Lauter Skandale – Über Thomas Bernhard

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Spiegelung: Thomas Bernhard, Bernhards Haus

„Es gibt ja nichts Verlogeneres, als diese Geburtstagsfeiern, zu welchen sich die Menschen hergeben, nichts Widerwärtigeres als die Geburtstagsverlogenheit und die Geburtstagsheuchlerei.“

»Wie gut, daß wir immer eine ironische Betrachtungsweise gehabt haben, so ernst uns immer alles gewesen ist. Wir, das bin ich.“

Thomas Bernhard

Kein österreichischer Schriftsteller hat in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts so polarisiert wie Thomas Bernhard. Und wir dürfen getrost hinzufügen: es war von ihm beabsichtigt. Er hat geschrieben, was sonst keiner wagt zu schreiben, und er hat sich nicht beirren lassen. In Österreich, das schwer an ihm trug, war er geliebt und verhasst zugleich. Auch Menschen, die ansonsten der Literatur fernstanden, kannten seinen Namen. Das lag vor allem an den von ihm perfekt inszenierten Skandalen. Zu diesem Ruhm trug auch sein Theaterstück Heldenplatz aus dem Jahre 1988 bei, in dem ein Protagonist behauptet, dass Österreich immer noch in den Denkmustern des Nationalsozialismus verstrickt sei, und damit in der Öffentlichkeit heftige Diskussionen auslöste.

Im deutschsprachigen Raum und dann auch international wurde er zum gefeierten Autor, erhielt zahlreiche Preise, darunter 1970 den Büchner-Preis von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. 1979 allerdings erklärte er seinen Austritt aus dieser Institution. Der ehemalige Bundespräsident Walter Scheel war gerade zum Ehrenmitglied der Akademie gewählt worden und für Bernhard nur „letzter definitiver Anlass“ für seine Entscheidung: „Ist ein Dichter und Schriftsteller schon lächerlich und, wo auch immer, für die Menschengesellschaft schon schwer erträglich, um wie vieles lächerlicher und unzumutbarer ist eine ganze Horde von Schriftstellern und Dichtern und solchen, die sich dafür halten, auf einem Haufen!“ Bernhard gilt als düsterer Nihilist, als kompromissloser Skandalschriftsteller und als brillianter Übertreibungskünstler. Thomas Bernhard hat mit seinem schriftstellerischen Werk, das sich oft mit der jüngeren Geschichte Österreichs beschäftigt, Ruhm erlangt, und man möchte hinzufügen, er kann getrost zu den wenigen deutschsprachigen Autoren der letzten sechzig Jahre gezählt werden, die zur Weltliteratur gehören. Den Nobelpreis für Literatur hat er naturgemäß nicht erhalten.

Am 9. Februar 1931 wird Thomas Bernhard im niederländischen Heerlen in einer auf ledige Mütter spezialisierten Entbindungsanstalt geboren. Die Geburt findet unter für Mutter und Kind schwierigsten Umständen statt. Bernhard selber charakterisiert später seine allererste Lebenszeit mit den Worten: „Meine Mutter hat mich weggegeben. Ich bin in Holland, in Rotterdam, auf einem Fischkutter gelegen ein Jahr lang bei einer Frau. Meine Mutter hat mich alle drei, vier Wochen dort besucht. Ich glaube nicht, dass sie sehr viel für mich übrig gehabt hat damals.“ Dies entspricht nicht ganz den Tatsachen. Doch wie heißt es bei ihm: „Nur die Übertreibung macht anschaulich.“  Der uneheliche Thomas Bernhard jedenfalls erhält seinen Familiennamen von einem Mann, zu dem er überhaupt keine Beziehung hat, auch seinen leiblichen Vater sollte er nie kennenlernen.  Ein paar Monate später bringt seine Mutter ihn nach Wien. Seine Kindheit und Jugend wird stark durch seinen Großvater Johannes Freumbichler geprägt. Dieser übte zwar den Beruf des Schriftstellers aus, für das Überleben allerdings sorgt der weibliche Teil der Familie. In Ein Kind heisst es: „Die Großväter sind die Lehrer, die eigentlichen Philosophen jedes Menschen, sie reißen immer den Vorhang auf, den die anderen fortwährend zuziehen. Wir sehen, sind wir mit ihnen zusammen, was wirklich ist, nicht nur den Zuschauerraum, wir sehen die Bühne, und wir sehen alles hinter der Bühne. Die Großväter erschaffen seit Jahrtausenden den Teufel, wo ohne sie nur der liebe Gott wäre. Durch sie erfahren wir das ganze vollkommene Schauspiel, nicht nur den armseligen verlogenen Rest als Farce.“

