Das Tonband im Kopf – Nachdenken über Christa Wolfs „Stadt der Engel“

Deutsch: Die Schriftstellerin Christa Wolf wäh...

“Du bist dabei gewesen. Du hast es überlebt. Du kannst davon berichten.“

Sätze, die mir bereits beim Blick auf die rückwärtige Umschlagseite des Buches mein eigenes Dilemma aufzeigen, – mir, der 38 Jahre später Geborenen, Vertreterin einer Generation, die mit Sätzen aufwuchs, die genau entgegengesetzt lauteten: Ihr seid nicht dabei gewesen. Ihr habt nichts erlebt – geschweige denn überlebt! Ihr könnt nicht mitreden. Diese Aussagen stets einhergehend mit der schwerwiegenden Auflage: Seid froh, dass ihr so etwas nie erleben musstet, – wir haben alles dafür getan, dass es unsere Kinder mal besser haben, – deshalb seid dankbar und stellt keine Fragen!

Das Tonband im Kopf zum Schweigen bringen…

Diesen Satz lesen und wissen: Er gilt auch für mein persönliches Tonband. Es sind solche Bänder verhängnisvoll. Sie können im einen Fall zum Sich-mit-sich-selbst-Auseinandersetzen bis hin zur Selbstzerfleischung führen, im anderen – die große Gefahr, in der sich meine Generation befindet – zum Sich-Abwenden, Sich-Ausklinken, zum Sich-nicht-Auseinandersetzen-wollen, – nachdem man oft  genug das Recht dazu abgesprochen bekommen hat.

Das geteilte Deutschland, – es war von Jugend auf gegenwärtig, – ein Elternteil aus dem Osten, der andere im Westen aufgewachsen. Aus dem Osten kommen, das klang nach Trauma, – großgeworden mit Erzählungen von den Schrecken sowjetischer Besatzung, späteren Repressalien im sozialistischen Staat, aus denen der einzige Ausweg in Flucht und Entwurzelung führte. Und die Nachkommen bekommen jenes Trauma mit der Muttermilch eingeflößt, werden staunend damit groß, – Pakete packen helfen für im Osten verbliebene Angehörige,  – dort gibt es nix, dort sind die Läden leer! –, sorgfältig auf allen sechs Seiten beschriften, – Geschenksendung, keine Handelsware! – , banges Hoffen, dass die Pakete nicht abgefangen werden. Einige wenige Reisen mit Mutter und Großmutter in das so fremde Nachbarland, das tatsächlich doch auch Deutschland sein sollte, – Fahrten mit Gruseleffekt -, Beklemmung bei der Grenzkontrolle, Eindrücke von trostlosem Grau in Grau, – Erwachsene, die sich stets leise flüsternd unterhielten, dem Kind einschärften, sich mäuschenstill zu verhalten, – wer hier einfach so sagt, was er denkt, wird sofort eingesperrt! -, bekam es zu hören, – oder gleich totgeschossen! –, setzte die Oma noch eins obendrauf, – den Opa hatten sie damals gleich zweimal nachts abgeholt… Solches klang ein bisschen nach Abenteuerurlaub – mit viel Abenteuer und wenig Urlaub.

Ganz anders, als es viel später – nach den Ereignissen von 1989 – die ruhige Schönheit der mecklenburgischen Landschaft zu entdecken gab, die der eigenen Familie zur Stätte unvergessener Sommerferien wurde, – dringend gebrauchte Entschleunigung -, das einfache Leben, intakte Natur, – Seen, Kiefernwälder -, ruhige, freundliche Menschen – und Pferde… Ein Land zum Urlaub machen, – aber zum Leben? Die Ruhe – Friedhofsruhe? Landflucht, teils völlig verlassene Orte, fehlende junge Menschen, – die verbleibenden unzufrieden und ohne Perspektive. Die Gelassenheit der Älteren – in Wirklichkeit hoffnungslose Resignation?

Wann bin ich mit Christa Wolf erstmals in Berührung gekommen?

