Der arme Hölderlin

Peter Lenk, Hölderlin im Kreisverkehr, Detail

Peter Lenk, Hölderlin im Kreisverkehr

Auch wenn der neue Papst Franziskus ihn in einer seiner ersten Ansprachen zitiert und Chinas ebenso neuer Regierungschef Li Keqiang sich bei seinem Staatsbesuch in Deutschland als begeisterter Leser des Dichters outet, es ist wieder einmal still geworden hierzulande um Friedrich Hölderlin. Es ist keine Paradoxie zu behaupten, von seinem Werk sei zwar einiges ins kulturelle Gedächtnis übergegangen, doch seine exzentrische Lebensbahn völlig ins Vergessen geraten.

Dabei gilt er als eine singuläre Gestalt unter den Dichtern und Philosophen, er, der am 20. März 1770 im kleinen Lauffen am Neckar in Schwaben geboren wurde, der Landstrich, den sein Freund Schelling als Land der „Pfaffen und Schreiber“ verspottete. Sein Vater war Klosterhofmeister eines früheren Nonnenklosters in Lauffen, seine Mutter Pfarrerstochter aus Frauenzimmern. Wer heute die Geburtsstadt besucht, in der Hölderlin die ersten vier Lebensjahre verbrachte und die sich stolz auf ihn beruft, findet zwar alle Schulen und die einzige Buchhandlung des Geburtsortes nach ihm benannt, doch kaum einer weiß Näheres, in den Schulen wird nahezu nichts über ihn vermittelt, er, der Große und Einzigartige ist seinen Schwaben und wohl auch den Deutschen insgesamt wieder einmal abhanden gekommen. In der Hölderlin Buchhandlung in Lauffen jedenfalls, so erzählt es der dortige Buchhändler, wird manchmal sogar telefonisch nach ihm verlangt, nach dem Geschäftsführer Hölderlin; man stelle sich das einmal in Weimar und mit Goethe vor. Man fragt sich, woher dieses Vergessen rührt. Sind es wirklich die Weimarer Klassiker, vor allem Goethe und dann auch Schiller, die ihn abgewiesen und so für das ganze 19. Jahrhundert unlesbar gemacht haben? In Lauffen jedenfalls will man diesen Eindruck schon am Ortseingang erwecken. Dort steht das Kunstwerk, „Hölderlin im Kreisverkehr, geschaffen hat es der Bildhauer Peter Lenk und im Juni 2003 ist es dort errichtet worden. Hölderlin ist nicht allein Objekt des Kunstwerks, sondern wird in Beziehung zu anderen Figuren gesetzt, die stellvertretend sein sollen für die Einflüsse und Wirkungen des Dichters. Die Grundkonstruktion des Kunstwerks ist ein geschwungenes „H“, Mittelpunkt bildet eine waagerecht liegende Schreibfeder, auf der an beiden Enden eine Figur sitzt, ein kleines Kind und der etwa 30jährige Friedrich Hölderlin. Um diese sollen sich mit Hilfe der anderen Figuren Aspekte zu Leben und Werk des Dichters erschließen. Man sollte meinen, bei einem Hölderlin-Kunstwerk stehe dieser selbst im Mittelpunkt, doch mit der Doppelfigur Goethe und Schiller hat der Bildhauer andere ins Zentrum geschoben. Schiller hält dem etwa 2jährigen Knaben einen Lorbeerkranz entgegen, ein kolossaler und fettleibiger Goethe senkt in Richtung des den anderen Figuren den Rücken zukehrenden, abwesend und völlig in sich versunken wirkenden Hölderlin den Daumen nach unten. Zwei weitere Figuren des Lauffener Kunstwerks zeigen die nackte Diotima, die große und unerfüllte Liebe Hölderlins, im wirklichen Leben Susette Gontard, und einen radelnden Friedrich Nietzsche, der Hölderlin den Thyrsosstab entgegenhält, auf Dionysos und seinen Kult hinweisend. Nietzsche, so wissen wir, hat Hölderlin als Dichter verehrt, als andere ihn völlig vergessen hatten. An der Spitze des Kunstwerks steht Herzog Carl Eugen auf einem sterbenden Hirsch, der das Württemberger Volk symbolisieren soll, in der Pose des absoluten Herrschers. Lenk hat mit seinem Kunstwerk einen Bezugsrahmen zu Hölderlin zu Hölderlins Leben und Dichten geschaffen, der wesentliche Lebensthemen integriert: Tyrannei, Revolution, Liebe, Abweisung und Wahnsinn.

