Holunderblüten – Roman von Bettina Johl (Leseprobe)

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I

Nur einen Sommer gönnt, Ihr Gewaltigen!
Und einen Herbst zum reifen Gesang mir,
Daß williger mein Herz vom süßen
Spiel gesättiget, dann mir sterbe.

Friedrich Hölderlin (An die Parzen)

 *

Mancher Sommer will im Winter begonnen sein. Ihr werdet nicht gefragt. Ungewöhnlich: Die Stadt, die du dein Leben lang kennst, die sich jedoch in all jenen Jahren selten so winterlich zeigte, präsentiert sich heute nun im weißen Schneegewand, so dass sie dir beinahe fremd erscheinen will. Aber so soll es ja sein, – schließlich bist du erstmals zu Gast in ihr, siehst sie zum ersten Mal mit den Augen einer Außenstehenden, einer Fremden. Man muss aus dem Kreis heraustreten und sich von der anderen Seite nähern, um zum Eigentlichen vorzudringen; anders geht es nicht.

Es ist deine Stadt, – wie auch die eures Dichters, auf dessen Spuren ihr euch begeben wollt. Die Stadt, in der du – wie selbiger – geboren bist, nahezu an derselben Stelle, – aber dies ist weder dein Verdienst, noch dass es sich hierbei um einen besonderen Umstand handelte. Das Areal des alten Klosteramtshofes in der von alters her – in Unterscheidung zu den beiden bedeutenderen Stadtteilen „Städtle“ und „Dorf“ – unter Verwendung der schwäbischen Verkleinerungsform schlicht „Dörfle“ genannten Ansiedlung, nahezu malerisch gelegen in jenem Winkel, wo das Flüsschen Zaber seine wenigen letzten Meter zurücklegt, bevor es sich hinter der alten Ölmühle mit dem Neckar vereinigt, – es schaut auf eine wechselvolle Geschichte zurück. Einst fiel das Gebäude – ungeachtet zahlreicher Proteste – dem Abriss anheim, fand zwischen den Weltkriegen einen Nachfolgebau, der allerdings nicht lange erhalten blieb, bis man in jüngeren Tagen wiederum an dessen Stelle ein Krankenhaus errichtete, welches ebenfalls längst nicht mehr steht; es wurde vor wenigen Jahrzehnten durch den Neubau eines Seniorenheims abgelöst. Das alte Krankenhaus, in dem zu der Zeit, als es dort noch eine Entbindungsstation gab, außer dir selbst noch weit mehr Kinder des Ortes das Licht der Welt erblickt hatten, – nichts also, worauf sich etwas einzubilden wäre. Das gemeinsame Schicksal, dass man euer jeweiliges Geburtshaus per Abrissbirne dem Erdboden gleich machte; ihr tragt es zu mehreren.

Du bist hier aufgewachsen, – anders als er, der Dichter, der sie der Chronik zufolge bereits in frühen Kindertagen verließ, keine Schule hier besuchte.
„- Ach! wäre ich nie in eure Schulen gegangen…“, wirst du im Hyperion lesen – und es auf deine Weise nachvollziehen können. Nahezu alle Schulen der Stadt tragen bis heute seinen Namen, – wirklich nahegebracht wurde er euch nie. Euch, die ihr hier aufgewachsen seid, als sei der Ort ein beliebiger, – austauschbar mit jedem beliebigen anderen. Der Dichter, – das lag schon so lange zurück, weit weg, in einer Zeit, zu der euch – und wohl auch den meisten eurer Lehrer – sowohl der Zugang als auch die hierzu nötige Vorstellungskraft fehlte, und ihr glaubtet nicht, dass er euch etwas zu sagen haben könnte.

Du selbst warst stets gespalten; er schien dir fremd, – und doch fühltest du dich auf magische Weise von ihm angezogen. Der Weg zum Krankenhaus, den du in den Jahren des Heranwachsens noch öfters beklommen antreten musstest, um – glücklicherweise immer nur ambulant – Blessuren aller Art behandeln zu lassen, die man sich im Schulalter bei Stürzen von Spielgeräten, Fahrrädern oder auch Pferden hin und wieder so zuzuziehen pflegt. Er führte durch einen kleinen Park, in welchem das Denkmal des Dichters, ein Bronzerelief, noch heute zu finden ist, und du hast einen Abstecher dorthin nie versäumt; wohl auch immer, um Zeit zu gewinnen und möglicherweise – bei deinem augenscheinlich angeborenen Horror vor weißen Arztkitteln – insgeheim deinen Dichter stumm um Beistand zu ersuchen. Ob er hierfür der Richtige war? Du konntest es beim besten Willen nicht feststellen, – auch mit der größten Einbildungskraft – und die hattest du! – war ihm nicht der geringste Ansatz eines Augenzwinkerns abzulocken. Seine Augen blickten stets verträumt in die Ferne; er schien entrückt, weit weg, nicht von dieser Welt. Aber gerade dies schien dir seltsam vertraut, ließ ihn dir auf eigenartige Weise sehr nahe sein.

