Auf Darwins Spuren

Charles Robert Darwin. A copy made by John Col...

Nachklang zum 200. Geburtstag des großen Naturforschers

Im Darwin-Jahr 2009 zelebrierte die gelehrte Welt ein Doppeljubiläum: den 200. Geburtstag des berühmten Naturforschers und das 150-jährige Erscheinen seines Hauptwerkes „Über die Entstehung der Arten“. Darwin wurde zeitlebens von der Frage bewegt, wie Arten entstehen und sich entwickeln. Die „Weltformel des Lebens“, die er mit der Theorie der Evolution fand, hat für eine Revolution der Denkungsart der Menschen über sich selbst und die Natur gesorgt. Die Evolutionstheorie stand zu Darwins Zeit im Gegensatz zur kirchlichen Lehrmeinung von der Unveränderlichkeit der Arten, die aus der Schöpfungslehre abgeleitet wurde. Im Darwinjahr 2009 entstand eine wahre Bücherflut über das Leben und Werk des Naturgelehrten, einige Neuerscheinungen ragten dabei besonders hervor.

Charles Robert Darwin wurde am 12. Februar 1809 in Mittelengland, der mittelalterlichen Stadt Shrewsbury, als Sohn eines vermögenden Arztes geboren. Das Kind sammelte leidenschaftlich Käfer, der junge Darwin studierte zunächst gelangweilt Medizin im schottischen Edinburgh, und dann mit nicht übermäßigem Eifer Theologie im englischen Cambridge. Dieses Studium allerdings schloss er immerhin ab. Doch dann nahm Darwin an jener weltumspannenden Vermessungsfahrt des königlichen Schiffe HMS Beagle teil, die ihn 1835 auch für fünf Wochen auf die Galapagos-Inseln führte. Als Charles Darwin 1831 im Alter von 22 Jahren die Beagle betrat, ahnte er nicht, wie sehr diese Reise sein Leben verändern sollte. Am 27.12.1831 stach Darwin in See, die fast fünf Jahre dauernde Fahrt bis zur Rückkehr am 2.10.1836 verwandelte ihn in einen der größten Naturwissenschaftler aller Zeiten. Er führte während dieser Zeit genau Tagebuch, notierte seine Funde und schickte sie an seinen Freund und Förderer, den Geistlichen und Botanikprofessor John Stevens Henslow. Dieser publizierte Darwins Entdeckungen ohne dessen Wissen, so dass Darwin bei seiner Rückkehr über seinen bereits erworbenen Ruf überrascht war. „Die Reise mit der Beagle war das bei weitem bedeutendste Ereignis in meinem Leben und hat meinen gesamten Werdegang bestimmt“, schrieb Darwin später in seiner Autobiographie. Aus den auf seiner Weltfahrt erworbenen Kenntnissen entwickelte er dann seine umwälzende, bis heute gültige Theorie der Evolution des Lebens.

Das Abenteuer des Lebens

Und mit dieser Reise setzt Jürgen Neffe in seinem Buch „Darwin – Das Abenteuer des Lebens“ an. Der Wissenschaftsjournalist lädt den Leser ein, ihn auf der berühmtesten Reise der Wissenschaftsgeschichte zu begleiten. Das ist mit einem Abstand von 175 Jahren kein leichtes Unterfangen, doch Neffe gelingt die Parallelfahrt. Seine Route führt auf Darwins Spuren von den Kapverden nach Brasilien, durch den Südatlantik nach Patagonien, vom Galapagos-Archipel über Tahiti nach Neuseeland und Australien. Wir wandern lesend mit durch die Anden, zu Pferd durch die Pampa und auf See zu den Falkland-Inseln. Die Reise führt zum Kap Hoorn nach Chile und vom Kap der Guten Hoffnung nach St. Helena und dann zurück nach England. Während seiner Reise sammelte Darwin unzählige Mengen an Gesteinsproben, Fossilien, Tier- und Pflanzenpräparaten. Die Auswertung der umfangreichen und einmaligen Sammlungen nahm den Rest seines Arbeitslebens in Anspruch.

Neffes Reisebuch führt allerdings keineswegs nur durch die wirklichen, sondern auch durch die geistigen Landschaften: Er setzt sich mit Darwins religiös motivierten Gegnern, den „Kreationisten“, auseinander, nimmt das Artensterben unter die Lupe, und wirft einen sehr kritischen Blick in die Labore der Gentechniker und Klonforscher. Das Buch ist vor allem eine persönliche Biographie des großen Wissenschaftlers, der zurückgezogenes Leben mit seiner Familie in Down House führte, als er von seiner großen Erdumrundung zurückkehrte – und seine Heimat England nur ein einziges Mal verließ: für jene fünf entscheidenden Lebensjahre an Bord der Beagle.

