Das Glück im Auge des Denkers – Über Theodor W. Adorno

German philosopher Theodor Adorno

Theodor Wiesengrund Adorno

Adorno galt lange Zeit philosophischen Fachzirkeln als verdächtig, wenn nicht gar anrüchig. Seine Eloquenz und funkelnden Sätze, er hielt die meisten seiner Vorlesungen frei, verstärkte noch unter nicht wenigen Fachkollegen das Vorurteil, hier wisse einer nicht, wovon er rede. Nüchterne Wissenschaft jedenfalls sei dies nicht. Unsystematisches und dunkel abgründiges, romantisches Denken wurde ihm attestiert, bloße Rhetorik nachgesagt. Dass Fragmente und Aphorismen systematisches Denken nicht ausschliessen, und dass die Sprache sich an den Gegenständen selbst zu bilden habe, sollte spätestens seit Nietzsche und Husserl die Runde gemacht haben. Ganz verstummten jedoch jene Stimmen nie. Adorno selbst schrieb in seiner unabgeschlossen gebliebenen „Ästhetischen Theorie“: „Das Fragment ist der Eingriff des Todes ins Werk. Indem er es zerstört, nimmt er den Makel des Scheins von ihm.“ Als Adorno 1969 starb, zählten er und Max Horkheimer zu den geistigen Gründungsvätern der Bundesrepublik.

Geboren wurde er am 11. September 1903 als Sohn des Weinhändlers Oscar Alexander Wiesengrund und seiner Frau, der italienischen Sängerin Maria Calvelli-Adorno in Frankfurt am Main. Aufgewachsen ist Adorno in derselben Straße, in der Arthur Schopenhauer lange lebte: der Schönen Aussicht. Er studiert in Frankfurt Philosophie, Soziologie, Psychologie und Musiktheorie. Er lernte Max Horkheimer und Walter Benjamin kennen. Parallel zu seinem Studium ist Adorno bereits als Musikkritiker für die Zeitschrift „Neue Blätter für Kunst und Literatur“ tätig. 1925 war er Kompositionsschüler bei Alban Berg in Wien, 1931 habilitierte er sich über Kierkegaard in Frankfurt. Er emigrierte 1934 nach dem Entzug der venia legendi durch die Nationalsozialisten zunächst nach Oxford und übersiedelte ein paar Jahre später nach New York. Hier wurde er Mitglied des von Horkheimer geleiteten Instituts für Sozialforschung. In den vierziger Jahren lebte er in Los Angeles, wo er in Zusammenarbeit mit Horkheimer und Eisler  einige seiner gesellschaftskritischen und musikästhetischen Hauptwerke schrieb. 1949 kehrte Adorno nach Frankfurt zurück und wurde 1956 Ordinarius für Philosophie und Soziologie der Frankfurter Goethe-Universität.

Adorno ist einer der wichtigsten Theoretiker des 20. Jahrhunderts. Er hat nicht nur Philosophie und Soziologie nachhaltig beeinflusst, sondern ebenso Musiktheorie, Ästhetik, die Kulturwissenschaften sowie Literatur und Psychoanalyse. Seine kritische Theorie der Gesellschaft ist nach wie vor in Universitätsseminaren Diskussionsstoff, ebenso in Kunst- und Literaturzeitschriften. Mit Max Horkheimer zusammen verfasste er das einflussreiche Werk „Dialektik der Aufklärung„. 1947 wurden diese „Philosophischen Fragmente“ in ihrer endgültigen Fassung im Querido Verlag in Amsterdam in Druckform herausgegeben. Kurz darauf erschien seine „Philosophie der neuen Musik“, die Adornos Ruhm als Philosoph der Avantgarde festigte. Er selber sah dieses Werk als „ausgeführten Diskurs zu Dialektik der Aufklärung“. Zweifelsfrei ist sie das bekannteste Werk der Kritischen Theorie und avancierte zum klassischen Text des 20. Jahrhunderts. Sie ist eine Theorie der modernen Massenkultur – Begriffe wie die der Kulturindustrie werden eingeführt – und zugleich philosophische Kritik und Auseinandersetzung mit dem Faschismus.