Nun bist du also wieder hier, – und mit dir diesmal dein Dichter- und Philosophenfreund, welcher nicht – wie du -vom Neckar stammt, jenem Fluss, der zwar durchaus seine Eigenwilligkeiten aufweist, auch hin und wieder gelegentlich über seine Ufer tritt, sich dann aber doch immer wieder in sein Flussbett – und damit in seine ihm gesetzten Grenzen – einfindet, – stattdessen vom erhabenen Rhein, und somit, wie es sich wohl in diesem Falle gehört, in anderen Dimensionen denkend und unterwegs. Die halbe Welt hat er bereist, – es sei ihm gegönnt. Die bedeutendsten Stätten der Literatur – insbesondere natürlich Goethes und Schillers Weimar – kennt er wie seine Westentasche, – jedoch diesen Ort nicht! Das ist deine letzte Trumpfkarte, die du aus dem Ärmel ziehen kannst. Manch einer muss mit den paar Pfunden wuchern, die er hat. So auch du.

Welcher Ort würde sich besser eignen, sich zu eurem Dichter auf den Weg zu machen? Zu ihm, der nur von wenigen Menschen seiner Zeit verstanden wurde, – der nun aber gerade euch in der letzten Zeit immer wieder überraschend begegnete, euch begleitete, euch zunehmend mehr zu sagen hatte? Neugierig wie ihr seid, findet ihr euch nun ein in der winterlich verschneiten Stadt, um mit neuen Augen hinzusehen und mit anderen Ohren hinzuhören.

II

“Wir sind nichts; was wir suchen ist alles.”

Friedrich Hölderlin (Aus Hyperion, Thalia-Fragment)

*

Werdet ihr hier finden, wonach ihr sucht? Ihr, die ihr als Liebende hierher fandet, – Liebende mit ungewöhnlicher Geschichte, die nun auch – so glaubt ihr natürlich, unverbesserlich Literaturverrückte, ihr! – eines außergewöhnlichen Rahmens bedarf? Der Dichter – Vorwand nur? Oder fühltet ihr, dass er tatsächlich etwas mit euch zu tun haben könnte, so dass ihr seinem Ruf gefolgt seid?

Ein kleines Hotel – gepflegt, schöne Zimmer. Eine regelrechte Winterhöhle, um sich darin für gewisse Zeit zu vergraben und für niemanden zu sprechen zu sein. Blick aus dem Fenster über den Kanal auf die verschneite Vogelinsel – unbetretbares Naturschutzgebiet, seit du zurückdenken kannst. Darauf die alte, trutzige Rathausburg, dahinter der eigentliche Fluss, und an dessen gegenüberliegendem Ufer, auf dem Kirchberg, gestützt von imposantem Mauerwerk, die alles überragende alte Kirche.

Du mochtest sie immer, liebst das tiefe Geläut vom mächtigen Glockenturm des altehrwürdigen Gotteshauses, das den Namen einer mittelalterlichen Ortsheiligen trägt. Diese sei, so will es die Legende wissen, im Kindesalter von ihrer Amme ertränkt worden, aus Rache, die weniger ihr selbst als ihren Eltern galt, – immer haben die Kinder im wahrsten Sinne alles auszubaden! -, jedoch hernach – für eine Wasserleiche eher unüblich! – mit blühend rosigen Wangen aus dem Fluss gezogen und feierlich beigesetzt worden. Das Ereignis sprach sich in Windeseile herum, erfuhr auf diesem Weg alle denkbaren Ausschmückungen, die Heiligenlegenden eigen sind, und sorgte über lange Zeiten für Pilgerzüge zum Sarg des wundersamen Mädchens. Eine schaurig-schöne Geschichte, die ihr als Kinder mit wohligem Gruseln in euch aufsogt.
Die Kirche jener Heiligen ist es, die aufgrund ihrer Lage und ihres imposanten Aussehens mit ihrem mächtigen, quadratisch anmutenden, jedoch in Wirklichkeit rechteckigen Turm – auch dies fiel dir früher nie auf! – mit seiner unverwechselbaren Laternenhaube -, dem Besucher stets von weitem ins Auge fällt, aus welcher Richtung man sich auch nähern mag, und die zusammen mit der Burg, dem Fluss und der alten Bogenbrücke darüber dem Ort seine unverwechselbare Erscheinung verleiht.