Die Weltreise, die Feuerländer und Jim Knopf

Darwin veröffentlichte seine Reiseaufzeichnungen unter dem Titel „Reise eines Naturforschers um die Welt“. Auf dem Forschungsschiff Beagle, mit dem Darwin reiste, wurde Jahre zuvor zusammen mit drei anderen Feuerländern ein farbiger Junge namens Jemmy Button in das England des 19. Jahrhunderts gebracht, um nun auf der erneuten Reise der Beagle zusammen mit seinen Gefährten in „zivilisatorischer Absicht“, wie Kapitän FitzRoy wähnte, nach Feuerland zurückgesandt wurde. Die Darwin-Spezialistin Julia Voss interpretiert Michael Endes Buch als eine Gegengeschichte zu nationalsozialistischen Bilderwelten und Interpretationen des Darwinismus. Sie deckte dabei auch die mögliche Herkunft des Namens Jim Knopf auf. Jedenfalls wird gerade die „Feuerland-Episode“ im Hörbuch eindrucksvoll inszeniert. Wir erleben einen völlig geschockten Darwin aufgrund des primitiven Auftretens der ersten Feuerländer, die er sieht.  Die Beagle läuft während ihrer Reise um die Welt Feuerland zweimal an, und Ihr Kapitän sieht beim letzten Besuch seine Zivilisationsbemühungen als restlos gescheitert an. Die Textauszüge sind der „Reise eines Naturforschers um die Welt“ und Briefen Darwins entnommen, vor allem die an Henslow. Die beiden Sprecher Matthias Haase (Darwin) und Bernd Kuschmann (Henslow) unter der Regie und Konzeption von Theresia Singer bieten den Zuhörern eine intellektuelle und sinnliche Möglichkeit, an der Reise Darwins um die Welt noch einmal teilzunehmen. Es wird deutlich, wie sehr Darwin neben seinen aufregenden Naturerlebnissen die historische, soziale und politische Situation der Länder beschäftigt, die er bereist. Vor allem die Situation der Indianer, der Ureinwohner, der einfachen Landleute und Bergmänner. Darwin sucht nach Erklärungen dafür, dass immer dort, wo Europäer ihren Fuß auf fremden Boden setzen, die Ureinwohner des Landes in großer Zahl sterben. Naturgemäß ist im Hörbuch auch dem Besuch der Galapagos-Inseln viel Raum gegeben, da Darwin hier vor eine unglaubliche naturwissenschaftliche Herausforderung gestellt wird. Nirgendwo sonst wird er auf so viele Variationen von Arten stoßen, und seine Ideen und Überlegungen werden ihn schließlich zur Evolutionstheorie führen. Neben Jürgen Neffes Darwin-Buch ein Muss für alle diejenigen, die noch einmal an jener großen Weltfahrt des 19. Jahrhunderts teilhaben möchten.

