Endspiel im Hochgebirge

Portrait of Friedrich Nietzsche, 1882; One of ...

Friedrich Nietzsche, 1882

„Nein! Das Leben hat mich nicht enttäuscht! Von Jahr zu Jahr finde ich es vielmehr wahrer, begehrenswerter und geheimnissvoller, – von jenem Tage an, wo der grosse Befreier über mich kam, jener Gedanke, dass das Leben ein Experiment des Erkennenden sein dürfe – und nicht eine Pflicht, nicht ein Verhängnis, nicht eine Betrügerei! – und die Erkenntnis selber: mag sie für Andere etwas Anderes sein, zum Beispiel ein Ruhebett oder der Weg zu einem Ruhebett, oder eine Unterhaltung, oder ein Müssiggang, – für mich ist sie eine Welt der Gefahren und Siege, in der auch die heroischen Gefühle ihre Tanz- und Tummelplätze haben. >Das Leben ein Mittel der Erkenntnis< – mit diesem Grundsatze im Herzen kann man nicht nur tapfer, sondern sogar fröhlich leben und fröhlich lachen.“ Aus: Die fröhliche Wissenschaft

Nietzsches sieben letzte Sommer in Sils Maria

Die einsame Lage, das Hochgebirgsklima sowie die massive Gebirgskulisse von Sils Maria im Oberengadin, nur wenige Kilometer abseits des mondänen St. Moritz gelegen, zog in der Vergangenheit nicht nur Literaten und Philosophen an. Es ist aber vor allem Friedrich Nietzsche, dem Ort und See Bekanntheit und Ruf verdanken. Von dort schrieb er:“Ich bin mit dieser Natur verwandt.“ Nietzsche, der zwischen 1881 und 1888, das Jahr 1882 ausgenommen, seine Sommermonate in Sils Maria verbrachte, schuf hier einige seiner bedeutendsten Werke, wie den zweiten Teil von “Also sprach Zarathustra”, “Jenseits von Gut und Böse”, “Zur Genealogie der Moral”, “Götzendämmerung” und “Der Antichrist”. 

Dem Philosophen bewahrt das unscheinbare Haus, in dem er während seiner Aufenthalte in kargsten Verhältnissen wohnte, als Museum und Forschungsstätte ein  treues Andenken. Wer einmal vor dem kleinen und schlichten Zimmer des Denkers gestanden hat, der erinnert sich vielleicht an Nietzsches Selbstbeschreibung, dass er nur ein „Experiment des Erkennens“ sei. Das Haus ist heutzutage auch ein kleiner Veranstaltungsort von Vorträgen und Lesungen, die Philosophenzunft selbst trifft sich zu ihren Kongressen im nahe gelegenen eleganten und bequemen 5-Sterne-Hotel „Waldhaus“.

Bereits 1879 hatte Nietzsche das Engadin für sich entdeckt. So schrieb er seiner Mutter: “St. Moritz ist der einzige Ort, der mir entschieden wohl tut.“ Zwei Jahre später stieß ihn der mondäner werdende Ort, der immer mehr „Europas Edelfäule“ anzog, ab. Der wenig feierliche Grund für seine zunehmende Abneigung waren die horrenden Zimmerpreise, die Nietzsche nicht mehr bezahlen konnte. Ein Schweizer Reisegefährte, dessen Namen wir nicht kennen, empfahl ihm das wesentlich kostengünstigere Sils Maria, vielleicht hatte der Fremde ihm sogar geraten, im Haus von Gian Durisch Unterkunft zu nehmen, das nun für so viele Jahre sein Sommerdomizil werden sollte. Der Name des Hochalpenorts jedenfalls ist seitdem untrennbar verknüpft mit dem des Philosophen. In seiner Schrift „Menschliches, Allzumenschliches“ ist die Vorrede, in der er über seine Reisen und seine immer gefährdete Gesundheit Bericht gibt, Ausdruck der Hoffnung auf die Zukunft, für ihn und seine „guten Europäer“, am Ende werden Ort und Landschaft seiner physischen und psychischen Genesung genannt: „Sils-Maria, Oberengadin, im September 1886“. Auch die Grundkonzeption der „Ewigen Wiederkunft des Gleichen“, ist in der Landschaft von Sils Maria entstanden, die Inspiration  “auf ein Blatt hingeworfen”, wie Nietzsche in seiner Autobiographie “Ecce homo” mitteilt, “mit der Unterschrift: ’6000 Fuß jenseits von Mensch und Zeit.’ Ich gieng an jenem Tage am See von Silvaplana durch die Wälder; bei einem mächtigen pyramidal aufgethürmten Block unweit Surlei machte ich Halt. Da kam mir dieser Gedanke“.