Erstes Scheitern beim Versuch, mich zu erinnern. Es wird nach dem Mauerfall gewesen sein. Den „Geteilten Himmel“ einmal zufällig in der Bibliothek  ausgeliehen, zusammen mit einigen anderen, – damals vieles an Büchern weggelesen, wenig davon behalten -, dieses beeindruckend gefunden. Lust auf mehr. Begeistert von „Kindheitsmuster“, – da hatte mich der Titel neugierig gemacht, – es war mein Thema. Mich durch „Nachdenken über Christa T.“ mehr oder weniger hindurch gequält, – fremde Welt für mich als junge Frau einer späteren Generation. Anders „Kassandra“, – sie stöberte ich zufällig in einer Flohmarktkiste auf, in einer Lebensphase, während derer ich mich intensiv mit Frauenthemen befasste, der Bedeutung von Frauen in Geschichte und Literatur, dem Vorhandensein eines Geschichtsbildes, welches die Frauen – und damit die Hälfte der Menschheit – nahezu ausklammert, Literatur von Frauen nicht zur Kenntnis nimmt. Das Buch wurde mir zu einer Offenbarung. Später die „Medea“, – mit ihr tat ich mich wiederum schwerer, – sie erschloss sich mir erst nach zweimaligem Lesen. Zwischendurch immer wieder Erzählungen, Aufsätze, Essays…

„Was bleibt“ – natürlich! – , das alte Gruseln! Ausgerechnet dieses Buch kürzlich bei einer lieben Freundin, wo es zufällig auf dem Tisch lag, in die Hand genommen und während eines einzigen Abends nochmals durchgelesen, diesmal regelrecht mit einem dem ernsten Thema eigentlich so gar nicht angemessenem Vergnügen, – wer behauptete je, der Autorin fehle es an Humor?  Man bemerkt die Ironie oft nicht, die in der ganzen sie umgebenden Ernsthaftigkeit plötzlich so knochentrocken dasteht, dass man innehalten muss, um sie zu erfassen, – vielleicht auch deshalb das Zweimal-lesen-müssen?

Andererseits eben diese Ernsthaftigkeit, die ich immer schätzte, ihr Ringen um Wahrhaftigkeit, ihr unbedingtes Vermeiden von Vorurteilen, ihr behutsames Abwägen, ihr unbedingtes Hinterfragen der eigenen subjektiven Wahrnehmung, das völlige Fehlen von Gemeinplätzen und Rundumschlägen, an denen sonst in der Gegenwartsliteratur nicht unbedingt Mangel herrscht.

Dann während eines jener späteren Ferienaufenthalte in Mecklenburg zufällig im Gespräch mit einer Bekannten aus der Umgebung – Du liest Christa Wolf? Die wohnt hier gleich um die Ecke! – erfahren, dass sie ihre Sommer in einem Dorf ganz in der Nähe – ich hatte seinen Namen zuvor nie gehört – zu verbringen pflegte. Dieses Wissen reichte aus, mich in Aufregung zu versetzen!

Im Rückblick sehe ich mich auf meinem Lieblingsplatz im Giebel – eines jener schönen alten Doppelfenster mit breitem Sims! – meines Zimmers sitzen, die Nachmittagssonne vom Schatten der hohen Eschen gefiltert, während die Schwalben, damit beschäftigt, in der Scheune den letzten Nachwuchs des Jahres aufzuziehen, dicht an mir vorüberfliegen und fast mit den Flügeln meinen Arm berühren, außer deren Gezwitscher nichts zu hören als Hühnergackern und ab und zu das Krähen eines Hahnes, – sehe mich in „Sommerstück“ lesen , den Duft eines ähnlichen Sommers in der Nase. Lese in den jeweiligen Neuerscheinungen dieser Jahre, die nun regelmäßig im Schaufenster der einzigen Buchhandlung der nächstgelegenen größeren Stadt ausgelegt zu finden sind. Früher, – erzählte die gemeinsame Bekannte -, bekamst du dort kein Buch von Christa Wolf, die gab’s höchstens heimlich unterm Tresen für Privilegierte, – der Laden war so linientreu, dass ich ihn heute noch boykottiere!

Lese „Nuancen von Grün“, Textauszüge aus ganz unterschiedlichen Werken, sensible Naturbeschreibungen, die immer wieder den Zauber der Landschaft auf noch einmal ganz eigene Weise heraufbeschwören, während sie in ihrem ursprünglichen Rahmen manchmal in der Textfülle unterzugehen drohen, –  ein ähnliches Schicksal erleiden wie der angeblich fehlende Humor. Lese „Ein Tag im Jahr“, Poesie des Alltags im Wandel der Zeiten und geschichtlichen Ereignisse, eine sympathische, umwerfend offene Christa Wolf.

Sehe mich Briefe schreiben, die ich ihr bei einer unter irgendeinem Vorwand getätigten Fahrt durch jenen Ort, der nirgendwohin auf meinem Weg lag, heimlich wie eine Diebin in den Briefkasten schmuggle, erhalte auch umgehend eine freundliche Postkarte, die seitdem einen Ehrenplatz auf meinem Bücherregal inne hat.