Ein Tag im Leben des Charles Darwin

„Es ist, als ob man einen Mord gesteht“, berichtete Darwin einem Freund, den er ins Vertrauen gezogen hatte und in seine Gedanken über das „fürchterliche Geheimnis“ einweihte, nämlich das Prinzip gefunden zu haben, „durch das sich Arten ihrem jeweiligen Zwecke anpassen“. Darwin war davon überzeugt, dass alle Lebewesen, auch der Mensch, aus einer gemeinsamen Wurzel stammen und dass dieser Prozess durch „natürliche Auslese“ vorangetrieben wird. Doch er behielt diesen Gedanken, der zwischen 1837 und 1842 entstanden ist, lange für sich für sich. Erst 1859, als Darwin durch das Auftreten eines Konkurrenten auf den Anspruch des Originals einer der größten wissenschaftlichen Leistungen der Geschichte gezwungen wurde, sein Buch „Über die Entstehung der Arten“ zu veröffentlichen. Alfred Russel Wallace war in seinem Manuskript „Über die Tendenz der Varianten, unbegrenzt vom Originaltypus abzuweichen“ zu den gleichen Resultaten wie Darwin gelangt, und hatte Darwin die unveröffentlichte Schrift zugeschickt. In einem Begleitbrief an Darwin sprach Wallace ausdrücklich von „Varianten im natürlichen Existenzkampf.“ Nun musste Darwin aus der Deckung in die Offensive gehen. So kam es am 1. Juli 1858 zu jenem denkwürdigen Treffen der Linné-Gesellschaft im Burlington House am Piccadilly, auf dem zwei Manuskripte zum Thema der Entstehung der Arten vorgetragen wurden, das erste von Darwin, das zweite von Wallace.  Dieses Treffen an einem warmen Londoner Sommerabend, an dem weder Darwin noch Wallace persönlich teilnahmen, war der Tag im Leben von Charles Darwin, an dem seine Theorie der Evolution, ohne das dieser Begriff ein einziges Mal fiel, zum ersten Mal das Licht der Öffentlichkeit erblickte. Die Teilnehmer der gelehrten Versammlung jedoch zeigten sich eher gelangweilt. Es sollte danach noch über ein Jahr dauern, bis 1859 „Über die Entstehung der Arten“ erscheint. Jenen wichtigen Tag nimmt Matthias Glaubrecht in seinem biographischen Porträt über Charles Darwin zum Anlass, die Geschichte zweier großer Expeditionen in Darwins Leben zu erzählen. Dabei liegt der Schwerpunkt dieses Buches auf dem intellektuellen Abenteuer und weniger auf der Wiedererzählung seiner Weltreise, vor allem wie Darwin zur Erkenntnis über den Wandel der Arten durch natürliche Auslese kam. Es geht ihm aber zusätzlich um die Frage, welches Bild wir uns heute von jenem Mann  machen, der „dafür berühmt wurde, den Menschen gleichsam ‚zum Affen’ gemacht zu haben.“

Glaubrecht, Evolutionsbiologe und Direktoriumsmitglied des Berliner Museums für Naturkunde, tritt vehement der missbräuchlichen Deutung des „Darwinismus“ entgegen, jener „angeblichen Lehre vom Recht des Stärkeren. Glaubrecht ist davon überzeugt, dass Darwins Evolutionsgedanken bis heute ihre Stärken bewahrt haben, seine Entdeckungen „sich von tatsächlicher Konsequenz erwiesen“. Dabei stellt Glaubrecht deutlich heraus, dass „Religion und Naturwissenschaft zwei getrennte Welten sind.“ Solange Teile der Kirchen, und vor allem die „Kreationisten“, sich auf die biblische Schöpfungserzählung berufen, sind sie in der Pflicht zu erklären, wie sich dies mit naturwissenschaftlichen Fakten und Theorien vereinbaren lässt. Mit Darwin jedenfalls „hat sich die Evolutionstheorie von der Annahme eines Schöpfers emanzipiert.“

Das Ende der Evolution des Menschen?

Steve Jones, ein britischer Genetiker, der auch in Harvard lehrt, hat ein polarisierendes Buch über Darwin geschrieben, dass uns für „das Gesamtkunstwerk Natur“ begeistern will, und uns die botanischen, zoologischen, verhaltensbiologischen und psychologischen sowie anatomischen Einzelforschungen Darwins nahe bringt. Diese fügen sich, so Jones, ineinander zur „wirkmächtigen Evolutionstheorie“. Mit seiner Darstellung gelingt Jones ein Gesamtbild von Darwins Kosmos, die die vielen Schriften Darwins auf die heutige Zeit beziehen und im Kontext der modernen Biologie verankern. Jones weist darauf hin, dass zwar das Artenbuch und die Reisetagebücher sehr bekannt, die übrigen Werke jedoch fast völlig vergessen seien. Dies trifft sicher nicht auf Darwins 1871 erschienenes Werk „Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl“ zu, das sich, so Jones, vom übrigen Werk stark unterscheide. Jones provoziert in seinem Buch mit einer pointierten, unter Anthropologen und Evolutionsbiologen lauten Widerspruch hervorrufenden, Ansage: Die Evolution des Menschen sei aufgrund der vorherrschenden soziokulturellen Bedingungen in den westlichen Ländern, die prinzipiell eine Fortpflanzung aller fortpflanzungsfähigen Individuen ermöglichen würden, an einem Ende angelangt. Das heißt, in unserer Kultur unterscheiden sich die Menschen kaum in ihrem Fortpflanzungserfolg.  Keine Unterschiede im Fortpflanzungserfolg bedeute aber: Keine Evolution.

