Tagesarchiv: 12. Januar 2011

Nabokovs Streichhölzer – Lob der Literatur

German writer Daniel Kehlmann at litcologne, 2...

Image via Wikipedia

Trifft Schillers Unterscheidung zwischen naiver und sentimentalischer Dichtung zu, dann ist Daniel Kehlmann ausdrücklich der reflektierten und daher sentimentalischen Dichtkunst zuzuordnen. Spätestens seit seinem Roman „Die Vermessung der Welt“, in über vierzig Sprachen übersetzt, ist er ein berühmter Autor und mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet. Zum zweiten Male legt nun der Rowohlt Verlag eine Auswahl von Kehlmanns Essays, Reden und Vorlesungen vor, und wir stehen staunend vor der Klugheit und artistischen Brillianz dieses jungen Schriftstellers. Daniel Kehlmann ist ein Leser und Interpret der besonderen Güte, beispielsweise der  Werke von Samuel Beckett und Thomas Mann, Thomas Bernhard und Knut Hamsun, Kleist, Shakespeare und Nabokov.

In Kehlmanns Poetikvorlesungen „Diese sehr ernsten Scherze“, – in Anlehnung an Goethes Beschreibung des Faust II in seinem letzten Brief -, gehalten im Jahre 2006 an der Universität Göttingen, in der er das Handwerk des Schreibens sich und den Hörern auf den Begriff zu bringen versucht, ist von einer frühen Kurzgeschichte Nabokovs die Rede, die sich in einem Zimmer und zwischen zwei Gesprächspartnern abspielt. Während des Dialogs orchestriert Nabokov das ganze, mit kleinen, „psychologisch vielsagenden Gesten“. Eine der beiden Gesprächspartner bricht vor Nervosität ein kleines Streichholz in zwei Stücke und lässt sie in ein Weinglas fallen. Am Ende der Geschichte, nach vielen Wendungen und Gegenwendungen, schenken sich die beiden Wein ein und trinken. Der alte Nabokov sagt Jahrzehnte später, dass jeder das Streichholz im Weinglas vergessen habe, „etwas, das ich heute nicht mehr zulassen würde“. Dieser Satz enthält für Kehlmann eine der wesentlichen Erkenntnisse über das Prosaschreiben: Details sind überaus wichtig, der Autor müsse eine Szene sehen lernen, dann erst, in dem so geschauten, klaren Bild würden Detailfehler vermieden. Ein bilderloses Erzählen sei ohnehin gar nicht vorstellbar. Unabdingbar sei das Element des Notwendigen, welches gute Literatur ausmache sowie ein Pakt mit dem Unbewussten, den ein Schriftsteller eingehen müsse.

In seiner Rede „Die Katastrophe des Glücks“ erzählt Daniel Kehlmann, dass seine ersten Romane und Erzählungen sich schlecht verkauften, und erst der Bestseller „Die Vermessung der Welt“ seinem Lebenslauf  eine „anscheinende Absichtlichkeit“ – so Schopenhauers Formulierung – gegeben, und sich all das erfüllte, was er nicht einmal zu wünschen geglaubt habe. Doch man müsse das Glück mit der gleichen Ruhe hinzunehmen versuchen, mit dem man unter ungünstigeren Umständen mit dem Scheitern hätte leben müssen. Saul Bellow hat einst nach einem Bestsellererfolg seines Romans „Herzog“ gesagt: „Ich habe mein Gewissen befragt und mich gefragt, ob ich Falsches getan habe. Aber ich habe keine Sünde gefunden.“ Wer schreibt, will gelesen werden, und der geneigte Leser darf sich getrost Daniel Kehlmanns Literaturlob zueigen machen.

© Dieter Kaltwasser

Daniel Kehlmann: Lob / Über Literatur, Rowohlt 2010, 190 Seiten

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Autor, Bücher

Scheitern am Chimborazo und Humboldts Schweigen

Alexander von Humboldt and Aimé Bonpland at th...

Alexander von Humboldt und Aimé Bonpland am Chimborazo

Die gebildete Welt beging am 6. Mai 2009 den 150. Todestag des Universalgelehrten Alexander von Humboldt. Er ist einer der berühmtesten Naturforscher und Mitbegründer der Geographie als empirischer Wissenschaft. Den am 14. September 1769 in Berlin geborenen Humboldt haben vor allem zwei Forschungsreisen weltberühmt gemacht. Die eine führte nach Westen, die andere nach Osten: 1799 bis 1804 reiste er nach Amerika und 1829 nach Russland bis an dessen östliche Grenze zu China. Sein Werk über die amerikanische Reise erschien in neunundzwanzig Bänden auf Französisch: „Reise in die Äquinoktialgegenden des Neuen Kontinents“. Eine Darstellung des Abenteuers vom Chimborazo sucht man darin ebenso vergebens wie in seinem eigenen Lieblingsbuch „Ansichten der Natur“. Die Autoren des Buches „Über einen Versuch den Gipfel des Chimborazo zu ersteigen“, das 2006 bei Eichborn erschien, suchen nach Erklärungen für das Schweigen Humboldts, stieg er doch waghalsig in eisige Höhen hinauf wie kein Mensch vor ihm. Sein Reisetagebuch der Besteigung unterbricht er im Moment des Scheiterns, der Aufstieg kann nicht zu Ende geführt werden. Oliver Lubrich und Ottmar Ette, ausgewiesene Humboldt-Kenner, geben erhellend Auskunft in einem klugen, einführenden Essay und versammeln Briefe, Skizzen und Berichte Humboldts. Doch die wirkliche Weltneuheit stellt die erstmalige vollständige Veröffentlichung des Reisetagebuchs der Besteigung des Chimborazo dar. Humboldts Reisebeschreibungen haben zahlreiche Leser fasziniert, der berühmteste unter ihnen: Charles Darwin.

© Dieter Kaltwasser

Oliver Lubrich, Ottmar Ette: Alexander von Humboldt. Über einen Versuch den Gipfel des Chimborazo zu ersteigen, 195 Seiten, Eichborn 2006

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bücher

Der Weltweise – Über Arthur Schopenhauer

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bücher