Nach Übersiedlung der gesamten Familie nach Salzburg, Bernhards Muter ist jetzt mit Emil Fabjan verheiratet,  und dem Abbruch des Gymnasiums, beginnt Bernhard eine Kaufmannslehre in Salzburg.  Ende der 40er Jahre erkrankt er schwer an Lungentuberkulose und muss zur Behandlung in Krankenhäuser, Sanatorien und Heilstätten. Seine autobiographischen Schriften schildern eindringlich diese Zeit. In einer Lungenheilstätte lernt er auch seinen „Lebensmenschen“ Hedwig Stavianicek, eine 36 Jahre ältere Frau, kennen. Sie wird nach dem Tod des Großvaters und der Mutter Bernhards zum wichtigsten Menschen in seinem weiteren Leben.  In den fünfziger Jahren ist Bernhard vor allem als Journalist tätig, es erscheinen auch frühe Gedichtsammlungen. In diese Zeit fallen auch die ersten öffentlichen Erregungen. Er begegnet dem Komponisten Georg Lampersberg, der später die eigentliche Ursache für den Skandal um den Roman Holzfällen sein wird.  Von 1955 bis 1957 studiert er an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst ›Mozarteum‹ in Salzburg  Gesang und absolviert ein Regie- und Schauspielstudium.

Der literarische Durchbruch gelingt Thomas Bernhard mit Frost, seinem ersten veröffentlichten Roman, in dessen Mittelpunkt der erkrankte Maler Strauch steht. Zu dessen Beobachtung wird  der Famulus eines Arztes geschickt, ein Großteil des Buches ist wie ein Tagebuch geführt und erzählt von den Begegnungen des Famulus mit Strauch. Die geschilderte kalte und menschenfeindliche Landschaft des Ortes Weng und Strauchs „Krankheit als Auflösung“ sind beklemmend erzählt.  Doch bei Bernhard wird nie die Wirklichkeit selbst, sondern diese immer aus der Perspektive des Einzelnen geschildert. Dies führt dann in den späteren Romanen und Erzählungen zu stereotypen Formeln wie „sagte ich“ oder „dachte ich“. Weitere große Texte sind die jetzt folgende Erzählung Amras und der Roman Verstörung . Das Motto dieses Romans ist Blaise Pascals Pensées entnommen: „Das ewige Schweigen dieser unendlichen Räume macht mich schaudern.“

Die Erzählung Ungenach ist Bernhards Versuch, sich durch sein Schreiben von seiner familiären Vergangenheit zu entlasten. Der Text besteht aus Fragmenten und einem sich langen Monolog des Familienanwalts Moro, der da sagt: „Wem es gelingt, auf dem Totenbett eine Komödie oder ein reines Lustspiel zu schreiben, dem ist alles gelungen.“  1965 kauft er einen Vierkanthof in Obernathal, den er jahrelang restauriert, später kommen zwei weitere Häuser bei Reindlmühl und Ottnang in Oberösterreich hinzu.  Immer wieder kommt er zu Aufenthalten nach Wien und wohnt dort in der Wohnung Hedwig Stavianiceks. Er reist von nun an häufig in den mediterranen Süden, wo er auch schreibt und einige seiner Werke entstehen.  Der Suhrkamp Verlag, mit dessen Verleger Siegfried Unseld er in einem intensiven Briefwechsel steht, veröffentlicht von nun an bis zu Bernhards Tod jedes Jahr ein oder mehrere Werke des Schriftstellers, darunter Romane und Erzählungen wie Das Kalkwerk, Korrektur, Die autobiographischen Romane, Der Stimmenimitator, Die Billigesser, Wittgensteins Neffe. Eine Freundschaft, Der Untergeher, Holzfällen. Eine Erregung, Alte Meister. Komödie und Auslöschung. Ein Zerfall.