Um die Mitte der achtziger Jahre hatte sich für den umherziehenden Nietzsche eine Routine des Ortswechsels vollzogen: Sils Maria im Sommer und Frühherbst, die italienische Riviera im Winter. Erst in den letzten Monaten vor seinem geistigen Zusammenbruch beschloss er, im Winter einen Wechsel nach Turin vorzunehmen.

Die zehn Jahre in Nietzsches Biographie zwischen seiner Entlassung aus Krankheitsgründen von seinem Lehramt als Philologieprofessor in Basel um 1879 und dem Ausbruch seiner Geisteskrankheit im Januar 1889 waren rar an äußeren Ereignissen, von der kurzen Freundschaft mit Lou Salomé abgesehen. Die einzige ständige, durch nichts mehr zu vertreibende Begleiterin seines stetigen Wanderlebens zwischen Meer und Hochgebirge war die Krankheit. Alle menschlichen Beziehungen wurden nach und nach abgeschüttelt. Erwin Rohde, ein Freund aus frühen Tagen, fasst seine letzte Begegnung mit Nietzsche in den Worten zusammen: “Eine unbeschreibliche Atmosphäre der Fremdheit, etwas mir damals völlig Unheimliches umgab ihn. Es war etwas in ihm was ich sonst nicht kannte, und vieles nicht mehr, was sonst ihn auszeichnete. Als käme er aus einem Land, wo sonst Niemand wohnt.“

Karl Jaspers bemerkt in seiner großen “Nietzsche”-Studie eine gesteigerte Form des Erlebens bei Nietzsche, eine neue Atmosphäre, einen nie vorher vernommenen Ton, der ab 1880 das Werk durchzieht. Nietzsche wurde sich mehr und mehr bewusst, dass die Einsamkeit bei ihm nicht nur gewählt, sondern gegeben ist: „Dass man aber eigentlich nur unter Gleichgesinnten, Gleich-Gewillten gedeihen kann, ist mein Glaubenssatz; dass ich Keinen habe, ist mein Malheur.“ Die Einsicht in seine Isolation wuchs und die Auswirkungen längerer Einsamkeit verstärkten sich. In einem Brief an Overbeck heißt es: „Die letzten Jahre auszuhalten- das war vielleicht das Schwerste, was mir überhaupt mein Schicksal bisher zugemutet hat. Nach einem solchen Anrufe, wie mein Zarathustra es war, aus der innersten Seele heraus, nicht einen Laut von Antwort zu hören, nichts, nichts, immer nur die lautlose nunmehr vertausendfachte Einsamkeit, das hat etwas über alle Begriffe Furchtbares.“