Du wurdest – wie der Dichter – in ihr getauft und – anders als er – auch konfirmiert; es müssen hiervon noch schreckliche Fotos existieren. Aus der Perspektive des entgegengesetzten Ufers hast du sie seltener betrachtet; du hast immer auf der anderen Seite des Flusses gelebt. Auch dies ein Sich-Annähern von ungewohnter Blickrichtung, was dem Ganzen einen besonderen Zauber verleiht. Der viel beschworene Anfang, dem ein Zauber innewohnt? Dies jedoch war ein anderer Dichter, – einer der späteren. Auch er stammt aus der näheren Gegend, auch er steht dir nahe.

Dein Dichterfreund hingegen als Kenner und bekennender Verehrer des großen Goethe, – er begibt sich hier ebenso wie du auf neue, weniger ausgetretene Pfade, so dass ihr beide etwas davon mitnehmen könnt, wenn ihr euch darauf einlassen wollt. Und es ist euer Anfang.

*

Wenn ihr Freunde vergesst, wenn ihr den Künstler höhnt,
Und den tieferen Geist klein und gemein versteht,
Gott vergibt es, doch stört nur
Nie den Frieden der Liebenden.

Friedrich Hölderlin (Das Unverzeihliche)

III

Eine Woche nur für euch, – geklaute Tage; die restliche Welt bleibt außen vor, hat keinen Zutritt; das Zimmer mit Blick auf den Fluss wird für kurze Zeit zu eurer Festung. Liebende, ihr, – die ihr euch nur wenige Tage, und doch, wie es euch nun scheint, Ewigkeiten kanntet, kaum je berührt hattet; was würde euch erwarten bei dieser ersten, zweiten Begegnung nach so langer Zeit? Bange Frage. Wachsendes Lampenfieber auf beiden Seiten. Die Bahngesellschaft sorgt für Aufschub, der ICE deines Dichterfreundes hat Verspätung, der Anschlusszug ist weg, der Zugbegleiter schlägt eine alternative Verbindung über die Landeshauptstadt vor, und so kommt es für ihn, den vom Rheine her Angereisten, auch schon zur ersten Begegnung dieser Tage mit dem Schwäbischen: “Was, – do wellet Se noo? Was wellet Se ‘n do? Waaas? Zum Hölderlin? Do isch der nemme, – do sottet Se besser nach Tübinga fahra, – ko scho sei, dass er do noch im Turm drin hockt und irgendwas ´rumkritzelt!“, meint jener emsige Schaffner und fügt geradezu hellseherisch hinzu: „Frooget Se no amol die Leut dort, was die noch vom Hölderlin wisset, – Sie werdet seha, do woiß koiner mehr ebbes!“ Na, solches wollt ihr dann doch nicht hoffen! Und nach Tübingen zu fahren, plant ihr ja ohnehin diese Tage noch.

Mit solchen und weiteren köstlichen Reiseanekdoten telefonisch auf dem Laufenden gehalten, – inzwischen hat dein Dichterfreund sich glücklicherweise einen Mitreisenden aufgetan, der einst bei Heidegger studierte, und mit dem er sich über Philosophie austauschen kann, was ihn für den Umweg in wochenendbedingt hoffnungslos überfüllten Zügen ein wenig entschädigt -, fütterst du unermüdlich die hungrige Parkuhr, um dir den bahnsteignahen Parkplatz zu erhalten. Der Bäcker, bei dem du Geld wechseln willst, hat samstags bereits ab elf Uhr geschlossen; du hattest vergessen, dass hier an Samstagen sprichwörtlich die Gehwege hochgeklappt werden, ebenso wie mittwochs nachmittags, – auch heute noch kaum ein Geschäft, das dann geöffnet hätte. Alles ganz wie früher, aber du findest dies eigentlich sehr erholsam. Entschleunigung.

