Herbstgedanken

Es ist Herbst und die Vögel singen. Dichter dürften so etwas vermutlich nicht schreiben, aber die Vögel, – sie wissen dies zum Glück nicht…

Sie singen zweckfrei, etwas verhaltener zuweilen, – kein Revierkampf mehr, für den es nötig wäre, sich zu verausgaben, gar zu übertönen -, dennoch vernehmlich, und es klingt fröhlich. Die Amsel im Garten flötet ihr gesamtes Repertoire, während sie am Boden ohne besondere Eile nach Regenwürmern sucht, leise, unsichtbar, mit geschlossenem Schnabel, so dass es wirkt, als kämen die Laute von woanders, weither. Aber es ist ihr typischer Gesang, – ich erkenne ihn, sie pflegt während einzelner Passagen wie ein Huhn zu gackern -, freue mich, dass sie es ist, dass sie nicht dem allgemein beklagten Amselsterben zum Opfer fiel; ihre Melodien scheinen geradezu unaufhaltsam in ihrem Inneren aufzusteigen. Ich fühle mich an kleine Kinder erinnert, die solches manchmal auf den Punkt zu bringen verstehen, mit Aussagen wie: „Ich kann nichts dafür, – es singt mich so…“ 

Es hat der Herbst etwas Belebendes, das Lähmende des Sommers,  – gleich, ob er uns Hitze oder verregnete Kühle bescherte -, weicht, der Himmel bekommt wieder Farbe, der Wind erfrischt, die Erde trägt den Duft der Verwandlung. Es zieht uns hinaus, die Berge hinauf – oder ans Wasser – oder zu beidem, es spielt keine Rolle! -,  sinkender Nebel verheißt einen schönen Tag, auch wenn die ersten Steigungen den Atem knapp werden lassen; das Licht, das in jedem Wassertropfen funkelt und die herbstlichen Farben der Blätter zum Leuchten bringt, entschädigt für vieles. Mit jedem Höhenmeter werden die Schritte leichter, Ballast bleibt zurück, die Häuser im Tal werden kleiner, der Straßenlärm geringer, bis er keine Rolle mehr spielt; die Schiffe auf dem Strom scheinen lautlos dahinzugleiten, die Züge auf den Schienen nur mehr noch mit leisem Rauschen.

Der Weg führt durch Buchen- und Eichenwald, – der bunte Teppichläufer aus Blättern und Schalen der Früchte belegt es auch den Wanderern, die seltener den Blick nach oben zu richten wagen, um nicht auf den nassen Wurzeln auszugleiten. Vogelstimmen werden vernehmlicher, – die der munteren Kohlmeisen, und auch die des Rotkehlchens, – ein Wintersänger ohnehin -, niemals gewillt, sich in seinem Gesang durch äußere widrige Umstände beeinträchtigen zu lassen. Kurze Zeit später auch der Ruf des Kleibers, – ich finde ihn nach alter Kleiber-Gewohnheit kopfunter am Stamm hängend, ein lustiger, kleiner Clown-Vogel, der nichts dabei zu finden scheint, dass die Welt für ihn zuweilen auf dem Kopf steht. In der knorrigen Wurzel einer riesigen Buche wohnt eine kleine Rötelmaus, – ich sehe sie hinein huschen, sie hatte meine Schritte wahrgenommen. Ich bleibe stehen und verhalte mich ruhig, – da erscheint sie wieder, bleibt im Eingang zu ihrem Wurzelbau still sitzen und schaut mich interessiert und ohne besondere Scheu an. Sie hat verstanden, – von mir droht ihr keine Gefahr. Wir sind Freunde.

Der Herbst hat etwas Entspanntes. Die Natur nimmt sich nie zu viel vor; sie leistet es sich, immer nur für ein Jahr vorzuhalten, für dieses eine alles zu geben, – wie es auch ausfallen mag -, und dann herunterzufahren, um im nächsten ganz neu anzufangen. Warum nicht wir?

Der Weg wird zum Pfad. Stufen. Zur Rechten felsiges Schiefergestein, mit Moosen und Flechten überzogen, dazwischen Hagebuttensträucher und Brombeerranken. Zur Linken der Abgrund. Nicht bedrohlich, – nein, das nicht. Die Notwendigkeit, sich mit Umsicht fortzubewegen, ergibt sich hier wie überall sonst. Die Felskanzel ist erreicht, bietet Platz zum Ausruhen und Ausblick über das Gebirge diesseits und jenseits des Stromes, der sich als silbriges Band in der Ferne verliert, um den Beschreibungen aller Dichter Rechnung zu tragen. Worte – zu oft gebraucht – nutzen sich bisweilen ab; das Erleben selbst bleibt davon glücklicherweise unbeeinträchtigt, ist immer wieder einzigartig, – lässt jeden Versuch, es zu beschreiben, blass und armselig aussehen. So muss es wohl sein.

Der Strom ist derselbe von alters her, ihn kümmert es nicht. Kurz ist das Leben der Menschen, die ihn für ihre Zwecke ausbeuten und ausbaggern, ihn als Verkehrsweg nutzen, sich auf ihm und an seinen Ufern wichtig tun und – für ihn zu allem Überfluss – über ihn dichten. Er war lange vor ihnen und wird lange nach ihnen sein; die Urgewalt seines Wassers hat sie noch immer wieder in ihre Schranken verwiesen. Komische Winzlinge sind sie von hier oben; ihr Treiben mutet seltsam an. Was haben wir mit ihnen zu schaffen? Nichts – für wenige Stunden…  

Bettina Johl

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