Lese „Hierzulande, Andernorts“, fahre mit diesem Exemplar eines Tages nochmals hin, mit der vagen Hoffnung, es signieren lassen zu können, betrete mit schlechtem Gewissen durch das offen stehende Tor den Pfarrhof mit seinen hohen, alten Bäumen, – kein Sich-Abschirmen und Abschotten, kein Prunk, kein Protz, – einfaches Leben mitten unter den Menschen im Dorf. Ich treffe sie nicht an, – sie ist unpässlich an jenem Tag, – wohl aber Gerhard Wolf, der mit Gartenarbeit beschäftigt ist und heitere Ruhe ausstrahlt, sich mit uns freundlich unterhält und uns fragt, woher wir sind, – ah ja, Süddeutschland, unweit der Geburtsstadt Hölderlins! -, lange genug hat er sich – selbst Autor und Verleger – mit ihm beschäftigt; er nimmt das Buch ohne Umstände entgegen und bringt es nach wenigen Minuten signiert mit Widmung zurück, – in meine Freude mischt sich das Bedauern, wohl die einzige Gelegenheit verpasst zu haben, ihr je zu begegnen, – es war mein vorläufig letzter Sommer in Mecklenburg.

Dies alles trug sich bereits in der Zeit nach ihrem neunmonatigen Aufenthalt in den Vereinigten Staaten – in Los Angeles – zu, von dem ihr neuestes Buch „Stadt der Engel“ handelt. Flucht, – sagten böse Zungen. Die Debatte um Stasi-Vorwürfe. Irgendwann mochte ich es nicht mehr hören. Sie hat alles veröffentlicht, ihre komplette Akte. Seltsamerweise wurde dies von den Medien kaum zur Kenntnis genommen. Was an der Sache wirklich dran war, ist darin für jeden nachzulesen. In dieses Netz zu geraten, war noch ganz anderen beschieden, auch zu späteren Zeiten, als sie selbst längst die „Zusammenarbeit“ – wenn sich von solcher denn sprechen lässt – eingestellt hatte und anderen aktiv davon abriet, sich darauf einzulassen. Ich frage mich, wie viele darunter sein mögen, die sich wirklicher Vergehen schuldig gemacht hatten, ohne es bis heute für nötig zu halten, sich darüber – gar öffentlich – zu äußern.

All dies, worüber heute alle Welt meint, urteilen zu müssen, hatte sich lange vor dem denkwürdigen 11. ZK-Plenum von 1965 ereignet, wo sie es als einzige wagte, Kritik an der Kulturabteilung ihres Regimes zu üben, – lange bevor sie gemeinsam mit einigen Schriftstellerkolleginnen und -kollegen 1976 schriftlich gegen die Ausbürgerung des in Ungnade gefallenen Liedermachers Wolf Biermann protestierte, – lange vor ihrer Rede von 1989, als das Volk in einer friedlichen Revolution bekundet hatte, dass es nun einmal das Volk sei, und dass die Regierung sich – Brecht lässt grüßen – eben kein anderes wählen könne, – als sie die Menschen beschwor, zu bleiben, statt weiterhin in großer Zahl das Land zu verlassen, – Stell dir vor, es ist Sozialismus, und keiner geht weg! -,weil sie ansonsten ein Ausbluten des Landes befürchtete, in dem sie selbst immer geblieben war, statt wie viele andere zu gehen. Warum? –  fragt man heute. Weil sie das Gefühl hatte, dort gebraucht zu werden. Weil sie an die Möglichkeit einer Umgestaltung des Sozialismus glaubte – wer will es ihr verdenken? – und weil sie den Menschen im Land nach dem – in der Geschichte erstmaligen! – Gelingen einer friedlichen Revolution zutraute, dass solches zusammen mit ihnen durchzuführen wäre, – während diese bei Öffnung der Grenze nach Jahren materieller Entbehrungen zunächst einmal der Anziehungskraft der vollen Schaufenster auf der anderen Seite des Zaunes erlagen, – wer will es wiederum ihnen verdenken?

Das alte Indianersprichwort, – am Ende des Buches besucht sie wirklich Indianerland -, aber es kommt nicht darin vor: Urteile über niemanden, solange du nicht eine Meile in seinen Mokassins gegangen bist.