Die Polarlandschaft seiner Welt beschreibt Nietzsche in seinem späten Lebensrückblick „Ecce Homo“ in ungeheuren Worten: „Ein Irrtum nach dem anderen wird gelassen aufs Eis gelegt, das Ideal wird nicht widerlegt – es erfriert … Hier zum Beispiel erfriert das ‚Genie’, eine Ecke weiter erfriert der ‚Heilige’, unter einem dicken Eiszapfen erfriert der ‚Held’, am Schluß erfriert ‚der Glaube’, die sogenannte ‚Überzeugung’, auch das ‚Mitleiden’ kühlt sich bedeutend ab – fast überall erfriert das ‚Ding an sich’.“ Trotz ausgedehnter Wanderungen und einem intensiven Briefwechsel entstand in jenem Sommer 1888 in Sils Maria auf dem Hintergrund des Großprojekts einer „Umwertung aller Werte“ die „Götzen-Dämmerung“, Nietzsches „große Kriegserklärung“ an all das, was bislang für wahr gehalten wurde. Die Schrift ist Zeugnis eines semantischen Nihilismus, der Philosoph bezweifelt grundsätzlich, dass die Wirklichkeit auf die gleiche Weise wie die Sprache strukturiert sei. Peter Sloterdijk deutet in seiner Gedenkrede in Weimar zum 100. Todestag „das Ereignis Nietzsche als eine Katastrophe in der Geschichte der Sprache“ und „als einen Einschnitt in die alteuropäischen Verständigungsverhältnisse“. Nietzsche habe wie ein Neu-Evangelist von einer „frohen Botschaft“ geredet. Doch worin besteht diese? Ist nicht vielmehr seine „fröhliche Wissenschaft“ nicht die trostloseste, die man sich vorstellen kann? Nietzsche sah jedenfalls nach Sloterdijk seine Mission darin, die bisherige Verständigung zwischen den Menschen, die eine „Kommunikation zwischen Vergifteten“ darstelle, zu zerstören, um an ihre Stelle eine individualistische „Verkündigung des Lebens“ zu setzen. Nietzsche sei sich des existenziellen Preises durchaus bewusst gewesen, den er für diese Neubestimmung der „frohen Botschaft“ zu zahlen bereit gewesen wäre, und die auf eine völlige Destruktion der bisherigen Verständigungsverhältnisse hinauslaufe.  Bereits 1884 heißt es in einem Brief an seine mütterliche Freundin Malvida von Meysenburg: „Ich habe Dinge auf meiner Seele, die hundert Mal schwerer zu tragen sind als la bêtise humaine (die menschliche Dummheit). Es ist möglich, dass ich für alle kommenden Menschen ein Verhängnis, d a s Verhängnis bin – und ist im folgenden s e h r  m ö g l i c h, dass ich eines Tages stumm werde, aus Menschenliebe!!!“

Nach der Abreise aus Sils Maria im September 1888 quartierte er sich über den Winter in Turin ein. Hier stellte er wie im Fieberwahn seine letzten Schriften, „Ecce Homo“, „Nietzsche contra Wagner“ und  „Der Antichrist“ fertig. Im Dezember verlangte er dann alle Mauskripte vom Verleger zurück. Nietzsche wurde nicht im landläufigen Sinn „irre“. Man hielt ihn für sonderbar und kauzig, Kinder warfen auf seinen langen Spaziergängen mit Steinen nach ihm. Wir hören in Turin von ihm keine Klagen mehr über seine Gesundheit, an Peter Gast schreibt er heiter: „Ich sehe mich im Spiegel an, exemplarisch gut gelaunt, wohlgenährt und zehn Jahre jünger, als es erlaubt wäre.“  Doch müssen wir uns, wie Sloterdijk es vermutet, den untergehenden Nietzsche, den “aufhörenden Autor”, als einen glücklichen Menschen vorstellen? Wohl kaum. Einer seiner letzten Sätze aus Turin lautet: “Ich leide an zerrissenen Stiefeln und danke dem Himmel jeden Augenblick für die alte Welt, für die die Menschen nicht einfach und still genug gewesen sind.” Als dann seine Briefe immer sonderbarer und verrückter wurden und er auf das völlige Unverständnis seiner Zeitgenossen nur noch mit Wut und Wucht reagierte, und schließlich im Januar 1889 in Turin am hellichten Tag einem misshandelten Droschkenpferd weinend um den Hals fiel, war er wohl nach Menschenmaßstäben nicht mehr bei Sinnen. Sein alter Freund Overbeck holte ihn ab und reiste mit dem brombetäubten Nietzsche über die Alpen in eine Basler Irrenanstalt. Zwölf Jahre später, am 25. August 1900, nach Aufenthalten in Jena und Naumburg, starb er gelähmt und geisteskrank, von seiner Schwester Elisabeth gepflegt, skrupellos ausgebeutet und öffentlich zur Schau gestellt, 55jährig in Weimar. Ein einsamer Weg der Philosophie fiel wieder ins Dunkel zurück.

Literaturempfehlung:

Peter Sloterdijk: Über die Verbesserung der guten Nachricht, Nietzsches fünftes „Evangelium“. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2000. 72 Seiten, 7 EUR. ISBN: 978-3-518-06615-7

(in einer kürzeren Fassung erstmals erschienen am 18.10. 2008 im Bonner General-Anzeiger)

© Dieter Kaltwasser

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