Vor allem Holzfällen und Auslöschung sorgen für erregte Debatten nicht nur in Österreich. Holzfällen wird im Oktober 1984 sogar beschlagnahmt, während der daraufhin einberufenen Pressekonferenz auf der Frankfurter Buchmesse, an der Bernhard und sein Verleger Unseld teilnehmen, herrscht zum Teil „lebhafte Heiterkeit“, wie berichtet wird. Der Komponist Lampersberg, einst mit Thomas Bernhard befreundet, fühlt sich durch die Figuren des Ehepaars Auersberger öffentlich denunziert und lächerlich gemacht. Den Roman kann man auch durchaus als Abrechnung mit Lampersberg und dessen berüchtigten Abendgesellschaften und Veranstaltungen deuten. Bernhard schreibt an Unseld, es ginge ihm in Hölzfällen um „die Entlarvung, die Hohlheit der Gesellschaft, die sich mit prominenten Schauspielernamen schmückt, und die Hohlheit prominenter Schauspieler, die sich durch die Gesellschaft korrumpieren lassen.“ Im übrigen, so Bernhard in einem Brief an seinen Verleger, habe das Ehepaar Auersberger mit dem Kläger Lampersberg nichts zu tun: „Wie ich selbst mich in Büchern von Dostojewski oder von Tolstoi erkenne, mögen sich Andere in meinen Büchern erkennen, aber das kann nicht Gegenstand einer gerichtlichen Klage sein.“

Auslöschung ist, wie Bernhard selbst sagt, ein politischer Roman und sein letzter größerer Prosatext. Er schildert die Verwicklungen der österreichischen Oberschicht mit den historischen Ereignissen des 20. Jahrhunderts und enthält heftigste Attacken Bernhards auf die seiner Meinung nach noch immer lebendigen Ideologien des Katholizismus und des Nationalsozialismus in Österreich. Erzählt wird dies innerhalb einer Familiengeschichte aus der Perspektive Franz Murnaus, eines Privatlehrers für deutsche Literatur in Rom, ein Erbe des feudalen Familienbesitzes Wolfsegg, ein Hort feudaler wie autoritärer Traditionen. Der Text schließt zwar mit Muraus Willensbekundung, Wolfsegg der Israelitischen Kulturgemeinde in Wien zu vermachen, deutlich wird in diesem Roman jedoch, dass auch der Protagonist Murnau letztlich in der familiären und politischen Vergangenheit verstrickt bleibt.

Neben seinen Romanen und Erzählungen schreibt Bernhard zahlreiche Theaterstücke. Ein Fest für Boris wird 1970 in Hamburg uraufgeführt, unter der Regie von Claus Peymann, der auch einen Großteil der weiteren Stücke erstinszeniert. Der Ignorant und der Wahnsinnige, das während der Salzburger Festspiele 1972 uraufgeführt wird, führt zum sog. „Notlicht-Skandal“. Da das Stück in totaler Finsternis endet, verlangt Regisseur Peymann, dass bei den Aufführungen auch das Notlicht gelöscht wird. Das wird wegen „feuerpolizeilicher Vorschriften“ abgelehnt. Thomas Bernhard telegraphiert: „Eine Gesellschaft die zwei Minuten Finsternis nicht verträgt kommt ohne mein Schauspiel aus.“ Das Stück wird abgesetzt.