Aber Christa Wolf wäre nicht Christa Wolf, wenn sie einen wunden Punkt – oder einen blinden Fleck – auf sich beruhen lassen könnte. Rechtfertigungszwang? Wie stellt man es an, genau da nicht hineingedrängt zu werden? Eine Frage, die sie sich selbst stellt. Und die, ob es für diesen Fall eine mögliche richtige, eine angemessene Verhaltensweise gibt. Vermutlich gibt es sie nicht, und man kann in jedem Fall nur alles falsch machen. Zumindest für andere. Also gilt es, das zu tun, was man für sich selbst als das Richtige erkennt. Und ihr Bestreben war es ein Leben lang, das größte Maß an Offenheit zu finden, schonungslose Offenheit sich selbst und anderen gegenüber, – ich habe mich oft gefragt, warum tut sie das, warum setzt sie sich dem allem aus? -, und die eigene Verantwortung ernst zu nehmen, sich ihr zu stellen. Dies ist – irgendwann begriff ich es – der einzige Weg – und Thema dieses Buches.

Ein Buch, mit dem ich mich zunächst schwer tue. Der Anfang ist zäh, wirkt holprig. Er muss es sein, aber das begreife ich erst später. Ich quäle mich. Ebenso quält sich die Autorin, – auch dies begreife ich erst nach und nach. Und dass ich vor die Wahl gestellt bin, mitzugehen, um zu verstehen, – oder eben nicht. Und ich entscheide mich fürs Mitgehen.

Der Amerikaaufenthalt Christa Wolfs ergibt sich durch die Einladung eines historischen Forschungszentrums, ein Stipendium, – dafür bedarf es eines Projektes, und was läge näher, als sich auf die Spuren der deutschen Exilliteraten zu begeben, derer sich viele während der NS-Zeit in Kalifornien am selben Ort einfanden, in Santa Monica, in Pacific Palisades, „New Weimar unter Palmen“ genannt, – bekannte Namen: Bertold Brecht, Thomas Mann, Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann, Alfred Döblin… -, im Besonderen jedoch auf die verlorene Spur einer emigrierten Freundin, – richtiger: der Freundin einer inzwischen verstorbenen Freundin, von der nur einige Briefe aus deren Nachlass existieren, die sie stets nur mit dem Anfangsbuchstaben ihres Vornamens unterschrieben hatte. Die Suche nach der berühmten Stecknadel im Heuhaufen, – gleichzeitig die der Autorin nach sich selbst. Es kommt im Zuge dessen zu Recherchen, Exkursionen und Begegnungen mit den verschiedensten Menschen, auch mit vielen jüdischen Emigranten und deren Nachkommen, zu Gesprächen über die geschichtlichen Ereignisse und die gegenwärtige Situation der Menschen sowohl in den Staaten als auch im wiedervereinigten Deutschland und in Europa.

Wie immer fehlt mir historisches Hintergrundwissen, habe ich Lücken, – Mühe, den Zeitsprüngen der Erinnerung zu folgen, muss mancherlei Namen und Ereignisse nachschlagen, die mir nichts sagen, die mir in etlichen früheren Werken Christa Wolfs schon des Öfteren begegnet sein müssen, die ich dennoch regelmäßig wieder vergesse und bei Bedarf nicht hervorzuholen geschweige denn zuzuordnen vermag. Wer aus meiner Generation – im Westen aufgewachsen – kennt den tschechischen Autoren Louis Fürnberg? Bekannter der russische Schriftsteller Lew Kopelew, der sich nach seiner Zwangsausbürgerung in Köln bei Heinrich Böll aufhielt, dann Anna Achmatowa, der russische Germanist und Übersetzer Efim Etkind, das russische Dichterpaar Ossip und Nadeschda Mandelstam, die Emigrantenarchitekten Neutra und Schindler, – der interessanten Persönlichkeiten, die es hier zu entdecken oder wiederzuentdecken gibt, scheint kein Ende.

Wer einen Roman im eher üblichen Sinne erwartet hat, muss möglicherweise seine Vorstellungen neu ausrichten. Christa Wolfs Werke haben sich wohl niemals eindeutig kategorisieren lassen. Wer den roten Faden sucht, findet ein eigenwilliges Gewebe vieler roter Fäden, die alle verfolgt sein wollen, sich manchmal naturgemäß verheddern, – ohne dass dies schlimm wäre, denn: ist das Leben anders?