Schlüsselbegriffe und Conditio Humana

Dem Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer ist es im Darwin-Jahr zu verdanken, dass auch Laien der Biologie Werk und Wirken Darwins zu folgen vermögen. Zwei Bücher, „Der kleine Darwin“ und „Das große Buch der Evolution“ ergänzen sich dabei aufs Trefflichste, in die Schlüsselthematiken und Problemstellungen der Evolutionstheorie seit Darwin einzuführen. Zu diesen Themen zählen die Entstehung des Lebens, die Ausbildung der Arten, skurrile Entwicklungen der Natur und die Stellung des Menschen. Die Schlüsselbegriffe, wie Art und Artbildung, Selektion (natürliche, sexuelle und künstliche), Überleben des Tüchtigsten, die Gene und ihre Dynamik, werden anschaulich dargestellt. „Das große Buch der Evolution“ trumpft mit zahlreichen Fotos und Graphiken und macht die Lektüre unterhaltsam und lehrreich zugleich. In beiden Büchern wird die Conditio Humana thematisiert, die immer wieder voreilig als enträtselt gälte. Das Wort Darwins am Ende seines Artenbuchs, dass „Licht fallen werde auf den Menschen und seine Geschichte“, ist für Fischer zu verstehen als „weitgehend offen bleibendes und kaum abschließbares Forschungsprogramm.“ Der Mensch wird „nie sagen können, was er ist, und ebenso wenig werden wir festlegen können, wie er geworden ist und was er jetzt ist.“ Er bleibt sich weiterhin ein Rätsel, nach einem vielzitierten Satz Nietzsches „das noch nicht festgestellte Tier“.

Ein Forscher verändert die Welt

Durch ihre beiden Söhne kam die gelernte Schauspielerin Maja Nielsen zum Schreiben spannender Abenteuergeschichten. Für Kinder und Jugendliche hat Maja Nielsen auch diese vorzügliche Geschichte über Leben und Werk von Charles Darwin geschrieben worden, die in der Reihe Abenteuer & Wissend des Gerstenberg-Verlags erschienen ist. Dabei ist ihr kein geringerer als Matthias Glaubrecht, Evolutionsbiologe und Leiter der Forschungsabteilung am Museum für Naturkunde fachlich beratend zu Seite gestanden. Das 62seitige Büchlein erzählt reich bebildert die spannende Geschichte des Charles Darwin, der mit seinem legendären Buch über die Entstehung der Arten den christlichen Schöpfungsmythos naturwissenschaftlich entzauberte. Nielsen und Glaubrecht zeigen, dass die Fragen, die Darwin bewegten, auch heute nichts an ihrer Faszination verloren haben. Wir folgen den Spuren Darwins bis heute, und dies in einer Sprache, die einfach und glasklar ist. Dabei wird von der Autorin und ihrem Berater nicht verschwiegen, dass Darwin am Ende seines Lebens seinen Kindern schrieb, dass es für ihn trotz aller Forschung und genauem Hinsehens Geheimnisse geblieben sind und vielleicht für immer bleiben: „Das Geheimnis vom Anfang aller Dinge können wir nicht aufklären.“

Charles Darwin starb nach einem arbeitsreichen Forscherleben am 19. April 1882 im Alter von 73 Jahren in Downe. Der von der Kirche ungeliebte Sohn wurde in Westminster Abbey neben Isaac Newton beigesetzt.

Dieter Kaltwasser

Besprochene Medien:

Ernst Peter Fischer „Der kleine Darwin – Alles, was man über Evolution wissen sollte“ , 203 Seiten, München 2009, Pantheon Verlag

Ernst Peter Fischer „Das große Buch der Evolution“, 416 Seiten, Köln 2008, Fackelträger Verlag

Jürgen Neffe „Darwin – Das Abenteuer seines Lebens“, 527 Seiten, München 2008, C. Bertelsmann, inzwischen auch als Taschenbuch erhältlich

Matthias Glaubrecht „Es ist, als ob man einen Mord gesteht“ – ein Tag im Leben des Charles Darwin“ 271 Seiten, Freiburg im Breisgau 2009, Herder

Steve Jones „Darwins Garten – Leben und Entdeckungen des Naturforschers Charles Darwin und die moderne Biologie“ 398 Seiten, München 2009, Piper

Maja Nielsen: Charles Darwin. Ein Forscher verändert die Welt, 62 Seiten, Gerstenberg 2009

Maja Nielsen: Charles Darwin. Ein Forscher verändert die Welt. Kinder-Hörbuch, headroom sound production, Köln 2008

Zwar nicht im Darwin Jahr erschienen, aber sehr zu empfehlen:

Charles Darwin: Reise um die Welt. 5 CD-Box, Headroom Sound Production, 2002

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