Zettel’s Traum – Das Überbuch

Zettelei 1

Sind doch ›Bücher‹ méhr, als nur ein, in unnütz=dünne Scheiben geschnittener Klotz KiefernSchliff : sind ›WeltKnospen an unserer Welt‹!

»Bücher sind ja, irgendwie, MenschnReste -«

»Zettel’s Traum«

„Es wird sich nicht mehr setzen lassen“, klagte Arno Schmidt, als er das Buch 1968 endlich vollendet hatte. So erschien vor nun 40 Jahren „Zettel’s Traum“ als Faksimile und machte den Autor auf einen Schlag berühmt. Dabei erwiesen sich die handschriftlichen Korrekturen, Streichungen und das für den Leser unfreundliche Satzbild der Schreibmaschine neben der komplizierten Struktur des Romans als nur schwer zu überwindende Hürde für die Lektüre. Schon im Typoskript umfasst das wichtigste Buch des Schriftstellers 1334 DIN-A3-Seiten.

Nun ist „Zettel’s Traum“ erstmals als gesetztes Buch erschienen. Mit dem Roman wird die Bargfelder Ausgabe der Werke Arno Schmidts abgeschlossen. Jahrelang mühten sich Setzer, Herausgeber und Korrektoren, das hochkomplexe Layout und die eigentümliche Rechtschreibung des dreispaltigen Romans mit seinen zahlreichen Randglossen in einen lesefreundlichen Schriftsatz zu überführen, ohne den Charakter des „Überbuchs“ zu gefährden oder Eigenheiten zu glätten.

„Was stünde nicht in „Zettel’s Traum?“, fragte Arno Schmidt einmal selbstironisch und selbstbewusst. Der Roman erzählt von der vergeblichen und prekären Liebe zwischen dem alternden Schriftsteller Daniel Pagenstecher, dem Alter Ego des Autors, und der sechzehnjährigen Franziska Jacobi, Tochter des Übersetzer-Ehepaars Paul und Wilma Jacobi.

Diese treffen sich an einem Julitag, von morgens um 4 bis zum nächsten Morgen um 4 in Ödingen, einem fiktiven Ort in der südlichen Lüneburger Heide. Das ist ein großer Erzählstrang des Romans, die beiden anderen befassen sich unter anderem mit Edgar Allan Poe und Sigmund Freud; es wird im Roman nicht nur eine Geschichte erzählt, sondern vom Erzählen und seinen Voraussetzungen überhaupt gehandelt, schon in der  Eröffnung in Umrissen eine Theorie zur Abbildung unbewusster Wünsche und Zwänge in der Literatur geliefert. Der Leser erfährt, dass über den Klang der Worte oft ganz andere Vorstellungen assoziiert werden, die berühmten „Etym-Effekte“.

Der dozierende Pagenstecher, Schriftsteller und Poe-Fachmann, belehrt sein dreiköpfiges Publikum, von dem sich Paul aufgeschlossen, Wilma ablehnend und Franziska in bald grenzenloser Anbetung verhält. Ein Dauerthema des Romans ist der Voyeurismus, und der gipfelt kurz vor dem Ende sogar darin, dass Daniel (Dän) und Franziska Wilma und Paul beim Sex zusehen. Pagenstecher versucht Franziska davon zu überzeugen, dass die Verwirklichung einer Liebe nur katastrophal enden kann. Er verschwindet, als die Familie Jacobi abreist. Hinter einer Eiche versteckt sieht der alternde Schriftsteller Dän die junge Liebe seines Lebens auf immer davonreisen: „Gehab Dich wohl, Mein=Lieb! Auf hundert Meil’n weit!“

Dieter Kaltwasser

Bargfelder Ausgabe. Werkgruppe IV: Das Spätwerk: Band 1: Zettel’s Traum. Suhrkamp Verlag, 1536 S., 298 Euro. Buchpräsentation vom Bonner Buchladen 46 in Zusammenarbeit mit der Arno Schmidt Stiftung Donnerstag, 20 Uhr, im Bonner Kunstverein, Hochstadenring.

Artikel erschien am 17.11.2010 im Bonner General-Anzeiger

http://www.general-anzeiger-bonn.de/lokales/kultur/Zettel-s-Traum-wird-im-Bonner-Kunstverein-vorgestellt-article242274.html

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