Weißer Hahnenfuß – Eine Kurzgeschichte

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Ein inneres Bild hatte uns hergeführt. Eine Erinnerung, verschwommen, in Blau, Gelb und Weiß: Eine Wiese voller Vergissmeinnicht, Sumpfdotterblumen – und weißem Hahnenfuß, von dem wir eine lange Zeit gar nicht wussten, dass es ihn gibt.

Vieles wissen wir nicht mehr – aus jenen früheren Tagen, als es auf Wiesen noch mehr Blumen geben durfte, als diese noch nicht völlig überdüngt waren, bis nur noch Löwenzahn auf ihnen gedeihen konnte. Was wir lange genug nicht mehr zu Gesicht  bekommen haben, hören wir offenbar irgendwann auf zu vermissen. Nur manchmal stolpern wir noch unvermittelt über letzte Refugien, stehen dann staunend vor Wiesenstreifen – schmal meist nur – von leuchtend tiefblauem Salbei, manchmal sich abwechselnd mit dem Zitronengelb des Klappertopfs, den ebenfalls fast niemand mehr kennt, – oder  filigranen Kuckuckslichtnelken, die früher ganze Auen in einen rosa Teppich zu verwandeln vermochten – oder vor dem Traumbild eines wogenden Getreidefelds mit Kamille, Mohn und Kornblume. Hatten wir sie tatsächlich vergessen, den schleichenden Verlust an Farbe in der Landschaft nicht wahrgenommen? Und wundern uns wahrhaftig, dass an solchen Plätzen auch die Schmetterlinge wieder zurück sind; Falter, die wir mitunter nicht mehr benennen können, weil wir sie aus den Augen verloren hatten, sowie viele farbenprächtige Insektenarten, deren Namen wir längst auch nicht mehr wissen.

Ich habe mir angewöhnt, mir diese seltenen Stellen einzuprägen, und diese fand ich wieder, – fand sie genauso vor, wie ich sie in Erinnerung behalten hatte. Die Jahreszeit stimmte. Es führt ein Weg dorthin, aufwärts, entlang des Oberlaufs eines Gebirgsflusses, der hier – von seiner unterhalb des Höhenrückens gelegenen Quelle kommend – über ein beeindruckendes Gefälle von rotem Gestein, welches vom vulkanischen Ursprung der Gegend zeugt, seine weitere Reise ins Tal hinunter nimmt. Ein Weg, der – neben der Faszination des Wassers – interessante geologische Besonderheiten aufweist und so trotz seiner beträchtlichen Steigungen recht kurzweilig zu gehen ist. Der Platz, der sich mir ins Gedächtnis eingegraben hatte, liegt noch nicht weit vom Eingang des Hochtals an einer Biegung des Wasserlaufs, bevor die Schlucht sich zu verengen und der Weg anzusteigen beginnt. Jene Kehre hatte auf einem Stück ebenen Untergrunds eine Feuchtwiese entstehen lassen. Der Platz bietet eine gute Gelegenheit zu einer Rast; entsprechend hatte man ihn mit einer Schutzhütte und mehreren freistehenden Bänken sowie einem eingefassten Brunnen ausgestaltet.

Wir fanden alles so vor, wie ich es von meinem ersten Besuch in Erinnerung hatte: Der weiße Hahnenfuß, in der Mittagssonne flimmernd im fast unwirklichen Dunkelgrün des Grases, welches stets auf nassen Untergrund schließen lässt, jenes wiederum zum Ufer des Bachs hin vermehrt mit leuchtenden Tupfen vom Gelb der Sumpfdotterblumen durchzogen, während das unaufdringliche Blau der Vergissmeinnicht erst auf den zweiten Blick sichtbar wurde, wenn die Augen sich allmählich an die Sonnenlichtreflexe gewöhnt hatten.

Ich war glücklich, der Freundin diesen seltenen Winkel zeigen zu können, und wir mussten ihn nur mit wenigen Menschen teilen. Zwar war es einer jener kaum Ruhe verheißenden Feiertage im Frühling, die das Wandern geradezu im Kalender vorschreiben, – mit all den unsäglichen Begegnungen und grauenvollen Anblicken, die solches mit sich zu bringen pflegt: Eltern mit krampfhaft Fröhlichkeit vorschützenden Mienen, mäkelnde Kleinkinder und maulende Teenager hinter sich her zerrend, im vergeblichen Versuch, diese mit der Aussicht auf ein späteres Eis zum Durchhalten zu motivieren. Was schiefgehen muss, denn Stadtkinder, die einmal im Jahr zum Wandern hinaus gejagt werden, mit der Begründung, dass am Kalenderersten des Wonnemonats nun mal gewandert werden müsse, – und jetzt zieht mal nicht so ein Gesicht, mehr Fröhlichkeit bitte! – sind nun mal so gar nicht zu begeistern und schaffen erst recht keinen Gewaltmarsch, sind sie doch oft weniger trainiert als ihre Eltern, die schon eher mal der Sorge um die Figur willen das Fitness-Studio aufsuchen, während die Rasselbande inzwischen zuhause vor der Spielkonsole sturmfrei feiert.

Von all dem blieben wir glücklicherweise weitgehend verschont, was daran liegen mochte, dass der Weg einfach zu steil war und – der schlechten Anfahrbarkeit mit motorisierten Fahrzeugen wegen – fernab all jener bierseligen Waldfeste lag, die normalerweise Ziel solcher Art Familientrips zu sein pflegen, auf denen es schließlich gilt, neben dem Nachwuchs auch die Rucksack schleppenden Väter bei Laune zu halten.