Versuch, ein offenes Café zu finden – Fehlanzeige! Im Zeitschriftenladen am Bahnhof gibt es zumindest einen Kaffeeautomaten. Hinter dem Tresen wirkt man unfreundlich, ohne es wirklich zu sein; es ist die Mentalität. Auch die Kunden verhalten sich zunächst mürrisch, sind jedoch sofort bereitwillig mit Geldwechseln behilflich. Einige sind Reisende, warten selbst auf einen Zug, der Verspätung hat, – andere auf säumige Ankommende, so wie du. Man schimpft gemeinschaftlich über die Bahngesellschaft:
„Do brauchet bloß amol drei Schneeflocka falla, – und scho fährt koin Zug meh, – die kriege des dr Lebadag nemme gebacka!“
Solches verbindet und schafft eine die Altersgruppen übergreifende Solidarität. Du fühlst dich ihnen zugehörig, bist zuhause angekommen. Jedoch ist es im Verkaufsraum kalt und zugig; zum Aufwärmen ist die Einrichtung ungeeignet, und so ignorierst du schließlich die Parkuhr, die alle halbe Stunde nach Nachschub schreit, und machst dich auf den Weg in die Hauptgeschäftsstraße, die dir schneematschig-grau, leer und verlassen entgegen gähnt. Nach zehn Minuten Suche landest du schließlich bei einem freundlichen türkischen Dönermann, der dir deine zerzauste Verfassung ansieht, erst einmal heißen Tee herbeischafft, außerdem alle Speisen frisch vor- und zubereitet; er serviert dir sogleich vorzüglichen Pide mit Fetakäse an den Tisch, nebenbei mit heiterer Gelassenheit eine Gruppe ausgelassen lärmender Jugendlicher betreuend und im Zaum haltend, die eine Sofaecke mit Beschlag belegt hält und von Zeit zu Zeit davon abgehalten werden will, über die Stränge zu schlagen. Die gute Stimmung steckt an; du wärmst dich auf, kommst etwas zur Ruhe, – den Tee bekommst du noch nicht einmal berechnet -, und machst dich gestärkt auf den Rückweg.

Blick auf die Bahnhofsuhr – Schreck! Der Zug müsste planmäßig in fünf Minuten da sein. Es gibt eine weitere Verspätungsdurchsage, – weitere fünf Minuten, um die Nervosität ins Unermessliche wachsen lassen. Wochenlang E-Mails ausgetauscht, heimlich telefoniert, euch diesen Augenblick herbeigesehnt, – jeden Tag, jede Stunde, Minute, Sekunde darauf hingelebt, hin gefiebert, – aber würde die Realität dem standhalten? Ihr glaubtet fest daran, habt nie wirklich gezweifelt. Aber etwas befangen seid ihr doch.

Dann kommt die rote Diesellok in Sicht, sich aus südlicher Richtung nähernd. Sehr viel Bewegung auf dem engen Bahnsteig, die sich jedoch schnell wieder verlaufen hat, – und es gibt nur noch euch, ihr liegt euch in den Armen, – und alles ist gut und richtig – und hätte nie anders sein können.

Noch später werdet ihr oft daran denken, an die ersten Minuten, als die allerletzten Zweifel und Ängste sich in nichts auflösten, ihr ausgelassen wie die Kinder die Unterführung durch- und den Vorplatz überquertet, immer wieder stehenbleibend, euch vorsichtig berührend, wie um festzustellen, dass ihr wirklich seid, – und nicht womöglich im Begriff, euch gleich wieder in Nichts aufzulösen -, ineinander versunken, die Fahrt über die verschneite Brücke zu eurem selbst erwählten Refugium, in das ihr euch vergrabt wie die Räuber in ihre Höhle, um in Ruhe die überreich erbeuteten Schätze zu zählen, – und sich zu fühlen wie Könige. Oder wie Götter.

Wie es euer Dichter sagt: „Einmal lebt ich, wie Götter, mehr bedarf ’s nicht.“

© Bettina Johl (Exclusive Leseprobe – Romananfang “Holunderblüten”)

Zum Video-Trailer:

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1 Kommentar

Eingeordnet unter Autor, Bücher, Literaturgeschichte, Philosophie

Eine Antwort zu “Holunderblüten – Roman von Bettina Johl (Leseprobe)

  1. Mein Besuch ‘bei’ Hölderlin im Turmzimmer / das Gedicht ‘Tübingen, Jänner’ von Paul Celan / die Sprache der ‘Herzzeit’, im Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan — das sind Erinnerungen, die Bettina Johl mit ihrer traumtrunkenen Prosa bei mir wachruft. Wäre das Unterbewusstsein tatsächlich wie Sprache ‘strukturiert’ — “structuré comme un langage”, wie Jacques Lacan meinte — es müsste dann so wie in diesem Romananfang sein: offen und mehrdeutig zugleich, wo alles noch lange nachwirkt, wie der Duft von ‘Holunderblüten’. Ich würde das Buch gern weiterlesen. Hans G. Ruprecht, Radio CKCU / Literary News (Carleton University, Ottawa) http://carleton.ca/litnews/

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