Der Meister aller Masken – Fernando Pessoa

English: Photograph of Fernando Pessoa.

English: Photograph of Fernando Pessoa. (Photo credit: Wikipedia)

Es gibt Literaturkenner, die behaupten, dass die vier größten portugiesischen Dichter der Moderne alle Fernando Pessoa heißen. Mit dieser multiplen und paradoxen Zuordnung sind wir bereits inmitten der geheimnisvollen und skandalösen Pessoa-Welt. Vier Poeten in einem Mann, geboren in der Seele jenes leibhaftigen Fernando Pessoa, dessen Namen ins Deutsche auch mit „Niemand“ oder „Nichts“ übersetzt werden kann. Sie heißen: Alberto Caeira, Alvaro de Campos, Dr. Ricardo Reis und Fernando Pessoa. Dieses völlig singuläre Ereignis in der Weltliteratur, das ein Autor nicht nur unter Pseudonym schreibt, sondern völlig eigenständige Persönlichkeiten mit je eigenen Biographien – Heteronyme –  entwickelt, die in „Familiendiskussionen“ miteinander leiden, streiten und huldigen, konnte lange Zeit nur in kleinsten Literaturkreisen gewürdigt werden. Pessoa hatte nur „für die Truhe“ geschrieben, sein Nachlass galt als unchiffrierbar und blieb unveröffentlicht. Erschwert wurde dies durch eine Handschrift, die unleserlich zu nennen die reinste Untertreibung ist. Der Pessoa-Kenner und brillante Pessoa-Übersetzer Richard Zenith zählte insgesamt 72 Heteronyme im Werk des verwandlungsfähigen Schriftstellers. Erst 1982, fast 50 Jahre nach dem Tode Pessoas, wurde sein bedeutendstes Werk, das „Buch der Unruhe“, in Portugal veröffentlicht. Auch hier tritt der Verfasser in der Maske des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares vor seinen Leser und sagt zu ihm jenen berühmten Satz, der in direkter Nachfolge Sören Kierkegaards steht und doch so einzigartig ist: „Wenn das Herz denken könnte, stünde es still. Was bleibt jemandem, der wie ich lebendig ist und doch kein Leben zu haben versteht – ebenso wie den wenigen Menschen meiner Art – anders übrig als der Verzicht als Lebensweise und die Kontemplation als Schicksal?“

„Das Buch der Unruhe“, eines der Hauptwerke der europäischen Moderne, ist im Buchhandel noch in der Ausgabe des Ammann-Verlags  in der ersten vollständigen Übersetzung erhältlich.  Ammann hat sich in Deutschland durch die Edition der Werke Fernando Pessoas in herausragender Weise verdient gemacht.

© Dieter Kaltwasser

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