Der Schein des Unendlichen

The wanderer above the sea of fog

Caspar David Friedrich: Der Wanderer über dem Nebelmeer

Die Romantik, eine deutsche Affäre?

Warum kann man eigentlich hierzulande kein Buch über die deutsche Romantik schreiben, ohne das dies als inhaltliche Schwäche, als unzulässige Verengung, ausgelegt wird? Die Romantik sei schließlich als Epoche in der Kultur- und Literaturgeschichte ein gesamteuropäisches Phänomen.  Diesen Vorwurf an sein Buch parierte der Autor Rüdiger Safranski auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse überaus lapidar: „Wenn man die deutsche literarische und philosophische Romantik im Sack hat, dann hat man sie alle.“ Dieser schnoddrig formulierte Satz, wenn er denn tatsächlich ernst gemeint sein sollte, ist natürlich falsch. Und der in philosophischen und literarischen Disziplinen hochgebildete Rüdiger Safranski weiß dies auch. Was bewog ihn dann, allein über die deutsche Literatur und Philosophie der Romantik zu schreiben, auch unter dem fast vollständigen Verzicht der anderen Künste wie der Musik und Malerei? Richard Wagner und seinen Musikdramen wird zwar Raum gegeben, allerdings fast immer im Zusammenhang mit den Philosophien Nietzsches und Schopenhauers. Und hier greift der Autor auf sein im Jahre 2000 erschienenes Nietzsche-Buch zurück, für das ihm der nach diesem Philosophen eigens benannte Preis verliehen wurde. Safranskis Intention liegt vor allem in der Beschreibung deutscher Mentalitätsgeschichte und  weniger in einer reiner Epochendarstellung. Will man ein Phänomen wie das der deutschen Romantik und den problematischen Begriff des Romantischen einem breiteren Leserkreis zugänglich machen, dann kann dies nur gelingen durch Reduzierung theoretischer Komplexität, anschauliche Beschreibung sowie stilsicheres Gespür für Aussonderung und Pointierung. Dabei bleibt naturgemäß einiges auf der Strecke.

Was das Anschauliche betrifft, liefert ihm die frühe romantische Philosophie durchaus argumentative Schützenhilfe. In einem kühnen Textentwurf von 1797, den man später „Das älteste  Systemprogramm des deutschen Idealismus“ nannte und bis ins späte 20.Jahrhundert abwechselnd Hölderlin, Hegel und Schelling zugeschrieben wurde, bis man in der philosophischen Forschung Friedrich Hölderlins dominierenden Part allgemein anerkannte, ist ausdrücklich von der Schaffung einer neuen Mythologie die Rede, einer „Mythologie der Vernunft“. Sie soll in Bildern verfasst sein, anschaulich darstellen, was vorher abstraktes philosophisches Denken formuliert hatte, sie muss mythologisch, d.h. ästhetisch sein, sonst habe sie für das Volk kein Interesse und der Philosoph müsse sich ihrer schämen. Es ist ein volkspädagogisches Konzept, die drei jungen schwäbischen Idealisten wollen eine bessere Wirkung beim Publikum. Annahme von allem ist, dass in Gesellschaft und Natur die gleiche Vernunft wirke, und die „Vorstellung von mir als einem absolut freien Wesen.“ Allerdings ist auch dieses „älteste Systemprogramm“ wenig anschaulich, sondern in einer hochtheoretischen Sprache formuliert, die wenig Erbarmen mit philosophisch ungeübten Köpfen zeigt. Rüdiger Safranski ist ein Meister der philosophischen Bilderrede, dies hat er in seinen Biographien über Schiller, Schopenhauer und Heidegger ebenso bewiesen wie in seinen zahlreichen philosophischen Essays. Sie stehen in einer Reihe mit den großen Biographien Richard Friedenthals über Goethe, Luther und Karl Marx. Das Buch ist in zwei große Teile untergliedert, die einander ergänzen. Es ist die Biographie einer für den Autor noch nicht beendeten Geisteshaltung der Deutschen. Die Romantik wird zunächst als Epoche dargestellt, anschließend das Romantische als Geisteshaltung, die bis heute fortwirke, und zwar in Politik und Kultur. Die prägnanteste Formulierung für das Romantische lieferte Friedrich von Hardenberg, der sich später Novalis nannte: „Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es.“

Die Romantik als Epoche beginnt in Jena im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts, sie endet in der deutschen Literatur mit Eichendorffs und Tiecks Tod in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Heinrich Heine, der eine Sonderstellung einnimmt, starb 1856 im Pariser Exil. Durch Fichte und Schelling zunächst stark von der Aufklärung und der französischen Revolution geprägt, besitzt die Romantik noch ein sehr welt- und zukunftsoffenes Potenzial. Doch gleichzeitig will sie der „entzauberten Welt“, der Säkularisierung etwas entgegensetzen, sie unterhält eine untergründige Beziehung zur Religion, zum Unendlichen; sie liebt die Ferne der Zukunft ebenso wie die der Vergangenheit. Sie ist in Extremen zuhause, in der Ironie ebenso wie in der Andacht. Sie  bekennt sich zur Weltfremdheit, zum Traum, zur Nacht und zur Todessehnsucht. Safranskis pointierte Formulierung: „Die Romantik ist die Fortsetzung der Religion mit ästhetischen Mitteln.“ Es sind oft genug Privatreligionen. Im Jena nahe gelegenen Weimar betrachtete man das Treiben der Gebrüder Schlegel und Novalis argwöhnisch. Der „Geheime Rath“ konzedierte zwar, dass aus Novalis ein Imperator der Literatur hätte werden können, wäre dem mit 28 Jahren verstorbenen Dichter nur genügend Zeit geblieben. Im Alter nannte Goethe, der seinen Blick ohnehin zu niemandem in der deutschen Literatur seiner Zeit mehr heben musste, das Romantische bloß noch das Kranke. Romantische Spuren, der Zauber des Vergänglichen, Weltfremdheit, Sprachdunkles und Irrationalität finden sich, so Safranski, nach dem Ende der eigentlichen Epoche in der deutschen Literatur und Philosophie zuhauf, wie z.B. bei Nietzsche, George und seinem Kreis, und Heidegger. Einmal in die Politik eingebracht, wirke Romantik zerstörerisch, wie es an der deutschen Geschichte ablesbar sei. Andererseits, so beschließt Rüdiger Safranski sein schönes und nachdenkenswertes Buch, dürfe den Menschen die romantische Einbildungskraft nicht verloren gehen, denn wir benötigten ihre Phantasieräume, weil wir, wie Rilke dichtete, „nicht sehr verläßlich zu Haus sind in der gedeuteten Welt.“

Dieter Kaltwasser

Rüdiger Safranski: Romantik – Eine deutsche Affäre, München 2007, 415 Seiten

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