Die einzige Familie, die außer uns den Rastplatz belagerte, war hingegen sportlich mit mehrgängigen Mountainbikes ausgerüstet. Entschlossen, den Berg mithilfe ihrer Räder zu bezwingen, strotzten sie geradezu vor Durchtrainiertheit; die Gruppe bestand aus mehreren Erwachsenen und einem kleinen Mädchen von eher zarter Statur. Wie alt mochte sie sein, etwa zehn Jahre? Alle Achtung, wenn sie diese Steigung bewältigen konnte! Die Erwachsenen nahmen ihr Picknick halb auf den Fahrradsätteln sitzend ein, in Gedanken wohl mehr oder weniger schon oben, am Ziel, wie es ihrer Unterhaltung zu entnehmen war.

Wir rasteten auf Holzbänken etwas abseits der Hütte, wo unterhalb des Brunnens einige kleine Teiche angelegt waren, und genossen die Blütenpracht und die weitreichende Stille, die über dem Platz lag.  In der Nähe turnte das von den Gesprächen der Erwachsenen sichtlich gelangweilte kleine Mädchen unlustig an den Geräten eines Spielplatzes herum, bis es sich schließlich darauf verlegte, auf dem Brunnenrand entlang zu balancieren, – Anlass für die Mutter, ihren Redefluss zu unterbrechen: „Julia, pass auf – werde nicht nass – fall nicht rein!“

Inzwischen war die Aufmerksamkeit des Kindes auf den nächstgelegenen Teich gefallen, und es hatte sich an dessen Ufer gesetzt. „Da sind Kaulquappen!“ rief es begeistert aus. Von der anderen Seite ertönte: „Julia, steh auf! Du machst dir die Hose dreckig!“

Das Kind schöpft Wasser in der hohlen Hand, fängt dabei vorsichtig eines der Tierchen und trägt es zu den Erwachsenen hinüber. „Schaut doch mal!“ Der Vater reagiert nicht. Kommentar der Mutter: „Uuh! Tu’s wieder ‚rein! Schnell!“ Das Mädchen macht ein enttäuschtes Gesicht und trägt die Kaulquappe zurück.

Der Teich beginnt uns nun auch zu interessieren. Wir gehen hin. Schauen. Staunen, fasziniert vom Leben, das er in sich birgt. „Hier sind noch größere, – sind die schön!“ ruft das Kind, welches inzwischen das gegenüberliegende Ufer erkundet. Eigentlich richtet es dies nicht an uns. Wir warten. Niemand reagiert. Wir gehen hin, lassen uns die Entdeckung zeigen. Und wirklich sind diese Kaulquappen sehr viel weiter fortentwickelt, lassen bereits die Frösche erahnen, zu denen sie einst werden sollen.

„Sie sind wirklich schön“, sage ich. „An den kommenden Sommerabenden wird es hier ausgiebige Froschkonzerte geben“, mutmaßt die Freundin. Das Mädchen schaut hoch und lächelt.

Doch schon erschallt es: „Julia, – komm, wir wollen weiter!“ – „Nein! Ich will noch nicht! Kommt doch mal her und schaut!“ – „Nein. Komm jetzt!“ – „Kommt IHR doch mal!“ Die Mutter zögert, nähert sich unschlüssig. „Schau mal, eine Schnecke!“ Das Mädchen zieht seine Hand aus dem Schlamm und hält in ihr eine kleine Wasserschnecke, die es dort gefunden hat, entgegen. Wir tauschen ahnungsvolle Blicke. Ein entsetzter Aufschrei: „Was machst du denn da? – Lass das! Tu sie bloß schnell wieder ‚rein, – pfui Deibel! Komm jetzt endlich!“ Die Mutter wendet sich angewidert zum Gehen. Das Mädchen bleibt traurig sitzen.

„Als ich so alt war wie du“, erzählt die Freundin, „hab ich’s ganz genauso gemacht. Wasser  – und alles, was darin so lebt, hat mich immer magisch angezogen. Kein Teich war mir zu tief und kein Bach zu reißend. Und meine Mutter hat andauernd mit mir geschimpft, weil ich ständig nasse Hosen hatte – und schmutzige Strümpfe – und auch öfters  mal meine Schuhe verlor.“ – „Und ich“, setze ich hinzu, „war überall zu finden, wo es Tiere gab. Meine Tante hatte Ziegen, und ich wurde immer ermahnt: Bleib aus dem Stall draußen! Aber ich musste natürlich hineinkriechen bis in die hintersten Winkel. Und zuhause hieß es dann: Zieh dich bloß vor der Tür aus, – du stinkst!“ – Das Mädchen lächelt wieder. Wir sind Verbündete. Ich entdecke noch eine der Wasserschnecken. Die Kleine ist begeistert, – freut sich, dass sie uns gefällt.

Drüben werden die Rufe lauter. Schließlich lässt sich der Vater am Teich blicken. Hat die Mutter ihn vorgeschickt? „Julia, was ist denn? Nun komm doch!“ – „Papa, schau doch mal! Nur gucken!!!“ – Er zieht es vor, auf Abstand zu bleiben. Seine Stimme klingt nicht unfreundlich: „Nun komm, – du warst doch nun wirklich lange genug hier, – wir müssen doch weiter!“ Er ist nicht zu bewegen, näher zu kommen.

„Ja, nun“, sage ich, „es stimmt schon, – wir sollten auch weiter, sonst bekommen wir in der Hütte oben keinen Rhabarberkuchen mehr. Auf den freue ich mich schon den ganzen Tag. Aber dafür müssen wir uns ranhalten, wir sind zu Fuß! Denn man los!“

Seufzend erheben wir uns beide. Auch das Mädchen steht auf, nickt uns kurz zu und folgt ihrem Vater zu den Fahrrädern.

© Bettina Johl

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Eingeordnet unter Bettina Johl, Frühling, Kurzgeschichte, Sommer

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