Doch ist es tatsächlich Goethe, dem die Hauptverantwortung für das lang anhaltende Vergessen und Verkennen des dichterischen Rangs Hölderlins zugemutet werden darf? Tatsache ist, dass Goethe für das Werk Hölderlins keine Sympathien trug, aber auch, dass Gedichte Hölderlins in den von Schiller herausgegebenen Literaturzeitschriften erschienen sind. Goethe jedenfalls hat nichts hintertrieben, er hat sich einfach nicht für Hölderlin interessiert, den jungen Mann jovial angemahnt, „kleine Gedichte“ zu schreiben. Dies zeugte nicht unbedingt von ausgeprägtem Gespür für literarischen Nachwuchs, auch im Falle Kleist verhielt er sich ähnlich; doch Goethe konnte mit dem exzentrischen jungen Mann nichts anfangen, er, der sich stets zu fassen wusste und darauf aus war, auch aus seinem Leben ein Kunstwerk zu bilden. Michel Foucault hat 1962 in einem Essay darauf aufmerksam gemacht, dass es nicht der bereits „vergöttlichte“ Goethe war, obwohl er dem schweigenden Hölderlin mit Ignoranz begegnete, der in dem jungen Dichter das Gefühl der Ablehnung durch die „Klassiker“ bewirkte, sondern Hölderlin litt vor allem daran, dass die „Vaterfigur“ Schiller ihn nicht gebührend förderte. Foucault spricht davon, dass Schiller die „leere Stelle des Vaters besetzt“. Hölderlin hatte sich viel versprochen von Jena, in direkter Nähe Weimars, dem damaligen kulturellen Mittelpunkt in Deutschland. Er lebte dort für kurze Zeit mit Charlotte von Kalb und ihren Kindern. Doch auch in Jena erfüllte sich sein Wunsch nicht, durch Freundschaft und Bekanntschaft mit den Berühmten „in Ruhe und Eingezogenheit einmal zu leben, und Bücher schreiben zu können, ohne dabei zu hungern“, wie er in einem Brief an seine Schwester schrieb. Er verließ Jena und Weimar mit den Worten:“ Sie können mich hier nicht gebrauchen.“ Und so wird es bleiben. Nach bürgerlichen Maßstäben müssen wir Hölderlins Existenz als gescheitert ansehen.

Dabei hatte es groß begonnen mit ihm. Seine Freunde im Tübinger Stift waren Hegel und Schelling, mit denen er eine Zeit lang sogar das Zimmer, aber und vor allem die Begeisterung für die Ideale der Französischen Revolution teilte. Hölderlin ist der eigentliche geistige Urheber des „Ältesten Systemprogramms des deutschen Idealismus“, der große Hegelforscher und Kenner des deutschen Idealismus Dieter Henrich hat das in eindrucksvollen Studien dargelegt. Hegel und Schelling suchten während der Tübinger Zeit und auch später noch wiederholt Hölderlins Rat. Als gesichert gilt, dass Hölderlin mit seinem Freund Sinclair große Teile des „Systemprogramms“ schrieb, wobei wohl die erste schriftliche Form Sinclair zu verdanken ist, der weitaus „systematischer“ dachte als sein Freund.

Dieser ging seinen eigenen, poetischen Weg: Dichtung war für ihn Anfang und Ende der Philosophie. Und so ging er diesen einsamen Pfad bis zum Ende, kompromisslos, verkannt und konsequent. In Armut und äußerer Abhängigkeit lebend, immer wieder neue Hofmeisterstellen antretend, dann das ihm zum Schicksal werdende Zusammentreffen mit der reich verheirateten Susette Gontard in Frankfurt im Jahre 1796. Hölderlin sollte den Sohn erziehen, Am Großen Hirschgraben, ausgerechnet neben Goethes großbürgerlichem Geburtshaus. Er verliebte sich in die schöne Frankfurter Patrizierin und seine Liebe wurde von ihr erwidert. Sie wurde zur Schlüsselfigur seines Lebens und seiner Dichtung, seine „Diotima“. Es kam zu Auseinandersetzungen und wohl auch Demütigungen, die er von Susettes Ehemann ertragen musste; das Resultat jedenfalls war, dass Hölderlin das Gontardsche Haus 1798 verließ. In seinem Gedicht „Lebenslauf“ heißt es: „Hoch auf strebte mein Geist, aber die Liebe zog / Schön ihn nieder; das Leid beugt ihn gewaltiger; / So durchlauf ich des Lebens / Bogen und kehre, woher ich kam.“

Nach der Trennung schrieben sie sich Briefe, trafen sich nur noch heimlich wenige Male. Hölderlin veröffentlichte seinen unsterblichen Roman „Hyperion“. Diotima lässt er im Roman sterben, Susette Gontard stirbt am 22. Juli 1802 in Frankfurt. Als Hölderlin die Nachricht von ihrem Tode erfährt, er war gerade von Bordeaux in einem völlig zerrütteten Zustand ins Württembergische zurückgekehrt. Danach war er für die Welt verloren. Er schrieb weiterhin vollendete Gedichte, bis er 1806 auf Veranlassung seines Freundes Isaac von Sinclair nach Tübingen in das dortige Universitätsklinikum gebracht, als „unheilbar wahnsinnig“ diagnostiziert und interniert wurde. 1807 hat der in Tübingen lebende Schreiner Ernst Zimmer, ein Bewunderer des „Hyperion“, Hölderlin zu sich genommen. Zimmer hatte den „Hyperion“ gelesen, der ihm „ungemein wohl gefiel“; ihm tat es leid, dass ein so „schöner herrlicher Geist zu Grund gehen soll“.