Und unsere Erinnerung, unser Unbewusstes und Unterbewusstes, dem sie auf der Spur ist? Der zweite Titel „The Overcoat of Dr. Freud“, welcher Bezug nimmt auf einen Mantel Sigmund Freuds, in dessen Besitz ein Freund auf Umwegen gelangte, und der ihm unter mysteriösen Umstanden wieder abhandenkam, deutet es an. Erlebnisse, Begegnungen, Überlegungen, Reflexionen, Träume greifen ineinander. Dies zu einer Handlung zu verweben, erfordert Können. Christa Wolf besitzt es, – zweifellos. Und nach den ersten etwa hundertfünfzig Seiten hat auch die Krise ihren Höhepunkt überschritten. Ab dann wird der Ton eindringlicher, – ist es die „alte“ Christa Wolf, wie ich sie kenne. Dafür hat es sich gelohnt.

Und ich merke nach und nach: Es geht nicht darum, die Fülle an Details wie Teile eines Puzzles zusammenzufügen, auch wenn es durchaus spannend sein kann, diesen Versuch zu unternehmen. Auch das Rätsel der verschollenen Freundin löst sich in einer Verkettung von Zufällen, die echt oder erfunden sein können, – wenn es solche Zufälle nicht gäbe, müsste man sie erfinden, schreibt sie, – ist da etwa ein Augenzwinkern zu vernehmen? Aber inzwischen ist längst zu merken: Darum geht es gar nicht mehr.

Vielmehr geht es um Voraussetzungen von Erinnern und Vergessen, – das erwähnte Freud-Zitat: Ohne Vergessen können wir nicht leben! -, um Schuld und Verantwortung, die uralte Frage, wie die unlösbaren Konflikte zustande kommen, die uns seit ewigen Zeiten zu schaffen machen, so dass sie bereits in der Antike literarischen Stoff in Hülle und Fülle zu liefern vermochten, – wo haben sie begonnen, – wohin führt dies in unserer Zeiten? Bezeichnend die im Buch erwähnten Worte eines Freundes während einer Diskussion, in der es um die moralischen Verstrickungen der Atomphysiker geht:

„Wenn gutwillige normale Menschen so in eine Klemme getrieben werden, dass sie, nach ihren eigenen Maßstäben, nichts mehr richtig machen können, dann ist die Gesellschaft krank, in der sie leben.“

Und es geht um die stets brennende Frage nach dem Ausweg aus dem zwangsläufigen Schuldig-werden-müssen, aus dem ewigen Scheitern am Versuch, es doch noch einmal besser zu machen, Voraussetzungen für eine bessere Gesellschaft zu schaffen, – des Einzelnen, eines ganzes Volkes, – schließlich der Menschheit, – aller Menschen an allen Orten, – in welchem Gesellschaftssystem auch immer.

Ein mehrfach verwendetes Bild im Roman – Stadt der Engel! – ist jenes des „Engels der Geschichte“, zurückzuführen auf den Philosophen Walter Benjamin, der durch ein Gemälde von Paul Klee dazu inspiriert wurde:

Ein Sturm weht vom Paradiese her, der diesen Engel mit rückwärts gewendetem Antlitz in die Zukunft treibt, die er nicht schauen und lediglich – ein grausamer Fluch! – mit stetem Entsetzen auf das bereits Vergangene zurückblicken kann, ohne dieses je mehr ändern zu können.
Die Frage danach, wie ein solches Verhängnis aufzuhalten, wie dieser Fluch zu durchbrechen wäre, – sie macht nicht vor irgendeiner Generation einfach Halt, – sie wird ein Thema bleiben, auch für die nächste und übernächste.

Um mit den Worten des bekannten – zuvor genannten – älteren Titels zu fragen: Was bleibt?

Eine Erinnerung an meinen letzten Sommer in Mecklenburg:
Ich sehe mich eines Abends – wie so oft während meines Aufenthaltes – die Bundesstraße 192 zwischen Goldberg und Sternberg entlang fahren, auf einer bestimmten Höhe unwillkürlich nach rechts Ausschau haltend, nach dem etwas abseits erhöht gelegenen kleinen Dorf und seinem ersten größeren Haus, dem Pfarrhaus mit dem großen Giebel. Alles liegt bereits im Dunkeln, der Ort wirkt ausgestorben – nur das Licht im Giebelfenster, –  ihrem Fenster! – ist von weit her zu sehen. Licht über dem Land -, denke ich, – ein schönes Bild.

© Bettina Johl

Christa Wolf: „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“, Suhrkamp Verlag, Berlin 2010, 416 S., geb. 24,90 €

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Autor, Bücher, Buchbesprechung, Essay, Rezension, Roman

Eine Antwort zu “Das Tonband im Kopf – Nachdenken über Christa Wolfs „Stadt der Engel“

  1. Schön, dass es nicht nur die Facebook-Seite, sondern auch einen Blog gibt. Ich bin übrigens Arbeitskollege !

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