichtum, den sie enthalten, immer wieder lesen, immer wieder mit anderen Augen und mit anderem Schwerpunkt. „Jeder Leser arbeitet auch an dem Buch mit, das er liest…“ – auch dies waren Worte von ihr. Sie lebt weiter in den Herzen derer, die sie schätzen und lieben. Das ist ein kleiner Trost angesichts des riesigen Verlustes, aber der einzige, den wir im Augenblick haben. Wir verneigen uns vor einer großen deutschen Schriftstellerin, der bedeutendsten für mich, und – wie ich weiß und in diesen schweren Tagen vielfach erfahren habe – für sehr viele Menschen überall auf der Welt.

Bettina Johl

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3 Kommentare

Eingeordnet unter Autor, Essay

3 Antworten zu “An-Schreiben gegen die Sprachlosigkeit – Zum Tod von Christa Wolf

  1. Karin Kanzler

    Ich verneige mich auch ,ja ich bin auch eine von denen die lange Zeit mit dem Namen Christa Wolf nichts anfangen konnte. Bis ich irgendwann mal eine Taschenbuchbeschreibung las. Da merkte ich,
    ja es ist überall das selbe. Unsere Eltern haben uns nichts gesagt
    was vor 1945 war wo sie ja auch schon gelebt hatten. Alle waren anscheinend am 8 Mai 1945 neu auferstanden und unberührt von allem was war.Ja sie waren Jung… Mein Vater Jahrgang 1922 meine Mutter früh Waise geworden 1925 und dann halfen sie mit das teilweise zerbombte Heimatland-meine im Westen, wieder aufzubauen.

  2. Karin Kanzler

    Wir nach 1945 geborenen mussten uns alles was war selber erlesen und erarbeiten. Eltern und Lehrer waren stumm. Aber dass wir mit Schuld waren weil wir in Deutschland geboren sind merkten wir bald.
    Und als dann die 68 er Jahre kamen da wurde uns die Schuld dann auch auf die Stirne gebrannt. Von da ab konnte man dann nur entweder untertauchen oder mitmachen. Eine dritte Möglichkeit gab es nicht. Doch man konnte Partei zeigen. Das durfte man ja ich ab 21 Jahren alle 4 Jahre tun bei den Wahlen.Aber eines wusste ich für mich. Ich wollte nie mehr Stiefel marschieren hören und auch keinem selbsternannten Guru oder so nachfolgen……

  3. Johne903

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