Bis heute dauert der Streit darüber an, ob Hölderlin krank war oder sich nur verstellte. Vor allem der französische Germanist Pierre Bertaux hat vor Jahrzehnten nach über fünfzigjähriger Beschäftigung mit Hölderlin eine „Revision“ des Falles eingefordert. Er kommt in seiner großen Studie zu dem Schluss: Hölderlin war nicht geisteskrank, er war anders als die Norm, aber dieses Anderssein kann nicht als pathologisch bezeichnet werden.

Hölderlin hat in einem Turmzimmer gelebt, 36 lange Jahre, die Hälfte seines Lebens, Besucher empfangen, sie mit äußerster Höflichkeit behandelt und als „Hochgeboren“, „Exzellenz“ oder „Eure königliche Majestät“ angesprochen. Wurde er mit seinem Namen angesprochen, widersprach er und sagte: „Diesen Namen trage ich nicht mehr” oder „Ich, mein werter Herr, bin nicht mehr von demselben Namen.“

Er nannte sich „Scardanelli“, „Buonarotti“, gab sich exotisch klingende Namen wie „Killalusimeno“, schrieb Gedichte auf Wunsch sofort nieder, skandierte dazu mit der linken Hand, und datiert sie lange vor seiner Geburt oder nach seinem Tode. Er war wahrlich aus der Zeit herausgefallen. Noch heute rätselt man darüber, ob die Gedichte schon lange in seinem Kopf existierten und er Besucher nur als willkommenen Anlass nutzte, sie niederzuschreiben. Er phantasierte tagsüber stundenlang an einem Spinett und führte unablässig Selbstgespräche. Zuweilen wanderte er mit Wilhelm Waiblinger, damals Student in Tübingen, auf den Österberg ins Presselsche Gartenhaus, worüber Hermann Hesse eine wunderschöne kleine Erzählung verfasste. Waiblinger trieb ein überaus starkes biographisches Interesse an Hölderlin, er schrieb nicht nur die erste Biographie, sondern auch einen Roman über ihn, und die Grenzen des Biographischen und des Fiktiven verschwimmen leider nur zu oft. Seine zwar lebendige, aber sehr einseitige Darstellung des Dichters wurde unkritisch übernommen.

Im zwanzigsten Jahrhundert, nach unrühmlichen und widerwärtigen Adaptionen während des Ersten Weltkriegs und durch den Nationalsozialismus wurde der so Verkannte schließlich als ein Wegbereiter der Moderne wahrgenommen. Peter Weiss notierte zu seinem „Hölderlin“-Stück: „Hölderlins psychologische Reaktionen sprechen von den gleichen Gefahren, die auch uns bedrohen. Er gibt ein extremes Beispiel dafür, wie der Druck der Außenwelt einen solchen Grad von Unerträglichkeit annehmen kann, dass nur noch die Flucht in die innere Verborgenheit übrig bleibt.“ In der Schlussstrophe aus „Hyperions Schicksalslied“ wird diese Erfahrung benannt. Kein anderer Dichter deutscher Sprache hat sie klarer und vollkommener in Verse zu fassen gewusst: “Doch uns ist gegeben, / Auf keiner Stätte zu ruhn, / Es schwinden, es fallen / Die leidenden Menschen / Blindlings von einer / Stunde zur andern, / Wie Wasser von Klippe / Zu Klippe geworfen, / Jahr lang ins Ungewisse hinab.“ Am 7. Juni 1843 ist Friedrich Hölderlin mit 73 Jahren in Tübingen gestorben.

Dieter Kaltwasser

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1 Kommentar

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Eine Antwort zu “Der arme Hölderlin

  1. Katharina Siebert

    Dass der Hyperion vergessen ist, kann ich mir nicht wirklich vorstellen, schon wegen “Und dann kam ich unter die Deutschen” nicht. Aber vielleicht ist Hölderlin deshalb in Vergessenheit geraten, weil sein Oden so schwer zu lesen sind. Man steht in der Schule unter solchem Zeitdruck, die Ruhe, deren es bedarf, um einen Text wie “Wie wenn am Feierabend” zu lesen, geschweige denn zu verstehen, geschweige denn zu interpretieren, ist in der Schule einfach nicht da. Das ist super schade, denn Hölderlin ist wunderbar, aber es ist leider eine Tatsache.

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