Der Begriff der „Kulturindustrie“ wird von Adorno dabei ebenso verwendet wie „Communication Industry“, und dies nicht immer eindeutig. Gemeint sind hierbei Grundtendenzen der Massenkultur: Das Publikum wird zum reinen Konsumenten und mit Informationen beliefert, die Warencharakter haben. Die Kommunikation fließt in diesem Prozess einseitig nur vom Sender hin zum Empfänger. Adorno spricht in diesem Zusammenhang von der „Einbahnstraße der Massenkommunikation“. Theodor W. Adorno und  Max Horkheimer beleuchten früh die Kehrseiten des sozialen und technischen Fortschritts: Die „Aufklärung“ als Herrschaft der Vernunft, als die Unterwerfung der Natur unter menschliche Zwecke, wird über sich selbst aufgeklärt – die Aufklärung der Aufklärung. Will man die Geschichtsphilosophie der Kritischen Theorie verstehen, muss Geschichte als die des „kumulierten Leides“ gedeutet werden. Von Adorno ist die Bemerkung überliefert, es sei doch erstaunlich, wie wenig man der Geschichte der Philosophie die Leiden der Menschen anmerke. Dies ist ein Leitmotiv seines Denkens: Die Unterwerfung der Individuen durch anonyme, oft brutale Mächte nicht nur zu bereden, sondern im eigenen Denken spürbar werden zu lassen. Die von ihm stets wiederholte Fragestellung, „ob nach Auschwitz noch sich leben lasse, vollends es dürfe, wer zufällig entrann und rechtens hätte umgebracht werden müssen“, ist der eigentliche Impetus und Hintergrund seiner Philosophie. In der „Dialektik der Aufklärung“ ist die Geschichte der Herrschaft nicht mehr, wie noch in marxistischen Deutungsversuchen, auf Produktionsverhältnisse, sondern, in Verwendung der Formel Nietzsches, auf einen ursprünglichen „Willen zur Macht“ zurückgeführt. Dies wird später Michel Foucault in seinen Machtanalysen wieder aufgreifen. Die Kritik führt hinaus auf ein Denken, das selber „Organ der Herrschaft“ ist. Aufklärung, so die berühmten Sätze, die sich alles unterwirft, „schlägt in Mythologie zurück“.

Nachdem die beiden jüdischen Denker Adorno und Horkheimer Ende der 40er Jahre aus der Emigration in den USA nach Frankfurt zurückkehrten und gemeinsam das Institut für Sozialforschung wieder errichteten, kam es zu weiteren Einzelveröffentlichungen Adornos, wie der Aphorismensammlung „Minima Moralia – Reflexionen aus dem beschädigten Leben“. „Es gibt“, so lautet ein viel zitierter Satz aus diesem Werk, „kein richtiges Leben im falschen.“ Aufrufe zu autonomem Denken und Handeln seien alle hohl.

Die Kraft, den Dingen ins Auge zu schauen, sieht Adorno nur aus der Natur und der Geschichte des Individuums strömen, aus „Impulsen der Kindheit“. In seinem Buch über Gustav Mahler finden sich Formulierungen, die das Glück gerade von Adornos Kindheit reflektieren. Der Philosoph spricht von der Erfahrung, „dass in der Jugend unendlich Vieles als Versprechen des Lebens, als antizipiertes Glück wahrgenommen wird, wovon dann der Alternde, durch die Erinnerung hindurch, erkennt, dass in Wahrheit die Augenblicke solchen Versprechens das Leben selber gewesen sind.“ Nicht falsch gelebt hat der, dem das Glücksversprechen die Kraft zum Widerspruch gegeben hat.

In den 60er Jahren erschien dann, neben anderen Schriften, der „Jargon der Eigentlichkeit“, eine Generalabrechnung mit der Philosophie Heideggers. Adorno greift die „Ideologie als Sprache“ an, er kommentiert den „maßlosen Widerspruch zwischen dem pathetischen Anspruch dieser Sätze und der Sprachgestalt, in der sie erscheinen.“ Der Gestus solcher Sprache suggeriert, dass unmittelbar aus den Worten selber die Phänomene sprächen. Der Philosoph sieht hier im übrigen eine Schnittstelle von esoterischer Philosophie und Kulturindustrie. Gewichtige Worte alleine genügen, um einen hinreichenden Beweis geliefert zu haben: „Die beste CD des Jahres“ oder „ein geniales Meisterwerk der Popkultur“.

Drei Jahre vor seinem Tod erschien die „Negative Dialektik“ und posthum erst die Fragment gebliebene „Ästhetische Theorie“. Es häuften sich in Frankfurt Auseinandersetzungen mit den radikaler werdenden Studenten, die dem Philosophen ein Denken im Elfenbeinturm vorwerfen. In einem seiner letzten Aufsätze, der den Titel „Resignation“ trägt, antwortet Adorno auf diese Vorwürfe: „Demgegenüber ist der kompromisslos Denkende, der weder sein Bewußtsein überschreibt noch zum Handeln sich terrorisieren lässt, in Wahrheit der, welcher nicht ablässt. … Das Glück, das im Auge des Denkenden aufgeht, ist das Glück der Menschheit.“

Dieter Kaltwasser

Der Artikel erschien erstmals anlässlich einer Veranstaltung des Philosophischen Seminars der Universität Bonn zum 100. Geburtstag Theodor Wiesengrund Adornos am 20.05.2003 im Bonner General-Anzeiger in gekürzter und leicht geänderter Fassung.

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