Es folgen Die Jagdgesellschaft, Die Macht der Gewohnheit, Der Präsident, Vor dem Ruhestand. Eine Komödie von deutscher Seele, Der Weltverbesserer, Der Schein trügt, Ritter, Dene, Voss, Der Theatermacher und HeldenplatzVor dem Ruhestand aus dem Jahre 1979 bezieht sich auf eine Affäre des damaligen baden-württenbergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger. Dieser hatte bekanntlich seine NS-Vergangenheit als Marinerichter mit seinem unsäglichen Spruch „Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein“ abgetan,  und war von Rolf Hochhuth, der 1978 die Filbingers Vergangenheit als NS-Marinerichter enthüllte, als „furchtbarer Jurist“ bezeichnet worden. Im Mittelpunkt von Vor dem Ruhestand steht ein honorables Mitglied der Nachkriegs-Society, der Gerichtspräsident Rudolf Höller, der seiner alten braunen Gesinnung treu geblieben ist und alljährlich in NS-Uniform den Geburtstag Heinrich Himmlers feiert, bis ihn während seiner sich steigernden Nazi-Phantasien ein Herzanfall trifft.

Heldenplatz wird 1988 im „Bedenkjahr“ (50 Jahre Anschluss Österreichs an Deutschland) unter der Regie von Claus Peymann im Wiener Burgtheater uraufgeführt und gerät zum Skandal. Thomas Bernhard wird auf der Strasse beschimpft und bespuckt. Doch die Uraufführung wird für ihn noch einmal zu einem triumphalen Erfolg. Josef Schuster, Universitätsprofessor für Mathematik, der lange Zeit in England gelebt hat, kommt auf Einladung des Wiener Bürgermeisters zurück nach Wien. 20 Jahre nach dieser  Rückkehr zerbricht er an der Erkenntnis, dass sich die Mentalität seiner ehemaligen Landsleute seit dem NS-Einmarsch nicht geändert haben. Noch vor Beginn des eigentlichen Bühnenhandlung stürzt er sich aus dem Fenster seiner Wohnung, die dem Heldenplatz gegenüberliegt. Er erkennt, dass er weder in Wien noch in Oxford zu Hause ist.  Auch seine Frau bricht am Ende des Stücks zusammen, weil ihr die Heil-Rufe an der Stätte von Hitlers Triumphzug, dem Heldenplatz, nicht mehr aus dem Kopf gehen.

Thomas Bernhard ist in dieser Zeit um 1988 schon sehr krank. Am Jahresende reist er nach Torremolinos, wo Bruder und Schwester den Todkranken betreuen. Nur noch mit Mühe, er leidet an einer Herzmuskelschwäche, kann er Anfang Januar 1989 nach Österreich zurückkehren. Dort veröffentlicht er seinen letzten Text, einen Leserbrief zum Erhalt der Gmundner Strassenbahn. Er stirbt am 12. Februar 1989 im Beisein seines Bruders. Am 16. Februar wird Bernhard auf dem Grinzinger Friedhof in Wien in dem Grab beigesetzt, in welchem auch Hedwig Stavianicek, sein „Lebensmensch“, und deren Mann liegen. Nur seine Geschwister und sein Ziehvater Emil Fabjan sind anwesend. In seinem letzten Gespräch mit Siegfried Unseld sagt er: „Ich gehe, wie ich gekommen bin, unbemerkt.“

Dieter Kaltwasser

Empfohlene und verwendete Literatur bzw. Neuerscheinungen:

Manfred Mittermayer: Thomas Bernhard. Suhrkamp BasisBiographien, Frankfurt 2006, 158 Seiten

Thomas Bernhard: Goethe schtirbt. Erzählungen, Suhrkamp Berlin 2010, 98 Seiten,

Thomas Bernhard: Der Wahrheit auf der Spur. Reden, Leserbriefe, Interviews, Feuilletons, Suhrkamp Berlin 2011, 346 Seiten

Thomas Bernhard: Aus Opposition gegen mich selbst – Ein Lesebuch,  suhrkamp taschenbuch 4211 Berlin 2011, 368 Seiten

Thomas Bernhard / Siegfried Unseld: Der Briefwechsel, Suhrkamp Berlin 2010, 869 Seiten

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